4. August 1900.

Gestern kamen wir bei glänzendem Sonnenschein und stiller See an

das Eis heran. Es war ein eigentümliches Gefühl, es wiederzusehen.

Am äußersten Rand trieben kleine lose Stücke, die von der warmen

See aufgezehrt wurden. Weiter weg aber erstreckten sich in düsterer

Eismeereinsamkeit schwere Schollen, unbetreten und ungesehen.

Ich schaute sie mir durchs Fernrohr an, diese weißen Eisflächen, die

ich so gut kannte. Ich überlegte, ob es leicht war, Boote darüber

hinwegzuziehen, und war mitten drin in unserer Fahrt übers Eis und

unserer Drift Grönland entlang vor zwölf Jahren.

Erst fühlte ich mich so überlegen, als Gran und die andern gern ins Eis

hinein wollten. Ich hatte gar nicht den Wunsch, da hinein zu kommen;

ich hatte dort nichts zu tun. Das einzige, was mich interessierte,

schien mir zu sein, ein Stück sibirisches Treibholz aufzufischen, das

im Wasser zwischen den Eisstücken trieb.

Wie ich aber so dastand und hinausstarrte, da überkam mich doch die

Sehnsucht, wieder dort drin zu sein, wieder von einer Scholle aus nach

Fortkommen auszuspähen -- es ist Spannung, Handlung in dem Leben dort...

Der Schraube wegen mußten wir wieder umkehren; sie konnte in den losen

Eisstücken abbrechen. Aber ich blieb stehen und starrte weiter, bis die

schweren Schollen außer Sicht waren.

Wir waren gerade an der Grenze, wo sich die kalte und die warme

Strömung begegnen. Auf der einen Seite der Polarstrom: aus weniger

salzhaltigem, leichterem Wasser bestehend, von den sibirischen Flüssen

gespeist, fließt er an der Oberfläche südwärts die grönländische

Ostküste entlang und trägt die großen Eismassen auf seinem Rücken. Auf

der andern Seite die warme Strömung, der Irmingerstrom genannt, die vom

Atlantischen Ozean nordwärts die Westküste Islands entlang zieht.

Hier fließt das kalte, aber süße und daher leichte Eismeerwasser auf

der Oberfläche, während das warme, salzige und daher schwerere Wasser

des Atlantischen Ozeans unter das Eismeerwasser untertaucht. Und

alles, was es auf seinem Rücken trägt, wird abgeschäumt und bleibt

längs der Grenzlinie liegen, so daß wir diese auf weite Entfernung

wie einen scharfen Schaumrand sehen können, wo die Wasserfläche

zittert und wirbelt. Tiefer unten sind die verschiedenen Schichten

durcheinandergeschoben, abwechselnd warme und kalte.

Heute nacht machten wir gerade in dieser Strömung eine Lotungsstation,

in der wir wie üblich eine vertikale Reihe von Temperaturbeobachtungen

anstellten und von der Oberfläche bis zum Meeresboden Wasserproben

entnahmen. Die Temperatur konnte hier an der Oberfläche in ein paar

Minuten von 3 Grad bis zu 10 Grad Wärme ansteigen.

Es war geplant, mehrere Stationen zu machen und dann nach Island

zurückzukehren. Aber das Wetter ist gut, wir müssen es ausnützen und

weiterkommen. Der Kurs wird daher nördlich von Island bis nach Jan

Mayen gesetzt.

Südlich von uns liegt Island, vor einer Weile im Sonnenschein, jetzt

im Nebel. Ein paar herrliche Tage hatten wir dort gehabt, ein sonniges

Leben. Von den Nebeln kamen wir und zu ihnen kehren wir zurück....

Die Ritte dort am schönen Fjord entlang über die ebenen Gebirgsflächen,

die grünen Täler, die muntere Fahrt, das ansteckende Gelächter, die

schneeblinkenden Berge und weit draußen das glitzernde Meer. Und das

Leben wurde jung und frei.... Man hatte das Gefühl, als könne man sich

hier für die Dauer niederlassen.

Und dann diese guten prächtigen Menschen, die unter freien

Verhältnissen aufgewachsen sind.

Man schließt die Augen und sieht Sonnenblicke über grünen Lehnen --

schroffe Basaltwände darüber -- niedrige isländische Bauernhöfe --

Isländer, die Heu einbringen -- eine graue, schlichte Kirche -- draußen

seewärts der Fjord. Vorn eine Reiterin, die in frischem Trab anführt,

und hinterdrein eine Reihe Reiter und Reiterinnen, und blaue Augen, die

vor Freude blitzen.

Das Bild wechselt -- und in wilder Karriere rast eine ganze Schar im

Wettrennen über den flachen Sandstrand, wo die Wellen die Pferdebeine

umspülen. Das Getrappel der raschen Pferdehufe klingt hart und

taktfest. Über den Himmel ziehen Gewitterböen, mit Nebel und Regen

im Gebirge, während die sinkende Sonne über den Meeresrand durch

Gewitterwolken einen Lichtstreifen auf glitzernde Wellen wirft. Hei,

Mann, ist das Leben schön und gesund!

Unter mir aber erklingt das einförmige Stampfen der Maschine, die uns

unbarmherzig nach Osten und nach Norden in den Eismeernebel hineinführt.

* *

*

Das Wetter hat sich wieder aufgeklärt. Der Gletscher am Land südöstlich

von Kap Nord leuchtet uns am Nachmittag entgegen, halb bedeckt von

Nebelwolken. Es war wie ein Gruß vom Franz-Joseph-Land: die schroffen,

schwarzen Basaltwände unten, darüber die große ebene Schneefläche und

dann der Gletscherkamm, der oben im Nebel verschwand.

Nun ging die Sonne im Meere unter; ein glühendes Stück Regenbogen in

einer blauen Gewitterwolke über den Berggipfeln; und dann einen kurzen

Augenblick, als die Sonne sank, die Wolken dort in Purpurglut und die

Bergspitzen blau, die See dunkel und frisch in der Brise und der Rauch

vom Schornstein wie eine rotgelbe Wolke, während im Nordwesten, wo

die Sonne verschwunden war, der ganze Himmel ein gelbroter Brand über

dunkelblauem Meere war.

* *

*

Es ist Mitternacht. Die See rollt blank und grün. Berge und Gletscher

im Süden stehen düsterblau und scharf. Kalte Schimmer von Schneeflecken

heben sich von einem dunkeln grünblauen Himmel ab. Island und der

Dyrafjord sind in Nacht gehüllt, aber im Norden träumt noch der Himmel

gelbrot und spiegelt sich in blanker See. Es ist Zeit zu schlafen.

Freiluftleben · 第 22 / 32 题