Nach Island und Jan Mayen

+Kristiania+, Juli 1900.

Der Ausdauer ~Dr.~ Johan Hjorts ist es endlich gelungen, den

norwegischen Staat zum Bau eines eigenen Dampfers für Meeresforschung

zu bewegen. Wenn man daran denkt, welche tiefe Bedeutung die

Verhältnisse des Meeres und ihre Veränderungen für unser ganzes Land

und nicht zum wenigsten für den Fischfang haben, so muß man sagen, daß

es hohe Zeit war.

Der Dampfer ist „Michael Sars“ getauft, nach unserm großen Bahnbrecher

in der Meeresforschung; er soll jetzt auf seine erste Fahrt hinaus.

Hjort hat mich gebeten, daran teilzunehmen, um mit Björn Helland-Hansen

die physischen Untersuchungen auszuführen. Er selbst will das Tierleben

und die Fischereiuntersuchungen übernehmen und Håken H. Gran die

botanischen Untersuchungen. Kapitän G. Sörensen soll den Dampfer führen.

Aber ach, welche Mühe kostet es immer, bis man zu einer solchen Fahrt

ausgerüstet ist. Neues aller Art muß hergestellt, ausgeprobt und

verbessert werden; man hat zu wählen und zu verwerfen. Alles muß völlig

instand sein, nichts darf vergessen werden. Das Gehirn wird schlaff und

leer, man fühlt sich erschöpft, noch ehe die Arbeit selbst beginnen

kann.

Der Dampfer fährt mit den andern um die Küste herum, soll aber nach

Geiranger hereinkommen.

+Gudbrandstal+, 15. Juli.

Die Stadt, die Anstrengung und die Leere liegen hinter mir. Es geht

nordwärts durch das Gudbrandstal. Ich fahre die grüne, schäumende Otta

entlang...

Das Auge folgt den weißgrünen Wirbeln; man sieht sich wieder frisch

an diesem starken Willen, der seinen singenden Siegeslauf durch das

Tal, das er selbst gegraben hat, dahinzieht -- von keinem Hindernis

aufgehalten. Du bist wie das Menschenleben, wie das Mannesalter! Du

kommst aus der unbewußten Unschuld der Kindheit, aus dem weißen Schnee,

der die knorrige Härte des Gebirges bedeckte, als die Zeit nicht eilte.

Nun hastest du mit der Blindheit des Mannes durch dein Werk, brichst

dir selber den Weg und leistest deine Arbeit, um still ins Meer zu

verschwinden. Aber von neuem steigen deine Wasser, von neuem fällt

Schnee im Gebirge...

Über deinen schäumenden Lauf beugt sich geschmeidig und anmutig die

Hängebirke. Du gibst ihren Wurzeln Wasser und ihren Blättern Tau --

aber dann eilst du weiter......

+Grjotli+, 16. Juli.

Wieder oben zwischen Bergen und Schnee. Die Sonne ging gerade unter,

und über dem Bergkamm erglühte der Gletscher in tiefem Karmin. Die

Flächen und der See unter mir liegen im kalten Abendschatten.

Kaum ist man den Gletschern wieder nahe, und sofort treibt der

Lebensmut neue Schößlinge, und das andere da unten wird dumpfe

Schlaffheit.

Was ist das für eine Zaubermacht? Als ich sie diesmal zuerst sah, die

dunkle Schlucht, die jähen Felswände und die weißen Gletscherflecken,

scharf begrenzt und hart, da kam das Unbehagen; es war wie: ach, mußt

du da hinein? Da lockten die fruchtbaren Felder und die lachenden

Birkenhaine... Aber jetzt -- wenn man zu den Gletschern hinübersieht,

wie sie bläulichweiß und kalt daliegen, nachdem die Sonnenglut

verschwunden ist -- da ist es, als fühle man sich wieder frei und

aufrecht. Kommt es vielleicht von der Luft, die so hoch über dem Meere

leichter ist?

+Geiranger+, 17. Juli.

Regen und Nebel über den Bergen. Nichts ist zu sehen, und trotzdem ist

es schön, Mensch zu sein. Es ist so wunderlich: in Regen und Unwetter

wird einem oft am leichtesten zumute. Löst die feuchte Luft das trübe

Wetter im Innern auf? Nun ist es ganz fort...

Die Fahrt hier herab gehörte gewiß zum Großartigsten, was ich je sah,

wenn ich nur etwas davon hätte sehen können! Aber der Nebel war so

dicht, daß, als ich oben in der Schlucht stand und Wasserfälle auf

allen Seiten stürzten, ich über und unter mir nichts anderes als

wogende Wolken schaute. Ich ahnte nur, daß ich 3000 Fuß unter mir

das Tal und den Fjord hatte, da unten in der Tiefe, wo die grauen

Steinmassen verschwanden.

Einmal ging ein Riß durch die Nebelmasse, und ich erblickte tief,

tief unten ein grünblaues Band -- das mußte der Fluß sein, zu dem die

Wasserläufe sich über diese stürzenden, hängenden Schutthalden und

Bergwände hinabgewälzt hatten... Dann verschwand es wieder, und ich

hörte nur das Donnern stürzenden Wassers.

Es ist der ausgeprägteste Talkessel, durch den ich je, soweit ich mich

besinnen kann, gefahren bin. Die Wände im innersten Kessel steigen

etwa 2000 Fuß an, und das Tal spaltet sich dann in zwei, jedes mit

einem Fluß; keiner von diesen scheint sich tiefe Rinnen gegraben zu

haben. Die Zeit, seitdem der Talkessel vom Eise gebildet worden und der

Gletscher geschwunden war, war zu kurz; dazu kommt, daß der Abstand

von der Wasserscheide bis zum See so klein und das Gefäll groß ist,

daß also die Ausgrabung und der Transport von allen Seiten zu schnell

gegangen ist.

Es war die reine Polarlandschaft dort oben zwischen den Bergen. Die

Gletscher wälzten sich aus dem Nebel herab, die Bergwände standen nackt

und naß darunter, und dazu der schwarze Djupsee mit den zerstreuten

blaufüßigen Eisschollen. Man war wieder hoch im Norden in der Eiswelt.

+Ålesund+, Sonntag, 22. Juli.

Ich liege seewärts auf einer Bergkuppe und lasse mich von der Sonne

braten. Weit draußen nach Nordosten breitet sich das Meer kühl-blau und

dunkel mit weißen Schaumkämmen.

Von Geiranger aus haben wir ozeanographische Untersuchungen im

Storfjord unternommen; jetzt sind wir hier. Gestern kamen wir halbwegs

bis Storeggen hinaus, um unsern Querschnitt durch das Meer nach Island

hinüber mit einer Reihe von ozeanographischen Stationen zu beginnen,

auf denen Lotungsreihen mit Temperaturbeobachtungen und Wasserproben

von der Oberfläche bis zum Meeresboden genommen werden.

Mehrere Tage hatte es Nordweststurm gegeben. Noch war hohe See, und

die Wogen gingen so hoch, daß sie auf mehrere Faden Tiefe Brandung

bildeten. Das war nicht gerade gemütlich für diejenigen von uns, die

nicht seefest waren. Aber die Arbeit wurde trotzdem geleistet, und wir

erledigten unsere fünfte Station auf dieser Reise gut genug...

* * * * *

Hier ist es so still und friedlich. Unten ein kleiner gemütlicher Hafen

mit Speichern und Fischerhütten ringsum; draußen Schären und Holme, die

gelbbraun, mit eingesprengten grünen Flecken, sich von dem blauen Meer

abheben, auf dem es von Nordosten immer mehr zu wehen anfängt. Kein

Segelboot ist bei dem frischen Winde zu sehen; es ist ja Sonntag, und

die Leute sind in den Häusern und feiern.

Hier und da schlendern sonntäglich gekleidete Männer umher, die Hände

in den Hosentaschen, und spucken -- oder sie liegen auf einem Hügel in

der Sonne, die Hände unter dem Nacken, und starren ins Weite, oder sie

sitzen zu zwei und zwei zusammen, saugen an ihren Pfeifen und reden vom

Wind und von Fischfangaussichten. Sie haben in den letzten Wochen einen

überaus guten Fang von Langfischen gehabt.

Unten auf dem Hügel spielen einige Kinder. Ein keckes, halbwüchsiges

Mädchen mit roter, in der Sonne hell leuchtender Mütze übt auf

einer Ziehharmonika „Ja wir lieben dieses Land“; sie singt dazu und

marschiert auf und ab. Sie bewegt sich stramm und behend.

Dort kommt ein erwachsenes Mädchen im blauen Rock herauf; sie setzt

sich auf den Stein und will die Harmonika haben. Sie spielt nicht

besser.

Auf einmal aber wird sie eifrig; sie fährt auf, glättet das Kopftuch

und geht ein Stück nach unten. Ich sehe nach der entgegengesetzten

Seite. Dort unten auf dem Wege gehen zwei Mannsleute ruhig und

gemütlich. Sie werden wohl bald stehen bleiben? Jawohl, der eine bleibt

stehen, sieht hinauf und spuckt, die Hände in den Taschen, den Nacken

etwas gebeugt. Der andere bleibt weiter unten stehen.

Das Mädchen wendet sich und kehrt zurück; verwirrt sieht sie sich nach

den Kindern um, die sie ja nicht zu beaufsichtigen hat, bittet sie

zu kommen und will doch gar nicht, daß sie es tun. Dann geht sie im

Zickzack nach unten.

Das Mädchen mit der Harmonika will folgen, wird aber abgewiesen.

Dann geht es schneller und schneller, bis zum Stacheldrahtzaun. Dort

unterhalten sie sich, dann spazieren sie den Weg weiter hinunter und

verschwinden hinter den Häusern.

Später sehe ich sie unten im Hafen in einem Boot. Er setzt ein

rotbraunes verwittertes Segel, und bei gutem Wind geht es zu einer

Sonntagsfahrt über den glitzernden Fjord. Der blaue Rock leuchtet

frisch weit hinaus, aber die Freude ist ja blau. Das Leben ist

strahlendes blaues Sonnenlicht.

Wie gut es tut, zu faulenzen! -- Morgen geht es auf die See. Wir

wollen erst mit einer Reihe von Stationen einen Querschnitt durch

das Meer nach Island hinüber ziehen, dann soll es weiter nach Jan

Mayen gehen und zurück nach den Lofoten. Hjort und Gran wollen die

Verbreitung des Lebens im Meer und die Fischverhältnisse studieren,

Helland-Hansen und ich werden besonders das Verhältnis zwischen den

warmen und kalten Strömungen und Wassermassen zu ergründen suchen.

Wir alle haben neue Apparate, Instrumente und Methoden für die

Untersuchung des Meereslebens und der physikalischen und chemischen

Verhältnisse des Meeres erfunden, und Großes erwarten wir von dieser

Fahrt -- nach unserer Annahme dürfte sie wohl in der Meeresforschung

eine neue Zeit einleiten.

+Auf dem Meer+ zwischen Norwegen und Island,

Donnerstag, 26. Juli.

Das Leben ist mitunter licht. Wir haben den ersten Sieg auf unserer

Fahrt errungen! Heute nacht bekamen wir unsere Treibnetze voll von

Heringen, blanken, blinkenden, großen Heringen. Einen Kohlfisch fingen

wir auch und zwei große Dorsche, mitten auf See.

Hjort strahlte vor Stolz auf diese Bestätigung seiner Erwartung. Er

war zu dem Schluß gekommen, daß die Fischarten, die uns unsere großen

Fischereien liefern, nicht nur an die Bänke und Küstenstriche gebunden,

sondern über das ganze Meer verbreitet sind, auch über die großen

Tiefen, überall wo sie Lebensmöglichkeit finden. Er war darin bestärkt

worden durch das, was Bottlenose(Entenwal)-Fänger von Fischmengen

erzählten, die sie auf offener See gefunden hatten.

Hier haben wir also die sicheren Beweise. Auf einmal wird das Feld,

aus dem die Fischereien ihre Reichtümer holen, mächtig erweitert. Die

Fischmengen des Meeres scheinen noch unerschöpflicher zu sein, als wir

zu glauben gewagt hatten.

Nun bin ich gespannt auf den Rotfisch (~Sebastes norvegicus~) westlich

von Jan Mayen, wo ich im Jahre 1882 einen Klappmützenmagen voll von

frischen Rotfischen fand, die eben erst eingenommen sein mußten. Und

das war mitten in der Tiefsee. -- Und dann denke ich auch an alle die

Fische, die ich in den Magen von Eishaien fand, die wir damals in der

Dänemark-Straße zwischen Island und Grönland fingen.

Wir hielten ja Dorsche, Rotfische und ähnliches hauptsächlich für

Grundfische, und wir unterschieden sie von den sogenannten pelagischen

Fischen, die frei im Meere herumstreifen, wie z. B. die Makrele. Aber

nun werden sie ja so ziemlich alle pelagisch.

Es ist Windstille. Lange Dünungen wie wogender Stahl. Leise Schläge

gegen die Schiffswand, die Feuerkugel der Sonne geht in bläulichem

Purpur unter. Eissturmvögel schweben geschäftig auf stillen Schwingen

über dem Meeresspiegel, unablässig den Sonnenstreifen kreuzend, als

suchten sie etwas, was sie niemals finden. Aber du lieber Himmel, das

tun wir wohl alle....

Doch man muß schlafen. In wenigen Stunden kommt das Schleppnetz herauf,

und dann gilt es wieder die ganze Nacht zu arbeiten, Temperaturen zu

messen und Wasserproben aus der Tiefe zu holen. -- Schlafen, wie man

nur auf See schlafen kann.

+Nördlich von Island+, Sonntag, 29. Juli.

Nebel, Nebel -- über uns, um uns -- Nebel, wohin wir schauen.

Aber fahr weiter durch den Nebel, während das Meer dir entgegenwogt und

dir Botschaft und Grüße bringt von der unsichtbaren Welt da hinten,

du weißt nicht woher -- dir Sehnsucht bringt, du weißt nicht wonach.

Du ahnst nur, daß es eine Sehnsucht gibt nach irgendwohin im Raum --

hinter, über dem Nebel, wo der Tag klar ist und die Sonne auf blinkende

Zinnen scheint.

Hallo, da wird in der Maschine halbe Fahrt signalisiert. Der Nebel

draußen ist dicht wie Brei. Wir können nur ein paar Schiffslängen vor

uns sehen.

Das ist der Eismeernebel. Das ist die Grenzscheide, wo die warmen,

salzigen Meeresströmungen des Südens mit den weißen Eisfeldern

zusammentreffen. Und Wogen kommen und Wogen gehen, wir sehen nicht

woher und wissen nicht wohin.

Irgendwo im Süden liegt Island, das Land der Sagas -- im Norden

liegt das Eis. Aber aus diesen wollgrauen Nebelmassen kommen kühne

Wikingerschiffe aus längst verschwundenen Zeiten mit niedrigem Segel

vorübergefahren -- wetterharte Kerle mit struppigem Bart, den Kopf frei

auf starken Schultern und scharfe Augen unter den Brauen -- Kerle,

denen das Leben ein Spiel ist, die aber auch den Tod nicht fürchten.

Da fährt der geächtete Eirik Raude, vierschrötig und zerlumpt, aber

mit zähem Willen; dir passen Nebel und Eis. Da steht Leif aufrecht und

ruhig am Achtersteven, der Verwegene mit den weiten Zielen und der

sicheren Überlegung. Du vermeidest am liebsten das Eis und suchst das

offene Fahrwasser.

* * * * *

Sie verschwinden wieder im Nebelmeer, während Island dort im Süden

liegt und seine Erinnerungen an Tat und Missetat hegt.

* * * * *

Nun wird in der Maschine wieder volle Fahrt signalisiert. Der Nebel hat

sich etwas gelichtet, die Schraube dreht sich in gesteigertem Tempo; es

geht neuen Zielen zu.

Setze Segel für den Tag der Arbeit, hinaus aus dem naßkalten Nebel! Sie

lebten ihr Leben und erfüllten es mit Abenteuern, laßt auch uns unser

Leben leben.

* *

*

Am Nachmittag endlich entdecken wir plötzlich Land vor uns. Es ist der

Fuß einer senkrechten Bergwand unten an der Meeresfläche, der aus dem

Nebel hervordunkelt.

Es ist Kap Nord, gerade das, was wir erwarteten. Wir sind in der

Tat nicht weit davon entfernt. Nun wissen wir, wo wir sind, und da

geht es weiter. Eine felsige Landzunge nach der andern tritt hervor,

senkrechte Basaltwände. Wir sahen in den Jökullfjord und in den

Isafjord hinein. Der Nebel lag auf allen höheren Bergspitzen, aber hier

und da leuchteten Firne und Gletscher aus den Nebelmassen hervor. Von

Nordosten ging eine frische Kühlte.

Ein Blick in den Önundarfjord hinein. Wild und zerrissen ist er, aber

jetzt ansprechender als das letztemal, als ich im Sturm dort war, im

Monat Mai vor zwölf Jahren, und die Berge mit Neuschnee bedeckt waren.

Draußen begegneten wir Ellefsens fünf Walfischfängern, starken, kleinen

Schiffen, die sich gut auf den Wellen schaukelten, Schaum am Bug.

Gegen Mitternacht ging es in den Dyrafjord hinein, aber ich erkannte

ihn nicht wieder. Der spitze Kegel dort war wohl die Myrumkuppe, die

Häusergruppen an Steuerbord mußten Högatal sein, aber ich entsann mich

nicht, daß es so bewohnt war.

Dort vorn erstreckt sich eine flache Landzunge, soweit wir das im

Dunkeln durch das Fernrohr erkennen können. Ja, nun kenne ich mich

wieder aus, das ist Thingeyre. Aber auch dort scheinen jetzt mehr

Häuser zu stehen, als ich in Erinnerung habe.

Wo ist Bergs Haus? Es muß wohl weiter da drinnen liegen. Ja, dort

liegt auch ein Dampfschiff vor Anker. Das muß einer von seinen

Walfischfängern sein. Nein, das ist ja eine Fabrikesse. Nein, es ist

doch ein Dampfer mit Schornstein.

Wir kommen näher. Ich starre nach Thingeyre hinüber. Ich erkenne

das Haus wieder, in dem wir wohnten und drei Mann zusammen in einem

Schlafsack auf der Diele einer Bodenkammer schliefen -- wo ich, auf

der Diele dieser Bodenkammer auf dem Bauche liegend, eine Abhandlung

über den „Hermaphroditismus des Schleimaals“ schrieb... Und auf einmal

stehen jene Tage mit all ihren unruhigen Erwartungen und unsicheren

Ahnungen leibhaftig vor mir.

Wir warteten damals auf das Schiff, das uns an die Ostküste Grönlands

bringen sollte, wo wir durchs Treibeis an Land wollten, um über das

Inlandeis zu gehen.

Es war im Grunde keine begehrenswerte Zeit. Keine Ruhe, um sich irgend

etwas zu widmen. Die Berghalden entlang unternahmen wir unsere Ausflüge

zu Pferd. Aber auch diese konnten wir nicht ganz genießen, ebensowenig

wie den Ritt zum Glåmugletscher. Wie eine Nebelwand lag es ja vor uns,

dieses Unbekannte, in das wir hinein-, durch das wir hindurchfahren

sollten -- wie die Nebelkappe jetzt dort über dem Glåmugletscher.

Aber der Dampfschiffsschornstein dort drinnen wurde doch zu einer

Fabrikesse, und das Helle dort oben an der Halde muß Bergs Haus sein.

Der Geruch sollte uns auch nicht lange darüber in Zweifel lassen, daß

wir in der Nähe einer Walfischfängerstation waren. Vorsichtig fuhren

wir ein und ankerten neben drei Walfischfängern, die dort vertäut lagen.

Gegen sechs Uhr morgens ging Kapitän Sörensen an Land und begrüßte

Berg. Dann mußten wir nach Thingeyre hinüber, um Kohlen zu bestellen

und meinen alten Wirt, den Holsteiner Herrn Wendel, zu begrüßen. Dann

zurück und vor Framnes anlegen; und drei Tage lang war das Leben eitel

Sonnenschein.

Im Grunde ein prächtiger Ort. Der Fjord voll von Fischen und Enten und

Seevögeln, Forellen in den Flüssen, Schneehühner auf den Bergen und

dann die herrlichen Ausflüge zu Pferd. Was will man noch mehr? Hier

mußte man leben können, unterdessen mochte die Welt weiterrollen. --

Die Chinesen schlachten Europäer ab und die Engländer Buren -- was

geht das uns hier an? Man hat Telegraph und Post vergessen -- und das

Telephon.

Dienstag, 31. Juli 1900.

Ich besuchte einen alten Dichter, Sigvathor Grimsson. Er ist Bergs

nächster Nachbar und sein Pächter. Er ist 60 Jahre alt und hat in

seinem Äußern nicht gerade viel von einem Dichter. Als ich zu ihm kam,

stand er gerade gebückt da und mähte. Er war dabei, einen Rasenhügel

mit einer kurzen Sense zu barbieren, wie sie in Norwegen und Island

benutzt wird, wo die vielen Steine im Gras dazu nötigen.

Erst wurden die notwendigen einleitenden Bemerkungen über dies und

jenes erledigt. Er brachte seine Versicherung, daß er so vornehmen

Besuch nicht erwartet habe, in gutem Dänisch vor, wobei er ständig die

Anrede brauchte: „Mein guter Herr.“ Dann kamen wir ins Plaudern.

Ich fand, es müsse doch mühsam sein, eine Wiese zu mähen, die so dicht

mit Höckern bedeckt sei wie diese, und fragte, wie er dies Jahr für

Jahr tun könne.

Erstaunt entgegnete er, wie es denn anders gemacht werden könne. Ich

meinte, es müsse doch weit besser sein, das Feld flach zu pflügen.

„Nein, mein guter Herr, dann würde ja die Fläche, auf der Gras wachsen

kann, viel kleiner!“

Das war auch ein Gesichtspunkt. Aber sonst war das Pflügen in diesen

letzten Jahren hier nicht mehr unbekannt. Als ich vor zwölf Jahren

nach Grönland reiste, kaufte ich das einzige Pferd auf Island, das, wie

man sagte, vor einem Pflug erprobt war und daher ziehen konnte, was die

isländischen Pferde sonst nicht können.

Dann fragte er, ob ich ins Haus treten wolle. Durch den niedrigen,

gekrümmten dunkeln Gang, der sich fast wie der Hausgang einer

Eskimohütte ausnahm, kamen wir in einen Raum, der so niedrig war, daß

ich nicht aufrecht stehen konnte. Da lagen Bücher die Wände entlang in

Haufen aufgestapelt, meist uneingebunden, von verschiedener Art, von

Familienzeitschriften angefangen bis zu Sagas.

Dann ging es eine Treppe in das Obergeschoß hinauf, das ein gemeinsamer

Aufenthaltsort unter dem Dachboden war: Wohnstube, Arbeitszimmer und

Schlafraum für ihn und die ganze Familie.

Hier lag auf einem Tisch am Fenster sein Arbeitszeug, Feder und Tinte.

Wenn er aber schrieb, saß er auf einem Schemel und hielt ein Brett als

Schreibtisch im Schoß. Hier verbrachte er, soweit ich erfahren konnte,

den größten Teil des Winters und seine sonstige von Landarbeit freie

Zeit.

Er zog seine Manuskripte hervor, sechs dicke Bände über isländische

Priester, schön und dicht beschrieben; dazu kamen noch mehrere Bände

mit Nachträgen.

Über den Inhalt kann ich nicht urteilen. Aber eine Riesenarbeit ist

allein schon die Niederschrift, und sie ist geleistet ohne Hoffnung,

sie jemals gedruckt zu sehen. Es soll eine Arbeit sein, die er

kommenden Geschlechtern hinterläßt und die auf der Kopenhagener

Universitätsbibliothek aufbewahrt werden soll, wenn sie nicht etwa

jetzt der Reykjaviker Bibliothek übergeben wird.

Wahrhaftig, mich überkam Bewunderung für diesen alten Mann, wie er dort

in dem engen Zimmer stand. Für wen arbeitete er? Nicht für Ruhm -- es

müßte höchstens bei der Nachwelt sein. Etwa für die Menschheit?

Arm wie Hiob, in dieser Umgebung, den undichten Torf des Daches so

dicht über dem Kopf, daß er daran stieß. Nie hatte er studiert, nur

immer die Erde gegraben. Ja, wir arbeiten, weil wir müssen, sei es

selbst über isländische Priester.... Unsere Ziele werden groß genug,

wenn unsere Scheuklappen nur das Gesichtsfeld klein genug machen.

Undicht? Ja, das Torfdach war so undicht, daß er, wenn es regnete,

über das Manuskript gebeugt sitzen mußte, damit es nicht aufs Papier,

sondern auf seinen Rücken regnete.

+Das+ ist Island! Niedergedrückt von Erinnerungen, fast bis zur

Verkrüppelung, lebt es in der Vorzeit -- vergißt die Gegenwart -- und

braucht die kurze Sense.

* *

*

In der Nacht des 2. August fuhren wir in düsterer Stimmung wieder aus

dem Dyrafjord hinaus. Wir hatten im Laufe des Tages einen herrlichen

Ritt nach der Kirche und weiter unternommen, und die Familie Berg hatte

den Abend bei uns an Bord zugebracht.

Niemand hatte Lust abzufahren, und mehrere von uns hätten wohl gern

Sturm auf See gehabt, um wieder zurückkehren zu müssen. Aber die See

war schön, und im Norden träumte der Himmel nach Sonnenuntergang in

einer wehmutsvollen bleichen Röte. Ove Hjort sang: „Norweger wollen

fahren.“

Aber nicht immer wollen sie fahren.

Tags darauf machte ~Dr.~ Hjort einen ausgezeichneten Fang. Mit

dem großen Netz fing er im Verlauf einer Viertelstunde mitten in der

Dänemark-Straße, in der Grenzzone, wo sich der warme Irmingerstrom aus

dem Atlantischen Ozean und der Polarstrom begegnen, 128 Fischbruten,

meistens Dorscharten.

Dieser Fund ist von großer Bedeutung, denn er zeigt, daß die Brut von

den Bänken an der Küste, wo die Fische laichen, mit den Strömungen vom

Lande nordwärts ins Meer hinaustreibt, bis das Küstenwasser, das sie

mitführt, hier dem Wasser des Polarstroms begegnet. Die jungen Fische

leben nun ihr freies Leben im Meer, bis sie so groß werden, daß sie aus

eigenem Trieb wieder zu den Bänken zurückkehren.

Freiluftleben · 第 21 / 32 题