Winter im Gebirge

Januar bis Februar 1900.

Es war am Dienstag, 30. Januar 1900. Von Bolkesjö wollte ich auf

Schneeschuhen nach Norden über den Bleberg hinunter zum Sörkjesee

fahren und dort einige Wochen in der Ormanhütte bleiben. Ein Bursche

namens Holgje kam als Träger mit. Als wir zur Blespitze hinaufstiegen,

herrschten dichtes Schneetreiben und starker Wind, und nichts war zu

sehen. Da lief ich lieber die langen Abhänge nach Bolkesjö zurück, in

der Hoffnung, am nächsten Tag besseres Wetter zu haben.

Am Mittwochmorgen machte ich mich mit Holgje wieder auf den Weg über

den Ble. Nun war es aber schlimmer geworden. Es schneite und wirbelte,

daß Himmel und Erde eine Schneemasse zu sein schienen und wir nicht

viele Schneeschuhlängen weit sehen konnten.

Holgje war leicht bekleidet; er sagte, er sei noch nie in einem solchen

Wetter draußen gewesen. Er hielt die Hand vors Gesicht, beugte sich

vornüber und stemmte die Schultern gegen die Windstöße, während wir so

gut es ging aufwärts stiegen. Als ich ihn einmal ansah, waren seine

Backen und Kinnladen ganz weiß. Ich rieb sie, bis der Blutumlauf wieder

in Gang kam. Doch wir waren noch nicht weit gegangen, als seine

Kinnladen wiederum ganz steif gefroren und von dem Treibschnee mit

einer Eiskruste bedeckt waren. Wieder knetete ich.

Aber das Wetter wurde schlechter statt besser. Es sah aus, als ginge

der Wind mitten durch den armen Holgje hindurch, und zum drittenmal

waren seine Kinnladen und Backen weiß, und von neuem mußte ich sie

kneten. Jetzt begann er aber zu wimmern und zu klagen. Er fand es

unheimlich.

Wir mußten in der Nähe der Blespitze sein; es herrschte aber ein

solcher Schneesturm, daß wir, selbst wenn wir bekannt gewesen wären,

Schwierigkeiten gehabt hätten, die Åkelischlucht zu finden, wo wir nach

dem Sörkjesee abbiegen mußten. Ich wagte es nicht, die Verantwortung

für den Burschen auf mich zu nehmen. Es blieb nichts anderes übrig, als

abermals umzukehren und wiederum abwärts zu rutschen. Jetzt hatten wir

den Wind im Rücken, und es ging schnell.

Am Abend kamen wir nach Bolkesjö zurück. Dort waren in diesen Tagen

viele Leute, Anwälte, Amtsrichter und Förster aus Kongsberg, Skien

und Kristiania. Es war Berufungsverhandlung in einer Sache wegen

Holzschlagrechts im Walde. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Leute

über einen Nordpolfahrer lächelten, der zweimal wegen Schneesturms im

Blegebirge umkehrte.

Damit hatte ich genug von dem Weg die Abhänge hinauf, und Holgje hatte

sicherlich mehr als genug. Am nächsten Morgen wollte ich über Hovin

fahren. Aber der Posthalter vergaß, daß er mir einen Wagen versprochen

hatte. Er hatte sich wohl mit Torjus einen ordentlichen Rausch

angetrunken, da am Abend das Urteil in der Holzschlagsache gefallen

war und sie verloren hatten. Ich mußte mir aus dem Nachbarhotel einen

Wagen verschaffen und verspätete mich um einige Stunden. Aber nach

Fosso in Hovin kam ich trotzdem; dann ging es auf Schneeschuhen den

Abhang hinauf an Knutsgard und Nystöl vorbei über den Sörkjesee, und am

Nachmittag erreichte ich die Ormanhütte.

Dort traf ich Halvor Kåse aus Rollag im Numetal. Ich hatte ihn dorthin

bestellt, und er hatte seit Dienstag gewartet. Als ich aber auch am

Mittwoch nicht gekommen war, war er ins Dorf hinuntergestiegen, um sich

telephonisch nach mir zu erkundigen. Er habe nicht glauben können,

sagte er, daß ein Mann wie ich sich von dem bißchen Schneegestöber habe

abschrecken lassen.

Freitagabend.

So bin ich also wieder im Gebirge. Schneeweiß und rein liegt es vor

mir, das weite Hochland, lange Schneeschuhbahnen und freier Himmel.

Weit weg, tief unten liegt das Tal.

Welch frisches, freies Leben! Warum ist es nicht immer so?

Man arbeitet, wenn man will und solange man will; nichts stört den

Arbeitsfrieden. Und ist man müde, dann auf Schneeschuhen hinein

zwischen die weißgekleideten ernsten Tannen, die Birkenhalden hinauf

über die Berge. Alles große, klare, reine Linien. Ja, warum richten wir

uns das Leben nicht so ein?

Draußen steht die schmale Sichel des neuen Mondes über dem

Gebirgsrande. Vom Süden, vom Åkeligipfel her, zieht ein Wolkenschleier

herüber. Bald ist es dunkel. Ich kann nur schwach noch die dunkeln

Umrisse der Tannen von der weißen Eisfläche unterscheiden.

Aber wie gemütlich ist es hier im Zimmer! Im Kamin knistert lustig

das Birkenholz und verbreitet Licht und Wärme. Es ist so warm, daß

sich auch die Fliegen wohl fühlen. Sie sind mitten in der Winterkälte

erwacht und summen unter dem Dach.

Wie gewöhnlich sitze ich da, starre in die Glut und folge den

flackernden Flammenzungen, die an den rußigen Platten hinanlecken, in

den Schornstein hinein.

Es ist, als hätte man immer so gesessen seit dem Winter in der Hütte

unter der Erde dort im Norden, im Franz-Joseph-Land. Aber der Raum ist

größer geworden. Man kann unter dem Dach aufrecht stehen. Die Tranlampe

ist verschwunden. Durch die Fenster kann man in den Winterabend

hinausschauen, und die Kleider, die schweren, fettgetränkten Kleider,

die fest am Leibe klebten, sind gewechselt; sie sind rein und weich und

trocken geworden. Unwillkürlich reckt man sich vor Wohlbehagen.

Aber das Leben dort im Norden war wohl auch frei und ungestört genug?

Ja, freilich; gleichwohl hielt es sich unter dem Mindestmaße der

täglichen Lebensnotwendigkeiten.

Wie viele unvernünftige Lebensbedürfnisse haben wir Kulturmenschen

uns zugelegt, während wir die wirklich nützlichen Dinge wie

Selbstverständlichkeiten gebrauchen, ohne zu bedenken, welche Güter sie

sind. Z. B. die Nägel! Dort im Norden bekamen wir das zu fühlen, als

wir sie uns selber aus Knochen herstellen mußten.

Und dann bedenkt, hier habe ich das, wovon wir damals als vom

Allerhöchsten träumten: eine Tür, eine senkrecht stehende Tür!

Ich muß daran denken, wie ich Morgen für Morgen den ganzen Winter und

Frühling hindurch im Schlafsack saß und mir die Lappenschuhe und die

fettigen, zerrissenen Kleider und Bärenfellfäustlinge anzog, und wie

mir davor graute, in den Hausgang hinauszugehen und mich durch das Loch

hindurchzuzwängen, das mit einer Bärenhaut zugedeckt war, auf die aber

der Wind Nacht für Nacht eine schwere, harte Schneewehe schichtete. Ach

ja, wie man sich da hoffnungslos nach einer senkrecht stehenden Tür

sehnte, die in Angeln ging und sich, mit einer einfachen Türklinke,

leicht öffnen und schließen ließ!

Im übrigen war es gar nicht so schlimm, wenn man bedenkt, daß wir

vom Winter eingeschlossen waren, ohne Proviant, nur mit Büchse und

Patronen, einem Messer und sonst mit leeren Fäusten.

Damals fand ich, daß gar nicht viel dazu gehörte, das Leben vollkommen

zu machen. Ich träumte einen seligen Traum davon, an einem Strande an

Land geworfen zu werden, mit Spaten und Hacke, einem Sack Mehl, einer

Büchse, Patronen, einem guten Messer mit Wetzstein, Nadel und Zwirn,

Seife, und auch mit Büchern und Schreibzeug, und ich fand, das Leben

müßte vollendet glücklich werden.

Ist es noch so?

Soviel Kleinliches hängt uns an den Beinen. Es ist, als gingen wir in

Dornengestrüpp.

Montag, 5. Februar.

Wie schön der Schnee ist! Schau, wie fein und leicht er draußen

herabrieselt, wie weich die Decke liegt über Höhen, Steinen und

Rasenhügeln und über niedergebeugten Bäumen, über dem Eis auf dem See

und den alten Schneeschuhspuren in der Richtung, aus der ich gekommen

war. Alles ist leicht und behutsam mit dem reinen Teppich zugedeckt.

Und der Lärm der Welt liegt unendlich weit weg, er ist ausgeschaltet

-- hier wird jeder Laut gedämpft. Der Tannenwald und die Halden stehen

still und weiß im Sonntagsstaat, und der Åkeligipfel dort draußen

verschwindet ganz im Schneegeriesel.

Die Eisfläche leuchtet in kleinen Wellen im Sonnenschein, der auch

durch mein Fenster hereindringt und es auch hier unter der Stubendecke

licht und leicht und hoch macht. Und die Sonne steht dort oben in der

rieselnden Schneeglorie.

Drinnen und draußen herrscht feierlicher Sonntagsfriede, trotzdem

es Montag ist. Ja, wahrhaftig, es ist Montag, und dort unten auf

Holmenkollen bei Kristiania ist Schneeschuhlauf; da gibt’s Tausende

von Menschen, Pferde und Schlitten und Bankreihen, und Hurrarufe und

Gelächter.

Ja gewiß, das ist Leben und Frische, ein Bild von Schnee, von Winter

und norwegischer Jugend! Und was hat es nicht unserm Volke gegeben! Man

denke nur einige Jahre zurück, was die Jugend damals getrieben, und wie

tot es damals im Winter rings um die Städte und in den Tälern war; kaum

eine Schneeschuhspur in dem tiefen Schnee zu sehen. Und jetzt? -- Wenn

nur nicht soviel „Sport“ dabei wäre, „Rekorde“ und all das Unwesen,

das, wie die Fremdworte selber, aus der Fremde eingeführt ist -- das

verdeckt die Sonne....

Ich bin heute ganz allein. Halvor habe ich ins Tal nach Proviant

geschickt. In einem Umkreis von vielen Meilen kein lebendes Wesen.

Nur Meister Lampe sitzt im Schneewetter weiß und schön unter den

niedergeschneiten Tannenbüschen; er macht sich’s bequem, putzt sich und

sieht in die Sonne wie ich.

Weit weg, tief unter diesen weißen Flächen, wogt das Leben des

Menschengeschlechts...

* * * * *

Ja, das Leben! Was haben wir daraus gemacht? Eine endlose Reihe von

Trivialitäten und Kleinlichkeiten! --

Und was haben wir uns gewünscht? Das Dasein einfacher zu gestalten,

damit wir das schaffen können, was wir eigentlich wollen, und daß die

Kräfte nicht unterwegs von allerhand Kleinlichkeiten aufgebraucht

würden, von all dem, was wir nicht wollen. Volle Entfaltung unserer

Kräfte, unserer Persönlichkeit, unseres innersten Wesens -- das, was

wohl die Bedingung für alles echte Lebensglück ist.

Wie weit sind wir gekommen? Es geht den verkehrten Weg. „Mach die

Schleppe länger, und du machst die Schwingen kürzer,“ heißt es. Aber

ist es nicht gerade die Schleppe, an der wir arbeiten? Jede neue

Erfindung kann wohl Erleichterung geben, vermehrt aber die Bedürfnisse

und bindet uns fester an Kleinlichkeiten. Das Leben wird immer

verwickelter.

Vom Zelt und dem Kamelhaarmantel sind wir weit abgekommen!

Und die Schwingen?

Die materielle Entwicklung hat in der lärmenden Gesellschaft Europas

die Übermacht. Und die geistige Entwicklung -- wer fragt nach ihr?

Äußerer Luxus, materielles Wohlbefinden sind, scheint es, Losung und

Ziel geworden, und für wie viele wiegt das nicht schwerer als manche

geistigen Werte?

Ein Beispiel! Wenn ich zu einem Freunde komme, und er bittet mich, zum

Abend zu bleiben, damit wir miteinander plaudern können, und er setzt

mir dann nur seine gewohnte Hafergrütze vor, müßte ich mich da nicht

geehrt fühlen? Denn er setzt voraus, daß ich, wie er, das als eine

Nebensache im Leben ansehe, und daß es Geist und Begabung sind, mit

denen zusammen zu sein schon ein Fest ist. Aber ob nicht manche es als

eine Beleidigung auffassen würden, daß man nicht mehr Staat mit ihnen

macht?

Wer hat den Willen und den Mut, einfach zu sein, wenn es nicht gerade

Mode ist?

+Mode!+ Man denke: eine „Kultur“, die Moden hat, den Stempel der

Unselbständigkeit, der verwaschenen Persönlichkeiten! Wendet nicht ein,

daß nur Frauen und närrische Mannsleute der Mode nachlaufen. O nein,

nicht nur in Kleidern, Essen, Trinken und dergleichen haben wir Moden.

Sie herrschen auch in der Kunst, in der Literatur, in der Wissenschaft,

ja in unsern Meinungen, in unserer „Überzeugung“...

Und es wird immer schlimmer. Mit den immer schneller werdenden

Verkehrsmitteln nimmt das Tempo unheimlich zu. Früher brauchte eine

neue Mode Jahre, um zu uns zu gelangen. Jetzt braucht sie ebenso viele

Tage oder Stunden; -- und unaufhörlich wechselt sie.

In dieser lärmenden Hetzjagd hat man keine Zeit, seine eigene Meinung

zu finden; so keucht man hinter derjenigen der letzten Mode her. Man

darf doch nicht etwa entdeckt werden, wie man dasitzt mit einem Hut

oder einer Ansicht oder einer Meinung oder einem Unterrock, die schon

altmodisch geworden sind!

Unser ganzes Leben ist darauf eingerichtet, auf andere zu wirken; es

ist nicht so eingerichtet, wie wir es selber wünschen könnten, sondern

so, wie die andern, der Haufe, es will. So wohnen wir, so kleiden wir

uns, so speisen wir, so schlafen wir, so arbeiten wir, so denken wir,

ja -- so lieben wir auch..

Wann kommt das neue Geschlecht, das all diese Zeitvergeudung

abschüttelt, das sein eigenes Leben lebt, es selbst ist, freie Männer

und Frauen, das das Kleine klein sein läßt und die Schönheit und

Harmonie ins Leben zurückführt?..

Wie soll das enden? Ohne Ruhe zur Verarbeitung der neuen Eindrücke,

ohne Selbstvertiefung kann sich wohl kein Mensch entwickeln. Aber wann

findet man +dazu+ die Ruhe in der modernen Gesellschaft?

Neue Eindrücke pflanzen sich immer schneller fort; wir bekommen jetzt

mehr von ihnen an einem Tage als früher in Monaten und Jahren. Sie

wimmeln heran mit dem Telegraphen, mit den Zeitungen, mit dem Telephon.

Und wenn wir in die Welt hinaus reisen, um den Horizont zu erweitern,

durchfahren wir in einer Woche mehr, als wir früher in einem Jahr sahen.

Und das arme Gehirn müht sich mit all diesem Stoffe ab. Es ist in der

Entwicklung nicht nachgefolgt. Sein Rauminhalt und seine Kräfte sind

so begrenzt wie sie früher waren, während der Stoff, die Eindrücke

unbegrenzt geworden sind -- es wird mit ihnen nicht mehr fertig.

Wir sehen, wir hören unendlich viel mehr, aber wir lernen weniger. Das

muß mit logischer Notwendigkeit zur Oberflächlichkeit führen; es wird

unmöglich, in die Tiefe zu gehen. Das gibt Mangel an Originalität,

Mangel an Persönlichkeit.

Und das Übel wächst, es wächst in geometrischer Progression. Wo soll

das enden?

Rousseau, du bist heute nötiger denn je zuvor! Damals war nur eine

kleine Oberschicht auf Abwege geraten, jetzt ist das ganze Leben der

Gesellschaft so geworden, daß es mit Eisenbahngeschwindigkeit den

verkehrten Weg einschlagen muß.

Ein größerer Geist muß kommen, der den Zug umlenkt und höher hinauf,

zur Vereinfachung, führt. Kommt er nicht, dann gehen die Menschen

zugrunde!

Donnerstag.

Etwas Schnee rieselt so ziemlich jeden Tag -- als gefrorene Luft --,

und jeden Morgen lockt der neue Schneeteppich.

Halvor und ich ziehen in den Wald hinaus. So einsam und still und

lebensfern ist es zwischen den weißen, schneebelasteten Tannen.

Lautlos gleiten die Schneeschuhe über das weiche Mehl, eine Welt

in Flaumfedern. Es ist kalt, und der gefrorene Atem bleibt in der

erstarrten Luft hängen.

Auf der weißen Fläche kein Flecken. Nur hier und da die kleinen

Fährten eines Eichhörnchens, das über eine Waldlichtung gehüpft und

den nächsten Tannenstamm wieder hinaufgeklettert ist, und dann wie ein

dünner Strich einige winzige Trippelspuren einer Waldmaus. Man fühlt

gleichsam, welche Eile sie hatte, mit den kleinen Füßen von dem einen

Loch im Schnee, aus dem sie auftauchte, nach dem nächsten zu kommen, in

dem sie wieder verschwand.

Aber dort sind einige größere Fährten, immer zwei und zwei. Da ist das

Hermelin auf der Jagd gewesen. Aber auch sie verschwinden in einem Loch

im Schnee. Es ist einem, als könne man es pfeilgeschwind dahineilen

sehen. Man gewahrt fast nur den schwarzen Schwanz auf der weißen Fläche

und dann, wenn es auf einmal stehen bleibt, die schwarzen scharfen

Augen.

Auf weitere Entfernung kann man an einem Weidendickicht in einer

Moorsenke einige größere Spuren sehen. Da ist in der Morgendämmerung

Freund Lampe unterwegs gewesen; er hat die Hinterläufe möglichst

ausgebreitet, um nicht zu tief in den lockern Schnee zu sinken. Hier

ist er zwischen den Weidenbüschen und den Birkenruten im Moorlande hin

und her gehoppelt, hat an den jüngsten Schößlingen und an der Borke

geknabbert und einen richtigen Paß getreten. Es ist nicht ganz leicht,

sich zurechtzufinden und die Fährten zu verfolgen. Wir müssen das

Gestrüpp umschlagen, um die Endspur herausfinden.

Nun geht es geradeaus, ein Stück durch den Hochwald, dann hinter einer

Anhöhe in das Gestrüpp von Birken, Ebereschen und Espen hinein, wo

es abermals einen Wirrwarr von Fährten gibt. Wieder müssen wir die

Stelle umschlagen, und endlich finden wir weit oben die Fährte --

dann geht es die Halde hinan. Hier ist Lampe eine lange Strecke in

seiner eigenen Spur zurückgekommen, und siehe -- dort hat er einen

mächtigen Hopser seitwärts gemacht, vier, fünf lange Sprünge nach

dem dichten, verschneiten Tannenbusch zu, auf das Moor hinaus. Dort

hat er sich hineingesetzt. Jenseits des Busches aber führt die Spur

selbstverständlich weiter. Er ist oben davongesaust, daß der Schnee

stäubte. Wir haben ihn schon verscheucht; er sitzt jetzt, da es dem

Frühling zugeht, zu locker, und wir können ihn kaum im Lager fassen.

Nun jagen wir. Halvor treibt, und ich stehe auf Anstand. Er schlägt an,

möglichst genau wie ein Hund. Das Gebell steigt die Halde hinan. Es

klingt so dumpf und tot in der weißen Stille. Er treibt nicht rasch,

aber dann macht auch der Hase in dem weichen Schnee nicht so lange

Touren.

Schau, dort kommt Lampe angezottelt, so weiß und fein und still, dort

an dem Moorrand, zwischen dem schneebedeckten Tannengestrüpp. Er bleibt

liegen, setzt sich auf zwei Läufe, hält den Kopf seitwärts und lauscht

den wunderlichen Lauten Halvors, der auf Schneeschuhen die Fährten

entlang die Halde herunterkommt. Dann läßt er sich wieder behutsam auf

alle viere nieder und kommt auf mich zugehoppelt....

Am Abend sitze ich wie gewöhnlich vor dem Kamin und starre in das

Feuer, und der Mond scheint durchs Fenster herein. So gleiten die Tage

vorbei, und wir merken es nicht.

Gestern abend kamen zwei Männer. Sie blieben über Nacht in der

Almhütte, die Wanderern immer offen steht. Die Leute waren aus

Telemarken und jagten Marder, die sie auf dem Spürschnee fingen. Das

ist eine lohnende Jagd, denn Marderfell steht jetzt hoch im Preise.

Sie hatten nur einen Sack mit zum Fang. Ein Gewehr sei nichts nütze,

meinten sie, damit schieße man nur Löcher in den Pelz. Sie verfolgen

die Spur des Marders bis zu dem hohlen Baum, in den er tagsüber

gekrochen ist, dann binden sie den Sack vor die Öffnung und klopfen an

den Baum, bis der Marder herausspringt, in den Sack hinein. Auf diese

Weise hatten die zwei Männer viele Marder gefangen.

Dienstag.

Der Proviant fing an knapp zu werden. Halvor und ich mußten ins

Tal hinunter, um mehr zu holen. Es gab eine besonders schöne

Schneeschuhbahn. Leicht war der Aufstieg die Halden hinan vom Sörkjesee

nach Synhövd, dann über das Bortal nach dem Staveberg, und bald

standen wir an dem Absturz über Rollag im Numetal und sollten nun die

abschüssigen Steige zu den Fikkanhöfen hinab. Hier geht es sehr steil

abwärts, und der Abstieg ist lang und beschwerlich; auch war Holz

hinabgefahren worden, was die Sache nicht besser machte. Zu beiden

Seiten des Wegs stand meist Nadelwald, der so dicht und unwegsam war,

daß man dort nicht vorwärts kommen konnte. Es blieb also nichts anderes

übrig, als auf dem Steig zu bleiben.

Halvor meinte, das klügste sei, sich einen ordentlichen Tannenbusch

abzuhauen und darauf abzufahren, so wie es die Mägde oft tun, wenn

sie solche Wege auf Schneeschuhen hinab wollen. Ja, ein solcher

Tannenbusch war wohl eine gute Bremse; aber einer, der ein richtiger

Schneeschuhläufer sein wollte, konnte doch nicht gut zu einem solchen

Mittel greifen!

So ging es denn hinunter. Ich sollte aber bald bereuen, daß ich nicht

doch den Busch genommen hatte. Es ging immer steiler abwärts, und was

ich auch tat, um zu bremsen, mit gleich großer Geschwindigkeit sauste

ich weiter. Ich setzte Schneepflug, ich ritt aus Leibeskräften auf

dem Stock, ich riß die Hacken aus den Schneeschuhen heraus und setzte

sie auf den Boden, aber der Weg war hart, und es ging so ziemlich

gleich schnell abwärts, ob ich seitwärts oder geradeaus fuhr. Die

Windungen mäßigten wohl etwas die Geschwindigkeit, aber dann kamen

lange Strecken, wo es in gerader Linie hinabging, und da gab es keine

Barmherzigkeit. Zu beiden Seiten stand das Gestrüpp dicht wie eine

Mauer, und es war nicht daran zu denken, die Schneeschuhspitzen dorthin

zu lenken. Ich bremste so gut es ging; Arme und Kreuz taten weh, wie

ich so auf dem Stocke ritt, aber mit Windeseile sauste ich hinab.

Schließlich flog ich über den Haufen, aber trotzdem ging es noch ein

langes Stück weiter hinab. Halvor kam nach und fuhr an mir vorüber.

Merkwürdig, wie der Bursche mit den alten Kieferschneeschuhen und

ohne Bindung zurechtkommt. -- Dann geht es wieder hinab, aber besser

ist es wahrhaftig nicht, und diese abschüssigen Bergwege nehmen kein

Ende. Mehr als einmal blieb mir nichts anderes übrig als vor Anker zu

gehen. Aber hinunter kam ich endlich doch, mit heilen Gliedern und

Schneeschuhen. Ob auch mit Ehren? Das will ich nicht entscheiden.

Halvor war auf seinem Hilfsmittel lange vor mir unten.

In Fikkan versahen wir uns mit allem, was wir für eine neue Woche im

Gebirge brauchten, dann ging es denselben Steig wieder hinauf. War

es aber schon schwierig gewesen hinabzukommen, so war es aufwärts

wahrhaftig nicht leichter. Jetzt trugen wir ja auch einiges auf dem

Rücken. Es kostete viel Mühe, den Weg hinaufzukommen, den wir so

unheimlich schnell hinabgesaust waren.

Es war schon dunkel geworden, bevor wir oben anlangten; aber dann kam

der Mond, und im Mondschein ging es westwärts weiter. Es war eine

prächtige Schneeschuhbahn, die sich lohnte. Hoch und still und einsam

lag ringsum die Bergweite.

* *

*

Eines Morgens machten Halvor und ich uns wieder reisefertig. Wir

verschlossen das Haus und fuhren über den Sörkjesee die Åkelischlucht

hinauf über den Bleberg nach Kongsberg. Es ist das sechs, sieben

Meilen weit, und die Bahn war nicht die beste. Es gab auch etwas

Schneegestöber, und wir hatten ziemlich zu tragen. Aber vorwärts kamen

wir doch, wenn es auch länger dauerte, als wir erwartet hatten.

Es wurde dunkel, bevor wir über den Bleberg ins Jontal hinabkamen. Hier

glitten die Schneeschuhe besser, als wir erst auf die feste Straße

kamen, und wir fuhren scharf drauflos, um Kongsberg noch früh am Abend

zu erreichen. Wir fanden wohl, daß es am Lågenfluß entlang etwas kalt

war, beachteten das aber nicht weiter. Bei der starken Bewegung fiel

es uns nicht schwer, uns warm zu halten.

Als wir endlich das Grand Hotel in Kongsberg erreichten, empfing uns

der Wirt an der Tür mit den Worten:

„Nein, sind Sie heute bei so kaltem Wetter unterwegs?“

„Ist es denn so kalt?“

„Ja, das Thermometer zeigte heute nachmittag 36 Grad Kälte.“

Das hatten wir uns nicht gedacht! Da war es auch kein Wunder, daß die

Schneeschuhe etwas mühsam geglitten waren. Aber durstig und müde waren

wir, und wir tranken sofort mehrere Krüge Milch aus.

Dann lud ich Halvor zum Abendessen ein; es gab frischgebratene

Koteletten und allerhand leckere Dinge. Halvor stocherte in dem Essen

herum und aß nur wenig. Ich versuchte auch ein wenig zu essen, aber

es ging nur langsam, und beide plauderten wir, um unsern Zustand zu

verbergen. Die Sache war die, keiner von uns konnte essen. Wir waren in

der Kälte zu schnell gefahren, und dann hatten wir wohl auch zu viel

kalte Milch auf einmal hinuntergestürzt.

[Illustration]

Freiluftleben · 第 20 / 32 题