September 1898.
Der Edelstein wird nicht blank ohne Schleifen und der Mann nicht
vollkommen ohne Prüfungen. So lautet bei den Chinesen eine Inschrift
im Tempel der ewigen Harmonie. Dann muß ich aber wirklich der
Vollkommenheit nahe gekommen sein; denn nie hat wohl ein Mann so viele
Prüfungen zu bestehen gehabt wie ich, bevor ich diese Reise antreten
konnte. Ich wollte ins Gebirge, um neue Jagdreviere zu besichtigen.
Erst hatte ich den halben Tag mit meiner Ausrüstung zu tun, dann vergaß
ich, sie nach der Bahnstation in der Stadt mit der Post befördern
zu lassen, und mußte daher zur Nachtzeit das Mädchen zum Landkrämer
schicken, um ein Pferd zu bekommen.
Endlich kam ich am Morgen weg. Erik Werenskiold und Moltke Moe wollten
mich ein Stück begleiten. Zunächst fuhren wir mit der Bahn nach
Kröderen. Ich hatte aber den Hundekuchen vergessen, und es mußte nach
Drammen telefoniert werden, damit uns ein Sack voll an den Zug gebracht
würde, wenn wir dort durchfuhren. Auch das kam in Ordnung.
Dann wäre uns an der Station Kröderen das Dampfschiff beinahe vor
unsern Augen davongefahren, während wir uns mit irgend etwas anderm
beschädigten.
Dann war der eine Koffer mit all meinem Gebirgsproviant bei Olberg
an Land gegangen, und ich mußte auf der Landebrücke von Gulsvik
stundenlang telefonieren, ohne die Sache in Ordnung bringen zu können,
und mußte die ganze Eisenbahnverwaltung in Bewegung setzen. Währenddem
saß der gute Moltke Moe an einer Kiste, die er als Tisch benutzte, und
schrieb an einer Eingabe, die er jemand versprochen, aber nicht vor der
Abreise fertig bekommen hatte -- nun mußte sie erledigt werden.
Endlich war auch das in Ordnung, und wir zogen durch das Hallingtal
hinauf. Doch da überfuhr ich meinen Hühnerhund Laila, und er schrie
so fürchterlich, daß ich schon dachte, nun sei dieser Jagdausflug
unmöglich gemacht. Es zeigte sich aber, daß kein Knochen gebrochen war;
ich nahm den Hund in den Wagen, und bald war er wieder bei bester Laune.
Dann begegneten uns mehrere große Kuhherden, und der andere Hund,
Jompa, ein kleiner Waterspaniel, rannte in den Wald. Wir mußten lange
Jagd auf ihn machen, bis wir ihn endlich wieder einfingen. Er war ganz
von Sinnen; soviel Kühe hatte er noch nie auf einmal gesehen.
Am Abend erreichten wir endlich Åvestrud. Hier entdeckte Moltke, daß er
noch für L. eine Eingabe an das Storting um ein Stipendium schreiben
müsse, um sie mit der ersten Post abzuschicken.
Das sah ihm ähnlich! Immer alles für andere, nichts für sich selbst.
Ermüdet von der langen, ungewohnten Reise und trotzdem unermüdlich in
seiner Güte für andere, setzte er sich hin und schrieb bis nachts halb
ein Uhr, während ein Mann vor der Tür wartete, um den Brief südwärts
nach Vik auf die Post zu bringen. Aber die Eingabe war auch so, wie
kein anderer sie schreiben konnte.
Am nächsten Tag (7. September) kamen wir nach Nes, und am Abend traf
der Koffer ein, von der Bahn mit Extrapost nachgeschickt.
In Nes hielt sich ein Schotte, Sir James F., mit Lady auf, um im
Sevrefall zu fischen. Er fand es einigermaßen unbequem, daß er Tag
für Tag die lange Strecke bis dort hinaus fahren mußte. Er war
seit dem 4. Juli da und wollte bis zum 26. September bleiben. Am
Nachmittag angelten er und die Lady im Flusse bei Nes ohne Erfolg.
Die Lady beklagte sich sehr darüber, daß sie nicht mit angeln könne;
aber sie wage es nicht, in Kniehosen zu gehen, sagte sie, um bei den
Bauern nicht anzustoßen. Für sie und Sir James war es eine große
Erleichterung, als ich versicherte, die Bauern würden es ertragen,
selbst wenn Lady die unerhörte Unanständigkeit begehen sollte, in Hosen
zu gehen.
Unser Hotelwirt in Nes war ein gewandter Mann, der sich fein
ausdrückte. Mein Hund Jompa sei „kongservastiv“, meinte er; er halte
sich an die Damen und wolle nichts mit den andern Kötern zu tun haben.
Eine Erklärung dafür, weshalb das besonders konservativ war, erhielt
ich nicht.
Übrigens erzählte er auch, wie er gelegentlich seine Gäste hinters
Licht führte. Er hatte einen einfachen Rotwein, den er sich mit zwei
Kronen die Flasche bezahlen ließ; der war ziemlich sauer. Einige
Engländer hatten gemäkelt und gefragt, ob er nicht einen teureren
Wein hätte. O ja! Er war in den Keller gegangen und hatte einige
Flaschen derselben Sorte, aber bestaubt und beschmutzt, hervorgeholt.
Die brachte er behutsam herein und sagte, sie kosteten vier Kronen die
Flasche. Da habe der Wein gut geschmeckt, behauptete er; das mit den
feinen Weinen sei meist Einbildung.
Am Freitagmorgen (9. September) kam die schlimmste Prüfung. Es galt,
Abschied zu nehmen von Erik Werenskiold und Moltke Moe, die wieder
zurück mußten, während ich mit Saumpferden westwärts ins Gebirge hinein
weiterreiste.
Im Rukketal sprach ich bei Ola Haraldset vor, den ich gern mit auf die
Jagd nehmen wollte. Es war aber nur die Frau zu Hause. Der Mann war
oben im Gebirge, um einige junge Hunde abzurichten. Aber in ein paar
Tagen werde er zurück sein, und dann käme er vielleicht nach. Also
ging ich allein weiter, an Liaset und Brynhilds-tjern vorüber nach der
Holmevaßhütte.
Am Sonnabend (10. September) streifte ich über alle Hügel und Spitzen
östlich des Holmesees, um nach Schneehühnern und nach der Brenbu-Alm zu
suchen, wo ich eigentlich bleiben wollte. Schneehühner fand ich nicht
viele, nur zwei Völker, aber die Alm fand ich endlich am Nachmittag.
+Brenbu-Alm+, Sonntag, 11. September 1898.
Auf der Alm. Der Tag geht zur Neige. Auf dem Herde glimmt die Glut.
Die Hunde liegen auf dem Boden, müde von der Jagd, glücklich, daß sie
ausruhen können. Ich sitze auf dem Bett und schaue durchs Fenster auf
die Berge hinaus.
Draußen liegt Bergrücken hinter Bergrücken. Hier vorn zwischen den
niedrigen birkenbestandenen Anhöhen einige sumpfige Weiher, jetzt
dunkel und still nach dem Sturm, der noch die Wolken über die Rücken
jagt.
In weiter Ferne aber blinkt zwischen blauen Bergrücken ein goldener
See, gerade unter dem schmalen Lichtstreifen des Sonnenuntergangs, wie
ein lockendes Nixenauge. Es sendet Kunde und Grüße. In den goldenen
Fluten ist Ruhe für die brennende Menschenseele.
Ganz draußen am Rande des Horizonts liegt das blauschimmernde Gebirge
Hallingskarve mit glitzernden Firnen, der Gipfel noch verdeckt von
jagendem Nebel...
Da stürmen die Schafe und Ziegen in ganzen Herden auf die Wiese herein.
Wie sie vor ausgelassener Lebensfreude hüpfen und springen! Die Lämmer
umspringen die Mütter, als sei das Leben eitel Lust. Lustig bewegt
sich das kleine Schwänzchen, so oft sie unter den Bauch stoßen und die
Zitzen erwischen. Der Schafbock stößt mit den Hörnern gegen den Zaun,
daß es knallt, und rennt den Schafen nach.
Nun kommt die Melkerin mit dem Holzkübel, um die Ziegen zu melken,
die ruhig warten, bis sie daran sind. Unten an der Birkenhalde am
Rande des Moors trottet die Kuhherde daher, man hört von weither das
Schellengeläute und Brüllen.
Aber der Herbstabend wird dunkler, die Weiher dort unten noch
schwärzer und tiefer. Hoch oben jagen düstere Wolken. Und mitten darin
zwischen allem -- der Mensch, der in allem und in nichts sich selbst
wiederfindet, der weder träumender See noch jagende Wolke ist, aber
sinnloser als dies alles.
Rasch wird es dunkel, vereinzelte Regentropfen fallen auf die
Fensterscheibe. Bald kommt die Nacht und hüllt die Bergweite ein, die
schwarzen Weiher und das Nixenauge weit draußen.
Montag abend, 12. September.
Wieder sitze ich hier am Fenster, wieder liegen die Hunde müde von
der Jagd auf dem Boden, und wieder dieses wundervolle Gefühl in den
Muskeln, wenn man die Glieder nach einem anstrengenden Tage streckt.
Man hat das Wohlbehagen des Tiers, das Glück des geschmeidigen Leibes
bei dem Gefühl, daß doch noch Spannkraft vorhanden ist -- den ewigen
Traum von Jugend...
Es ist auch eine Freude, als Wilder zu leben! Es ist der Naturmensch in
uns, der seinem Ursprung näher kommt.
Während ich so dasitze, gleitet Bild auf Bild aus dieser Bergwelt an
meinen Augen vorüber.
Ich sehe die Berge im Westen im herbstlichen Nebelregen. Es dunkelt
gegen Abend. Die Renntierherde lockt tief ins Gebirge hinein. Der
Nebel wird dichter und dichter. Man verirrt sich... Die Renntiere
verschwinden unter den Blöcken der Schutthalde; im Dunkel geht es
durch einen Bach nach dem andern, bis an den Leib im Eiswasser, der
Steinhütte zu. -- Endlich ist man am Ziel. Man hat Krampf in den
steifen Beinen und kommt nur mit Mühe vom letzten Fluß aus die Anhöhe
hinan. Die Hütte ist nicht besonders. Es tropft durchs Dach. Draußen
gießt es, und ich bin naß bis auf die Haut. Auch das Holz ist naß...
Endlich lodert das Feuer. Alle Kleider sind zum Trocknen aufgehangen,
nackt sitze ich am Herd und brate das Renntierfleisch am Spieß. Ich
esse es halb roh, während der rote Fleischsaft herabrinnt... Dann
werden Steine gewärmt und ins Bett getragen, dessen Grasfüllung
ganz naß getropft ist. Das gibt eine warme, aber freilich keine
ebene Unterlage. Der Körper muß sich in ~S~-Form biegen, um den
fallenden Tropfen zu entgehen. Am nächsten Tag geht es wieder hinter
dem Renntier her...
Schneebedeckt liegt die Bergweite im Sonnenschein blinkend da, Gipfel
hinter Gipfel, wie ein Lager von weißen Zelten am Himmelsrand, blaßgrün
und klar. Auf den Schneeschuhen kommt man leicht mit Windeseile
vorwärts...
Dann die Berge in der Winternacht unter dem Sternengewölbe. Ein Mann
und ein Hund suchen eine Hütte, die im Schnee verweht ist...
Und dann sehe ich die Bergweite im Schneesturm. Alles ist rauchender
Kampf, kein Weg zu erblicken. Die Windstöße fallen über einen her, daß
man auf den Schneeschuhen zurückgetrieben wird. Aber man muß vorwärts,
um eine geschützte Stelle zu finden...
Immer dasselbe freie, einfache Leben in reiner Luft, das dem
Ursprünglichen in uns wieder zu seinem Rechte verhilft.
Mittwoch abend, 14. September.
Es gibt merkwürdig wenig Schneehühner. Gestern hatte ich den ganzen Tag
über das feinste Schneehuhnrevier, aber alles, was ich erbeutete, waren
fünf Hühner, und mehr waren auch nicht zu sehen.
Tief im Gebirge, jenseits des Holmesees, traf ich Haraldset, der auf
dem Wege hierher war. Ein vierschrötiger Mensch, etwas untermittelgroß.
Der Kopf sitzt gut auf starken Schultern; ein kräftiges Gesicht mit
Vollbart, das Haar unter dem Filzhute etwas verwildert. Erfahren in
allerhand Jagd und Fang, immer unterwegs in Wald und Berg, Sommer und
Winter, einer von diesen wandernden Gesellen, denen das Leben im Tal
zu eng und zu kleinlich ist. Es gibt mehrere der Art rundherum in den
norwegischen Gemeinden. Sie formen ihr Leben, wie sie selber wollen,
diese Männer, nicht wie andere es wollen. Das könnten wir wohl alle,
aber wir tun es nicht.
Er hatte ein Klappergestell von einem jungen englischen Setter mit, den
er dressieren sollte, einen feinen, schönen Hund, aber so mager, daß
man fürchten mußte, die Rippen könnten sich durchs Fell bohren. Er war
wählerisch im Fressen, und es kostete viel Mühe, ihn überhaupt dazu zu
bringen. Wir nannten ihn später den Knochenmann.
Heute morgen ging südlicher Wind mit Regen. Traurig und schwer hing
nasser Nebel an allen Spitzen. Dann schlug der Wind in kalten Nordwest
um; er wurde rauher und rauher und steigerte sich zu heulendem Sturm,
und der Himmel klärte sich zu kalter Bläue.
Den ganzen Tag durchstreiften wir das Gebirge, ohne viel zu finden;
nur hier und da einen vereinzelten Hahn. Erst als wir auf die höchsten
Bergrücken kamen, fanden wir einige kleine Hühnervölker. Aber der Wind
ging so stark, daß Hunde und Mann weggeweht wurden, und Haraldset
wurde beinahe umgeblasen, als er eine scharfe Wendung machen wollte,
um ein Schneehuhn zu schießen. Klein-Jompa überschlug sich, als er im
Weidengebüsch vorlaufen wollte, und es sah so aus, als sollte der arme
Knochenmann mitten entzwei geblasen werden.
Die Schneehühner hielten schlecht und strichen vor dem Winde ostwärts
über die Berge, soweit wir sehen konnten; Haraldset meinte, geradewegs
nach Schweden hinein. Viel Beute machten wir nicht. Auch einen Hasen
sahen wir hoch oben auf dem höchsten Gipfel, aber wie eine Wollflocke
sauste er davon.
Diesen Haraldset muß ich bewundern. Niemals bin ich mit einem
Bauernjäger zusammen gewesen, der sich so auf die Dressur von
Hühnerhunden verstand und ein so guter Flugschütze war. Ein tüchtiger
Kerl im Gebirge, wenn es galt, die Schneehühner aufzuspüren, und
ausdauernder zu Fuß als die meisten, das merkte ich heute. Aber
wahrhaftig, gut ist er auch in der Sennhütte. Ein frisches Wesen geht
von ihm aus, und er bringt Leben mit sich. Es nimmt kein Ende, was er
alles erzählen kann von dem, was er in Wald und Gebirge, meist auf der
Jagd, gesehen und erfahren hat, und die Worte fehlen ihm nicht.
Waldvögel und Schneehühner hat er viele geschossen und gefangen.
Hasenjagd hatte er stark betrieben und gute Hunde gehabt. Am eifrigsten
aber ist er hinter dem Fuchse hergewesen.
„Ich und der Bäcker,“ erzählte er, „der Bäcker Johannes dort unten in
Nes, weißt du, wir waren oft hinter dem Fuchse her. Ich habe wahrhaftig
manche muntere Fuchsjagd mitgemacht. So waren wir eines Jahres, ich und
der Bäcker, zusammen im Gebirge oberhalb Dökkji. Wir hatten zu der Zeit
zwei höllisch gute Hunde.
„Ja, das gab ein Gebell, als wir sie losließen. Aufwärts ging’s und ins
Gebirge hinein in fliegender Hatz, und dann wieder ein langes Stück
zurück.
„Wir wechselten gern die Hunde mitten in der Jagd. Wenn der erste Hund
sich und den Fuchs müde gejagt hatte, dann ließen wir den andern los.
Dann aber ging’s Reinecke schlecht, und er schlüpfte unter die großen
Blöcke der Steinhalde; er wußte sich nicht mehr zu helfen. Der Hund
aber bellte, daß es weithin schallte, und bald waren wir dann auch da.
Ja, da standen wir und überlegten.
„Wir hatten die Hunde gekoppelt und die Flinten weggelegt. Ich mußte in
die Steinhalde hineinkriechen und nachsehen, wie es ausschaute, und ich
stach mit einem Stocke hinein, und damit traf ich auf etwas Weiches. In
demselben Augenblick schlüpfte der Fuchs durch ein Loch auf der andern
Seite der Steinhalde heraus -- ein Sprung über einen großen Stein, und
fort war er. Ich auf, faßte die nächste Flinte, es war die Schrotflinte
vom Bäcker, und feuerte sie ab, fehlte aber, da ich nicht an sie
gewöhnt war, weißt du.
„Der Bäcker wurde so verwirrt, daß er die Koppel losließ. Die Hunde in
wilder Hatz bergab, die Leinen hinterherschleifend. Aber da gab es
ein Gebell, mein Lieber! Sie rannten wie der Wind, diese Hunde, und
verdammt gut waren sie.
„Gegenüber der kleinen Mühle ist im Berg eine Höhle. Dorthin ging
der Lauf, und hier fuhr der Fuchs hinein. Die Hunde machten einen
Heidenlärm, bis wir nachkamen und sie koppelten.
„Die Höhle ist aber tief. Es war nicht so leicht, bis zu dem Fuchs
hineinzugelangen, und wir hatten nichts, womit wir ihn fassen konnten.
Ich schnitzte mir einen langen Stock, mit dem ich hineinstechen wollte.
Der Bäcker aber lief ins Tal hinunter, um besseres Gerät zu holen.
„Unterdessen stach ich und stach, bis ich etwas Weiches fühlte, und
ich merkte, daß ich am Fuchse war. Ich bohrte so lange, bis ich den
Stock, in dessen Ende Haken eingeschnitten waren, fest in die Haare
gewickelt hatte, und bekam den Fuchs soweit heran, daß ich ihn bei den
Hinterläufen packen konnte. Dabei verbiß er sich aber in meine Finger
und blieb fest hängen, und ich zog die Hände so rasch zurück, daß ich
den Fuchs über mich warf und über die Hunde, die gekoppelt dastanden,
und weit in den Wald hinab. Die Hunde aber stießen ein wildes Geheul
aus, machten einen Sprung und kamen los -- und dann ging es unter
Heidengebell gerade nach dem Schulhause hinunter.
„Ich faßte die Flinte und eilte hinterdrein. An einer Wendung des Wegs
begegnete ich dem Bäcker; ich hätte ihn beinahe über den Haufen gerannt.
„‚Warum rennst du denn so wie der Teufel?‘ fragte er.
„‚Warum ich renne?‘ sagte ich. ‚Hörst du denn nicht das Gebell, mein
Lieber?‘ Und damit stürzten wir beide hinunter.
„Bei der Schule hättest du nun aber etwas erleben können. Da ging
die Jagd rund ums Haus herum. Vornweg der kleine Fuchs, hinterdrein
die Hunde. Der Schulmeister und die Kinder fuhren in der Schulstube
von einem Fenster zum andern und guckten. Das gab eine unruhige
Schulstunde. Als ich aber den Fuchs schoß, war der eine Hund umgekehrt
und wollte ihn von der andern Seite fangen.“
Mardern und Ottern hatte Haraldset auch oft nachgestellt.
„Aber der Otter ist ein schlauer Kerl, und es ist nicht leicht, an ihn
heranzukommen,“ sagte er, „und wenn du auch noch so gut weißt, wo er
seinen Bau hat, so ist es doch ein Glücksfall, wenn du ihn erwischst.
Er weiß ganz genau, wenn du in der Nähe bist, und dann kommt er nie.
„Den Eingang zu seinem Bau in der Steinhalde hat der Otter unter Wasser
an einer Gumpe des Flusses, und er taucht unter, sobald er dort hinein
will, und wenn er von dort kommt, so sieht er sich gut vor. Zuerst
kommt nur die Nasenspitze übers Wasser und dann, während er über den
Fluß schwimmt, etwa noch die beiden Augen, und dann kommt er so still
an Land, daß du es nicht einmal plätschern hörst.
„Manche mondhelle Nacht habe ich im Winter am Flusse gelegen und darauf
gewartet, daß er aus dem Loch im Eise auftauchen sollte, aber das ist
eine kalte Arbeit.
„Da nähte ich mir aus Fellen einen Schlafsack, so wie ich gehört habe,
daß man ihn am Nordpol gebrauchen soll, und diesen Sack erprobte ich
erst zu Hause auf dem Boden. Ja, hinein kam ich wohl, wenn er auch
etwas eng zu sein schien, und hübsch warm war es auch darin. Aber als
ich wieder heraus wollte, da wurde es schlimm. Soviel ich mich auch
abmühte, immer rollte ich wie ein Wickelkind auf dem Boden. Meine Frau
lachte sich halb zu Tode, und ich fluchte. Da mußte sie mir aus dem
Sack heraushelfen.
„Ich machte den Sack weiter und ging damit los. Es war eine bitterkalte
Nacht, aber der Sack war warm, und ich fand, er war wirklich eine
abgezeichnete Erfindung, wie ich so im Mondschein dalag und auf den
Otter wartete, der nicht kam, und mir der Atem fast im Halse gefror.
„Die Schuhe hatte ich vor mich hingestellt; aber als ich sie wieder
anziehen wollte, waren sie steif gefroren wie Holz, und wie ich mich
auch mühte, ich brachte sie nicht wieder an die Füße. Da half es
nichts, ich mußte auf Strümpfen nach Hause gehen. Als aber die Frau die
Tür öffnete und mich in bloßen Strümpfen stehen sah, den Sack in der
einen Hand, die Schuhe in der andern, da wurde sie böse und sagte: ‚Was
machst denn du für Geschichten?‘“
Wir sprachen auch vom Winter und vom Schneeschuhlauf.
„Eines Winters,“ sagte Haraldset, „unternahm ich mit dem Studenten H.
eine schneidige Schneeschuhwanderung. Das war einer, der konnte dir
fahren! Wir waren im Gebirge, nördlich vom Rukketal; er hatte Speise
und Trank bei sich und auch Schreibzeug. Er sollte nämlich für ein
Sportblatt schreiben, aber daraus wird wohl nichts geworden sein.
„Auf dem Heimweg, da kamen wir auf den Bergrücken oberhalb Nes, da
geht es, weißt du, schroff bergab. Ich warnte ihn, er sollte nicht
zu schnell fahren, aber er war keck. Wir hatten eine Flasche Punsch
mitgehabt, und er hatte wohl das meiste davon getrunken. Damit ging es
also abwärts.
„Ich fuhr behutsam, machte öfter eine Seitenwendung und versuchte, die
Geschwindigkeit zu mäßigen. Als ich aber ein Stück weiter hinabgekommen
war, wurde der Weg steiler und steiler, und die Geschwindigkeit stieg
unheimlich.
„So kam ich an eine Windung, die nach rechts abbiegt. Dort lag gerade
vor mir ein großer Block. Dem H. war es hier schlecht gegangen. Er war
drauflos gefahren und mit höllischer Geschwindigkeit gerade auf den
Block los, und da hatte er eine lange Luftreise gemacht.
„Wie ich nun dort hinunterkam und mich nach ihm umsah, da hing er
oben an einer Birke, so hoch, daß seine Haarspitzen gerade noch den
Boden berührten. Ich lachte, daß ich kaum noch stehen konnte. Er hatte
schon einige Zeit oben gehangen, als ich kam, und hätte es noch länger
gedauert, so wäre er weiß Gott draufgegangen.
„Ich mußte ihn abschneiden. Er hatte die Schneeschuhe festgebunden,
siehst du, und die waren oben an der Birke hängen geblieben.“
Donnerstag, 15. September.
Heute geht der Wind im Gebirge zu scharf, als daß ich auf die Jagd
könnte. Die Schneehühner wollen nicht halten und stieben davon, daß man
sie nicht mehr sieht. Ich stieg auf den Berggipfel westlich von der
Alm, um die Beine zu bewegen. Welch frisches Wetter! Der Wind jagte in
Wirbelstößen über die Seen, daß sie weiß aufschäumten und der Gischt
wie stiebender Schnee in die Höhe stieg. Die Gischtwolken fegten in
wildem Tanze dahin, Windstoß um Windstoß, und ein Regenbogen stand in
ihnen. Oben rings um die Höhen sauste und heulte es. Auf dem obersten
Bergkamm, in der Scharte zwischen den Felsgipfeln, wo es steil nach
beiden Seiten abfällt, stürmte es so, daß ich mich im Moos niederhocken
mußte, um nicht die Bergwand hinabzusausen. Weit draußen in dem engen
Tale über dem Vatssee zog eine weiße Wolke; das war das Wasser das wie
Staub emporgepeitscht wurde.
Das Herz wird so wunderlich leicht in solchem Wetter. Es ist, als
schärfe das Wetter den Willen. Es ist eine Erfrischung, sich im Sturm
zu baden...
Hier sitze ich wieder, die Füße am Herd, und starre in die Glut,
während die Windstöße im Schornstein heulen. Ola Haraldset sitzt am
Fenster und erzählt Geschichten, und die Burschen und Mägde lachen.
Er erzählt von dem Dänen, der vor ein paar Jahren bei Rosenberg auf
Brynhilds-tjern zu Gaste war, und den er auf die Jagd begleitete.
Dieser Däne sah jeden Tag, den sie draußen waren, „wenigstens mehrere
hundert Schneehühner“. Wenn ein Volk aufflog und Haraldset sagte, es
könnten wohl acht oder zehn Stück sein, dann sagte der Däne: „Bist du
verrückt, Mensch, das waren doch wenigstens 30 oder 40.“ Er schoß und
schoß, brachte aber niemals eine Feder zur Erde, und jedesmal sagte er:
„Das war aber ein Teufelsschuß.“
„Aber da kriegte der Hund die Geschichte satt und wollte nicht mehr
hinaus und blieb uns vor den Füßen.“
Da gab Rosenberg dem Haraldset eine Flinte. Er sollte ihm helfen,
einige Schneehühner zur Strecke zu bringen, und den Hund wieder
aufzumuntern. Haraldset erhielt aber strengen Befehl, den Dänen zuerst
schießen zu lassen. Nun ja, dann ging +es+ in der Regel so, daß
der Däne zunächst einmal daneben schoß, und dann knallte gewöhnlich
sein zweiter Schuß mit dem des Haraldset zusammen, und dann fiel wohl
ein Schneehuhn herunter. Da sagte der Däne:
„Das ist doch des Teufels, daß ich nie mit dem ersten Schuß treffe.“
Eines Tages zog der Hund Schneehühnern über einigen Hügeln nach; es
dauerte etwas lange.
„Aber was ist denn das?“ sagte Haraldset, „ich glaube beinahe, das ist
ein Bär.“
„Wollen wir nach Hause gehen?“ sagte der Däne.
* * * * *
Vor einigen Jahren ging Haraldset mit einem Deutschen auf die
Bärenjagd. Von ihm gab es viele Geschichten.
Sie waren drüben auf der Fjölabuhalde und streiften dort mehrere Wochen
lang nach einem Bären.
„Einen Hund wollte der Deutsche gegen den Bären nicht brauchen, der
verscheuche ihn nur. ‚Aber wir wollen den Bären dazu bringen, daß er zu
uns kommt, Ole,‘ sagte er und kaufte einen alten Bock.
„Dem schnitt er die Kehle durch und den Bauch auf, so daß die
Eingeweide sich herauswälzten. Dann band er ihm einen Strick um den
Hals, und diesen Bock mußte ich den ganzen Tag durch den Wald hin und
her schleifen. Dann würde der Bär kommen, meinte er. Na, mein Lieber,
ich schleifte den Bock Tag für Tag hinter mir her, bis nicht mehr viel
von ihm übrig war. Aber er war wohl verrückt, der Deutsche.
„Auf dem Rücken hatte ich eine ganze Wagenladung von allerhand Dingen,
die wir jeden Tag mit in den Wald hinausnahmen, wenn wir auch nicht
viel über die Wiese hinauskamen. Aber wir durften nichts zurücklassen,
sagte er. Küchen- und Blechgeschirr wie für ein ganzes Hotel: Töpfe und
Kessel und Löffel und Tassen und Bratpfannen und Gabeln und Messer und
Teller -- und all das mußte jeden Tag mit.
„Ja, sogar eine Säge hatte er bei sich, und Axt und Hammer und Zange
und große sechszöllige Nägel. Als ich aber die Nägel einpacken sollte,
da fragte ich, was er mit denen anfangen wolle. Nun, die brauchten wir,
wenn wir etwa eine Hütte bauen müßten. Und dann ein Bett! Ein ganzes
Feldbett mußte ich tragen, denn er konnte nichts in der Hütte lassen.
„Ich hatte mir einen Rucksack geliehen, der größer war als der, der
dort liegt. Aber der reichte nicht aus. Ich mußte noch einen großen
Sack dazu nehmen.
„Ich keuchte also unter einer ganzen Wagenladung daher, den Bock
schleppte ich an einem langen Strick hinterdrein, während das
Blechgeschirr in dem Sack auf dem Rücken klapperte. Man konnte uns wie
eine Schellenkuh von weitem hören. Währenddem blies er auf einer Pfeife
und meckerte wie ein Zicklein, das sollte den Bären anlocken, meinte er.
„Am Abend legten wir den Bock auf den Boden und setzten uns unter eine
Fichte, um auf den Bären zu lauern, und dort blieben wir sitzen, bis es
pechfinster geworden war.
„Zuweilen kam er auf den Einfall, auf den Anstand zu gehen, und ich
sollte tief in den Wald hinein und ihm den Bären zutreiben. Ich schlug
mit einem Stock auf die Fichtenstämme und rief: muh! muh!, wie ein
Ochse. Aber wenn ich dann zu laut brüllte, wurde er böse und schrie:
„‚Du bist ja rein verrückt, Ole, du darfst den Bären nicht zu sehr
erschrecken.‘
„Wenn wir zurückgingen, wollte er den Weg nach der Alm mit einem Kompaß
finden, den er hatte. Wie wir auch den Tag über gegangen waren, sollte
die Alm immer in der Richtung liegen, wie die Nadel am Vormittag
gezeigt hatte, als wir aufbrachen; du kannst dir vorstellen, wie das
ausging, und wenn wir dann lange nach seinem Kompaß gegangen waren und
uns verirrt hatten und es dunkel war, kriegte ich es satt. Ich fand
einen Ochsen oben an der Halde, den jagte ich vor mir her, und so kamen
wir schnurgerade nach der Alm. Das war der beste Kompaß.
„Jeden Abend sagte er: ‚Morgen müssen wir früh aufstehen, um einen
Bären zu finden, Ole.‘
„Am Morgen standen wir dann so zwischen neun und zehn Uhr auf, und bis
wir uns genügend gerüstet hatten, war es mindestens zwölf Uhr geworden.
Wenn es dann eins war, mußten wir Mittag essen. Es war gleichgültig,
wo wir waren; gewöhnlich waren wir noch nicht weit außerhalb der Wiese
gekommen. Wenn dann alles eingepackt war und ich die Wagenladung auf
dem Rücken hatte, dann war es spät am Nachmittag.
„Er war eben verrückt, verstehst du.
„Aber einmal kriegten wir doch wirklich einen Bären zu sehen; das war
oben am Waldrand. Der Deutsche ging voraus, und ich kam hinterdrein
gewankt mit meiner Wagenladung auf dem Buckel. Da bekam ich den Bären
zu Gesicht. Der Deutsche marschierte gemütlich auf freiem Feld, der Bär
würde ihn also bald gesehen haben.
„Ich sprang vor, hielt ihn zurück und sagte: ‚Da ist ein Bär!‘
„‚Was ist da weiter dabei?‘ sagte er, ‚suchen wir vielleicht nicht
einen Bären? Du bist viel zu hitzig, Ole,‘ sagte er.
„Dann überlegte ich, wie wir uns am besten an ihn heranpirschen könnten.
„‚Nein, du bist ganz verrückt, Ole, du verstehst ja auch gar nichts!
Ich werde ihn dazu bringen, daß er näher kommt,‘ sagte er.
„Damit legten wir uns hinter die aufrechtstehenden Wurzeln eines
umgestürzten Baumes, und er zog seine Pfeife hervor und meckerte wie
ein Zicklein. Da lagen wir nun. Der Bär kam herangewatschelt, blieb auf
einigen Steinen stehen und windete.
„‚Nun mußt du schießen,‘ sagte ich zum Deutschen.
„‚Du bist doch ganz verrückt! Ich werde ihn noch näher bringen,‘ und
damit meckerte er weiter.
„Ja, der Bär kam noch näher. Aber vor uns, in einer Entfernung von
dreißig Ellen war eine Talsenke, und dort witterte er unsere Spuren, so
daß er verscheucht wurde und fliehen wollte.
„Da fand ich, das sei doch gar zu verrückt, ergriff die mit Rundkugel
geladene Doppelflinte, die ich tragen und neben seine legen mußte, wenn
er schießen sollte. Aber er faßte die Flinte, drückte sie zu Boden und
sagte:
„‚Ich werde ihn schon zurückbekommen,‘ und damit fing er wieder an zu
meckern.
„So meckerte er den ganzen Abend, bis es dunkel wurde, und er wäre wohl
die ganze Nacht liegen geblieben, wenn ich nicht noch vor Nachtanbruch
nach Hause gewollt hätte.
„Eines Abends, als wir uns in einer Hütte unterhalb der Fjölabuhöhe
aufhielten, glaubte ich, mein Deutscher würde mir ganz draufgehen. Er
lag im Bett, das dort an der Wand stand. Ich legte eine Kiefernwurzel
auf das Feuer; sie sollte brennen, während ich oben in der Almhütte war
und etwas Milch holte.
„Dabei verging aber einige Zeit, weißt du. Die Alm lag etwas abseits,
und dann waren die Mägde gerade nicht zu Hause, und ich mußte warten.
„Als ich zurückkam, hörte ich schon von fern lautes Schreien, und ich
rannte hinunter.
„Da saß er im hintersten Zimmer und schrie mir zu, er verbrenne.
Während ich fort war, hatte die Kiefernwurzel angefangen etwas stark
zu brennen, und auch anderes Holz, das auf dem Herde lag. Da hatte er
Angst gekriegt, und da saß er nun und brüllte, als ich kam.
„‚Du bist mir der rechte,‘ sagte er ‚du willst mich verbrennen, während
du den Mädchen nachläufst. Wir jagen hier jetzt Bären, Ole, und nicht
Mädchen. Schaffe das Feuer hinaus. Zur Strafe wirst du ohne Abendessen
zu Bett gehen.‘
„Er war ganz wütend. Na, ich warf die Kiefernwurzel hinaus und legte
mich nieder. Aber auch dann sollte ich noch keine Ruhe bekommen. Ich
hatte nicht lange gelegen, da schrie er von neuem:
„‚Du mußt das Feuer löschen, ich kann ja nicht schlafen, solange es
leuchtet.‘
„Es knisterte und brannte noch ein wenig Holz auf dem Herde, verstehst
du. Ich nahm also einen Eimer Wasser und goß ihn auf den Herd. Die
Steine aber waren heiß, und es spritzte und prasselte, und die
glühenden Kohlen flogen nach allen Seiten. Da fuhr er im Bett auf und
drehte sich so um, daß die Asche ihm in die Augen flog. Da gab es nun
erst eine Aufregung. Er fing an zu weinen.
„‚Herrgott, nun hast du mir meine Augen zugrunde gerichtet!‘
„Ich mußte aus seiner Apotheke etwas holen, mit dem ich ihm die Augen
einschmierte, dann klagte er und rief:
„‚Du, Ole, du machst aber auch alles verkehrt!‘“ --
„Du bist aber wohl auch lange weggewesen? Gewiß warst du dort oben auf
der Alm gut bekannt, Haraldset,“ warf eine Magd ein und lachte.
„Ja, weißt du, es dauerte natürlich immer einige Zeit, denn die Mägde
waren gerade nicht zu Hause, als ich kam, und dann hatte ich einen
Pantoffel des Deutschen mit, den ich flicken lassen sollte.“
„Ach, du wirst den Mädchen wohl arg schön getan haben!“
„Nein, wahrhaftig nicht, aber ich kannte sie natürlich, und der
Deutsche war böse, weil sie von ihm nichts wissen wollten.“
„Als wir eines Morgens unterwegs waren, ging ich in die Hütte hinein,
und da hörte er, wie ich mit den Mägden scherzte. Als wir weitergingen,
fragte er:
„‚Sind die Mädchen hübsch, Ole?‘
„‚O ja!‘ erwiderte ich.
„‚Ich glaube, ich mache ihnen einen Besuch,‘ sagte er, und als wir
abends nach Hause kamen, sagte er: ‚Heute abend hole ich die Milch,
Ole.‘
„Nun, er nahm den Eimer und ging hinauf. Aber es dauerte nicht lange,
da kam er zurück, ohne Milch und ohne Eimer. Er sagte nicht viel,
setzte sich an den Herd und schaute ins Feuer.
„Nach einer Weile sagte er: ‚Die Mädchen waren verflucht tugendhaft.‘
„Sie hatten ihn hinausgeworfen, weißt du, und dann mußte ich die Milch
holen.
„‚Hat denn dein Deutscher jemals einen Bären geschossen?‘ fragte einer
der Burschen.
„‚Das fragte ich ihn auch einmal,‘ sagte Haraldset. Jawohl, er habe
zwei unten bei Åvestrud geschossen, sie aber nicht bekommen. Ich fragte
ihn, wie das habe geschehen können.
„‚Ja, ich kam auf eine Höhe,‘ sagte er, ‚und da bekam ich zwei Bären zu
Gesicht, die ich sofort schoß: bumm, bumm.‘
„Es war doch ärgerlich, daß es Bom[2] war,“ sagte ich.
[2] Mit „Bom“ wird im Norwegischen der Fehlschuß bezeichnet.
„‚Nein, so ist es nicht zu verstehen,‘ sagte er, ‚es klang nur so.
Beide Bären fielen, aber später liefen sie davon.‘“
Sonnabend, 17. September.
Ein wundervoller Tag. Keine Wolke am blauen Himmel. Die Bergweite
breitet sich in ihrem braungelben Herbstschmuck nach allen Seiten.
Menschen und Vieh sind von den Almen ringsum heimgekehrt. Haraldset
mußte auch nach Hause mit seinem Knochenmanne, der nicht fressen wollte.
Ich bin allein in der einsamen Pracht. Nur der Hund ist noch da, der
dort unten die Weidengebüsche durchsucht, und der Bursche, der hier
nebenan auf dem Hügel liegt. Er schläft gewiß bald in der Sonne.
Überall zwischen den braunen Höhen sind blaue Seen und Weiher
verstreut, die sich von dem Braungelb noch blauer abheben. Das Auge
folgt dem farbenreichen Teppich weithinaus; er geht in Wogen wie das
Meer, ein Rücken hinter dem andern, und verklingt in weiter Ferne.
Zwischen den Rücken lange tiefeingeschnittene Spalten, aus denen es wie
Brodem aufsteigt -- dort unten wohnen Menschen.
Immer blauer und blauer werden die Berge draußen, und ganz in der Ferne
die Schneeberge leuchten kühn und frisch im Sonnenschein. Der Blick
schweift frei nach allen Seiten, nichts engt ihn ein. Weit im Süden
steht hoch und einsam der Gausta.
Das Blaue dort im Dunst in Nordosten, das müssen die Rondanegipfel sein
-- und der dort, weiter im Norden, ist das nicht der Snehetta? Dann
wild und gewaltig das ganze Jotunheim mit dem Nautgardstind als Wächter
ganz im Osten; dann die Kalvåhögda und die Torfinsspitzen mit Firnen
und Gletschern. Weiter vorn erstrecken sich die Hemsetalberge westwärts
nach Voß zu, dann folgt Hallingskarve, breit und sicher, als könne
nichts seine Ruhe stören. Ruhig trägt er die Firnen auf seinem Rücken.
Am weitesten nach Westen aber liegt der Hardanger-Jökul mit seinem
mächtigen Gletscher, der wie ein einziges fleckenloses Laken alles
Dunkle unter sich eingehüllt hat. Weiß und glänzend -- wie ein Gruß aus
den Schneelanden im hohen Norden. Wie schön ist er jetzt im Sonnenglast!
Wie tut doch ein solcher Tag im Gebirge wohl! Frische Eindrücke ziehen
durchs Gehirn; sie fegen all das Eingesperrte hinaus und machen dich
frei.
Da steht der Hund! Bald flattern weiße Schneehuhnflügel über den
braunen Teppich.
Am Abend.
Wieder auf der Alm. Die Kühe sind noch nicht heimgekommen. Vier
Pferde und ein Füllen weiden auf der Wiese. Auf dem Felsen über der
Alm klettern einige Ziegen und rupfen das Gras von der Bergwand. Eine
Schelle klingelt. Ab und zu meckert ein zartes Zicklein.
Eben geht die Sonne zwischen goldnen Wolken hinter dem Jökul unter. Der
goldene Schein verbreitet sich über die höchsten Gipfel. Der Bergrücken
hier gerade über dem Weiher erglüht wie rotes Gold.
Wie gelb schon das Birkenlaub geworden ist! Der Herbst hält seinen
Einzug, langsam und sicher.
Dunkel liegen die Moore und Weiher im Abendschatten. Dunkel krümmt sich
Bergrücken hinter Bergrücken dem Sonnenuntergang entgegen. Aber aus den
Tälern dazwischen steigt hell und dunstig der Brodem des Menschenlebens
herauf, und hell und blau liegen der Hallingsskarve und der Jökul dort
hinten, wo die Sonne untergeht.
Das ist ein Stück Norwegen, das ist das Land, das dir gehört, und es
ist so wie kein anderes....
* * * * *
Langsam kommen die Ziegen die Wiese daher. Eine graue meckert fragend.
Sie glotzen und wundern sich. Die eine steckt ihr Maul in mein
Tagebuch hinein und verwischt die Tinte und reibt sich dann vergnügt
an meinem Knie. Na, bitte, jetzt weg ein bißchen! Da ist ja auch
die Schellenziege selber. Der Wind raschelt in dem Blatt, auf dem
ich schreibe, und erschreckt fährt sie zurück -- kommt dann wieder,
schnuppert und will gestreichelt sein. Nein, jetzt ruft die Magd, daß
die Forelle fertig ist.
Sonntag, 18. September.
Von Süden her ziehen dunkle, drohende Wolkenbänke herauf. Der Nebel
treibt über die Bergrücken; bald haben wir Regenwetter. Ich bin jetzt
mit dieser Natur vertraut geworden und kenne sie in Sonnenschein und
Nebel. Auf dem Angesicht der Erde wohnen wir Menschen. Dieses hier ist
die Stirn, von den Zeiten gefurcht. Nun zieht sie die Kappe über.
Drunter ruhen die Erinnerungen der Jahrmillionen, die wir nur ahnen.
Und der tiefe Gebirgssee sieht dich an wie ein dunkles Auge. Er scheint
dir soviel zu sagen zu haben, aber du verstehst es nicht. Vielleicht
ist es nichts für dich, oder liegt vielleicht gar nichts in der Tiefe
des dunkeln Auges?
Montag, 19. September.
Heimwärts. Weit draußen kehrt eine Herde ebenfalls aus dem Gebirge
zurück, der letzte Nachzügler, der noch auf einer Alm irgendwo oben in
Tunhövd gewesen ist.
Hör’, wie die Mägde locken und jodeln, um die Herde beisammenzuhalten.
Es geht ins Tal zurück. Wieder liegt das Gebirge einsam da und
verstreut sein rötliches Herbstgold unter treibenden Wolken -- und die
Nixenseen spiegeln den Himmel in ihren blauen Träumen...
[Illustration]