Von Bergen nach Kristiania.
+Bergen+, im März 1884.
Es war am Sonnabend, 26. Januar, in diesem Jahre des Heils 1884. Ich
ging abends vom Museum nach Hause. Der Regen peitschte mir das Gesicht
mit einer Heftigkeit, die selbst hier in Bergen ungewöhnlich war. Am
Himmel jagten schwarze Wolken. Das Thermometer zeigte viele Grade
Wärme, das Barometer sank und sank und stand auf Erdbeben. Wahrhaftig
ein Wetter, das der Verzweiflung nahebringen konnte. Das sollte also
der norwegische Winter sein!
Die Geschäftsleute hasteten die Straße entlang, den Regenschirm gegen
den Wind, den Kopf tief zwischen den Schultern. Nach vollbrachter
Wochenarbeit strebten sie dem gemütlichen Heim zu.
Morgen war Sonntag. Erst noch einen Abstecher nach dem Postamt, um nach
Post zu fragen; dann nach Hause, um es mir gemütlich zu machen und alle
Schlechtigkeit der Welt und des Wetters zu vergessen.
Ich hatte mich im Lehnstuhl zurechtgesetzt. Einen flüchtigen Blick in
das eben angekommene Sportblatt; dann wollte ich mich in meine Studien
vertiefen. Doch was stand da? Schneeschuhwettlauf auf der Husebyhöhe am
4. Februar. War es möglich? Sollte es wirklich irgendwo in norwegischen
Landen Schneeschuhbahn geben?
Schneeschuhe und Schneeschuhbahn waren wohl das, was noch vor einem
Augenblick meinen Gedanken am fernsten gelegen hatte. Nun ergriff es
mich mit unwiderstehlicher Gewalt: Lockend weiß stand der Nadelwald
unter der Schneedecke; die Dörfer mit den Halden, Hügeln und den Bergen
lagen blank und weiß da und glitzerten im Sonnenschein. Alles so frisch
und so leicht in der klingenden Winterkälte...
* * * * *
Der Sonntag kam und brachte noch mehr Sturm und Regen. Am nächsten
Morgen wollte ich aufs Meer hinaus zur Tiefseeforschung. Aber die
Gedanken gaben keine Ruhe. Ich mußte in den Zeitungen der letzten Tage
nach den Wetterberichten schauen. Nein, Wärmegrade übers ganze Land,
nirgends konnte es Schneeschuhbahn geben. Da unternahm ich lieber meine
Meerfahrt.
Am Nachmittag aber half nichts mehr: fort mußte ich, und ich ging
zum Oberhaupt des Museums, zum alten Doktor Danielsen. Er war
verständnisvoll wie immer, und ich bekam Reiseurlaub. Nun galt es,
alles für meine Abwesenheit zu ordnen, dann konnte ich am nächsten
Morgen um halb sieben Uhr mit dem Zuge abfahren.
Alle vernünftigen Freunde meinten natürlich, es sei Wahnsinn, in dieser
Zeit über das Gebirge reisen zu wollen, und schüttelten den Kopf --
aber Jugend hat keine Tugend...
Endlich saß ich im Abteil, und es ging nach Voß hinauf. Der Regen
trommelte auf das Wagendach. Na ja, ein schönes Schneeschuhwetter
das! Aber höher oben würde es wohl besser werden. Durch Tunnels und
Einschnitte ging es, an Abgründen vorüber, die engen Fjorde entlang.
Als wir weiter hinaufkamen, begannen die Abhänge der Berge hoch oben
weiß zu werden. Das hob sofort die Hoffnung: im Gebirge gab es sicher
Kälte und Schnee.
Um zwölf Uhr brachen der Hund und ich von Voß auf. Wir schlugen den
Weg durch das Rauntal ein; von dort wollten wir nach Hol im Hallingtal
hinübergehen. Das ist ein etwas weiter Weg übers Gebirge. Dafür wird
aber der Weg nach dem Ostland um so kürzer.
Die Schneeschuhe auf den Schultern, stieg ich getrost in rieselndem
Regen aufwärts. Es würde schon besser werden, wenn ich erst ins Gebirge
hinaufkam; dorthin wollte ich bis zum Abend gelangen. Ich ging und
ging, aber beständig lag der Nebel dicht und schwer über den Abhängen
zu beiden Seiten des Tals, und die Regentropfen fielen gleich schwer
und ungemütlich.
Unterwegs fragte ich, ob jemand wisse, wie die Schneeschuhbahn im
Gebirge sei. Aber man schüttelte nur den Kopf und meinte, bei solchem
Wetter sei nicht ans Gebirge zu denken.
Als ich mich dem Sverresteig näherte und es noch nicht aussah, als
wenn es besser werden sollte, dachte ich, es sei doch vielleicht
vernünftiger, umzukehren und den Weg über Gudvangen und von da
ins Lärtal einzuschlagen. Von dort konnte ich auf der Poststraße
weiterkommen, mochte dann das Wetter sein wie es wolle.
Gedacht, getan. Und da ich auch einen Pferdehändler mit Pferd und
Schlitten traf, der auf demselben Weg nach dem Ostland wollte und sich
erbot, die Schneeschuhe mitzunehmen, so ging ja alles in schönster
Ordnung.
Am Abend erreichte ich Vinje. Hier war schon gute Schneeschuhbahn, nur
war es noch etwas zu mild. Der Mann mit den Schneeschuhen und noch
ein Pferdehändler, der sich angeschlossen hatte, übernachteten auf
dem Nachbarhof. Sie versprachen bei mir vorzusprechen, bevor sie am
nächsten Morgen aufbrachen.
Nach der ungewohnten Bewegung schlief ich gut. Der Tag war schon
ziemlich weit vorgeschritten, als ich erwachte. Ich richtete mich auf,
um durchs Fenster zu schauen. Doch was für ein Anblick: Eisblumen an
den Fenstern! Es war unmöglich hindurchzusehen. In aller Eile stand ich
auf und durch Reiben und Hauchen taute ich soviel von dem Fenster auf,
daß ich erkennen konnte: es war klares Frostwetter mit Neuschnee. Das
gab einen Jubel...
Hastig verzehrte ich das Frühstück, und dann sprang ich nach dem
Nachbarhof hinüber, um die Schneeschuhe zu holen; nun sollte es nach
Gudvangen gehen. Aber ach, die Männer waren vor einer halben Stunde
abgefahren und hatten die Schneeschuhe mitgenommen.
Das kühlte mir das Blut ab. Aber wenn ich sie noch vor dem
Stalheimhügel einzuholen vermochte, dann konnte ich dort ja doch noch
die Schneeschuhe gebrauchen. Aber bis dahin war es nur eine Meile[1],
und da ist eine halbe Stunde ein großer Vorsprung.
[1] Unter „Meile“ wird hier und im folgenden die alte norwegische
Meile = 11 Kilometer verstanden.
Ich eilte die Anhöhen hinan. Es war schwer, im Schnee zu gehen; aber
das Wetter war herrlich. Ringsum strahlten die Berge blendend weiß in
der Sonne. Die Nadelbäume standen feierlich still unter der Decke von
Neuschnee. Es war Winter, strahlender Winter, und ihn hatte ich ja
gesucht. Auch der Hund freute sich des Lebens und wälzte sich im Schnee.
Aber ach so tot, so öde! Nirgends ein Schneeschuhläufer, nirgends
eine Schneeschuhspur zu sehen. Gab es denn hier keine Menschen? Doch
da lagen ja viele Gehöfte. Aber die Männer verschlafen wohl in dieser
Gegend des Landes den größten Teil des Winters. Dunkel und leblos
stehen die Gehöfte auf dem weißen Schnee; nur der Rauch steigt träge
aus den Schornsteinen auf. Die Weiberleute arbeiten, während das
Mannsvolk in den Stuben herumhockt. Draußen breitet sich eine glänzende
Schneeschuhbahn, und im Gebirge gibt es Wild genug. Welches Winterleben
könnte sich hier entfalten, wenn sie nur die Schneeschuhe gebrauchen
lernten!..
Weiter ging es an schneebedeckten Abhängen entlang, über fischreiche
Wasser, die unter Eis und Schnee schliefen und auf den Sommer warteten.
Und dann durch kleine schöne Wälder. Hier und da lief eine Hasenspur
über den Weg. Puß hatte es jetzt schwer, im Schnee vorwärtszukommen,
der Arme.
Nach und nach holte ich die Männer mit meinen Schneeschuhen soweit ein,
daß ich sie in den Windungen der Straße erkennen konnte. Ich begann zu
springen und erreichte sie auch wirklich.
Welcher Jubel, die Schneeschuhe unter den Füßen zu fühlen -- und erst,
wenn ich eine Anhöhe hinabsauste! Das war wahrhaftig ein anderes Leben,
als in Bergen durch Regen und Schmutz zu waten. Die Schlitten waren
bald außer Sicht.
Aber dort war Gelegenheit zu einem schönen Sprung über den Weg. Die
Lust, die alten Künste zu probieren, erwachte mit einem Male: erst
hinauf und dann hinunter. O wie gut es tut, sich dem Himmel näher zu
fühlen! Aber der Rucksack muß herunter. Noch höher, noch geschwinder,
und nun -- hopp -- wie eine Möwe herabschweben! Ja, man fühlt: noch ist
Kraft und Saft in den steifgewordenen Gliedern.
Doch nun war es mit einem Male auf den Höfen ringsum lebendig geworden.
Wie im Frühjahr die Ameisen aus dem Bau, so wimmelten sie heraus, Junge
und Alte; alle mußten sie sehen, was das war, das da oben sprang.
Ich hatte Durst bekommen und steuerte dem nächsten Gehöft zu. Und nun
gab es wieder ein Wettrennen in das Haus hinein. Einer vor dem andern,
alle auf einmal; nur ein alter Mann stand noch da, als ich ankam.
„Wie heißt dieser Hof?“
„Du kannst aber schneeschuhlaufen.“
„Wie weit ist es wohl bis Gudvangen?“
„Wo kommst du denn her?“
„Ich komme von Bergen und will nach dem Ostland. -- Glaubst du, daß ich
hier etwas Milch bekommen kann?“
„Du willst also übers Gebirge? Das sind feine Schneeschuhe. Was ist
denn heute für Wetter?“
Nein, ich mußte wohl hineingehen. Vielleicht ging es dort besser.
Ich schnallte die Schneeschuhe ab und trat in eine Stube, die der Dunst
von Menschen und Tieren erfüllte. Die Wände entlang und oben in den
Betten standen, saßen und lagen Frauen und Männer, Mädchen und Knaben.
Auf dem Boden krabbelten Kinder im Verein mit Ferkeln und Hühnern und
andern Tieren.
„Kann ich einen Tropfen Milch bekommen?“
Eine lange Pause. Dann kommt von einer Frau die langgezogene Antwort:
„Ich weiß nicht.“
Das gab mir Hoffnung.
„Habt ihr denn nicht etwas Milch?“
„O ja, die haben wir wohl.“
„Kann ich denn etwas kaufen?“
„Willst du vielleicht saure Milch haben?“
„Danke, am liebsten möchte ich süße, wenn es geht.“
„O ja, die kannst du schon haben.“
Dann geht sie endlich zu einem Gesims, um eine Kanne herunterzunehmen;
die Milch war gut und tat gut.
„Wieviel bin ich schuldig?“
„Ich weiß nicht. Es ist ja nicht des Bezahlens wert.“
Ich legte einige Pfennige auf den Tisch und bedankte mich.
„Nein, das ist zuviel.“ Als sie aber sah, daß ich verschwand, rief sie
hinterdrein:
„Ja, dann also vielen Dank.“
Draußen umstanden eine Menge Männer meine Schneeschuhe. Sie waren von
den Gehöften ringsum gekommen. Schneeschuhe und Bindung wurden an
allen Ecken und Enden untersucht, und als der Besitzer selber kam, der
auch.
Ich schnallte die Schneeschuhe an und fuhr die Anhöhe hinauf. Hinter
mir her hörte ich: „Das waren feine Schneeschuhe!“ „Was er für einen
kleinen Stock hat!“ „Wie groß der Hund ist!“ --
In Gesellschaft eines der Pferdehändler, der gerade gefahren kam, zog
ich weiter.
Wir waren in der Nähe von Stalheim. Das Gebirgstal mit den
kiefernbestandenen Abhängen lag tief unter Schnee. Unten im Grunde
strömte der Fluß, und oben erglänzten in der Sonne die gewaltigen Berge
weiß unter dem blauen Himmel. Das Tal ist hier wild und großartig. Vorn
rechts schnitt eine enge Schlucht in das Bergmassiv ein, umgeben von
wilden, zerrissenen Gipfeln. Wie ich so ging, dachte ich darüber nach,
wohin sie wohl führen könnte. Den Grund sah ich nicht; der verschwand
tief unten, aber die Berghänge gehörten zu den steilsten, deren ich
mich je erinnerte.
Unwillkürlich wurden die Augen von diesem Spalt angezogen. Durchfuhr
einen auch ein Kälteschauer, so oft man dahin sah, so konnte man sich
doch nicht davon abwenden.
Auf einmal blieb ich stehen. Vor meinen Füßen hörte der Weg auf. Ich
stand unmittelbar vor dem Schlund und sah plötzlich in einen Abgrund
hinab. Nie hätte ich geglaubt, daß durch diesen Spalt der Weg nach
Gudvangen ginge. Aber es mußte doch so sein. Ich wandte mich nach dem
Pferdehändler um, der mir folgte. Ja, es war wirklich so: wir standen
auf dem Gipfel des Stalheimhügels, am Ende des Närötals.
Ich schaute hinunter. Der Fluß und der Talgrund schlängelten sich
dort unten wie ein schmales Band. Ich blickte in die Runde: vorn
war das Närötal mit seinen steilen Wänden; über sie stürzten die
gefrorenen Gebirgsbäche in ihrem blaugrünen Winterstaat, hier und da
lag der Schnee auf Absätzen in weißen Streifen die vereisten Bergwände
entlang, und darüber hingen die Schneewächten, bereit, beim ersten
Tauwetter abzubrechen. Unmittelbar rechts war ein Schlund, in den der
Stalheimfall mit dumpfem Brausen unter der Eisdecke hinabstürzte. Ein
Stück weiter links donnerte ein anderer Wasserfall in eine ähnliche
Kluft. Gerade unter mir wand sich der Weg in kurzen Windungen von der
einen Schlucht zur andern, dem Talgrund zu. Über all das steigt der
Kegel des Jordalsgipfels empor, hoch und jäh, wie ein gewaltiger Riese.
Weiter hinten als Rahmen für diese vereiste, zugeschneite Gebirgskluft
erhoben sich die Bergspitzen und verschwanden in dunkeln, schweren
Wolken. Zuhöchst oben aber über dem Ganzen stand blau und klar der
Himmel, während die Sonne auf Schnee und Eis im Vordergrund spielte.
Als ich in Betrachtung versunken dastand, sagte eine Stimme hinter mir:
„Komm, laß mich deine Schneeschuhe probieren.“
„Nein, danke, mit denen werde ich selber fertig.“ Und ich begann
abwärts zu gleiten.
Es ging bergab, bald am Rande der einen Schlucht, bald nach der andern
hinüber. Es gab viele kurze Windungen. Bei jeder mußte man bremsen,
sich gut einwärts lehnen und dann mit um so größerer Schnelligkeit
weiterfahren, sobald es wieder geradeaus ging.
Unterwegs sauste das Bild eines Bauern an mir vorbei, der vor Schreck
ganz in die Bergwand hineingekrochen war.
Noch ehe ich recht zur Besinnung gekommen, war ich drunten auf dem
Talgrund. Von oben kam der Hund wie ein brauner Knäuel hinterher. Das
Pferd konnte ich nicht mehr sehen.
Ich fuhr weiter. Der Weg führt den Fluß entlang. Der Grund des Närötals
bis Gudvangen ist so flach, daß sich kaum eine Anhöhe findet. Der
Talboden ist schmal. Zuweilen ist gerade noch Platz für Fluß und
Straße, und auf beiden Seiten steigen die Gebirgswände schroff in die
Höhe. Hoch oben hängen die Schneewächten, zwischen ihnen ein Streifen
blauen Himmels.
Hier und da lagen große Schneelawinen. Sie folgen im Närötal rasch
aufeinander, und unglaublich sind die Geschichten, die man von ihnen zu
hören bekommt. Man muß sich geradezu wundern, daß Menschen hier leben
wollen, am Fuße dieses immer drohenden Berges. Aber sie gewöhnen sich
so daran, daß eine Lawine für sie etwa soviel bedeutet wie für uns ein
Gewitter. Wenn sie nur sehen, daß die Lawine nicht ihren Weg kreuzt, so
sind sie ruhig, wenn sie kommt, auch wenn der Boden unter ihnen wie bei
einem Erdbeben erzittert. Der Luftdruck, der der Lawine voranzugehen
pflegt, ist so stark, daß er weiter draußen, wie die Sage geht, Leute
auf die andere Seite des Fjords hinübergeworfen hat.
Die Lawinen können zuweilen so groß sein, daß sie den ganzen Fjord
füllen und Boote und was sie sonst auf ihrem Weg antreffen, unter sich
begraben.
Einmal konnte sich ein Dampfer nur mit knapper Not retten. Als
die Leute die Lawine kommen hörten, suchten sie unter Volldampf
zu entkommen. Im letzten Augenblick gelang es ihnen auch. Nur das
Achterende und ein Stück des Decks bis zur Kajütentreppe wurden mit
Schnee angefüllt. Im Nu war der ganze Fjord voller Schnee, und wäre der
Dampfer nur einige Schiffslängen zurück gewesen, so wäre er begraben
worden und wohl niemals wieder an die Oberfläche gekommen.
Eine große Lawine war kurz vor meiner Ankunft in dem Fjord
niedergegangen, und man bekam ordentlich Respekt davor, wie sie dort
lag und sich weiß leuchtend von den dunkeln Bergwänden an den Seiten
und dem schwarzen Wasser darunter abhob.
In Gudvangen zeigten sie mir auch einen großen Block, der vom Gebirge
herabgekommen war. Er hatte sich zu oberst auf dem Kamm losgelöst und
war in drei Sprüngen herabgesaust. Beim zweiten Sprung war er wie eine
Kanonenkugel quer durch beide Wände eines Hauses hindurchgegangen, mit
einer solchen Geschwindigkeit, daß die Löcher, die er geschlagen hatte,
nicht größer waren als er selbst. Beim dritten Sprung fuhr er durch
Dach und Wand eines andern Hauses, schlug eine Frau tot und eine zweite
zuschanden und bohrte sich dann in die Erde ein, wo er noch lag.
Von Gudvangen ging es mit dem Dampfschiff am sternklaren Abend durch
den Näröfjord und weiter nach dem Lärtal.
Am nächsten Morgen früh fuhr ich bei mäßiger Schneeschuhbahn durch das
Lärtal hinauf. Das Wetter war ganz gut, aber der Schnee war schlecht,
und der Weg wurde bald ganz schwarz, so daß ich die Schneeschuhe tragen
mußte. Auch hier ist es eng und wild, aber nicht so wie im Närötal.
Hier und da waren Lawinen niedergegangen, die nun weißleuchtend unten
an den Berghängen lagen.
Im Verlauf des Vormittags ließ ich mich bei einem kleinen Bach am Wege
nieder, holte den Proviant hervor und begann zu frühstücken. Eine tiefe
Schlucht durchschnitt die jähe Bergwand bis zum Gipfel hinauf. An den
gewaltigen Schneemassen konnte ich erkennen, daß eine große Lawine
niedergegangen war.
Wie ich eben in die Umgebung vertieft dasaß, dem Getöse des Wasserfalls
lauschte und an den Sommer dachte, da man mit der Angel am Fluß entlang
gehen konnte -- es gab hier so schöne Fischgumpen -- wurde ich von
einer gellenden Stimme aus meinen Träumen geweckt.
„Du bist wohl nicht recht bei Trost, dich hierher zu setzen, gerade
unter eine Lawine?“
Ich fuhr auf. Ein Bauer kam in schneller Fahrt auf einem Schlitten
vorüber.
„Ach, es wird wohl nicht so gefährlich sein.“
„Nicht gefährlich? O ja, es ist schon manchem hier schlecht gegangen.
Kommen die Lawinen herunter, dann füllen sie das ganze Tal.“
„Man hört wohl, wenn sie kommt, und kann dann flüchten?“
„Hören, wenn sie kommt? Mann, das geht so schnell wie ein
Büchsenschuß.“
Wie ich noch darüber nachdachte, kam wieder einer gefahren. Er trieb
das Pferd an und rief mir zu, ich möge sehen, daß ich weiterkomme.
Weiter oben traf ich einige Männer, die mir erzählten, die Schlucht
heiße Saueskluft und sei wegen ihrer Lawinen, die den ganzen Talgrund
sperren können, die gefürchtetste Stelle im Lärtal. Sie kämen vom
Gipfel herab und wüchsen durch den Schnee, der von beiden Seiten
herabstürze, und auf ihrem langen Weg könnten sie eine unheimliche
Größe erreichen. Was ich da sah, war nur der erste Absturz, der den Weg
für das ebnete, was nachkommt und das nun zu erwarten war. Da würde ich
etwas ganz anderes zu sehen bekommen.
So marschierte ich denn weiter. Bald konnte ich die Schneeschuhe wieder
anschnallen, und es ging nun schnell durch die wilden Gebirgsschluchten
hinauf. Der Fluß tief unten war mit Eis bedeckt, unter dem er einen
ruhigen Lauf hatte. Um die offenen Löcher herum und von Loch zu Loch
gingen Otterfährten. Hier lebt der Otter sommers und winters. Man
erschauert, wenn man in diese schwarzen Löcher hinabsieht und sich
vorstellt, man solle untertauchen und in diesem kalten Wasser leben.
Aber dem Otter geht es gewiß ganz gut, Fische gibt’s hier genug.
Auf einmal höre ich ein munteres lautes Zwitschern. Erstaunt sehe ich
mich um. Gibt es hier auch Vögel? Jetzt derselbe Klang wieder. Nicht
von den Bergwänden herab, nein, von unten her. Da fliegt wahrhaftig der
Sänger das Eis entlang, und nun taucht er mitten in den wilden Fall
hinein. Das war die Wasseramsel. Ihr ist das Leben nie zu schwer,
außer wenn der Fluß zufriert und sie kein offenes Wasser mehr findet.
Weiter oben, nach Borgund zu, beginnt sich das Tal zu weiten. Nachdem
ich an Huse vorübergekommen war, bog ich bei Vindhellen in den alten
Weg ein, der in steilen Windungen aufwärts führt, dafür aber viel
kürzer ist.
Über einen Felsrücken geht es an der andern Seite wieder bergab. Man
kann hier weit in das schöne Borgundtal hineinsehen; unten rechts liegt
die alte Holzkirche von Borgund, die neue Kirche unmittelbar neben ihr.
Sie ist schön im Sommer, aber schöner noch ist sie anzusehen in dem
weißen Winter, wenn ihre vielen Giebel und Dächer mit Schnee bedeckt
sind.
Es war schon längst dunkel geworden, als ich gegen sieben Uhr in Burlo
anlangte und die langen steilen Höhen zum Filefjell hinaufstieg.
Der Weg war schwierig. Die Beine, die noch nicht recht geschmeidig
waren, machten sich auch bemerkbar, und ich war den Tag über auf der
schlechten Bahn nicht wenig gegangen. Doch hatte ich es mir in den Kopf
gesetzt, die Nacht in Breistölen zu schlafen, und da mußte ich eben
gehen, bis ich dorthin kam.
Ich band die Schneeschuhe zusammen und zog sie hinter mir her. Wenn
nichts andres, so war es doch eine kleine Abwechslung, sie nicht mehr
beständig an den Füßen zu haben.
Bald begann die Bergweite sich vor mir auszubreiten, während hinten das
Tal im Dunkel lag. Über mir flimmerte der Sternhimmel und warf einen
unsichern Schein über die Berge. Die Nacht war still, kein anderer Laut
war zu hören als meine eigenen Schritte im Schnee.
Wie ganz anders war es doch, als ich im letzten Winter an Weihnachten
hier wanderte; es war just um dieselbe Tageszeit. Jetzt dieser tiefe
Friede. Man sieht geradezu in den Weltenraum hinein. Damals Sturm und
Schneetreiben, das ganze Bergland im Gestöber, so daß man nur ein paar
Armlängen weit sehen konnte. Der Gegenwind war so stark, daß man auf
den Schneeschuhen zurückgeworfen wurde; man mußte sie abschnallen,
um nur vorwärtszukommen. Der Hund jammerte und zitterte unter den
Windstößen.
Endlich erglänzten auch diesmal die Fenster von Breistölen lockend in
die Nacht hinein, und bald war ich unter Dach.
„Herrjesses, ist denn jemand noch so spät in der Nacht im Gebirge?“
„Jawohl, es ist einer da.“
„Ach nein, du bist’s? Du bist ja immer so spät unterwegs.“
Ich bekam Milch, und dann ging’s ins Bett. Es läßt sich nicht leugnen,
es gibt wenige Genüsse im Leben, die den übertreffen, sich nach einem
beschwerlichen Tag in einem guten Bett auszustrecken, nachdem man den
Durst gestillt und sich satt gegessen hat.
Am nächsten Morgen ging es über das Filefjell weiter nach Bjöberg.
Gerade als ich von Breistölen aufbrach, ging die Sonne auf und ergoß
ihre Röte über das Nebelmeer und die Berggipfel, die wie weißrote Zelte
aus dem Nebel aufragten. Das Tal, aus dem ich kam, lag ganz unter
den Nebelwogen verborgen. Über der Berglandschaft aber spaltete sich
der Nebel immer mehr und mehr, so daß die Sonne in breiten Streifen
durchdrang, während einzelne warmgetönte Nebelfetzen um die Gipfel
krochen.
Nun galt es, vom Westland Abschied zu nehmen. Nach Osten hatte ich nur
das weiße Hochland vor mir.
Wie ich in dieser Stille dastand, weckte mich auf einmal Lärm in
nächster Nähe; donnernd ging in dem Berge hinter mir eine Lawine herab;
der Rauch stieg zum Himmel an. Sie erreichte den Grund -- das Echo
erstarb im Schnee -- nur einige feine weiße Schneewolken umschwebten
noch die Bergwand.
Ich setzte meinen Marsch fort. Es war richtiges frisches Winterwetter.
Die Sonne glitzerte in Tausenden von Eisnadeln. Ringsum erhoben sich
die kuppelförmigen Berge in weißer Pracht. Alles lag im Sonnenlicht,
alles war glänzend weiß. Nur hier und da zogen schwarze Wolkenbüschel
um einzelne Berggipfel, während sich der Himmel darüber hellblau und
fleckenlos wölbte.
Ich fuhr über Bergrücken und Gipfel. Es war gerade kein kurzer Weg,
aber man konnte auf den Schneeschuhen stehen, und das war ja die
Hauptsache.
Um die Mittagszeit erreichte ich Bjöberg. Dort waren zwei Jäger aus dem
Lärtal auf der Schneehuhnjagd, und nach dem, was man auf dem Söller des
Hauses sah, war kein Mangel an Schneehühnern. Die Männer saßen, als
ich ankam, gerade bei Tisch und genossen offenbar das Leben, wie es
Jäger zu tun pflegen. Ich wurde sofort herzlich eingeladen, mit ihnen
zu speisen; dazu brauchte es keine große Überredung. Das Mahl war
freilich nicht zu verachten: frischer Renntierbraten von Fleisch, das
seit dem Herbst unter dem Schnee gelegen hatte und so frisch war, als
sei das Tier erst gestern erlegt, und dann mehrere andere Gerichte. An
Getränken fehlte es auch nicht; es gab Bier, Schnaps, Milch, Rotwein,
Sherry. Als wir den Durst gestillt und uns satt gegessen hatten, kamen
Kaffee und Zigarren. Und wahrhaftig, da brachte der alte Knut Bjöberg
aus dem Keller auch noch Curaçao herbei.
Das war eine andere Bewirtung als im vorigen Winter. Damals kam ich
auch auf Schneeschuhen mit einem Hund daher. Als ich in die Küche trat,
stand dort Bjöberg. Er sah mich von der Seite von oben bis unten an und
schielte nach dem Hund.
„Kann ich etwas zu essen bekommen?“ fragte ich.
„Dort kannst du dir nehmen“, antwortete er und zeigte auf den Tisch, wo
eine halbgeleerte Schüssel mit Grütze und etwas saure Milch in einem
Topfe stand. Ich sah die Schüssel an und sagte langsam:
„Ich bin ja gerade kein Kostverächter, aber wenn es angeht, möchte ich
doch am liebsten etwas Fleisch haben.“
Da warf mir Bjöberg einen scharfen Blick zu und fragte:
„Kannst du denn das Essen auch bezahlen?“
Ich erwiderte: „Freilich will ich bezahlen!“ Und da bekam ich denn
etwas gekochtes Fleisch.
Er hielt mich für einen Landstreicher, für deren Beköstigung sie auf
diesen Berghöfen vom Staate Bezahlung erhalten. Es konnte ja nicht
anders sein, wenn einer in der Winterszeit hier auf Schneeschuhen
daherkam, den Rucksack auf dem Rücken und mit so einem Hund! Aber jetzt
hatte der alte Bjöberg-König eine andere Ansicht von mir bekommen. Er
wußte gar nicht, was er alles mit mir anstellen sollte.
Ja, es war ein gemütlicher Mittag. Es ist eigentümlich: wenn Jäger
zusammenkommen, gibt es nicht viele Umstände; sie sind gleich gute
Freunde. Und manche Jagdgeschichte würzte das Mahl.
Die beiden Männer drangen immer mehr in mich, ich möchte dableiben
und mit auf die Schneehuhnjagd gehen. Flinte und Patronen sollte ich
erhalten, und schöne Hühner gebe es genug. Wahrhaftig, es gehörte
weniger dazu, ein Jägerherz in Brand zu setzen. Aber unterwegs begann
ich unschlüssig zu werden. War es nicht doch das beste, weiterzuziehen,
um zu dem Schneeschuhwettlauf zu kommen, den ich mir nun einmal in
den Kopf gesetzt hatte? Und so leid es mir tat, nahm ich Abschied von
diesen gemütlichen Menschen, dankte für all ihre Gastlichkeit und zog
weiter übers Gebirge nach dem Hemsetal zu.
Ich hatte mir’s in Bjöberg doch zu bequem gemacht. Es dämmerte schon,
die Sterne traten allmählich hervor, und der neue Mond stand im Süden
über dem Gebirge. Als ich an dem stillen Abend weiterwanderte, hörte
ich von der andern Seite des Tals herüber aus den Weidengebüschen das
Gack-gack-gack-gack der Schneehühner. Sie waren wohl dabei, sich für
die Nacht eine Unterkunft zu suchen.
So eine Bewirtung mag recht gemütlich sein, aber es fragt sich, ob sie
für den gut ist, der weiterwandern soll. Ich habe sonst eine gute
Lebensregel: Trink nicht viel und rauche nicht, wenn du einen langen
Weg vor dir hast. Heute hatte ich beides getan. Aber ich fühlte es auch
wie Blei in den Gliedern.
Es war spät, als ich Tuf im Hemsetal erreichte. Da ich entschlossen
war, am selben Abend noch weiterzukommen, um wenn möglich am nächsten
Tag Gulsvik zu erreichen, wollte ich hier am liebsten ein Pferd haben.
Die Lampe unter dem Balkendach erleuchtete matt den großen Raum, in
den ich trat. Um den Tisch herum saß eine ganze Gesellschaft, meist
Pferdehändler, die Karten spielten. Man schlug auf den Tisch, und das
Geld klirrte. Ich wurde sogleich eingeladen mitzutun, zog es aber
vor, weiterzukommen. Es gab saure Gesichter, daß man so spät noch
heraussollte; aber ein Pferd bekam ich. Die Fahrt in dieser sternklaren
Nacht war etwas kalt, leicht angezogen und müde wie ich war. Aber ab
und zu ein Dauerlauf half darüber hinweg.
Endlich blinkt ein Licht durch den Wald. Wir biegen auf einen Hofplatz
ein und sind an der Poststation Kleven. Mitternacht ist schon vorüber.
Alle Leute schlafen. Wir donnern gegen Türen und Fenster, erhalten aber
keine Antwort. Endlich werden einige Mägde wach. Licht wird angezündet.
Aber auch hier ist alles von Pferdehändlern besetzt, die ostwärts auf
die Märkte reisen. Nach einigen Unterhandlungen läßt sich doch noch
Unterkunft schaffen, und ich erhalte ein Bett und ein Fell.
Am nächsten Morgen gegen neun Uhr ging es wieder auf Schneeschuhen das
Hemsetal hinab. Die Berglehnen stiegen zu beiden Seiten gleichmäßig an.
Der Fichten- und Kiefernwald stand frisch und schön unter der Last
des Schnees. Da und dort lagen oben auf den Hängen Sennhütten in den
weißen Almwiesen, und im Talgrund murmelte der Fluß geschützt unter dem
Eis. Wie winterstill es war! Ja, nun bin ich zum norwegischen Winter
zurückgekehrt. Das Herz jubelt.
Dort ist ja bereits Rolfshus. Vielleicht ist es möglich, heute noch die
siebeneinhalb Meilen bis Gulsvik zurückzulegen. Es ist erst halb elf
Uhr; anderthalb Meilen in anderthalb Stunden, das verspricht Gutes. Mit
neuem Mut geht es durch das Hallingtal nach Nes.
Hier bekam ich ein kräftiges Mittagessen und hielt eine Stunde Rast,
dann ging’s die vier Meilen nach Gulsvik weiter.
Der Schnee fiel in weichen, dichten Flocken. Ich hatte Angst wegen
der Bahn. Die Schneeschuhe blieben schon etwas haften, aber es ging
vorwärts, und solange kann man ja zufrieden sein.
Spät in der Nacht kam ich endlich müde und durstig nach Gulsvik. Aber
nun war ich bald am Ziel: nur noch die vier Meilen über den Krödersee
und morgen mittag mit dem Zug weiter. Dann kann ich am Sonntag ausruhen
und mich für den Schneeschuhlauf am Montag etwas üben.
Ein paar Liter gute süße Milch, wie köstlich das schmeckt! Gibt es
wohl etwas Besseres? Und dann zu Bett gehen und die müden Glieder mit
Wohlbehagen in den Wolldecken ausstrecken!
Am nächsten Morgen war wieder klares Wetter. Die Sonne schien, als
ich um neun Uhr von Gulsvik aufbrach. Ich dachte an den Ringnesrücken
mit seinen lockenden Höhen. Aber die Zeit war zu knapp, um noch
den Dreiuhrzug zu erreichen. Deshalb war es am besten über das
Eis zu fahren; auf den Schneeschuhen ging es darüber in größter
Geschwindigkeit.
Schimmernd weiß lag der Krödersee
Unter den steilen Birkenhalden.
Und dann oben rundherum die Fichtenhänge und hoch über dem Ganzen der
weiße Noreberg. Ja, hier ist es schön, winters und sommers!
In Ringnes war ich gegen zwölf Uhr, und da es von dort noch eine Meile
bis Olberg ist, mußte ich mich beeilen. Von neuem ging es weiter, was
Glieder und Schneeschuhe nur leisten konnten, und in weniger als einer
Stunde war ich in Olberg. Ich hatte noch mehr als zwei Stunden bis zum
Abgang des Zugs und nur noch eine Meile zu laufen. Ich konnte bequem
einkehren und eine Weile ruhen.
Als ich in der Sofaecke saß, war die Versuchung zu stark. Es war
vielleicht doch gut, die letzte Meile zu fahren, und im Pelze des
Posthalters, die Schneeschuhe hinter mir, den Hund vor mir, sauste ich
im Schlitten in scharfem Trab übers Eis nach dem Bahnhof.
Von Kristiania zurück nach Voß.
Die Schlittenschellen klingelten munter in die Nacht hinaus. Vor mir
erstreckte sich das Krödereis blank in das Dunkel hinein. Hoch oben
strahlten die Sterne. Die Gedanken gingen im Takt mit den Schellen,
während ich im Schlitten saß.
Die Hauptstadt und ihr Lärm lagen hinter mir; es ging wieder hinauf in
die freien Berge. Die Tanzmusik des letzten Abends summte und hüpfte
noch in den Ohren.
Welcher Wechsel! Am Ufer des Krödersees unter den dunkeln Höhen
blinkten freundliche Lichter aus Höfen und Hütten in die Nacht hinein.
Welcher Friede! Wie still und ruhig fließt das Leben an diesen
Berglehnen dahin. In der Stadt dagegen....
Schwapp, schwapp, das Pferd trat durch die brüchige Eiskruste. Ich
schreckte aus meinen Gedanken auf, fuhr schärfer zu, und flott ging es
bald über Glatteis, bald über Krusteneis nach Olberg.
Am nächsten Morgen im Schlitten weiter über den Krödersee. Wie rasch
sich alles verändert! Als ich vor etwa anderthalb Wochen diesen Weg
kam, herrschte hier strenger Winter, und alles war weiß. Schwer lag der
Schnee im strahlenden Sonnenschein auf Wald und Busch. Jetzt aber war
alles schwarz und traurig, nur hier und da vereinzelte weiße Streifen.
Die Bäume standen nackt, die Dächer der Hütten waren ohne Schnee, das
Eis blank und naß, die Luft dunkel und regenschwer, und die Höhen mit
dem feuchten Nebeldach, wie waren sie düster und schwermütig! Der
lichte, frische Winter war verschwunden.
Das war wenig versprechend für den, der die Schneeschuhe gebrauchen
wollte....
Doch es wird sich schon machen. Auf den Höhen liegt Schnee --, und
schnell ging es das Hallingtal hinauf auf der gewölbten, blanken
Straße, wo es oft recht schwer war, den Schlitten in der Mitte des
Wegs zu halten, ohne in die Gräben zu geraten.
Lange Strecken konnten wir den Fluß hinauffahren; dort lag blankes
Schlittschuheis. Mehr und mehr ärgerte es mich, daß ich die
Schlittschuhe nicht mitgenommen hatte. Sicher hätte ich fast den ganzen
Weg vom Bahnhof über den Krödersee und den Fluß hinauf bis weit hinein
nach Ål laufen können. Das wäre eine lange Schlittschuhfahrt geworden.
Doch -- -- da trat das Pferd durchs Eis -- -- ein Ruck in die Zügel,
nach links, und wir waren geborgen. Man muß gut aufpassen. Nach dem
langen Tauwetter ist das Eis mit seinen Löchern jetzt heimtückisch.
Schon begann es zu dämmern, als wir am Nachmittag Nes erreichten. Aber
ich wollte noch die zwei Meilen bis Rolfshus zurücklegen und gern
die steifen Glieder wieder geschmeidig machen. Deshalb nahm ich die
Schneeschuhe auf die Schulter und marschierte weiter.
Es war dunkel, und der Weg war glatt und beschwerlich zu gehen. Vom
Fluß her vernahm ich den Lärm des Eises, dazu Rufe und Gelächter.
Schlittschuhläufer amüsierten sich offenbar gut, und auch die
Dunkelheit hatte sie nicht nach Hause getrieben.
Bald kam ich an einem Gehöft vorüber -- es mochte irgendeinem Beamten
gehören -- und hörte die gebietende Stimme einer Hausmutter ins Dunkel
hinausrufen: „Na, kommen sie noch nicht?“
Und eine Mädchenstimme antwortete im Hallingdialekt: „Nein, ich habe
mich schon heiser geschrien, aber sie wollen nicht gehorchen.“
Da stand die Kindheit mit einem Male lebendig vor mir. Ja, wenn das Eis
blank auf Fluß und Teich lag, war es nicht leicht, uns nach Hause zu
unsern Schularbeiten zu bringen....
Der Freitagmorgen brachte klares Wetter und einige Grade Kälte. Von
Rolfshus aufwärts lag soviel Schnee am Straßenrand, daß ich die
Schneeschuhe benutzen konnte.
Ich stand vor der Entscheidung: sollte ich wieder den Weg durchs
Hemsetal und über das Filefjell einschlagen? Das war ja das Sicherste,
aber auch etwas zu zahm. Nein, dann lieber durch Ål und über die
Hallingberge. Das Wetter lockte. Sicher gab es im Gebirge gute Bahn,
und man hat ja die Wahl zwischen drei Übergängen: über den Gjeiterücken
nach Aurland hinunter, oder über Nygard nach Eidfjord in Hardanger,
oder auch den längeren Weg über Vosseskavlen nach Voß hinab. Einer
davon mußte doch möglich sein...
Nach Sundre kam ich kurz nach Mittag; ich sprach hier mit dem
Posthalter, welcher Weg wohl der beste sei, doch müsse ich morgen
jenseits des Gebirges sein. Das sei unmöglich, meinte er; er war bloß
den Weg über Nygard nach Eidfjord gegangen; aber ich könnte Nygard
heute nicht erreichen, denn bis dahin seien es fünf Meilen, ich müsse
warten.
Nein, das dauerte zu lange. Dann wollte ich lieber nach Gudbrandsgard
fahren, dem höchsten Gehöft des Bezirks nach Sogn und Voß zu. Bis dahin
waren es vier Meilen, und von dort aus kam ich morgen wohl wenigstens
bis nach Aurland in Sogn, vielleicht sogar nach Voß. Dort war aber
der Posthalter nicht bekannt, und nie hatte er gehört, daß jemand im
Winter diesen Weg eingeschlagen hätte. Er glaubte auch nicht, daß
es ginge. Ich meinte, ich wolle es versuchen. Dann war es aber das
beste, ein Pferd bis Nerål, der letzten Station im Tal, zu nehmen,
um Gudbrandsgard vor Einbruch der Nacht zu erreichen und am nächsten
Morgen in aller Frühe aufbrechen zu können.
Ein Pferd bekam ich, und schnell genug ging es bis Nerål über das
blanke Eis der vielen Seen. Von dort mit frischem Pferd weiter nach
Gudbrandsgard. Aber nun war es spät am Nachmittag geworden, und es
dämmerte schon. Die Straße war gewölbt und vereist. An vielen Stellen
geht es durch enge Schluchten, die Bergwand an der einen, den Abgrund
und den Fluß auf der andern Seite. Man mußte vorsichtig fahren.
Diese Straße war vielleicht die, die König Sverre im 12. Jahrhundert
nach seinem Marsch übers Gebirge von Voß her mit seinen Anhängern, den
Birkenbeinern, gekommen war...
Der Weg wurde schlechter. Es war stockdunkel. Über den Bergen schien
sich ein Unwetter zusammenzuziehen. Das versprach für morgen nichts
Gutes.
Endlich waren wir auf dem Sundalsfjord, und in scharfem Trab ging es
nach Gudbrandsgard.
Ich trat in eine große gemütliche Stube. Auf dem Herd flammte ein
Scheiterhaufen harzigen Kiefernholzes. Sie hatten sich schon schlafen
gelegt, waren aber gleich aufgestanden. Von den nahe der Decke
angebrachten Betten sahen einige fragende Gesichter herab.
Etwas recht Gemütliches und Warmes haben diese alten Hallinghöfe,
und gerade Gudbrandsgard ist einer von den echten. Wände und Dach
sind schwarz von Feuer und Rauch, aber sie würden nur verlieren, wenn
sie frisch gescheuert würden. Diese braunen Holzwände und dieses
rauchgeschwärzte Balkendach bergen Erinnerungen.
Ich zog einen Stuhl an den Herd und streckte mich behaglich aus. Der
Hund kroch dicht an das Feuer heran, starrte hinein und machte sich’s
recht bequem.
Ich plauderte mit dem Bauern über die Aussichten, morgen übers Gebirge
zu kommen.
„Ja, nach Aurland kommst du wohl hinüber. Im Gebirge ist jetzt gute
Bahn.“
„Ich möchte am liebsten über Hallingskei und Vosseskavlen nach Voß,“
wandte ich ein.
„Das wirst du wohl nicht schaffen. Ich bin in der Gegend nicht bekannt
und habe auch nicht gehört, daß einer den Weg im Winter gegangen ist.
Du willst doch nicht etwa allein dorthinüber gehen?“
„Im Herbst vorigen Jahres bin ich schon dort gegangen. Wenn ich
aber einen Begleiter kriegen kann, so möchte ich gern einen guten
Schneeschuhläufer haben, der die Gegend kennt.“
„Hier im Tal wirst du nicht leicht einen finden, der dich jetzt übers
Gebirge nach Voß begleiten wollte. Der einzige wäre Andres Myrestöle.
Er treibt Renntierzucht und Schneehuhnjagd und ist im Gebirg überall
gut bekannt. Wenn er dich nicht begleiten will, so ist gewiß kein
andrer aufzutreiben.“
Nach Myrstöl waren es fünf Viertelmeilen. Es lag gerade auf meinem Weg
bei Strandefjord. Das beste war, am frühen Morgen aufzubrechen und
dort vorzusprechen. Die Frau versprach, mich um ½3 Uhr zu wecken und
etwas Essen bereitzuhalten.
Wie groß war meine Überraschung, als ich Rahmgrütze auf dem
Frühstückstisch vorfand.
„Du mußt mit dem vorliebnehmen, was da ist,“ sagte die Frau. „Grütze
hält lange vor, und dann wird man nicht durstig davon.“
Ja wahrhaftig, ich nahm vorlieb, wenn auch nicht gerade, weil ich
jetzt im Winter im Gebirge den Durst fürchtete. Aber ich sollte die
Richtigkeit ihres Wortes, daß Grütze auch für den Durst gut sei, noch
bestätigen müssen.
Die braven Menschen! Wie gut sie es meinten, und als ich mich
verabschiedete, ermahnten sie mich dringend, vorsichtig zu fahren!
Dann ging es in die mondhelle Nacht hinaus. Die Bahn war gut, der
Schnee hart. Bevor ich das Tal verließ, mußte ich mehrere Male fühlen,
daß Mondschein für Schneeschuhläufer heimtückisch ist. Der Schnee
leuchtete in silbernem Glanz, wo nicht Abhänge und Vertiefungen dem
Mond abgewandt waren. In den wenigen zerstreuten Waldstrecken warfen
die Bäume lange Schatten. Die Berglehne im Süden lag im Dunkel.
Ich sauste eine lange Anhöhe hinab. Erst durch ein Wäldchen, dann aufs
offene Feld hinaus. Aber auf einmal lag der Weg wieder im Schatten.
Dichtes Gebüsch stand zu beiden Seiten. Bums! Die Schneeschuhspitzen
rannten gegen einen Schneebuckel -- und ich lag auf der Nase. Nun, das
war nicht das einzige Mal.
Allmählich ließ ich das Tal mit den Bäumen und Büschen hinter mir. Im
Westen lag die Bergweite wogend vor mir. Wohin das Auge schaute, war
Schnee, Schnee, weißer, schimmernder Schnee.
Schnell ging es vorwärts. Mein Schatten tanzte neben mir her. Ich kam
auf einen Bergrücken hinauf; vor mir breitete sich westwärts weit
hinaus die weiße Fläche des Strandefjords, und den Hang hinunter ging
es gerade auf ihn zu. Die Schneeschuhe hüpften über die Schneewehen wie
über erstarrte Wogenkämme; es ging mit rasender Geschwindigkeit. -- Nun
war ich drunten auf dem Eise und hatte nur noch eine halbe Meile bis
Myrstöl.
Bald meldete sich über der Bergreihe im Osten der Tag mit tiefstem
Feuerrot, das nach und nach stärker und heller wurde. Berge und
Schneeflächen empfingen einen seltsam unwirklichen blauvioletten
Schein. Aber noch schien der Mond und warf lange Schatten.
Da lag auch schon Myrstöl. Ich ging um das Haus herum, um den Eingang
zu finden. Es sah ganz so aus wie ein Stall. Ich klopfte, man
antwortete, und ich öffnete die Tür. Ich sah in einen Raum mit Feuer
auf dem offenen Herd, einige Frauen standen dort. Ein scharfer Geruch
von Kühen schlug mir entgegen, und ich hörte die Tierlaute aus dem Raum
nebenan und aus dem Raum unter der Diele. Ein solches Zusammenleben von
Mensch und Vieh unter einem Dach hatte ich noch nie gesehen. Aber es
gab Wärme, und Holz war spärlich, so tief im Gebirge.
„Guten Morgen, ist der Bauer zu Hause?“
„Nein, er ist bei Sennhütten jenseits des Fjords. Sie sind dabei,
Renntiere zu zeichnen.“
Das Glück ist ein launischer Vogel. Die Renntierherde, die sie hier
halten, hatte ich nicht in Rechnung gesetzt.
„Wie weit ist es bis dahin?“
„So eine halbe Meile Wegs wird’s wohl sein.“
Hm, bis Voß waren es wohl sieben oder acht Meilen. Da noch zwei halbe
Meilen zuzulegen, war etwas viel. Ich mußte sofort weiterwandern.
Aber etwas Proviant und eine Schachtel Streichhölzer hätte ich gern
mitgehabt.
„Hast du etwas Proviant für mich zum Mitnehmen?“
„Da kann wohl Rat geschafft werden, wenn du mit dem vorliebnehmen
willst, was wir haben. Aber wohin willst du denn? Du willst doch nicht
etwa jetzt allein durchs Gebirge gehen?“
Jawohl, daran hätte ich gedacht, und die Bahn wäre im Gebirge jetzt
wohl gut.
„Ja, das ist sie, und wenn du den Weg kennst, so sind es nur drei
Meilen bis Aurland. Aber die Tage sind kurz, und es kann schwer werden,
bis zum Abend ans Ziel zu kommen.“
Nein, diesen Weg kenne ich nicht. Ich wollte über Hallingskeid,
Gröntalsee und über den Skavlen ins Rauntal hinab.
„Nein! Hat man so was gehört, +den+ Weg jetzt zu gehen! Wo soviel
Schnee im Gebirge liegt!“
Um so besser sei es, meinte ich, dann gäbe es doch gute
Schneeschuhbahn.
„Aber du kommst heute nicht hinüber, und was willst du dann tun?“
Darüber wollte ich unterwegs nachdenken. Sehe es allzu gefährlich aus,
dann könnte ich ja immer noch nach Aurland hinabfahren. Aber auf alle
Fälle möchte ich etwas Proviant mitnehmen.
„Und dann könntest du mir eine Schachtel Streichhölzer geben,“ sagte
ich zu dem jungen frischen Mädchen, das neben mir stand.
„Die sollst du haben,“ sagte sie und mit schelmischem Lächeln in den
Augen fügte sie hinzu: „Aber dann mußt du mir auch versprechen, nicht
übers Hochgebirge zu gehen.“
Das konnte ich nicht versprechen, so leid mir’s tat. Aber vorsichtig
fahren wollte ich und alles gut überlegen, wenn ich auf den
Gjeiterücken kam. Damit gab sie sich zufrieden, und ich erhielt die
Schachtel Streichhölzer, die mit einem Stück Käse und einigen Laiben
Fladenbrot in den Rucksack gestopft wurde. Dann verabschiedete ich mich
und fuhr wieder auf dem Eise weiter. Der Mondschein war vor dem Tage
verblichen.
Ich befand mich gerade am Ende des Strandefjords und wollte eben die
langen Hänge zum Gjeiterücken hinauf, der Wasserscheide zwischen
Hallingtal und Aurland -- da ging die Sonne auf, und ein Strahlenquell
ergoß sich über die Berge.
„Was ist so klar wie das Licht, so rein wie der Morgengedanke?“
Ich zog durch das Tal, das sich gleichmäßig ansteigend aufwärts
windet. Die letzten Sennhütten lagen bald hinter mir. Es ging über ein
zugeschneites Gebirgswasser nach dem andern. Tief unter dem Schnee
brummte der Fluß.
Dann stand ich an der Wegscheide. Nun galt es Aurland oder Vosseskavlen.
Gerade vor mir eine weite Ebene. Draußen am Rande verschwanden die
Berge. Dort ging es abwärts nach Sogn zu. Auf diesem Wege konnte ich
das Tal schnell erreichen. -- Ich wandte mich um: weiß und lockend
breitete sich die Bergweite, Gipfel an Gipfel, wie ein Lager weißer
Zelte bis zum Himmelsrand, blaßrot und klar.
Weshalb den Umweg um Aurland und nicht geradeaus? Hatte ich früher in
Nebel und Regen hinübergefunden, so mußte ich doch jetzt bei klarem
Wetter und guter Schneeschuhbahn wohl auch ans Ziel kommen. Ging es
heute nicht, so ging es morgen, und Unterkunft konnte ich in den
Sennhütten von Hallingskeid oder in der Gröntalalm finden, und im
übrigen ist der trockene Schnee warm genug, wärmer als eine harte
Steinplatte im Herbst, wenn man bis auf die Haut durchnäßt ist.
Ich kam zu der heuschoberähnlichen Kuppel des Såta, die auf
dem Bergrücken gerade da liegt, wo die Täler von beiden Seiten
zusammentreffen. Man kann sie von weither sehen, und sie ist im Sommer
eine gute Wegmarke.
Dort lag in alten Zeiten zwischen zwei großen Blöcken die Hütte eines
englischen Lords. Es gab viele Renntiere, und manche schöne Tiere
wurden hierhergebracht, aber auch manche Saumlast Getränke aus dem
Tale. Die Hütte ist vergessen, das Dach eingestürzt; nur die niedrigen
Steinwände stehen noch. Doch jetzt ist alles tief unter dem Schnee
begraben, und kein lebendes Wesen streift hier vorüber, außer den
Renntieren.
Dort waren frische Fährten einer großen Herde. Wie sie den Schnee
aufgewirbelt hat, während sie davongejagt ist, soweit das Auge reicht!
Dort verlieren sich die Fährten in einem Seitental.
Wie der Wind ging es immer bergab über den hartgefrorenen Schnee auf
den kilometerlangen Abhängen. Viele Wochen lang hatte der Sturm den
Schnee fest zusammengepackt. Das Tauwetter hatte eine dünne Kruste
darübergelegt, und über diese war noch eine dünne Schicht losen Schnees
gekommen. Eine bessere Bahn konnte sich ein Schneeschuhläufer nicht
denken. Es ging fast von selbst, und ich konnte mich vom Wind, den ich
im Rücken hatte, treiben lassen. Zuweilen ging’s über lange flache Seen
zwischen den Bergen, dann wieder über lange Abhänge und durch jähe
Schluchten.
Aber was war das dort für eine Fährte? Wölfe, drei Wölfe! Es ist der
schlimmste Feind des Renntiers, und vor ihm waren sie wohl am Såta
mit solcher Geschwindigkeit geflohen. Die Wölfe scheinen zuzunehmen.
Voriges Jahr haben sie von der Herde zahmer Renntiere beim Strandefjord
drei Stück geholt, dieses Jahr bereits fünf.
Ich hatte darauf gerechnet, daß ich um vier Uhr auf der Höhe des
Vosseskavlen sein und bei Tageslicht ins Rauntal hinabkommen könnte.
Brach die Dunkelheit herein, dann mochte es schwierig genug werden,
sich hinabzufinden. Es war schon über zwei Uhr, und noch war ich
nicht bei den Hütten von Hallingskeid. Sie lagen mitten im Tal, und
ich konnte unmöglich vorübergekommen sein, ohne sie zu sehen. Gleich
hinterher sollte ich ja zum Gröntalsee mit Hütte kommen und dort zum
Vosseskavlen hinauf abbiegen.
Ich lief immer weiter, aber keine Hütte kam. Ich lief über einen See
nach dem andern; doch da ich kein Haus sah, kam es mir nicht in den
Sinn, daß einer von ihnen der Gröntalsee sein könnte. Zuletzt hatte ich
ihn im Herbst bei Regenwetter gesehen. Alle Berge ringsum waren schwarz
gewesen, nur Vosseskavlen im Südwesten hatte den weißen Kamm in das
Nebeldach hinaufgehoben. Jetzt war alles weiß in weiß, so daß ich ihn
nicht wiedererkannte. Ich mußte und wollte erst diese Hütten finden.
Es war schon nach drei Uhr -- es ging stark auf vier. Die Hoffnung,
noch heute hinüberzukommen, begann zu schwinden. Ich mußte sehen, die
Hütten zu erreichen und dort zu übernachten. Dort war wohl vom Herbst
her noch etwas Holz. Aber wo blieben sie nur? Sollte ich Zeit und
Entfernung so falsch berechnet haben?
Das Tal wandte sich ruhig weiter abwärts, und schneller und schneller
eilte ich ungeduldig vorwärts. Wieder war ich am Ende eines langen
Sees. Doch halt! Da vorn verlor ich den Grund unter den Füßen. Die
Schneewächte, auf der ich stand, hing über den Abgrund, und ich sah
unten keinen Grund. Hier war keine Möglichkeit, hinabzukommen. Der Fluß
schäumte und brauste unten durch eine enge Schlucht, jäh fielen die
Talwände ab.
War ich je zuvor hier gegangen? Nein, ich konnte mich nicht entsinnen.
Aber es mußte doch wohl so sein. Tal und Fluß gingen in dieser
Richtung, und ihnen mußte ich folgen, bis ich zu den Hütten kam.
Ich fand einen Abstieg. Er war sehr steil, und es galt sich
festzuhacken, den Stock in der einen, die Schneeschuhe in der andern
Hand.
Endlich war ich unten am Fluß. Doch hier stürzte die Talwand so scharf
zu den Wasserfällen ab, daß es schwer war, sich festzuhalten und nicht
in das schwarze Wasser drunten zu fallen. Ich stieß den Stock bis zum
Griff in den Schnee, und er hielt, wenn der Fuß den Grund verlor.
Da hing die Bergwand über den Fluß über. Hier mußte ich hinauf, wenn
ich vorwärts wollte. Es ging mir nicht in den Kopf, daß ich jemals hier
gewesen sein sollte, es konnte aber nicht anders sein; also kletterte
ich hinauf. Oben hing die Schneewächte über. Ich mußte den Stock so
weit innerhalb der Kante hineinstoßen, als ich nur konnte, dann die
Schneeschuhe daneben -- der Schnee war hart und hielt --, und dann galt
es, sich hinter diesen hinaufzuschwingen. Hierauf kam der Hund, der
auch hinaufgezogen werden mußte; damit war für dieses Mal uns beiden
geholfen.
Es kam nun wieder ein etwas flacheres Stück, und dann ging es mit
rasender Geschwindigkeit nach einem neuen See hinab. Als dieser
überwunden war, folgte wieder eine Schlucht, die noch schlimmer war als
die erste. Nach vielem Klettern kam ich auch hier vorüber und gelangte
an einen dritten See.
Nun ahnte ich aber doch allmählich ernstlich Unheil, wenn mir’s auch
nicht in den Kopf wollte, daß ich verkehrt gegangen sein sollte;
selbst der Anblick von Birken überzeugte mich nicht. Als ich aber am
Ende des Sees einen großen Birkenwald vorfand, dann auf einer Anhöhe
vor einer Schlucht von einer Tiefe von mehreren hundert Fuß stand
und in den dunklen Schlund eines engen, zu beiden Seiten mit Wald
bestandenen Tales hinabsah, da wurde mir klar, daß ich nach Sogn
hinabgekommen war und nicht mehr weit bis Kårdal im Flomstal haben
konnte. Aber das war doch nicht mein Weg, ich wollte ja über den
Vosseskavlen. Also umkehren! Ich mußte diese Nacht auf der Gröntalalm
Unterschlupf suchen.
Das Schlimmste war, daß ich nun wieder die Schluchten, die ich
herabgekommen war, hinauf mußte. War es aber herabgegangen, so kam ich
wohl auch wieder hinauf.
Die Dunkelheit brach schon herein. Es ging gegen sechs Uhr. Bleich
glitzerten die Sterne am blauen Gewölbe. Ich kletterte eine Bergwand
hinauf. Der Schnee war hart und glatt; trat ich hier fehl, dann ging
es direkt in den Wasserfall hinunter. Es wurde steiler und steiler;
dann aber hing die Schneewächte so über, daß ich über die Kante reichen
konnte. Stock und Schneeschuhe wurden fest eingerammt. Ich bekam am
Rande Halt für das eine Knie, und so schnell wie möglich zog ich mich
hinauf und war geborgen. Der Hund war glücklicherweise an einer andern
Stelle hinaufgelangt.
Bald befand ich mich wieder auf einem langen See. Alle Schwierigkeiten
waren überwunden. Jetzt galt es nur die Gröntalalm zu finden. Ich
erinnerte mich, sie lag am Uferrand, gerade unter einem Felsschrofen,
ich konnte sie also unmöglich verfehlen, wenn es auch dunkel war. Nur
die Sterne warfen einen schwachen Schimmer über die Schneefläche.
Über alle Seen aufwärts hielt ich mich am rechten Ufer und spähte
scharf aus, aber nichts anderes sah ich als Schnee und wieder Schnee
und hier und da schwarzes Gestein. Ein See nach dem andern kam -- eine
Almhütte fand ich nicht. Es war wie verhext. Ich mußte bald wieder im
Hallingtal sein.
Ich sah auf die Uhr. Ich konnte sie gerade noch erkennen, sie schien
½10 zu zeigen. Seit drei Uhr morgens waren wir unterwegs. Mochte es
mit der Alm sein wie es wollte; wir konnten auch da, wo wir waren, ein
weiches Bett finden, aber es ging ein beißender kalter Wind, und es
galt, sich vor ihm zu schützen.
Wo der Wind eine hohe harte Schneewehe an einem großen Blocke
zusammengetrieben hatte, grub ich mir ein Lager, zog eine Wolljacke
an, das einzige Kleidungsstück, das ich im Rucksack hatte, und schlief
sofort ein, den Sack unter dem Kopf, den Hund zusammengerollt neben mir.
Ich erwachte. Uff, war es kalt an den Beinen! Ich blickte empor und in
die Weite. Gewiß schien bereits der Mond über den Schneeflächen dort
oben. Ich konnte also ebensogut meine Fahrt fortsetzen.
Der Hund sah mich fragend an, rollte sich aber wieder zusammen. Er
hatte keine Lust, so früh aufzubrechen.
Es war drei Uhr. Ich lief auf und ab und stampfte mit den Beinen. Dann
wieder die Schneeschuhe angeschnallt. Ringsum leuchteten die Berge weiß
im Mondschein. Die Schattenseiten lagen in düsterem Halbdunkel.
Aber wo ging der Weg? Wer jetzt sehen könnte, was die Berggipfel da
oben von ihrer Höhe aus erblickten! Gestern abend mußte ich mich im
Dunkel in ein Nebental verirrt haben; dort schien es gerade aufzuhören.
Es war das beste, sich dessen zu versichern und dann auf demselben
Wege, auf dem ich gekommen war, zurückzugehen. Die Spur von gestern
mußte ich wiederfinden, wenn sie nicht verweht war.
Ich ging los und fand bestätigt, daß es ein Seitental war. Dann kehrte
ich nach dem letzten See zurück, über den ich gegangen war. Dort
waren Schneeschuhspuren. Ich sah mich um, eine Ähnlichkeit mit dem
Gröntalsee, so wie ich ihn in Erinnerung hatte, war wirklich vorhanden.
Die Berge schienen freilich etwas niedrig, aber dort auf der Südseite
erhob sich ja genau so ein steiler Fels wie über der Gröntalalm. Wo
aber waren die Häuser? Sie waren doch nicht etwa ganz eingeschneit?!
Am Fuße des steilen Felsens sah ich mich um. Da zeigte sich wirklich
eine Erhöhung. Ich stach mit dem Schneeschuhstock hinein und stieß auf
festen Boden. Ja, es war nicht unmöglich, daß da das Dach eines Hauses
war. Ich mußte hier ins Gebirge hinaufsteigen, und auf jeden Fall mußte
ich Umschau halten.
Ich stieg bergauf. Der Weg war steil und schwer zu gehen, und es
dauerte einige Zeit, bis ich den Gipfel erreichte. Aber welcher
Rundblick von dort oben! Unter dem ruhigen Glanze des Mondes breitete
sich die Bergweite nach allen Seiten wie ein erstarrtes Meer von weißen
Wellen, Rücken und Tälern mit Ebenen dazwischen -- und baute sich weit
draußen auf in Gipfeln und Gletschern, weiter und immer weiter, und am
äußersten Himmelssaume schwand alles in silbernem Schimmer. Der Schnee
leuchtete, die Firne glitzerten, die Täler aber lagen im Dunkel.
Nicht weit im Osten erhob der Hallingskarv seine gewaltige Masse.
Was dort im Süden blinkte, mußte der Hardangergletscher sein, dann
folgte wohl der große Osefirn. Im Westen aber erhob sich steil ein
hohes Gebirge mit einer ebenen Firnfläche auf dem Kamme, das mußte
Vosseskavlen sein. Gerade unter mir sank der Grund in das Dunkel hinab,
über mir wölbte sich der Himmel tiefblau mit Mond und Sternen.
Doch der Mondschein trügt. Es ist besser, den Tag zu erwarten und
Sicherheit über den Weg zu erhalten. Unterdessen kann man sich wieder
in den Schnee eingraben und einige Stunden schlafen.
Dann brach der Tag an, und es wurde so hell, daß ich deutlich sehen
konnte. Dort im Westen lag wirklich Vosseskavlen, darüber mußte ich
hinweg. Ich konnte also wieder hinabfahren und dann das Tal, das gerade
darauflos führt, entlang gehen; aber erst mußte ich etwas frühstücken.
Die Sonne kam, ein klarer Strahl drang durch den Raum und blitzte über
das Meer von Bergen. Die Gipfel erglühten. Ein wahrer Lichtstrom brach
herein.
Mit rasender Geschwindigkeit ging es ins Tal hinab, dann über einen See
nach dem andern zum Vosseskavlen. Nun fand ich mich wieder zurecht. Die
Hallingskeidalmen und die Gröntalalm waren offenbar ganz eingeschneit.
Endlich befand ich mich auf dem obersten Gebirgssee. Rundherum stiegen
die hohen Felswände auf. Überall lag schwerer Schnee; das gab einen
schwierigen Aufstieg, aber diesen Weg mußte ich gehen.
Schritt für Schritt kam ich aufwärts. Oft mußte ich in der harten
Schneewand Stufen treten und mich mit Stock und Schneeschuh festhacken.
Das Schlimmste waren die großen Schneewächten, und deren gab es
eine Menge. Da mußte ich mich am Schneeschuhstock über den Rand
hinaufschwingen. Der arme Hund! So lange es steil aufwärts ging, war
er auf seinen vier Beinen im Vorteil. Hing der Schnee aber über, dann
stand er ratlos da und begann zu winseln und zu heulen. Gewöhnlich fand
er aber bald irgendeine Stelle, wo er hinaufkommen konnte. Sonst mußte
ich mich oben auf den Bauch legen und ihn nachziehen. Ich mußte seinen
Mut bewundern; am Rande eines Abgrunds konnte er die Schneewand hinauf
die gewagtesten Sprünge machen; trat nur ein Fuß fehl, so mochte es
eine schlimme Reise in die Tiefe geben...
Endlich hatte ich das Schlimmste überwunden. Puh, war das heiß! Das
griff Arme und Beine an, und die Sonne briet. Ich empfand brennenden
Durst, und der Schnee labte wenig. Vor Freude darüber, so weit gekommen
zu sein, holte ich die Apfelsine hervor, die ich solange aufgespart
hatte. Sie war gefroren und hart wie eine Kokosnuß. Ich aß sie ganz,
Schale und Fleisch; mit Schnee gemischt war sie eine gute Erfrischung.
Am Rande des großen Gletschers, der sich nach dem Absturz zu
vorschiebt, wurden die Schneeschuhe wieder angeschnallt, und schräg
ging es die gleichmäßig ansteigende Fläche hinan.
Jetzt war ich oben. Der ebene Firn breitete sich vor mir. Im Westen
blitzten in weiter Ferne die Gipfel nach Voß zu, im Süden und Südosten
das Hardangergebirge mit dem Gletscher und der Osefirn, und hinter mir
hoben sich die schweren Formen des Hallingskarv vom Himmelsrande ab.
Unter mir sah ich den Gebirgskessel, den Bergsee und das Tal, durch das
ich heraufgekommen war. Welch frohes Gefühl, die Hindernisse überwunden
zu haben! Nun gab es keine mehr; nun nur noch bergab, den ganzen Weg
bis Vossevangen.
Hier über diese Berge muß, nach der geschichtlichen Überlieferung,
König Sverre irgendwo mit seinen Mannen, den Birkenbeinern, vor mehr
als 700 Jahren (1177) im November gezogen sein, als er sich vor dem
Feinde das Rauntal hinauf zurückziehen mußte.
„Da nahm König Sverre fünf Führer, die den Weg am besten kannten. Das
war aber auch notwendig, denn das Wetter wurde so schlimm, wie selten
geschieht. Es fiel unerhört viel Schnee... Sie verloren dort 120 Pferde
mit goldenen Sätteln und Zäumen, allerhand Kostbarkeiten, Mäntel,
Waffen und viele andere gute Dinge.“
Das alles hört sich nicht unglaubwürdig an. Für Pferde ist hier ein
schlechter Weg. Schlimmer wird es, wenn es weiterhin heißt:
„Dazu kam, daß sie nicht wußten, wo sie zogen, und nicht einmal Wasser
bekamen sie. Acht Tage lang genossen sie nichts anderes als Schnee.
Am Tage vor Allerheiligen wurde das Wetter so schlimm, so unerhört es
auch klingen mag, daß ein Mann davon den Tod fand, als das Wetter ihn
niederwarf und ihm an drei Stellen das Rückgrat brach. Wenn die Böen
kamen, blieb einem nichts anderes übrig, als sich in den Schnee zu
werfen und die Schilde so fest wie möglich über sich zu halten.“
Das ist eine kräftige Schilderung. Aber wenig glaubhaft ist, daß
Männer, und noch dazu wegkundige Männer, acht Tage lang durch dieses
Gebirge gezogen sein sollen, ohne irgendwo eine bewohnte Stelle
zu finden, mochte das Wetter auch noch so schlimm sein. So etwas
passiert berggewohnten Leuten kaum. Schlimmer ist, daß sie, im Gebirge
angekommen, angeblich kein Wasser finden konnten, anfangs November,
wo es in jedem Bach rieselt. Aber es verhält sich ja so, daß, als die
Saga von Abt Karl Jonsson niedergeschrieben wurde, „König Sverre selber
aufpaßte und sagte, was geschrieben werden sollte“...
Ich ging über den Firn und stand bald auf der andern Seite, wo er
in ununterbrochener glatter Fläche anderthalbtausend Fuß nach dem
Kaldesee abfällt -- immer schroffer und schroffer. Der Schnee war vom
Winde glatt und hart zusammengepackt; hier und da gab es einige Wehen,
zuweilen etwas Harscht. Es konnte schwer werden für die Schneeschuhe,
die Richtung einzuhalten. Aber immerhin -- es ging weiter und mit immer
größerer Geschwindigkeit. Bald flog ich über Wellenkämme, bald wieder
über ebenen Grund. Ich versuchte, die Geschwindigkeit durch einige
Bogen zu mäßigen, doch das half wenig. Auf dem harten Schnee rutschten
die Schneeschuhe nur seitwärts aus; deshalb lieber die Beine zusammen
und geradeaus.
Ich erreichte das Eis, und eine weite Strecke ging es darüber hin.
Nach vollendeter Fahrt zitterte ich an allen Gliedern. Ich schaute
nach oben. Weit droben auf der Höhe arbeitete sich ein dunkler Punkt
abwärts. Das war der Hund, der mir schleunigst nachkam.
Die Bahn wurde immer schlechter. Man merkte die Nähe des Meers. Der
Schnee wurde mehr und mehr von einer glatten Eiskruste bedeckt, die
für die Schneeschuhe sehr schlecht war und auch für die Hand, wenn man
ihr zu nahe kam. Doch schnell ging es durch die enge Schlucht, die vom
Kaldesee zur Opsetalm hinabführt, der höchstgelegenen Alm im Rauntal.
Auf einmal stand ich vor einem Abgrund. Von allen Seiten ging es
schroff hinab nach dem Tale tief unter mir. Die Schneewächte rundete
sich glatt vornüber, und ich fuhr zurück. Es war nicht sicher, ob sie
trug. Gab es hier einen Abstieg? Es sah schlimm aus. Aber vielleicht
ging es in einer engen Schlucht, wo die Schneewächte nicht überhing;
vorsichtig stieg ich Schritt für Schritt ab...
Nun folgten nur noch lange schöne Abhänge und schließlich die lange
Lehne zur Opsetalm hinab. Da gab es eine bedenkliche Geschwindigkeit.
Die Schneeschuhe rutschten auf dem gefrorenen Schnee. Ich fiel und
bekam von dem Harscht einige schlimme Risse am Handgelenk.
So war ich denn im Rauntal, und auf birkenbestandenen Halden, wo
die Schneehühner aufflatterten, glitt ich nach Kleivene hinab, dem
höchstgelegenen Gehöfte der Gemeinde.
Wie durstig ich war! Ich glaube, Sverres Mannen konnten kaum durstiger
gewesen sein. Nichts in der Welt ging jetzt über ein paar Liter süße
Milch.
Ich erreichte das erste Haus. Keine Menschenseele daheim. Bis zum
nächsten Gehöft waren es mehrere hundert Schritt. Das war zu weit. Ich
nahm die Schneeschuhe ab, trat ins Haus und holte mir vom Milchschrank
einen großen Topf süße Milch; ich trank und trank und aß etwas dazu,
und auch der Hund bekam seinen Teil.
Wie ich so auf der Holzbank saß und mir gütlich tat, kam eine Schar
kleiner Mädchen hereingestürzt. Wie angenagelt blieben sie stehen, als
sie mich und den Hund erblickten. Eine Weile standen sie mit offenem
Mund. Ich sagte Guten Tag, bekam aber keine Antwort. Dann stürmten sie
davon, so rasch es ging. Ich muß schrecklich ausgesehen haben.
Nach einiger Zeit erschien eine Frau. Vorsichtig öffnete sie die Tür
und kam herein, blieb aber unschlüssig stehen. Hinter ihr glotzten
einige von den erschrockenen Mädchengesichtern. Ich nickte freundlich:
„Guten Tag, du mußt entschuldigen; ich habe mir von deiner Milch
genommen, aber ich war so durstig und konnte nicht warten.“
„Na, Gott sei Lob und Dank, daß du ein Christenmensch bist; wir
glaubten schon, du wärest ein Troll und dein Hund ein Wolf oder sonst
ein Ungeheuer. Einen so großen Hund haben wir noch nie gesehen.“
Ich hatte einen rotbraunen irischen Setter mit mir.
„Du brauchst dich nicht zu fürchten, er beißt ebensowenig wie ich.“
„Aber wie bist du hierher gekommen?“
„Ich komme über Vosseskavlen aus dem Hallingtal.“
„Nein, hat man so etwas gehört!“...
Sie hatten mich weit oben in der Birkenhalde, in eine Wolke losen
Schnees gehüllt, auf den Schneeschuhen kommen sehen, und dann in
weitem Abstand den Hund in einer andern Schneewolke. Ich war ganz
vollgeschneit und weiß gewesen. Darum hatten sie mich für einen
Berggeist gehalten, der einen Wolf bei sich hatte, und da waren sie
denn nach dem nächsten Gehöfte gelaufen, da nur Frauen zu Hause waren.
Es war auch weiter kein Wunder. Niemals war jemand zur Winterszeit dort
durch das Tal gekommen und selten des Sommers, und einen Hund so groß
wie einen gewöhnlichen Hühnerhund hatten sie noch nie gesehen.
Bald wurden wir gute Freunde, und ich bekam alles, was ich haben
wollte, Milch und Essen.
Ich war müde, und eine halbe Stunde Schlaf konnte gut tun. Ich warf
mich aufs Bett und schlief.
Um vier Uhr ging es weiter. Aber hier im Tal wurde es bald dunkel, und
die Bahn und der Weg wurden für Schneeschuhe bei der Glätte und den
Buckeln immer mehr unmöglich. Als ich Vold erreichte, hielt ich es
daher für das beste, ein Pferd zu nehmen und wenn möglich die letzten
zwei Meilen zu fahren.
Ich trat in eine große Stube mit Lehmboden, in der ein gewaltiges Feuer
auf dem Herde knisterte. Ich wünschte Guten Abend und fragte nach einem
Pferd.
„Ja, das kannst du schon haben, aber doch nicht heute abend?“
„Doch,“ sagte ich, „ich möchte die Nacht in Vossevangen sein.“
„Nein, du, das laß bleiben, bei solcher Bahn und in solcher Dunkelheit
kann man nicht nach Vangen fahren. Der Weg geht gewölbt und vereist
neben dem Abgrund. Beim Sverresteig ist es am schlimmsten, dort ist es
schon am Tage schlecht genug.“
Ich blieb bei meinem Entschluß. Ich wollte noch am Abend ans Ziel
kommen. Konnte ich kein Pferd erhalten, so würde ich zu Fuß gehen.
Nach einiger Überredung gab der Bauer nach und sagte, er wolle es
versuchen.
Endlich brachen wir auf; aber der Weg war schlecht, das war richtig,
und dunkel war es auch. Wir mußten ungefähr ebensoviel gehen als
fahren, aber ich war müde und darum froh, so oft ich sitzen konnte.
Wir erreichten den gefürchteten Sverresteig; er war wirklich schlimm,
hatten wir ihn aber überwunden, dann ging es auf ebenem Wege weiter.
Wir gingen behutsam zu Werk; der Weg war steil und führte unmittelbar
neben dem Abgrund. Er war gewölbt und glatt; es war schwer, Fuß zu
fassen. Ließ man den Schlitten los, so konnte man leicht abrutschen.
Das Pferd aber mit seinem scharfen Beschlag stand fest auf den Beinen.
Wir konnten uns an den Zügeln und am Schlitten halten; so ging es
Schritt für Schritt abwärts.
Endlich waren wir unten. Wir konnten aufsitzen und bald waren wir in
Vossevangen. Es war schon ein Uhr nachts. Ich donnerte an die Tür. Es
dauerte eine Weile, bis sie geöffnet wurde. Die kurze, dicke Gestalt
des Hotelwirts stand in Unterhosen vor mir und rief verwundert: „Ach,
Sie sind so spät noch unterwegs?“
Ich sehnte mich nach einem guten Bett, das ich auch bekam. So tadellos
in der vergangenen Nacht das Lager auf dem Hallinggebirge gewesen sein
mochte, fand ich doch, in Fleischers Hotel in Vossevangen war es besser.
Ein Menschenalter später.
Mitte März 1916 saß ich abends in dem gemütlichen Gastzimmer des
Hotels in Finse und sprach davon, daß ich Lust hätte, noch einmal
auf Vosseskavlen zu stehen und wie in der Jugend Umschau zu halten
und dann den Abstieg auf Schneeschuhen zum Kaldesee hinab und weiter
zu versuchen. Andreas Klem, der Direktor von Haugastöl, mit dem ich
zusammen war, fing sofort Feuer. Wohl schneite es im Gebirge, im Westen
aber war klares Wetter, dessen versicherte er sich sofort durch das
Telephon.
„Fein-feine Schneeschuhbahn! Morgen früh ziehen wir los.“ Nun wohl!
Vor Sonnenaufgang kamen wir mit dem Zug über das Hochland nach Station
Hallingskeid, gerade der Stelle, wo ich an jenem Winterabend vor 32
Jahren nach einer eingeschneiten Sennhütte gesucht hatte, um dort die
Nacht zu verbringen. Auch jetzt hatte ich einen Hund mit.
Die Schneeschuhbahn war gut. Es ging die langen Lehnen von der
Station nach dem Gröntalsee hinab, dann über das Eis und das Tal zum
Vosseskavlen hinauf. Es war blauer Himmel, und bald kam die Sonne.
Ungefähr dasselbe Wetter und dieselbe Bahn wie damals, als ich zuletzt
hier fuhr. Nur schien mir der Weg vom Gröntalsee bis zum Skavlen viel
länger zu sein als damals.
Endlich waren wir beim höchsten Gebirgssee angelangt. Ja, ich fand mich
so ziemlich wieder zurecht. Da waren die schroffen Bergwände auf allen
Seiten und die lange schwere Steigung zum Skavlen hinauf; eine mächtige
Schneemenge war auch da. Aber trotzdem war es anders. Die Steigung
schien mir nicht ganz so schroff, wie ich sie in der Erinnerung hatte,
und dann hingen jetzt keine Schneewächten über. Es war leichter
hinaufzukommen, und der Hund hatte keine Schwierigkeiten.
Vom Vosseskavlen hatten wir dieselbe Aussicht über diese weiße
Bergweite wie einst. Sie war sogar noch wunderbarer, als ich sie in der
Erinnerung hatte, und Andreas Klem fand, nie habe er etwas Schöneres
gesehen, soviel er auch diese Berge durchstreift habe.
Die Fahrt über den Gletscher vom Rande der obersten weißen Fläche bis
zum Kaldesee hinab gestaltete sich noch großartiger, als ich mich
erinnern konnte.
Es war ein mächtiger Abhang, und wir bekamen eine tüchtige
Geschwindigkeit. Aus Leibeskräften bremsten wir mit dem Stock; es ging
aber schneller, als uns lieb war. Schneewehen waren auch viel mehr
vorhanden als jenes Mal, und es war schwer, die Herrschaft über die
Schneeschuhe zu behalten, während sie über die wellenförmige Fläche
tanzten und man sich auf den Stock stützte. Mitten in der schnellen
Fahrt rutschten die Schneeschuhe zu beiden Seiten einer Schneewehe
aus. Die Beine kamen immer weiter und weiter auseinander; es war, als
sollte man in der Mitte gespalten werden. Aber im letzten Augenblick,
bevor das Unheil eintrat, gelang es mir, die Schneeschuhe wieder
aneinanderzureißen... Klem erzählte mir später, ihm sei es ebenso
gegangen, aber auch er habe sich noch im letzten Augenblicke gerettet.
Wir fuhren nun mehrere Bogen, um die Geschwindigkeit etwas zu mäßigen.
Endlich ging es die letzte schroffe Böschung hinunter, gerade auf den
See zu, und in rasender Schußfahrt sausten wir weit aufs Eis hinaus.
Wir schauten zurück. Derselbe Anblick wie damals. Hoch oben ein
schwarzer Fleck, der Hund. Welch gewaltigen Eindruck machte nicht diese
Anhöhe, die von dort oben auf uns herabkam! Wir konnten den Anfang
nicht sehen.
Andreas Klem sagte, nie habe er einen „flotteren Lauf“ gehabt, aber man
fühlte es auch in den Beinen.
Seit ich das letzte Mal hier gefahren, waren viele von denen, die
am Bau der Bergenbahn beteiligt waren, in diese Gegend gereist, und
während der Arbeit am Gravehalstunnel war ja ein beständiger Verkehr
über das Gebirge hin und zurück.
Man hatte später mehrere leichtere Übergänge gefunden, besonders einen
Schneeschuhweg, der der Doktorweg hieß, nach dem ~Dr.~ Brunn,
dem Distriktsarzt von Ål, der damals Arzt bei der Tunnelunternehmung
war. Dieser Weg sollte weiter östlich vom Kaldesee nach dem Myrtal
hinabführen.
Ich wollte am liebsten meine alte Straße ziehen; deshalb fuhren wir
durch das enge Gebirgstal hinunter. Hier lag auf dem Schnee eine blanke
Eiskruste, die uns zwang, sehr behutsam zu fahren.
Endlich erreichten wir denselben Talkessel, in dem mir das letzte Mal
Halt geboten war. Aber es war wahrhaftig viel schlimmer, als ich mich
erinnern konnte. Wir kamen an dieselbe überhängende Schneewächte und
mußten zurück, und nirgends schien es einen Abstieg zu geben.
Wir versuchten es an einer Stelle, wo keine Wächte überhing, und kamen
auch ein Stück herab; aber die Schneewand fiel steil ab und hatte
streckenweise eine harte Eiskruste. Die Schneeschuhe in der einen Hand,
mußten wir Stufen in das Eis stampfen, während wir mit der andern Hand
den Stock hineintrieben, um uns an ihm zu halten. Ich war besser daran
als Klem. Da ich keinen Schneeteller am Stocke hatte, konnte ich diesen
tiefer hineinstoßen. Es ging ein scharfer Wind. Schlimme Windstöße
kamen über die Bergwand auf uns herab.
Schließlich wurde der Abfall so steil, daß es uns nicht mehr geheuer
war. Der Schnee war fast ganz vereist, und es war nicht leicht, Fuß
zu fassen. Wir ließen den Rucksack fahren, um auf alle Fälle ihn los
zu sein. Er sauste hinunter und wurde immer kleiner, bis er endlich
das Tal erreichte. Tief unten sahen wir ihn als einen schwarzen Punkt.
Denselben Weg würden wir nehmen, wenn ein Fuß ausglitt. Aber die
Schneewand war ganz glatt und ging allmählich in den Talgrund über.
Vielleicht war es doch nicht das Schlimmste, wenn wir uns auf den
Rücken legten und hinabrutschten, aber wir wollten uns nicht gern auf
das Experiment einlassen. Man konnte nicht wissen, was wir an Kleidung
noch am Leibe haben würden, wenn wir unten ankamen.
Wir sahen uns um. Oben unter der hängenden Wächte war eine Art Kluft.
Vielleicht war dort besser hinunterzukommen. Wir gingen zurück und
hinauf und machten den Versuch. Eine Weile ging es gut, aber da stürzte
der Hund über die Wächte hinab, überschlug sich in der Luft und fiel
auf einen kleinen Fels am Rande des Abgrunds. Dort faßte er Fuß und war
geborgen. Er war offenbar oben auf der Wächte infolge eines Windstoßes
ausgeglitten.
Bald wurde der Abstieg schroffer, der Schnee härter und verharscht, und
die Windstöße wurden nicht schwächer. Wir fanden es schlimm und wären
am liebsten zu der Stelle zurückgekehrt, wo wir es zuerst versucht
hatten. Aber nein, nun mußten wir da weiter, wo wir waren. Indem wir
eine Stufe nach der andern stampften, kamen wir auf die Felswand auf
der andern Seite der Kluft hinüber. Dort war der Schnee weicher und
der Abstieg leichter. Endlich konnten wir wieder die Schneeschuhe
anschnallen, und dann ging es zum Rucksack im Talgrunde hinab.
Ich konnte mich nicht entsinnen, damals, als ich hier allein ging,
etwas so Schlimmes erlebt zu haben wie den Abstieg in dieser Schlucht.
Es mußte aber wohl ebenso gewesen sein, und mich erfaßte beinahe
Bewunderung für mich selber, daß ich das geleistet hatte, ohne einen
tieferen Eindruck behalten zu haben.
Mit der Erinnerung ist es übrigens eine merkwürdige Sache. Den Aufstieg
hatte sie eher schlimmer gemacht als er war, aber die Hügel und Abhänge
abwärts um vieles geringer und leichter als in Wirklichkeit. Kommt das
vom Alter? Während die Schwierigkeiten des Aufstiegs nicht sonderlich
größer werden, ja dem ungeduldigen, unerfahrenen Jüngling vielleicht
schlimmer erscheinen, überwindet die Jugend im leichten Spiel alle
Schwierigkeiten des Abstiegs. Das Alter macht behutsamer.
Nun ging es einen schönen Abhang nach dem andern hinab und schließlich
noch die langen Halden nach Opset zu. Hier briet uns die Sonne, und wir
mußten uns von allen Hügeln fernhalten, die nicht im Schatten lagen.
Endlich erreichten wir den Talgrund und sollten nun zur Station Opset
hinauf. Die Schneeschuhe wollten nicht mehr gleiten. Wir versuchten es
auf alle Weise, sie in Gang zu bringen, aber schließlich mußten wir
verzweifelt nachgeben und stolperten hinauf, mit fußdickem Schnee unter
jedem Schneeschuh, bis wir endlich an die Eisenbahnlinie und an die
Häuser kamen.
Es war über eine Stunde, bis der Zug abging, mit dem wir nach Finse
zurückfuhren. Dort nahmen wir um halb drei Uhr ein üppiges Mahl ein.
* *
*
Welche Wandlung! Wie sich doch alles auf einmal ändern kann!
Seit Sverres Zeiten -- und schon lange vor ihm -- war hier oben bis vor
wenigen Jahren alles beim alten geblieben -- dieselbe Einsamkeit im
Winter über diesen Bergweiten.
Aber jetzt! Der Pfiff der Lokomotive durchgellt die Stille, keuchend
fahren die Züge hin und zurück. Der schwarze Steinkohlenrauch schlägt
zu den Tunnelmündungen heraus und steigt zum blauen Himmel empor -- und
die sogenannte Kultur mit ihren großen Hotels und ihren unvermeidlichen
„Touristen“ kriecht höher und höher in die Berge hinauf.
Ja freilich, es ist ja „bequem“ und „komfortabel“. Du kannst des
Abends in Kristiania zu Bett gehen und am frühen Morgen in Finse oder
Hallingskeid zum Frühstück aufstehen und am Vormittag einen Spaziergang
nach dem Hardangergletscher oder zum Vosseskavlen unternehmen. Das
bringt viele Leute ins Gebirge hinauf, die sonst nie dorthin gekommen
wären.
Aber ach, wenn nur nicht so vieles andere mitfolgte, was die Menschen
nicht hebt. Allerhand Luxus, Essen und Trinken und Toiletten und
Kartenspiel und Narrenstreiche! Jetzt gehen die Leute hinauf ins
Hochland, in eines dieser großen Hotels, um die Zeit totzuschlagen, und
tage- und wochenlang leben sie ein so lärmendes Leben, daß sie in die
Stadt hinabmüssen, um sich auszuruhen...
Die Bergweite, die den Menschengeist erhebt und ihm die großen,
einfachen Linien geben könnte, sehen die wenigsten. Ich glaube, sie war
doch wohl besser, die eingeschneite Almhütte, die ich suchte und nicht
fand...
Ich habe eine Erinnerung, die sich mir oft aufdrängt. Es war bei
der Heimkehr von der Nordpolfahrt. Fest auf Fest war in den Städten
gefeiert worden. Die „Fram“ glitt bei strahlendem Sonnenschein in den
breiten schönen Fjord von Drontheim hinein. Dampfer, über und über
flaggengeschmückt, schwarz von Menschen, fuhren den Heimkehrenden
entgegen. Hurra- und Hochrufe, Kanonensalut, Jubel ringsum zu Wasser
und zu Lande. Da trat Peter Hendriksen zu mir auf der Brücke heran.
„Du, N.“, sagte er, „schön mag das wohl sein, aber es ist zuviel Lärm.
Ich denke ans Eismeer. Dort hatten wir’s gut.“
Und er sah mich an, mit seltsamer Wehmut in den treuen Kinderaugen.
War es die Sehnsucht dorthin zurück, wo der Himmel so hoch war, die
Luft so rein, so einfach das Leben? -- Zurück in die Einsamkeit, in die
Stille, in die Größe?
[Illustration]