[Illustration]
An den deutschen Leser.
Wenn diese Blätter eine Mahnung enthalten, so ist es das alte
Losungswort: +Zurück zur Natur!+ Das einzige Heilmittel gegen die
Krankheit unserer Zeit.
Nur allzuvieles, was geschehen ist, seitdem diese Blätter geschrieben
wurden, scheint mir dies in unheimlichem Maße erwiesen zu haben.
Europa ist krank. Die weiße Rasse hat eine Fieberkrisis zu überstehen.
Die menschliche Gesellschaft zeigt an vielen Stellen die Symptome der
Auflösung.
Der Heiltrank kann nur aus den einfachen Tiefen der Natur geschöpft
werden.
Als Präsident Wilson die Vereinigten Staaten in den Krieg führte,
hoffte er die Welt dadurch „~safe for democracy~“ zu machen.
Die Welt aber wollte es anders.
Europa ist ein Chaos geworden, ein brodelnder Hexenkessel, in dem
Demokratie, Despotie, Militarismus und Anarchie in unheilschwangerem
Brei sich umeinanderwälzen, und niemand weiß, was in heftigsten
Entladungen explodieren wird.
Klarer als je zuvor hat sich erwiesen, daß der Krieg keine Heilung,
keine Erlösung bringen kann. Wohl vermag er eine drohende Krankheit
auszulösen. An ihrer Stelle aber schafft er zehn neue Krankheitskeime.
Er ist selber ein Fieber und keine Kur.
Die Seele der menschlichen Gesellschaft läßt sich nicht durch Bajonette
reformieren, und keine Idee, auch eine falsche nicht, kann durch
Maschinengewehre umgebracht werden.
Bernard Shaw soll kürzlich gesagt haben, er wisse nicht, was die
Bewohner der andern Planeten im Sinne hätten. Dessen sei er aber
sicher, daß sie unsern Planeten für ein Irrenhaus hielten.
Das gibt ein treffendes Bild des jetzigen Zustands unserer Erde.
Die Geisteskrankheit rührt aber von den falschen Grundanschauungen her.
Die Menschen sind auf Abwege geraten in ihrer wahnsinnigen Jagd nach
Macht.
Die Massen haben Kultur mit materieller Entwicklung verwechselt.
Letztere bringt die Macht des Überflusses, erstere die Schönheit der
Harmonie.
Nicht der Wille zur Macht, sondern der Wille zur Schönheit wird die
neue Zukunft schaffen:
die Schönheit der großen, einfachen Lebenslinien, die alle
Herrschgier, allen Flitterstaat, allen Überfluß abgestreift hat.
+Schließlich muß doch der Geist den Sieg erringen+:
nicht +der+ Geist, der neue Gewaltmittel erfindet, neue
Zerstörungsmaschinen, neue Sprengstoffe, neue Gase --,
auch nicht +der+ Geist, der neue Industrien schafft, neue
Verkehrsmittel erschließt, so nützlich er auch sein mag --,
sondern +der+ Geist, der aus den alten, ewig jungen Urquellen der
Natur schöpfend neue Lebenswerte formt:
die +Welt der Zukunft+, deren Symbol nicht mehr die raffende
Raubtierklaue ist, sondern die gebende Menschenhand --,
in der die Klassenpolitiker und die Staatsmänner entdeckt haben,
daß es +nicht nur Menschen+ gibt, +sondern auch Mitmenschen+ --,
in der sie nicht nur mit den Lippen bekennen, sondern auch durch
die Tat beweisen, daß sie anstatt die brutale Selbstsucht der
Staaten, der Klassen, der Einzelnen, auch in der Politik die Lehre
der Nächstenliebe vertreten, die da sagt:
+Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu.+
* * * * *
Laßt uns, trotz der Finsternis, laßt uns nicht an der Morgendämmerung
zweifeln!
Noch gilt das Gesetz von der Kontinuität des Keimplasmas. Noch ist das
Geschlecht im Kern gesund und unverdorben. Nur die Lebensbedingungen,
die Grundlagen der Erziehung in den sogenannten Kulturzentren sind
naturwidrig.
Die Rettung liegt, jetzt wie immer, in der Losung:
Zurück zur Natur, zu den einfachen Grundwerten, auf denen alle
Schönheit des Lebens sich aufbaut.
Wie in Wissenschaft und Forschung, so auch im Menschenleben gilt es den
Naturgesetzen zu folgen. +Nicht wider die Natur heißt es zu wirken,
sondern im Bunde mit der Natur!+
+Lysaker+, Weihnachten 1919.
[Illustration: Unterschrift: Fridtjof Nansen]