14. Oktober 1842.

Wirklich, man sollte mehr Vertrauen haben und sich nicht den Kopf

zerbrechen: wie helfe ich diesem, wie helfe ich jenem ab. Man muß

auch nicht immer handeln wollen, sondern auch dem Schicksal etwas

überlassen. Gerade war ich wieder einmal auf dem Gipfel meiner

Verzweiflung, sowohl durch den Professor als durch Fräulein Plump. Denn

suche ich nicht das Beste und Feinste, was ich habe, meinen Kindern

einzuprägen, der geringsten Roheit den Krieg erklärend, Wahrhaftigkeit

als das Endziel aller meiner Bestrebungen hinstellend? Und ihre Augen

leuchten, sie verstehen mich, sind voll des guten Willens. Da kommt

der Professor, und alle Kinderroheit ist nichts im Vergleich mit der

seinen, und was ich ihnen über die Schönheit der Wahrhaftigkeit gesagt,

in dem verlogenen, unaufrichtigen Wesen des Fräuleins Plump erkennen

sie das Gegenteil.

So dachte ich, als eines Tages an die Türe gepocht wurde, und der

Professor über die Schwelle unsres Wohnzimmers trat. Er blieb zu meinem

Erstaunen mitten im Zimmer stehen und erging sich in einer Rede in

lateinischer Sprache, die ich nicht verstand. Alsdann schloß er: »Sagt

Cicero -- was ungefähr soviel heißt als: Was lange währt, wird endlich

gut. ~Nota bene~, ich bin an die Knabenschule in Konstanz berufen. Gott

sei Dank, das Mädle-Unterrichten hört auf. Das zimperliche Geschlecht

ist mir fatal. Trotzdem ist es meine Absicht, als Ehemann meine neue

Stellung anzutreten. Merkt der geneigte Leser was?«

Er legte den Finger an die Nase und sah mich mit zusammengekniffenen

Augen an.

»Ich habe mir nämlich ein Weib erkoren«, sprach er feierlich.

Ich gratulierte ihm herzlich.

»Ja, wissen Sie«, fiel er mir in die Rede, »wen ich mir erkiese -- zum

Weib erkiese? Sie -- einfach Sie.«

»O Gott«, entfuhr es mir.

»Sie sind überrascht, ich merk's, sehr überrascht, aber hoffentlich

angenehm überrascht, denn wenn der Mann ein Weib erkiest, so ist das

eine Ehre für sie. -- Nun, so reden Sie -- Heiratsanträge sind nicht

mein Gusto.«

»Herr Professor,« stotterte ich, »seien Sie mir nicht böse, aber -- ich

heirate nicht.«

»Waas«? schrie er. »Wenn Sie aber doch einer will.«

»Auch dann nicht. Ich fühle mich glücklich in meinem Beruf.«

»So -- hm --.« Er besann sich einen Augenblick, und ich wurde mit

Vergnügen gewahr, daß ihm die Sache durchaus nicht tiefer ging.

»Dann nehme ich die Schwester«, sagte er; »holen Sie Ihre Schwester.«

»Warum meine Schwester?« fragte ich, mit aller Mühe meine Lachlust

unterdrückend, »Fräulein Plump ist doch viel jünger.«

»Ja, aber so zutunlich; ich mag zutunliche Frauenzimmer nicht leiden.«

»Sie will Ihnen eben zeigen, daß sie Ihnen gut ist.«

»So -- hm -- vielleicht verstehen Sie das besser,« meinte er nach einer

Pause, »das weibliche Geschlecht ist mir eine ~Terra incognita~. Aber

es macht sich besser, wenn ich als Ehemann in Konstanz auftrete; man

hat mir das geraten; auch habe ich das Wirtshausessen satt. Glauben

Sie, daß die betreffende Person etwas vom Kochen versteht?«

»Wenigstens erzählt sie mir oft, was für gute Speisen sie sich köchelt,

und ihr Aussehen straft ihre Worte nicht Lügen.«

»Ja«, nickte er, »sie ist ein korpulentes Frauenzimmer« ...

Kurz und gut, er besann sich ein paar Tage, und jetzt sind sie verlobt.

Fräulein Plump ist glückselig, und wir sind noch nie so gut gestanden

wie jetzt, indem wir ihr alle möglichen Ratschläge für die künftige

Einrichtung geben, und täglich kommt sie und schreibt Theresens

Kochrezepte ab. Fast dauert sie mich ein wenig, denn der Professor

behandelt sie nicht anders, als er bisher seine Dienstmagd behandelt

hat. Aber sie ist fügsam wie ein Hündlein.

»Die Rastatter sind jetzt ganz anders geger mich, seit sie wisse, daß

ich Frau Professor werd'«, erzählte sie.

Dortel brachte dieser Tage mit verweinten Augen die Suppe auf den

Tisch. Als ich sie fragte: »Wo fehlt's, Dortel?« bekam ich die

Antwort: »I bin so neidig auf d' Plumpe -- der Professor hätt' doch

auch eins von meine Fräule nemme könne.« --

Wir mußten herzlich lachen und suchten sie zu trösten. Sie bleibt aber

dabei, daß er eins von »uns hätt' nemme könne.« --

Du fragst, ob sie mich in J...heim ganz vergessen hätten. Bewahre,

immer von Zeit zu Zeit kommen Nachrichten von der Baronin. Eine

besonders erfreuliche kam mir von Hannerl, die mir eine sechs Seiten

lange Dankepistel schrieb, indem sie behauptet, nur mir und meiner

Lehrmethode habe sie es zu verdanken, daß man sie im Institut als

Lehrerin zurückbehalten und sie nun ihr Auskommen habe und den

Eltern eine Stütze sein könne. Auch ihr Vater, der Lehrer, schrieb

mir: »Wie sollen wir Gott genugsam danken und nächstdem Ihnen, der

vortrefflichen, Geist und Gemüt gleichwertig ausbildenden Lehrerin

unseres Kindes, daß selbiges noch in jungen Jahren so großer Ehren

teilhaftig geworden, nebst des Verdienstes, sich hoher Bildung zu

erfreuen. Oh, ich kann es oft nicht fassen, so ist meine Wonne groß, da

Bildung die Sehnsucht meines Lebens ist gewesen von klein auf, indes

die Mittel fehlten.«

Daß es solche Menschen gibt, Caton, das ist nach meiner Ansicht der

größte Segen Gottes, denn wie soll die Welt existieren ohne sie -- was

würde aus den Großen, den Reichen, den geistigen Arbeitern, ohne diesen

mächtigen Wall -- den Braven in der Welt! -- Dem guten Acker sind sie

vergleichbar, auf dem uns das köstliche Lebensbrot wächst.

* * * * *

Rastatt, 10. September 1843.

Endlich kann ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir einen Modebrief

schreiben. Groß waren die Vorbereitungen für den Tag in Baden, der mir

ja auch ein Wiedersehen mit Monz und zugleich die Bekanntschaft mit

seiner Frau bringen sollte. Da wir nicht als völlige Landpomeränzle in

dem eleganten Baden erscheinen wollten, entschlossen wir uns, etwas

tiefer in meinen nicht mehr so leeren Beutel zu greifen, und schafften

uns neue Kleider an. Zum erstenmal seit dem Tod der Eltern wieder

farbige, und zwar wählten wir dunkelblauen Barege, der leicht ist und

darum angenehm, weil die Röcke jetzt von größerem Umfang sind. Die

Gigot-Ärmel sind zu Grabe getragen. Man hat aber doch noch die Wahl

zwischen dem ganz enganliegenden und dem etwas gepufften Ärmel, welch

letzteren ich mir erwählte, ebenso die etwas losere, mit einem Gürtel

zusammengefaßte Taille. Therese hat sich für Schnepptaille und enge

Ärmel entschieden. Eine große Rolle spielt die Mantille. Aus Mutters

achteckigem schwarzen Kaschmirschal ließen sich prächtig zwei Mantillen

herstellen, eine für Dich und eine für Therese. Für die Deine muß aber

noch eine Ausgarnierung erfunden werden. Meine Mantille wurde aus

meinem ehemaligen blauen Seidenkleid, das ich aus Nancy mitgebracht,

verfertigt. Therese hat sich nicht wenig den Kopf zerbrochen, bis sie

die Form herausbekam. Aber es gelang. Die Mantille ist wohl etwas

schmal, aber mit langen Enden. Rüschen vom selben Stoff sind der

Aufputz.

Uns wunder wie fein wähnend, fuhren wir am letzten Sonntag mit der

Frühpost nach Baden. Ach, wie verblaßte die Pracht unserer Gewänder

gegen die, welche wir auf der Promenade vorfanden! Schleunigst ließen

wir das letzte Fünkchen Eitelkeit von dannen fahren und sperrten Mund

und Augen auf beim Anblick all der herrlichen Erscheinungen, die vor

uns auf und ab promenierten. Denke Dir ein schwarzes Atlaskleid, unten

mit einem wohl eine halbe Elle breiten Besatz von Zobelpelz. Um die

Mantille einen ebensolchen, nur etwas schmaler. Reifartig, in schweren

Falten steht der Rock von der Person ab; die Wespentaille hat einen

viereckigen Ausschnitt, und aus dem hoch mit Federn garnierten Hut

wallen langgeschweifte Seitenlocken fast bis auf die Mitte der Taille.

Weite, bauschige Röcke, wo man hinsieht, die Hüte nicht mehr das halbe

Gesicht zudeckend, sondern der Rand weit offen bis in die Mitte des

Kopfes, so die Frisur und den Kopfputz freilassend, der oft aus ganzen

Rosengärten besteht. Sehr viel sieht man die sogenannte Ferroniere,

ein dünnes Goldkettchen, welches ein kleines Juwel, eine Perle oder

dergleichen in der Mitte der Stirne festhält. Ach, Caton, es ist mir

nicht möglich, aus dem Chaos von übertriebenen Toiletten noch mehr zu

beschreiben. Ich wurde bald des Schauens müde und kann Dir nur sagen,

für unsereins ist hier nichts zu suchen, also hat es gar keinen Wert,

sich weiter in die mysteriöse Welt der Mode zu versenken. Ich plauderte

mit meinem lieben Lenchen, freute mich der trauten Freiburger Sprache,

und wir schwelgten in der Vergangenheit bei den lustigen Walzerweisen

der Kurkapelle. Wir sind auch durch die Spielsäle gegangen, ach, und

mir wurde wund ums Herz beim Anblick dieser eleganten Herren und Damen,

so jung noch und oft so alt, die für nichts Sinn hatten, als den Haufen

Goldes, das der Croupier einstrich oder einem Gewinner hinzählte. Welch

eine Welt! Sie widerte mich bis ins Innerste an, ein seltsames Heimweh

ergriff mich nach dem Guten, dem Schlichten und wahrhaft Schönen in der

Welt. Ich drängte Therese und Lenchen zu den Spielsälen hinaus und

ruhte nicht, bis wir fort vom Konversationshaus auf einem herrlichen

Bergwald ankamen, von dem aus man das einzig schöne Tal inmitten seiner

Berge liegen sieht. Nie habe ich die Natur so geliebt als jetzt,

nachdem ich einen Blick getan in diese trostlose, oberflächliche Welt

von Modepuppen und Hasardspielern.

Jetzt führe ich Dich in den Gasthof der drei Könige, wo wir zu einem

frühen Nachtmahl geladen sind von Geheimrat Monz und Gemahlin.

Das Rendezvous war längst zwischen uns ausgemacht, aber sie hatten

unterwegs ein Malheur mit der Post und kamen darum erst heute statt

gestern an.

Monz war immer ein wenig feierlich, jetzt ist er der Geheimrat in

seiner unantastbaren Würde. Seine Haare sind etwas grau geworden, aber

seine Augen blicken mit der alten Schärfe durch die Brillengläser,

und auch sein Lächeln, das nie zum herzlichen Lachen wird, ist sich

gleichgeblieben.

Seine Frau, die mit residenzlicher Würde ihren prachtvollen Federnhut

trägt, im ganzen aber einen behaglichen, gutlaunigen Eindruck macht,

begrüßte mich mit den Worten: »Also so sehen Sie aus -- wirklich

ganz anders, als ich gedacht hätte -- Sie glauben nämlich nicht, wie

neugierig ich war, die Frau kennenzulernen, die sozusagen meinem Mann

den Weg zu seinem ferneren Wirken wies.«

Ein wenig erstaunt, wandte ich Monz den Blick zu.

»Ja, ja,« nickte er, »Sie waren mir eine liebe, äußerst interessante

Schülerin; Ihre unbedingte Anerkennung hat mich allerdings auf die

große Empfänglichkeit der weiblichen Psyche aufmerksam gemacht.

Sie waren damals in Freiburg eine Ausnahme, jetzt sind meine

Unterrichtsstunden in der Mädchenschule ein Ereignis für die Jugend.

Als Königlicher Geheimrat bin ich mit der Oberaufsicht der höheren

Mädchenschulen betraut. Aber noch bin ich nicht zufrieden, möchte ich

mehr erreichen.«

Er sprach und sprach, zuweilen ärgerliche Blicke auf einen

vorübereilenden Kellner oder fremde Ankömmlinge werfend, die sich

unterstanden, in der Nähe unseres Tisches laut zu sprechen.

Mir war recht wunderlich zumute; ich fragte mich: Hat er denn früher

schon dieses Gönnerhafte an sich gehabt, das mir jetzt so unangenehm

auffällt?

»Jetzt kommt die eigentliche Sache,« sagte er, »die Sache, um die es

sich handelt -- nämlich, ich bin mit der Bildung einer neuen höheren

Mädchenschule beschäftigt. Eine horrende Arbeit, selbstverständlich.

Was aber würden Sie sagen, Fräulein Villinger, wenn ich in dieser

Angelegenheit an Sie gedacht hätte?«

»Wieso?« fragte ich. »Ich habe doch meine Töchterschule in Rastatt.«

»Das lassen Sie natürlich sein,« sagte er, »das wollen wir schon

machen. Einer kleinen Prüfung müßten Sie sich bei mir freilich

noch unterziehen. Dann aber sollen Sie unter meiner Leitung zu

einer geradezu exemplarischen Lehrerin heranreifen. Das ist meine

Überzeugung. Nun, was sagen wir zu diesem Vorschlag?«

Nur mit Mühe konnte ich annähernd artig antworten: »Ich bin aufrichtig

überrascht, Herr Geheimrat, aber meine jetzige Stellung ist mir so

lieb, daß ich sie um keinen Preis aufgeben möchte.«

»Ist das Ihr Ernst -- Anna Villinger -- sind Sie denn nicht mehr die

Alte?«

»Nein, ich bin viel älter geworden,« gab ich ihm lachend zur Antwort,

»älter und selbständiger, Herr Geheimrat.«

»Selbständiger?« fiel er mir in die Rede. »Eine Frau ist von Natur nie

selbständig, dazu ist der Mann da, mit seinem Wissen, seiner Erfahrung

und seiner geistigen Überlegenheit, die sich eine Frau niemals zu

erringen vermag. Liebe Freundin, Sie befinden sich meines Erachtens auf

einer abschüssigen Bahn, und ich rate Ihnen, die Hand zu ergreifen,

die sich Ihnen wohlwollend entgegenstreckt.«

Gottlob, Lenchen kam, um uns zur Post abzuholen.

Als wir den Gasthof verließen, hing sich mir die Geheimrätin an den Arm.

»Das freut mich jetzt so, Fräulein Villinger,« hub sie an, »daß Sie

eine eigene Meinung haben und nicht wie ein Taschenmesser vor meinem

Mann zusammenklappen. Die Frauenzimmer verderben ihn mir ganz mit ihrer

Bewunderung, und wissen Sie, das verträgt keiner auf die Dauer, drum

ist ihm die heutige Niederlage recht gesund. Es ist sonst gut mit ihm

auskommen, und ich war recht glücklich, wenn die dummen Frauenzimmer

ihn in Ruh ließen. Bleiben Sie wirklich bei Ihrer Meinung?« fragte sie.

»Durchaus.«

Meine Tante Anna · 第 37 / 51 题