Wirklich, man sollte mehr Vertrauen haben und sich nicht den Kopf
zerbrechen: wie helfe ich diesem, wie helfe ich jenem ab. Man muß
auch nicht immer handeln wollen, sondern auch dem Schicksal etwas
überlassen. Gerade war ich wieder einmal auf dem Gipfel meiner
Verzweiflung, sowohl durch den Professor als durch Fräulein Plump. Denn
suche ich nicht das Beste und Feinste, was ich habe, meinen Kindern
einzuprägen, der geringsten Roheit den Krieg erklärend, Wahrhaftigkeit
als das Endziel aller meiner Bestrebungen hinstellend? Und ihre Augen
leuchten, sie verstehen mich, sind voll des guten Willens. Da kommt
der Professor, und alle Kinderroheit ist nichts im Vergleich mit der
seinen, und was ich ihnen über die Schönheit der Wahrhaftigkeit gesagt,
in dem verlogenen, unaufrichtigen Wesen des Fräuleins Plump erkennen
sie das Gegenteil.
So dachte ich, als eines Tages an die Türe gepocht wurde, und der
Professor über die Schwelle unsres Wohnzimmers trat. Er blieb zu meinem
Erstaunen mitten im Zimmer stehen und erging sich in einer Rede in
lateinischer Sprache, die ich nicht verstand. Alsdann schloß er: »Sagt
Cicero -- was ungefähr soviel heißt als: Was lange währt, wird endlich
gut. ~Nota bene~, ich bin an die Knabenschule in Konstanz berufen. Gott
sei Dank, das Mädle-Unterrichten hört auf. Das zimperliche Geschlecht
ist mir fatal. Trotzdem ist es meine Absicht, als Ehemann meine neue
Stellung anzutreten. Merkt der geneigte Leser was?«
Er legte den Finger an die Nase und sah mich mit zusammengekniffenen
Augen an.
»Ich habe mir nämlich ein Weib erkoren«, sprach er feierlich.
Ich gratulierte ihm herzlich.
»Ja, wissen Sie«, fiel er mir in die Rede, »wen ich mir erkiese -- zum
Weib erkiese? Sie -- einfach Sie.«
»O Gott«, entfuhr es mir.
»Sie sind überrascht, ich merk's, sehr überrascht, aber hoffentlich
angenehm überrascht, denn wenn der Mann ein Weib erkiest, so ist das
eine Ehre für sie. -- Nun, so reden Sie -- Heiratsanträge sind nicht
mein Gusto.«
»Herr Professor,« stotterte ich, »seien Sie mir nicht böse, aber -- ich
heirate nicht.«
»Waas«? schrie er. »Wenn Sie aber doch einer will.«
»Auch dann nicht. Ich fühle mich glücklich in meinem Beruf.«
»So -- hm --.« Er besann sich einen Augenblick, und ich wurde mit
Vergnügen gewahr, daß ihm die Sache durchaus nicht tiefer ging.
»Dann nehme ich die Schwester«, sagte er; »holen Sie Ihre Schwester.«
»Warum meine Schwester?« fragte ich, mit aller Mühe meine Lachlust
unterdrückend, »Fräulein Plump ist doch viel jünger.«
»Ja, aber so zutunlich; ich mag zutunliche Frauenzimmer nicht leiden.«
»Sie will Ihnen eben zeigen, daß sie Ihnen gut ist.«
»So -- hm -- vielleicht verstehen Sie das besser,« meinte er nach einer
Pause, »das weibliche Geschlecht ist mir eine ~Terra incognita~. Aber
es macht sich besser, wenn ich als Ehemann in Konstanz auftrete; man
hat mir das geraten; auch habe ich das Wirtshausessen satt. Glauben
Sie, daß die betreffende Person etwas vom Kochen versteht?«
»Wenigstens erzählt sie mir oft, was für gute Speisen sie sich köchelt,
und ihr Aussehen straft ihre Worte nicht Lügen.«
»Ja«, nickte er, »sie ist ein korpulentes Frauenzimmer« ...
Kurz und gut, er besann sich ein paar Tage, und jetzt sind sie verlobt.
Fräulein Plump ist glückselig, und wir sind noch nie so gut gestanden
wie jetzt, indem wir ihr alle möglichen Ratschläge für die künftige
Einrichtung geben, und täglich kommt sie und schreibt Theresens
Kochrezepte ab. Fast dauert sie mich ein wenig, denn der Professor
behandelt sie nicht anders, als er bisher seine Dienstmagd behandelt
hat. Aber sie ist fügsam wie ein Hündlein.
»Die Rastatter sind jetzt ganz anders geger mich, seit sie wisse, daß
ich Frau Professor werd'«, erzählte sie.
Dortel brachte dieser Tage mit verweinten Augen die Suppe auf den
Tisch. Als ich sie fragte: »Wo fehlt's, Dortel?« bekam ich die
Antwort: »I bin so neidig auf d' Plumpe -- der Professor hätt' doch
auch eins von meine Fräule nemme könne.« --
Wir mußten herzlich lachen und suchten sie zu trösten. Sie bleibt aber
dabei, daß er eins von »uns hätt' nemme könne.« --
Du fragst, ob sie mich in J...heim ganz vergessen hätten. Bewahre,
immer von Zeit zu Zeit kommen Nachrichten von der Baronin. Eine
besonders erfreuliche kam mir von Hannerl, die mir eine sechs Seiten
lange Dankepistel schrieb, indem sie behauptet, nur mir und meiner
Lehrmethode habe sie es zu verdanken, daß man sie im Institut als
Lehrerin zurückbehalten und sie nun ihr Auskommen habe und den
Eltern eine Stütze sein könne. Auch ihr Vater, der Lehrer, schrieb
mir: »Wie sollen wir Gott genugsam danken und nächstdem Ihnen, der
vortrefflichen, Geist und Gemüt gleichwertig ausbildenden Lehrerin
unseres Kindes, daß selbiges noch in jungen Jahren so großer Ehren
teilhaftig geworden, nebst des Verdienstes, sich hoher Bildung zu
erfreuen. Oh, ich kann es oft nicht fassen, so ist meine Wonne groß, da
Bildung die Sehnsucht meines Lebens ist gewesen von klein auf, indes
die Mittel fehlten.«
Daß es solche Menschen gibt, Caton, das ist nach meiner Ansicht der
größte Segen Gottes, denn wie soll die Welt existieren ohne sie -- was
würde aus den Großen, den Reichen, den geistigen Arbeitern, ohne diesen
mächtigen Wall -- den Braven in der Welt! -- Dem guten Acker sind sie
vergleichbar, auf dem uns das köstliche Lebensbrot wächst.
* * * * *
Rastatt, 10. September 1843.
Endlich kann ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir einen Modebrief
schreiben. Groß waren die Vorbereitungen für den Tag in Baden, der mir
ja auch ein Wiedersehen mit Monz und zugleich die Bekanntschaft mit
seiner Frau bringen sollte. Da wir nicht als völlige Landpomeränzle in
dem eleganten Baden erscheinen wollten, entschlossen wir uns, etwas
tiefer in meinen nicht mehr so leeren Beutel zu greifen, und schafften
uns neue Kleider an. Zum erstenmal seit dem Tod der Eltern wieder
farbige, und zwar wählten wir dunkelblauen Barege, der leicht ist und
darum angenehm, weil die Röcke jetzt von größerem Umfang sind. Die
Gigot-Ärmel sind zu Grabe getragen. Man hat aber doch noch die Wahl
zwischen dem ganz enganliegenden und dem etwas gepufften Ärmel, welch
letzteren ich mir erwählte, ebenso die etwas losere, mit einem Gürtel
zusammengefaßte Taille. Therese hat sich für Schnepptaille und enge
Ärmel entschieden. Eine große Rolle spielt die Mantille. Aus Mutters
achteckigem schwarzen Kaschmirschal ließen sich prächtig zwei Mantillen
herstellen, eine für Dich und eine für Therese. Für die Deine muß aber
noch eine Ausgarnierung erfunden werden. Meine Mantille wurde aus
meinem ehemaligen blauen Seidenkleid, das ich aus Nancy mitgebracht,
verfertigt. Therese hat sich nicht wenig den Kopf zerbrochen, bis sie
die Form herausbekam. Aber es gelang. Die Mantille ist wohl etwas
schmal, aber mit langen Enden. Rüschen vom selben Stoff sind der
Aufputz.
Uns wunder wie fein wähnend, fuhren wir am letzten Sonntag mit der
Frühpost nach Baden. Ach, wie verblaßte die Pracht unserer Gewänder
gegen die, welche wir auf der Promenade vorfanden! Schleunigst ließen
wir das letzte Fünkchen Eitelkeit von dannen fahren und sperrten Mund
und Augen auf beim Anblick all der herrlichen Erscheinungen, die vor
uns auf und ab promenierten. Denke Dir ein schwarzes Atlaskleid, unten
mit einem wohl eine halbe Elle breiten Besatz von Zobelpelz. Um die
Mantille einen ebensolchen, nur etwas schmaler. Reifartig, in schweren
Falten steht der Rock von der Person ab; die Wespentaille hat einen
viereckigen Ausschnitt, und aus dem hoch mit Federn garnierten Hut
wallen langgeschweifte Seitenlocken fast bis auf die Mitte der Taille.
Weite, bauschige Röcke, wo man hinsieht, die Hüte nicht mehr das halbe
Gesicht zudeckend, sondern der Rand weit offen bis in die Mitte des
Kopfes, so die Frisur und den Kopfputz freilassend, der oft aus ganzen
Rosengärten besteht. Sehr viel sieht man die sogenannte Ferroniere,
ein dünnes Goldkettchen, welches ein kleines Juwel, eine Perle oder
dergleichen in der Mitte der Stirne festhält. Ach, Caton, es ist mir
nicht möglich, aus dem Chaos von übertriebenen Toiletten noch mehr zu
beschreiben. Ich wurde bald des Schauens müde und kann Dir nur sagen,
für unsereins ist hier nichts zu suchen, also hat es gar keinen Wert,
sich weiter in die mysteriöse Welt der Mode zu versenken. Ich plauderte
mit meinem lieben Lenchen, freute mich der trauten Freiburger Sprache,
und wir schwelgten in der Vergangenheit bei den lustigen Walzerweisen
der Kurkapelle. Wir sind auch durch die Spielsäle gegangen, ach, und
mir wurde wund ums Herz beim Anblick dieser eleganten Herren und Damen,
so jung noch und oft so alt, die für nichts Sinn hatten, als den Haufen
Goldes, das der Croupier einstrich oder einem Gewinner hinzählte. Welch
eine Welt! Sie widerte mich bis ins Innerste an, ein seltsames Heimweh
ergriff mich nach dem Guten, dem Schlichten und wahrhaft Schönen in der
Welt. Ich drängte Therese und Lenchen zu den Spielsälen hinaus und
ruhte nicht, bis wir fort vom Konversationshaus auf einem herrlichen
Bergwald ankamen, von dem aus man das einzig schöne Tal inmitten seiner
Berge liegen sieht. Nie habe ich die Natur so geliebt als jetzt,
nachdem ich einen Blick getan in diese trostlose, oberflächliche Welt
von Modepuppen und Hasardspielern.
Jetzt führe ich Dich in den Gasthof der drei Könige, wo wir zu einem
frühen Nachtmahl geladen sind von Geheimrat Monz und Gemahlin.
Das Rendezvous war längst zwischen uns ausgemacht, aber sie hatten
unterwegs ein Malheur mit der Post und kamen darum erst heute statt
gestern an.
Monz war immer ein wenig feierlich, jetzt ist er der Geheimrat in
seiner unantastbaren Würde. Seine Haare sind etwas grau geworden, aber
seine Augen blicken mit der alten Schärfe durch die Brillengläser,
und auch sein Lächeln, das nie zum herzlichen Lachen wird, ist sich
gleichgeblieben.
Seine Frau, die mit residenzlicher Würde ihren prachtvollen Federnhut
trägt, im ganzen aber einen behaglichen, gutlaunigen Eindruck macht,
begrüßte mich mit den Worten: »Also so sehen Sie aus -- wirklich
ganz anders, als ich gedacht hätte -- Sie glauben nämlich nicht, wie
neugierig ich war, die Frau kennenzulernen, die sozusagen meinem Mann
den Weg zu seinem ferneren Wirken wies.«
Ein wenig erstaunt, wandte ich Monz den Blick zu.
»Ja, ja,« nickte er, »Sie waren mir eine liebe, äußerst interessante
Schülerin; Ihre unbedingte Anerkennung hat mich allerdings auf die
große Empfänglichkeit der weiblichen Psyche aufmerksam gemacht.
Sie waren damals in Freiburg eine Ausnahme, jetzt sind meine
Unterrichtsstunden in der Mädchenschule ein Ereignis für die Jugend.
Als Königlicher Geheimrat bin ich mit der Oberaufsicht der höheren
Mädchenschulen betraut. Aber noch bin ich nicht zufrieden, möchte ich
mehr erreichen.«
Er sprach und sprach, zuweilen ärgerliche Blicke auf einen
vorübereilenden Kellner oder fremde Ankömmlinge werfend, die sich
unterstanden, in der Nähe unseres Tisches laut zu sprechen.
Mir war recht wunderlich zumute; ich fragte mich: Hat er denn früher
schon dieses Gönnerhafte an sich gehabt, das mir jetzt so unangenehm
auffällt?
»Jetzt kommt die eigentliche Sache,« sagte er, »die Sache, um die es
sich handelt -- nämlich, ich bin mit der Bildung einer neuen höheren
Mädchenschule beschäftigt. Eine horrende Arbeit, selbstverständlich.
Was aber würden Sie sagen, Fräulein Villinger, wenn ich in dieser
Angelegenheit an Sie gedacht hätte?«
»Wieso?« fragte ich. »Ich habe doch meine Töchterschule in Rastatt.«
»Das lassen Sie natürlich sein,« sagte er, »das wollen wir schon
machen. Einer kleinen Prüfung müßten Sie sich bei mir freilich
noch unterziehen. Dann aber sollen Sie unter meiner Leitung zu
einer geradezu exemplarischen Lehrerin heranreifen. Das ist meine
Überzeugung. Nun, was sagen wir zu diesem Vorschlag?«
Nur mit Mühe konnte ich annähernd artig antworten: »Ich bin aufrichtig
überrascht, Herr Geheimrat, aber meine jetzige Stellung ist mir so
lieb, daß ich sie um keinen Preis aufgeben möchte.«
»Ist das Ihr Ernst -- Anna Villinger -- sind Sie denn nicht mehr die
Alte?«
»Nein, ich bin viel älter geworden,« gab ich ihm lachend zur Antwort,
»älter und selbständiger, Herr Geheimrat.«
»Selbständiger?« fiel er mir in die Rede. »Eine Frau ist von Natur nie
selbständig, dazu ist der Mann da, mit seinem Wissen, seiner Erfahrung
und seiner geistigen Überlegenheit, die sich eine Frau niemals zu
erringen vermag. Liebe Freundin, Sie befinden sich meines Erachtens auf
einer abschüssigen Bahn, und ich rate Ihnen, die Hand zu ergreifen,
die sich Ihnen wohlwollend entgegenstreckt.«
Gottlob, Lenchen kam, um uns zur Post abzuholen.
Als wir den Gasthof verließen, hing sich mir die Geheimrätin an den Arm.
»Das freut mich jetzt so, Fräulein Villinger,« hub sie an, »daß Sie
eine eigene Meinung haben und nicht wie ein Taschenmesser vor meinem
Mann zusammenklappen. Die Frauenzimmer verderben ihn mir ganz mit ihrer
Bewunderung, und wissen Sie, das verträgt keiner auf die Dauer, drum
ist ihm die heutige Niederlage recht gesund. Es ist sonst gut mit ihm
auskommen, und ich war recht glücklich, wenn die dummen Frauenzimmer
ihn in Ruh ließen. Bleiben Sie wirklich bei Ihrer Meinung?« fragte sie.
»Durchaus.«