»Ich muß es wohl, Frau Baronin,« gab ich ihr zur Antwort, »eine Schule
ist das Ziel meines Lebens.«
»Aber Sie können uns doch nicht verlassen -- könnten Sie das wirklich,
Liebe, um einer Schule willen? Was haben Sie von einer Schule?«
»Meine Selbständigkeit, Frau Baronin, und damit die Möglichkeit, meiner
Schwester ein Heim zu bieten.«
»Ihrer Schwester?«
»Ja, sie ist durch Vaters Tod heimatlos geworden.«
»Davon sagten Sie uns nichts.«
Ich mußte ein wenig lächeln.
Die Baronin verstand sofort, sie wurde rot, sah einen Augenblick vor
sich hin und streckte mir dann in herzlicher Freimütigkeit beide Hände
entgegen.
»Was wir an Ihnen verlieren, läßt sich nicht ausdrücken.«
Tränen erstickten meine Stimme, ich ging.
Der Baron tobte, als er's erfuhr. »Das ist doch zu machen, das ist doch
zu machen«, meinte er immer wieder.
Jeden Abend setzte ihm seine Frau auseinander, daß es nicht zu machen
sei, und am Morgen stellte er seine Behauptung von neuem auf.
Wenn Therese nicht wäre, Gott weiß, ob ich nicht schwach würde.
Clothilde ist ganz verstört, sie, die eigentlich nie ein herzliches
Wort für mich hatte, zerschlug ihre Reitpeitsche an der Stuhllehne, als
sie von meinem Entschluß hörte, und lief dann in den Park, um sich den
ganzen Nachmittag nicht mehr sehen zu lassen. Hannerl saß allein in der
französischen Stunde und konnte vor Weinen weder lesen noch sprechen.
Der Baron stürzte herein: »Wo ist Clothilde -- sehen Sie, was Sie
anstellen, Fräulein Villinger -- was soll denn aus diesen Mädels
werden. Ich frage Sie, können Sie das verantworten? Das Kind wird sich
im Park totweinen.« --
Er stürmte davon.
* * * * *
Es läßt sich nicht sagen, wie sie mich quälen. Aber gottlob, an der
Baronin habe ich einen Halt. Sie hilft mir wahrhaft mit ihrer Ruhe und
macht mir das Scheiden insofern leichter, als sie mir sagte, sie wolle
Hannerl im Hause behalten und von einer neuen Gouvernante absehen.
Übers Jahr soll Clothilde dann in dasselbe Institut kommen, in dem sie
ihre Mädchenjahre zugebracht, und Hannerl mit ihr.
Ob ich zufrieden sei, setzte sie hinzu.
Ich konnte ihr gar nicht genug danken, indem ich ihr sagte, daß auch
Hannerls Zukunft mir am Herzen liege. Wir redeten wie Freundinnen über
beide Kinder und auch der Baron hat seinen Trotz aufgegeben, weil ich
versprochen, noch bis Anfang August zu bleiben.
Wir lachen auch wieder, und oh, wie bin ich froh, daß ich den
Empfindungen meines sich oft beleidigt fühlenden Stolzes nie Worte
verliehen und mir die Anerkennung, die ich zu verdienen glaubte, nicht
zu ertrotzen versucht. Jetzt fällt mir alles von selbst in den Schoß
und wahrlich, mehr Liebe fast, als ich wünsche.
* * * * *
Rastatt, den 20. Oktober 1840.
Endlich eine freie Stunde! O Caton, ich bin wieder in unserm Ländle,
ich atme Heimatluft, die Heimatsprache tönt mir auf Tritt und Schritt
ins Ohr. Sie ist nicht schön, ich weiß wohl, lieber Schwager. Aber auf
meinen Knien danke ich Gott, daß ich sie wieder hören darf und das heiß
ersehnte Ziel erreicht habe. Solche eine Stunde zu erleben, wie die
Post vor dem Gasthaus hielt und Therese dastand -- leibhaftig stand sie
da, unsre liebe, liebe Schwester. Und's Dortel denke Dir, unsre Dortel
aus dem Elternhaus. Ich zitterte, als ich aussteigen wollte. Da nahm
sie mich in ihre Arme und stellte mich, als sei ich ein kleines Kind,
vorsichtig auf die Erde. Alsdann schritt ich an Theresens Arm durch die
breite, sonnenbeschienene Gasse, sah wie durch einen Schleier niedrige
Häuslein, zwischen denen große, stattliche Brunnen auftauchten.
»Nannele,« sagte Therese, »gib acht, gleich biegen wir in die
Schloßstraße ein.«
Mir klopfte das Herz. Noch ein paar Schritte, und vor mir lag meine
künftige Heimat. Prachtvoll, in der Abendsonne, wie in Blut getaucht,
stand das Großherzogliche Schloß da. Ein rampenartig ansteigender
Zugang führt zum Vorplatz hinan, dessen Balustraden aus Sandstein
geformte Statuen schmücken.
Der Bau zeigt den späteren Barockstil. Lieber Schwager, Sie hätten Ihre
Freude an dem reichen architektonischen Schmuck dieses doch wieder in
einfacher Schönheit prangenden Baues, dessen Kuppel auf seiner höchsten
Spitze den blitzeschleudernden Jupiter trägt.
Es würde zu weit führen, wollte ich mich auf eine Beschreibung dieses
mächtigen, in Hufeisenform angelegten Schlosses einlassen. Ich ziehe
vor, Ihnen gelegentlich davon eine Zeichnung zu verfertigen, so wie
ich's eben kann. Freilich, die wundervollen, leider zum Teil schon
recht beschädigten Stuckarbeiten an den Wänden und der Decke des
Vestibüls entziehen sich einer Wiedergabe. Überhaupt, als ich diese
Flucht von Sälen durchwanderte, mit den prachtvollen Familienbildern
an den Wänden, und überall, besonders im Ahnensaal des markgräflichen
Hauses, mir die Trophäen des Erbauers begegneten, des Türkenbezwingers
Ludwig -- ganz betrübt wurde mir zumute, so wenig imstande zu sein,
Euch dieses Schlosses Herrlichkeit zu beschreiben. Es brauchte dazu
eines eingehenden Studiums, nicht nur des Baues, auch der Geschichte
seiner ehemaligen Erbauer, wozu mir wenigstens fürs erste alle Zeit
fehlt. Denn Ihr könnt Euch wohl denken, liebe Geschwister, ein ganzer
Berg liegen gebliebener Arbeiten wartet der neuen Vorsteherin. Ich bin
darum leichter über den Abschied weggekommen. Der Baron und die Baronin
waren nicht minder bewegt als ich, als sie mir zum letztenmal die
Hand schüttelten. Besonders der Baron brachte nicht ein Wort über die
Lippen. Ich auch nicht. Hannerl lief noch ein ganzes Stück laut weinend
neben der Post her, und es brauchte eine lange Zeit, ehe ich imstande
war, meinen Tränen Einhalt zu tun. Daß Clothilde im letzten Augenblick
nicht zu finden war und ich abreisen mußte, ohne ihr Lebewohl gesagt
zu haben, hat mich geschmerzt, auch weil ich mir eingestehen mußte: du
gehst, ohne daß es dir gelungen ist, dieses Kind, das dir anvertraut
war, kennen gelernt zu haben. Ist sie gut, ist sie nicht gut -- du
weißt es nicht.
Aber wie gesagt, die Arbeit, die ich hier vorfand, die Pflichten, denen
ich mich mit heißem Eifer hingebe, das alles bringt mir jene Zeit mehr
und mehr in Vergessenheit, und nur das liebe, herzige Rudi-Stimmle mit
seinem »i bitt« tönt mir noch als das lieblichste und vielleicht einzig
Unvergeßliche aus jenen Tagen.
Therese hat Dir geschrieben, liebe Caton, daß wir ja nun Lenchen in
unser nächsten Nachbarschaft in Baden haben. Mit dem Tod ihrer Mutter
bleibt ihr nichts andres übrig, als ihre Zuflucht bei der verheirateten
Schwester zu nehmen. Sie hat uns neulich besucht.
»Weisch, Nannele,« sagte sie zu mir, »ich bin halt jetzt's fünft Rad
am Wage, aber ich tu nit krächze, ich lach -- und mach d' Kommissionen
und klatsch ein bißle. Was soll ich sonst mache; aber jetzt, da du in
der Näh bisch, mein' ich alle mal beim Aufwache, ich hab's große Los
g'wonne.« --
Wie leid tut mir's, daß sich Lenchens Los nicht anders gestaltet
hat. Für mich ist und bleibt sie ein Stückle Heimat, und wir wollen
beisammen sein, so oft es geht.
Denke Dir, Monz schickte mir als Einweihungsgeschenk ins neue Heim
Goethes Gedichte. Aber o Himmel, auch seine eigenen Gedichte mit
dazu. Und was das ärgste ist, wünscht meine Meinung über beide Bücher
zu erfahren. Einen einzigen Blick habe ich in das seine getan und
schwelge seither, so oft ich einen freien Augenblick habe, in Goethes
Gedichten. Gott, es ist eine Beseligung! Im Anfang machte es mir
fast Gewissensbisse, stundenlang über einem Buch zu sitzen. Aber wie
schnell gewöhnt man sich an die langentbehrte, eigentlich nie besessene
Freiheit.
Und weißt Du, Theresens leichten Schritt im Nebenzimmer zu hören, wie
sie kommt und geht und sorgt und mir sogar des Morgens das Frühstück
aufs Zimmer bringt.
»Bleib nur liegen, Nannele, ich bring dir's Kaffeele ins Bett.« --
So was wieder zu hören und miteinander des Abends nach Herzenslust von
unseren Lieben plaudern zu können bei der Näherei, denn ich muß ganz
neu ausstaffiert werden, da ich mir seit Jahren nichts angeschafft habe
und mein bestes schwarzes Kleid nun schon gehörig spiegelt.
Ich höre meine liebe Caton in höchster Ungeduld ausrufen -- »aber wie
und wo wohnt ihr denn, meine Schwestern? Wie geht's mit der Schule, mit
deinem Umgang -- gibt es so nette Leute in Rastatt wie hier in Celle?«
Das alles höre ich mein Catonele fragen, aber hab' ein wenig Geduld,
das Einzelne muß sich erst aus dem Ganzen herausschälen. Zu viel der
Eindrücke sind's, mit denen ich zu tun habe, so daß ich nicht weiß, wo
anfangen, und doch auch nicht alles auf einmal sagen kann.
Dies Schloß ist wie ein Bienenkorb, in dem eine Unmasse Wesen sich's
heimisch machen und kommen und gehen und ihr Tagwerk betreiben.
Da sind die Herren vom Hofgericht mit ihren Familien, die die rechte
Seite des Schlosses bewohnen -- das Wasser- und Straßenbau-Amt, der
Schloß-Architekt, der Oberförster -- alle mit Familien -- da ist eine
Bildergalerie, das Offizierkasino, das Museum, der Theatersaal -- die
Militär-Wache. --
Endlich, im nordöstlichen Flügel des Schlosses, dem sogenannten
Sibyllenbau, ist meine Schule -- die Höhere Töchterschule, mit einem
Seiteneingang durch einen kleinen, viereckigen Hof -- ein Höflein wie
ein Traum, besonders wenn der Mond hineinscheint und an den hohen,
wettergeprüften, schon ins Hellrot spielenden Mauern bald dunkle
Schatten, bald lichte Streifen hinziehen; dazu eine Stille wie im
Grab. Das Leben in den Hauptteilen des Schlosses ist durch hohe Mauern
von hier abgeschnitten, unser kleines Reich ist ganz für sich, da der
äußere, um das Schloß herumführende Balkon teilweise schwer beschädigt,
also nicht mehr benutzbar ist.
Ich habe zwei Klassen, je mit zwei Abteilungen, in die sich
zweiundfünfzig Schülerinnen verteilen -- die Kinder der Beamten,
Offiziere und Honoratioren des Städtchens.
Als ich das erstemal den Katheder betrat, um meine kleine Welt
zu begrüßen, hüpfte mir das Herz vor Freuden beim Anblick dieser
zaghaft zu mir aufblickenden Augen, dieser schüchternen, mich so
durchaus bürgerlich anmutenden Geschöpfchen. Gott sei Dank, keine
Ausnahmekinder, sondern schlichte, unverdorbene Kleinstädterle habe ich
vor mir.
Freilich, ich sehe wohl, daß es in meiner neuangetretenen Pflanzung gar
vieles zu säen, zu begießen und auszujäten gibt, manche Auswüchse zu
beschneiden, ineinander verwirrte, schlaffhängende oder widerspenstig
ausgespreizte Ranken zu lichten, zu heben und zu stützen. Doch ich
hoffe, da der Same gut und Eifer und Einsicht des Gärtners das ihrige
tun, daß auch Gott das Gedeihen und seinen Segen dazu geben werde.
Habe ich doch mehr und mehr eingesehen, welch eine Pflichtschwere eine
Erzieherin sich aufbürdet. Ihr Beruf ist Lehren und Ermahnen -- sollte
da nicht auch ihr Leben eine Lehre sein, frei von allen großen und
kleinen Fehlern, ja von störenden Gewohnheiten und Manieren?
Es ist ein heiliger Beruf, Nannele, hat Lehrer Kiesel zu mir gesagt,
aber o Himmel, seine Manieren -- waren diese nicht eher alles andere
als nachahmungswürdig? Und Frau Klementine in der Klosterschule,
erinnerst Du Dich, Caton, wie wir heimlich kicherten, wenn sie sich
blitzschnell umdrehte, um zu schnupfen, und dann mit Daumen und
Zeigefinger die Spuren des Schnupftabaks von ihrem weißen Vortuch
wegschnellte? --
Wir Lehrer müssen wissen, daß es nichts Grausameres und Spottlustigeres
gibt als Kinderaugen, und uns danach richten. Schon mancher kleine
Ellenbogen hat sein behagliches »Über-den-Tisch-Lungern« aufgegeben
angesichts meiner Haltung auf dem Katheder, und manche rauhe,
ungebührliche Kinderstimme hat sich auf die freundliche Art meiner Rede
gestimmt.
Und welch eine Entdeckung machte ich neulich. Ein Fingerchen erhob
sich, und die Anzeige wurde gebracht: »Es hat d' Schul' g'schwänzt.«
»Es« war Forstmeisters Linele, ein ganz herziges Kind. Die Kleine
gestand unter Tränen, daß sie an der Murg drunten Püpplewäsch g'habt.
Ich nahm ihr die Händchen vom Gesicht, sie schluchzte herzbrechend.
»Warum hast du so Angst, Kind?«
»Vorem Sibylleloch.« --
Große Stille. Alle Kinderaugen hingen mit ängstlicher Spannung an
meinem Gesicht.
»Was ist das Sibyllenloch?« fragte ich. »Warum hast du so Angst davor?«
»Wir werde neing'sperrt, wann wir bös sind.«
»Nach der Stunde zeigt ihr mir den Ort.«
Von den andern Kindern gefolgt, führte mich die Kleine zu einer Tür
im Erdgeschoß, am Ende eines großen Raumes, in dem das Brennholz
aufgespeichert lag. Im Schloß der Tür steckte ein Schlüssel. Ich
öffnete und sah in einen dunklen, kellerartigen Raum, aus dem moderige
Dünste stiegen.
»Welch eine Luft«, entfuhr es mir unwillkürlich.
»Und geistere tut's au«, meinte ein kleines Mädchen.
Ich warf die Tür zu, schloß ab und steckte den Schlüssel in die Tasche.
»Damit ist's aus«, sagte ich, worauf alsobald ein wilder Freudentanz
entstand, an dessen glückseliger Verzücktheit ich nur zu gut erkannte,
wie groß die Angst und das Grauen gewesen sein mußten, dem diese armen
Kleinen durch eine so unmenschliche Strafe bisher ausgesetzt waren.
Welche Macht haben doch die Lehrer, und wie mancher unter ihnen
wendet diese nicht zum Heil, sondern zum Unheil der Kinder an. Wie
oft fällt mir Hermanns Verzweiflung über den Mathematiklehrer ein.
Wenn Mathematik auf dem Stundenplan stand, kam der arme Kerl schon
mit einem finsteren Gesicht zum Kaffee, und die Mutter sagte: »Iß ein
zweites Brötle, Bubele, zur Stärkung«, während Vater mit gerunzelter
Stirn ein sorgenvolles »Hm« hören ließ, im voraus der roten Ohren
gedenkend, die unser Jüngster regelmäßig aus der Mathematikstunde mit
heimbrachte.
Weißt Du noch, Caton, ohne Dir viel Mühe mit dem Lernen zu machen,
warst Du stets der erkorene Liebling Deiner Klassenlehrerin, ich aber
hatte an Frau D. eine strenge Widersacherin und sollte einmal den
Boden küssen -- auch eine unwürdige Strafe -- weil ich Lenchen in der
Geographiestunde mit Einsagen geholfen. Ich weiß nicht, wie's geschah,
aber statt des Bodens küßte ich den Rocksaum der Klosterfrau, die darob
in die größte Verlegenheit geriet und von Stunde an sich weniger hart
gegen mich zeigte.
Ach, sollte es für den Lehrer nicht der schönste, der größte und
heiligste Ehrgeiz sein, den Kindern die Schule liebwert zu machen, daß
sie mit frohen Gesichtern kommen und mit frohen Gesichtern gehen?
Übrigens, da hab' ich ein dickes Kätterle in der Klasse, dem fiel
neulich die Schultasche auf den Boden, und aus ihr kollerte eine solche
Menge von Brot, Äpfeln und Nüssen, daß ich erstaunt fragte: »Aber,
Kätterle, das kann doch nicht alles für dich sein?«
»Doch,« sagte das Kind, »'s isch alles für mich.«
»Ja, wollen denn deine Eltern, daß du das alles ißt?«
»Ja,« nickte die Kleine, »der Vater sagt: ›Iß recht, Kätterle, ich hab'
Hunger leide müsse daheim‹.« --
So kommt wohl der Wechsel ins Leben. Haben die Eltern gehungert,
bekommen die Kinder zuviel. Und wenn die Kinder unter dem Zuviel einst
zu leiden haben, werden sie nicht ihre Kinder davor zu bewahren suchen?
Und ist es nicht am End so mit allem in der Welt, daß sich mählich
jeder Druck ins Gegenteil verwandelt?
Aber ich weiß, Du willst keine Reflexionen, sondern vor allem wissen,
wie wir leben, ob wir glücklich sind.
Ja, Caton, wir sind's; und ist das Tagewerk getan, kommt's zuweilen
sogar zu einem lauten Freudenausbruch meinerseits, daß ich mit
ausgebreiteten Armen durch alle unsere Stuben eile, gleichsam fliegend
mein Hochgefühl zum Ausdruck zu bringen suchend. Und wenn dann Therese
sagt: »Nannele, du bist ein Närrle«, so falle ich ihr weinend und
lachend um den Hals, so dankbar, ach so dankbar, daß ich nun eine
Heimat habe und ein Herz dazu, das mich begreift und mir erlaubt, zu
sein, wie ich bin, sogar ein wenig unvernünftig. Du solltest uns
einmal in unserem schönen, großen Wohnzimmer sitzen sehen, inmitten der
lieben, wohlerhaltenen Elternmöbel, die so vertraut uns anheimeln und
von unsern Lieben reden, die wir nicht mehr haben, und von denen, die
noch mit uns dieselbe liebe Gottesluft atmen.
Es ist unsere Freude, daß Dein Ältester das Fach seines Vaters erwählen
und Architekt werden will. Und merkwürdig dünkt uns, daß Hermanns
Patenkind, Euer Hermännle, sich darauf kapriziert, Offizier zu
werden, als sei ihm mit der Patenschaft die Sehnsucht des Onkels zum
Militärstand eingeimpft worden.
Unser Jüngster prangt jetzt als feines Auditörle und im Hochbesitz
eines Pferdes in der lieben Freiburger Heimatstadt, und nach seinen
Briefen zu schließen, möchte er mit keinem König der Welt tauschen.
Unsere Wohnung, Caton, ist einfach fürstlich. Weite Gemächer mit
gewölbten Plafonds und so hohen Fenstern, daß wir die ganze Zeit dabei
sind, unsern Vorhängen die nötige Länge anzusetzen. Merkwürdigerweise
nehmen sich in dieser äußeren Pracht unsere großen, massiven
Möbel gar nicht schlecht aus; ja, noch nie hat mir Mutters gelbe
Kirschholzkommode mit den schwarzen Säulchen so gut gefallen wie hier,
zwischen den beiden Fenstern. Ganz wie daheim hat die große Wiener
Rokoko-Uhr ihren Platz auf der Kommode, und zu Theresens Kummer bleibt
jene unwiderruflich bei ihrem alten Fehler, stets vorzugehen, wie auch
unsre liebe Caton dabei bleibt, Theresens ängstliches Schwesterherz
immer von neuem durch allzu lange Schreibpausen zu betrüben.
Gleich dem Wohnzimmer liegen auch das etwas kleinere Eßzimmer sowie
unsere sehr geräumigen Schlafzimmer nach Osten, mit dem Blick auf den
sich weit ausdehnenden Schloßgarten mit seinen prachtvollen, uralten
Kastanienalleen. Die lichtblauen Ausläufer der Badener Berge ziehen
sich am Horizont hin und erwecken manchen Seufzer der Sehnsucht nach
den höheren und dunkelblaueren Bergen unserer geliebten Heimat. Die
Schulräume befinden sich auf einem besonderen Korridor gen Westen.
Einige unbewohnte Räume sind auch noch da, liegen unter Schloß und
Riegel. Wer weiß, ob man sie nicht eines Tages öffnen wird? -- Denk,
ich träum' das zuweilen, o Caton, und wir malen's uns aus, Therese
und ich, wie das wäre, wenn Petersens sich entschließen würden, einen
Sommer bei uns zuzubringen. Es wäre ein so hohes Glück, daß wir nur
leise daran zu rühren wagen.
Von den Nordfenstern meines Eßzimmers sehe ich zu dem stattlichen
Bau hinüber, dem ehemaligen Piaristenkloster und jetzigen Lyzeum.
Aus rotem Sandstein wie das Schloß, leuchtet es zwischen den beiden
mächtigen, uralten Linden hervor, die seine Flanken zieren. Über dem
Ganzen liegt ein wunderbarer Hauch alten Klosterfriedens, dem ich mich
an stillen Mondscheinabenden nur zu gern hingebe.
Muß mich doch die Schönheit dieses Schlosses und der eigenartige
Zauber, der von ihm ausgeht, für gar manches entschädigen, denn ich
glaube nicht, daß die in meinem Innern stets so rege Sehnsucht nach
Menschen, zu denen ich aufblicken dürfte, hier jemals eine Befriedigung
finden wird.
Einstweilen wenigstens sieht es nicht danach aus. Ein Hauskreuz ist mir
gleich in Gestalt der Unterlehrerin, die ich vorfand, als Geduldsprobe
zur Seite gegeben.
Fräulein Plump benimmt sich gegen mich durchaus artig -- d. h.
falschartig, gegen Therese aber führt sie die dreisteste Sprache. Aus
Eifersucht, meines Erachtens, denn Therese, die die Kinder manchmal
in der freien Viertelstunde beaufsichtigt, erfreut sich der ganzen
Zuneigung meiner Zöglinge, die für Fräulein Plump so gut wie nichts
übrig haben.
Ich muß auf Theresens Befehl des Morgens zwischen den drei Stunden, die
ich zu geben habe, ein Ei nehmen, saß also gerade im Eßzimmer, als die
Tür des Wohnzimmers aufflog und Fräulein Plumps Stimme ertönte.
»Ich will Ihne nur sage,« schrie sie Therese an, »das laß ich mir net
g'falle -- Sie mache mir die Kinder abspenstig und hetze geger mich --
und jetzt ist auch der Schlüssel von Sibylleloch weg, und wenn ich der
nit hab, werd ich gar nimmer Meister -- und so gebe Sie ihn gleich auf
der Stell' raus.« --
»Fräulein Plump,« sagte ich, »der Schlüssel bleibt, wo er ist. Sie
müssen versuchen, den Kindern durch Ihren Charakter zu imponieren,
nicht durch eine so menschenunwürdige Strafe wie bisher.«
»So,« meinte sie verlegen, »wie Sie wünschen, Fräulein Villinger« --
und griff nach der Türklinke.
Eben das ist mir so furchtbar widerwärtig an dem Mädchen -- sobald man
ihr dezidiert entgegentritt, ist sie feig, sonst so frech als möglich.
Noch warte ich zu. Fräulein Plump ist ohne Vermögen, also von ihrem
kleinen Gehalt abhängig. Sollte sie sich jedoch als wirklich böse
entpuppen, werde ich mich durchaus eines solchen Elementes zu entäußern
suchen, um so mehr, als ihre Kenntnisse so gering sind, daß sie nicht
einmal für die unterste Klasse genügen. Einstweilen soll sie bemerken,
daß sie beobachtet wird. Es ist mir schon aufgefallen, daß Fräulein
Plump gegen die Herren, die mit meiner Schule zu tun haben, die
Untertänigkeit in Person ist. Damit ließe sich vielleicht rechnen, daß
sie unter einem männlichen Vorgesetzten etwas besser am Platz wäre.
Ich habe in der kurzen Zeit meines Hierseins doch schon soviel
Vertrauen zu erringen vermocht, um einigermaßen selbständig handeln
zu dürfen. Herr von Stockhorn würde mir gewiß nie etwas in den Weg
legen. Er gehört zum hiesigen Hofgericht und hat eine Art Oberaufsicht
über die Töchterschule. Oft bringt er sein Töchterchen selbst in die
Klasse und wohnt einer französischen oder deutschen Stunde bei, und
wiederholt hat er mir seine Zufriedenheit über die Art meines Lehrens
ausgedrückt. Die Kinder lieben ihn unbeschreiblich und jubeln ihm schon
von weitem zu. Der liebenswürdige Kinderfreund hat immer die Taschen
voll reizender Papierpüppchen, die er unter die Kleinen verteilt, die
keinen heißeren Wunsch haben, als ein Stöckhörnle zu besitzen.
Ach, ein so ganz anderer ist unser Professor. Er gibt in der oberen
Klasse Rechnen, Naturgeschichte und Zeichnen. Aber er behandelt
die Mädchen nicht anders als seine Lyzeumsschüler, teilt Ohrfeigen
und Stockschläge aus und fängt seine Stunde gewöhnlich mit einem
knurrenden: »d' Konzepte raus« -- an. Oder: »Ufpaßt heut, zum
Donnerwetter.« --
Von Manieren hat er keine Ahnung.
»I weiß, i bin saugrob,« sagt er von sich selbst, »aber z'leid bin
ich's.«
Er ist nämlich voll Wut über die Behörden von Karlsruhe, die so lange
säumen, ihn an das Lyzeum einer größeren Stadt zu berufen. Davon
spricht er immerzu und kann sich nicht genug tun an Schelten und
Nörgeln.
Trotz allen Ärgers, den mir sein ungattiges Wesen verursacht, muß
ich doch auch wieder über ihn lachen, denn er kommt daher, als träte
er direkt aus dem schönsten Regenbogen heraus. Alles strahlt in
Farbenpracht an diesem untersetzten, dickköpfigen Mann. Der Rock
königsblau, die Weste orangegelb, die Halsbinde karminrot und die Hose
hellgrau. Auf den schwarzen Löckchen sitzt ein schiefer, breitrandiger
Zylinder, unter dem grelle, blaue Augen beleidigt in die Welt schauen.
Auch die Kinder lachen heimlich über ihn, während es weder ihnen noch
mir einfällt, über Fräulein Plump zu lachen. Sie ist zu böse. Wie sie
los werden, ohne ihr zu schaden? Diese Frage steht mit mir auf und geht
mit mir zu Bett.
* * * * *
Rastatt, den 7. April 1842.
Liebste Caton!
Dein Hermännle und unser Hermann, sie leben hoch zu ihrem heutigen
Namenstag! Eine mächtige Linzertorte ist nach Freiburg zum Auditörle
gewandert. Als kleiner Bub hat er einmal ein Stückchen Linzertorte
gestohlen und es mir in seiner Aufrichtigkeit gebeichtet. So geht's im
Leben, jetzt hat er eine ganze.
Ich bin sehr aufgeräumt, wir hatten eine prächtige Geographiestunde auf
der Plattform des Schlosses. Köstlich, das Gewusel von kleinen Mädchen
zu Füßen des vom Jupiter beherrschten großen Laternenturmes. Die
Rundsicht, die sich da oben bietet, ist prachtvoll, und meine Kinder
lernen auf die angenehmste Weise ein gutes Stück unseres Landes kennen,
und ihre jungen Augen sind gar eifrig im Auffinden der fernsten Punkte.
Rings um das Städtchen werden jetzt Wälle aufgeworfen, von allen
Seiten kommen Steinfuhren zum Bau der großen Festung, die Tausende von
Arbeitern beschäftigen soll. Einstweilen sieht es recht unordentlich
in der nächsten Umgebung Rastatts aus. Nun, wir sehen darüber weg
ins sich weitöffnende Murgtal mit den dunklen Schwarzwaldbergen --
Ebersteinburg, der Merkur, die Badener Höhe grüßen herüber. Wir
erblicken in der endlosen Rheinebene das Straßburger Münster und
gen Süden die Vogesen, gekrönt von der Hochkönigsburg. Nach Norden
entdecken wir über das Häusermeer von Karlsruhe hinweg den Dom von
Speier, den Durlacher Turmberg und beinahe noch den Melikobus im
Odenwald -- so klar war die Luft.
Beschäftigen wir uns mit der Geschichte Rastatts, versäumen wir
nicht, das berühmte Friedenszimmer aufzusuchen mit seinen kostbaren
Holzvertäfelungen. Hier haben die denkwürdigen Friedensverhandlungen
stattgefunden zwischen Prinz Eugen und dem Marschall Villars, die
den langen Erbfolgekrieg zum Abschluß bringen sollten. Und einige
Jahrzehnte später tagte hier der Reichsfriedenskongreß unter Markgraf
Karl Friedrich.
Diese geschichtlichen Ausführungen interessieren vielleicht Deine
jetzt gewiß eifrig mit Geschichte beschäftigten Knaben, daher meine
Ausführlichkeit.
Und nun zu Deinen Fragen, Caton. -- Nein, es hat sich bis jetzt kein
Verkehr für uns gefunden. Die bürgerlichen Mitbewohner des Schlosses
leben alle mehr oder weniger ganz abgeschlossen für sich. Des Abends
sieht man wohl die Beamten im Zereviskäpple, das Pfeifle im Mund,
unter dem Fenster liegen und spazieren schauen; die Frauen scheinen
äußerst fleißig und rührig zu sein. Therese trifft sie schon in aller
Frühe auf dem Markt. In ihren vier Wänden bewegen sich Mütter und
Töchter im Bettkittel, weshalb ein Besuch großes Unbehagen hervorruft.
Ich habe eine solche Aufregung einmal verursacht, als ich die Mutter
einer meiner Schülerinnen sprechen wollte. Sie erschien im Mantel mit
der Behauptung, eben nach Hause gekommen zu sein. Anders scheint sich
das Leben auf der rechten Seite des Schlosses abzuspielen, wo die
Hofgerichts- und Militärbehörden wohnen. Wenn Musik im Museumsgarten
ist, sieht man die jungen Offiziersfrauen in neumodischen Kleidern
paradieren, wie sie im nahen Baden die Mode des Tages mit sich bringt.
Therese und ich genießen mit Wonne die Militärmusik und promenieren
zwischen dieser uns fremden Welt, von der Menge kaum beachtet, aber
immer freundlich begrüßt von Herrn von Stockhorn, der nach wie vor
meiner Schule das wärmste Interesse zeigt.
Er hat mir sogar im Vertrauen mitgeteilt, daß er im stillen alle
Schritte tue wegen der Versetzung des Professors. Bis jetzt freilich
noch ohne Erfolg.
Ach, und unsre Plump! Dieser täglich von neuem aufzunehmende Kampf mit
meiner Antipathie! -- Weiß ich doch, wie eifrig sie bemüht ist, mir in
Rastatt zu schaden, wo sie kann. Aber meine Kinder werden als meine
guten Engel für mich eintreten, das weiß ich auch. Die Freude, die
mir meine Schule gibt, nimmt überhaupt mit jedem Tag zu. Immer mehr
gewinne ich Einfluß auf die mir anvertrauten jungen Gemüter. Ich bin
eben eifrig daran, ihnen den Aberglauben auszutreiben, die Markgräfin
Sibylla gehe im Schloß um.
Ich habe mich genau über deren Leben erkundigt. Herr von Stockhorn
stellte mir Bücher aus der Schloßbibliothek zur Verfügung, aus denen
ich ersehen konnte, welch eine vortreffliche Regentin die Markgräfin
nach dem frühen Tod ihres Gemahls, des Türken-Louis, war. Wie gütig
und großmütig sie sich der Armen annahm, und wieviel sie tat, um die
Nachwehen der so lange auf Rastatt lastenden Kriege für ihre Untertanen
erträglich zu machen. Und hat sie diesen ein größeres Geschenk machen
können als durch die Errichtung von Bildungsstätten für Rastatts
Jugend? Eine Fürstin ohne inneren Wert, der das Wissen gleichgültig
ist, stiftet keine Schulen.
Dann kommen mir freilich die Kinder mit der Frage: »Wenn sie nichts
Böses getan, warum steht in der Vorhalle der Schloßkirche im Boden
eingeschrieben: ›Betet für die große Sünderin Sibylla 1733.‹ -- Warum
hat sie im Park des Lustschlosses Favorite die Eremitage erbaut und
sich gegeißelt und Buße getan?«
Ich konnte den Kindern nichts anderes sagen, als wie ich mir selbst im
eigenen Innern das Schicksal dieser hervorragenden Frau deute. War ihr
Leben nicht umdüstert durch schwere Kriegszeiten, daß sie Schreckliches
an Greueln erleben mußte im eigenen Land und wohl noch Schrecklicheres
durch die Habgier, Grausamkeit und Falschheit des Feindes? So kam
im Alter die Müdigkeit über sie und die Sehnsucht, einer Welt zu
entfliehen, die soviel des Argen in sich barg. Sie ergab sich Gott;
wer sich aber Gott ergibt, der wirft alle Hoffart von sich, und sein
Denken und Tun ist Demut bis zur Selbstentäußerung. Sie will nichts
mehr scheinen, sie fragt nicht nach dem Urteil der Welt. Diese Welt hat
Christus geschmäht; sie will um seinetwillen auch geschmäht, verkannt
und verhöhnt werden.
So deute ich mir die Empfindungen, welche die Markgräfin Augusta
Sibylla am Schluß ihres Lebens leiteten. Soviel man eben deuten kann,
denn das Rätselhafte in eines Menschen Brust bleibt uns verborgen und
ist doch vielleicht das Ausschlaggebende für sein Handeln.
So ungefähr sprach ich zu den Kindern. Die Gedanken, wie ich sie ihnen
ausdrückte, sind mir in der Hofkirche gekommen, die die Markgräfin
erbaut und auf das kunstsinnigste ausstattet hat. Gleich beim Eingang
rechts in dem kleinen Kapellchen ist ihre letzte Ruhestätte. Und
eine schönere, weihevollere hätte sie sich nicht erwählen können.
Ein jeder schreitet in der Vorhalle über die Bodenplatte, in die mit
Messingbuchstaben jene Worte eingelassen sind: »Betet für die große
Sünderin Sibylla Augusta 1733.«
Und indem ich für sie bete, kann ich nicht umhin, mich immer wieder mit
ihrer seltsamen Wandlung zu beschädigen. In dem herrlichen Deckenfresko
der Kirche ist die Auffindung und Verehrung des Kreuzes Christi durch
Kaiserin Helena dargestellt.
Die fromme Kaiserin zog nach Jerusalem, um unter dem Schutte, der seit
der Zerstörung der heiligen Stadt die geweihte Stätte bedeckte, das
Kreuz des Heilandes aufzusuchen. Man grub drei ganz ähnliche Kreuze
aus; welches mochte das richtige sein? Man ließ eine vornehme Frau aus
der Stadt, die dem Tode nahe war, die drei Kreuze berühren. Schon hatte
die Sterbende zwei Kreuze berührt, ohne Wirkung. Da sie das dritte
berührte, stand sie auf und war gesund. Nun konnte für Helena kein
Zweifel mehr sein; überglücklich sinkt die Kaiserin vor dem heiligen
Kreuz in die Knie.
Diesen Augenblick bringt der Künstler in seinem Werk, und als Kaiserin
Helena hat er die Erbauerin der Kirche, Markgräfin Augusta Sibylla,
dargestellt, eine schöne, königliche Frau.
Sollte in dieser ihrer Beschäftigung mit heiligen Dingen, an ihrer
offenbar genauen Kenntnis des Lebens der Heiligen, deren Abbilder
überall an den Wänden und Decken der Kirche angebracht sind, sollte
dieser Verkehr mit dem Überirdischen nicht den Grundstein gelegt haben
zu dem späteren Leben der Markgräfin, so daß es ihr erging wie Saulus,
der immer wieder von Christus gehört und so viel von ihm hörte, bis
ihn einstens eine Stimme vom Himmel in Paulus, den eifrigsten aller
Christus-Jünger, verwandelte.
Hat nicht auch Sibylla eine solche Stimme vernommen, wie alle jene,
die plötzlich der Welt entsagt und ihr Leben Gott und der Einsamkeit
geweiht? --
Eine solche Stimme, wie unbeschreiblich zwingend, wie niederschmetternd
und von hoher Gewalt muß sie sein, daß sie den, dem sie ertönt, aus
dem gewohnten Lebenskreis herausschleudert und eine an Herrschen und
Wohlleben gewohnte Fürstin zur armen, büßenden Sünderin macht.
Nun habe ich mich wieder einmal ganz in meine Phantasien verloren, und
mein armes Catonele, das all das lesen muß, wird kopfschüttelnd sagen:
Was geht mich diese alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene
Markgräfin Sibylla an? Nein, das sagst Du nicht, sondern lächelst in
Deiner liebevollen Art, wohl wissend, daß Dein Nannele den Dingen eben
gar so gern auf den Grund geht.
Noch zum Schluß die Ursache, warum Dortel durchaus des Sonntags dem
Militärgottesdienst beiwohnen muß, was uns nämlich nicht so ganz paßt.
»He nei,« sagte sie auf meine Frage, ob sie nicht ebensogut zu einer
andern Zeit in die Kirche gehen könne, »he Gott bewahr, do hätt' ich jo
nit der halb G'nuß, denn nur in der Militärmeß kann i's so recht spüre,
wie sich unser Herrgott freut, wann's zur Wandlung trummelt.«
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