Ich hielt ruhig stand: »Wie kommst du auf diese Frage?«

»Weil ich ihn heiraten soll«, sprach sie in hartem Ton.

Ich zog ihre Hand in meinen Arm, und wir gingen nebeneinander her im

leise rauschenden Wald; die Vögel sangen von allen Zweigen.

»Horch, wie schön,« sagte ich, »mein Gott, Kind, was geht dich denn

jetzt schon das Heiraten an -- so genieße es doch, daß du noch ein Kind

sein darfst -- oh, wenn ich's nur für eine Stunde wieder sein dürfte,

wie wollte ich mich freuen.«

Eine Weile war es still, dann stieß Clothilde in heißem Zorn hervor:

»Aber die Gouvernante, die vor Ihnen da war, hat es mir doch gesagt.«

»Was hat sie dir gesagt?« drang ich in sie.

»Daß es die Eltern ausgemacht, ich müsse den Hampelmann heiraten, den

ekelhaften.«

»Woher wollte sie das wissen, Kind?«

»Sie hat gelauscht.«

»Großer Gott«, fuhr es mir durch den Kopf.

Ich hatte bisher immer nur das Los der Erzieherinnen bedauert. In

diesem Augenblick wurde mir klar: Wem vertrauen die Eltern ihre Kinder

oft an?

Clothilde gegenüber nahm ich die Sache leicht. Bei ihr muß jeder

Gemütston vermieden werden.

»Hast du nie von Menschen gehört, die sich allerlei einbilden und

schließlich meinen, es sei wahr?« fragte ich sie. »Denn niemals glaube

ich, daß deine Eltern so etwas untereinander ausgemacht. Da kenne

ich sie besser. Oder es könnte auch sein,« setzte ich hinzu, »frage

dich einmal, mein Kind, hast du jene Gouvernante vielleicht in der

Rechenstunde auch so gequält wie mich?«

Sie gab keine Antwort.

»Nun, dann hat sie sich am Ende ein wenig rächen wollen, weil sie

merkte, daß du den Hampelmann nicht magst.«

Ob sie meinen Worten Glauben schenkte, war an nichts zu ersehen, aber

ich nahm mir vor, mit den Eltern über diese Angelegenheit zu reden.

Nach dem Abendessen, wenn Clothilde gute Nacht gesagt, halten mich die

Eltern zum Plaudern zurück. Besonders der Baron. »Erzählen Sie uns doch

etwas, Fräulein Villinger; ich könnt' Ihnen den ganzen Tag zuhören«,

behauptet er. Dann kommt regelmäßig das Erziehungsthema aufs Tapet.

Hier gehen die Eltern ganz und gar aneinander. Die Baronin meint, durch

Autorität, Sanftmut und Konsequenz müsse Clothildens leidenschaftliches

Temperament schließlich der besseren Einsicht weichen. Der Baron zuckt

die Achseln.

»Das Mädel ist nächstens dreizehn -- hat deine Methode bisher etwas

genützt, nachdem sie zehn Gouvernanten gehabt, die alle nach deinem

Rezept handelten? Ich bin für die Reitpeitsche. Meine Pferde, meine

Hunde, alle haben sie einmal gekostet, aber dies eine Mal half's.«

»Geh, damit ist dir's doch gar nicht Ernst,« sagte die Baronin, »dein

Elferl und die Reitpeitsche.«

»Bin ich vielleicht ein schwacher Vater?« brauste er auf.

Wir lachten beide.

»So,« ereiferte sich der Baron, »aber in der Klavierstunde nehme

ich mir die Freiheit und werfe ihr die Noten an den Kopf -- o diese

Klavierstunden!« Er fuhr sich in die Haare.

»Ihr habt beide keinen Funken Geduld,« sagte die Baronin, »aber

immerhin solltest du mit gutem Beispiel vorangehen, Rudi.«

»Fällt mir gar nicht ein,« erklärte er, »Fräulein Villinger hat eine

Engelsgeduld, was hilft's. Gar nichts hilft's.«

Ich fand den Augenblick günstig, den Eltern mein Erlebnis mit Clothilde

bezüglich des Hampelmanns mitzuteilen.

»Natürlich soll sie ihn heiraten«, sagte der Baron.

»Aber es ist mir sehr fatal, daß sie davon weiß«, sagte die Baronin.

»Werden wir machen«, beruhigte sie der Baron, »soll ihr gründlich

ausgetrieben werden, verlaß dich auf mich.«

Andern Tags, bei Tisch, kam die Sache gleich zum Austrag. »Ja, nun

geht der Hampelmann nach München zum Militär,« sagte der Baron, »wo er

Arme und Beine hübsch eingerenkt bekommt. Paßt auf, was das für ein

schmucker Kerl wird -- ob er dann nicht Glück bei der schönen Irmgard

hat, famoses Mädel, er liebt sie heiß.«

»Er liebt sie?« erkundigte sich Clothilde. »Ist's wirklich wahr?«

»Heiß, Elferl,« nickte der Baron, »brennend heiß.«

»Herrlich,« rief sie aus, »o Papi, ich möchte am liebsten gleich um den

Tisch herum tanzen.«

»Tanz, mein Elferl, ist sehr nett von dir, soviel Anteil an ihm zu

nehmen.«

Sie lachte vor sich hin und blieb sitzen.

Mir kommt es oft vor, als habe sie das Zeug in sich zu irgendeiner

Ausnahmestellung in der Welt. Sie wird schön, ist musikalisch wie ihr

Vater; von ihrer Stimme, die jetzt hell und zart ist, sagt er, daß

sie herrlich werden wird. Dazu diese Grazie, dieser Mut, diese Kraft

und Entschlossenheit. -- Neulich auf der Landstraße fiel ein großer,

schwerfälliger Metzgerhund über die beiden aneinandergeketteten

Windhunde her, die Clothilde auf Schritt und Tritt begleiten. Sie kamen

zu Fall, der Hund hielt sie mit beiden Tatzen fest. Ich wollte mit

meinem Schirm herbeieilen -- zu spät. Schon hatte sich Clothilde über

die Tiere gebeugt, und zu meinem großen Erstaunen gab schon im nächsten

Augenblick der Unhold die Windspiele frei und torkelte davon.

Ich fragte, was sie ihm denn getan habe.

»Die Kehle zusammengedrückt«, erwiderte sie.

In den Lehrstunden leider nach wie vor der alte Starrkopf.

Man soll's halt nicht zu gut haben in diesem Leben.

* * * * *

J..., den 12. Dez. 1838.

Meine liebe Caton!

So haben wir kein Elternhaus mehr. Therese sagt, daß sich Vater ohne

Unterlaß nach Mutter gesehnt und seine letzte Lebenszeit für ihn

keine leichte gewesen sei. Wohl ihm, daß er erlöst ist -- für uns --

welch ein Verlust. Du mußt nicht sagen, daß Du von allen Kindern den

Eltern am wenigsten habest sein können. Das ist nicht wahr, Caton. Sie

labten sich an Deinem Glück und freuten sich alle Tage ihrer Enkel,

wenn auch nur aus der Ferne. Nein, lasse Dir Deinen Schmerz nicht

durch Gewissensbisse verkümmern. Das ist ja so unwesentlich jetzt, ob

Du etwas mehr oder weniger geschrieben hast. Das rechnen Dir unsere

lieben, gütigen Eltern im Jenseits ganz gewiß nicht an. Sie wollen

nicht, daß wir verzweifeln, sondern in treuem, dankbarem Gedenken an

sie unser Tagewerk mutig weiter tun.

Ja, das ist gut sagen; erst jetzt, fast vier Wochen nach unseres

guten Vaters Tod, bin ich einigermaßen imstande, meinen Pflichten

wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Bisher tat ich, was ich mußte,

ohne selbst irgendwelchen Anteil daran zu nehmen. Da fiel mir einmal

in der Nacht ein, welch schlimme Folgen jener teilnahmlose Zustand

damals nach Mutters Tod für meinen Beruf hatte, und daß ich gewiß viel

vernachlässigte, was nicht wieder gutzumachen war. Denn hätte ich

meinen Zöglingen Liebe statt Gleichgültigkeit geschenkt, wer weiß, ob

nicht vieles besser geworden wäre. Die Kinder waren nicht böse, nur

sehr verwöhnt.

So habe ich mich denn aufgerafft und bitte Dich, meinen verzweifelten

Brief nach Vaters Tod nicht aufzubewahren wie die andern, sondern der

Vernichtung preiszugeben.

Ich bin ja auch nun über Theresens Los beruhigter, seit ich weiß, wie

liebevoll Freunde und Verwandte sich ihrer angenommen. Unsere Therese

hat förmlich das Geriß. Frau von Schönau, Baurittels, Fromherzens, alle

boten ihr eine Heimat an. Daß Therese vorzog, beim Onkel in Säckingen

ihre Zuflucht zu suchen, ist mir eine ganz besondere Erleichterung. Die

Stiftsmüllerin ist leidend und Burgele kaum imstande, mit der Pflege

und dem großen Haushalt allein fertig zu werden. Da ist Therese recht

am Platz, und ihrer vornehmen Seele wird das Bewußtsein, mehr zu geben

als zu empfangen, eine stille Genugtuung sein.

Daß Hermann nun sein Auskommen hat als Referendär in Waldkirch, ist

auch ein Lichtstrahl. So wollen wir denn zufrieden sein und dankbar.

Das Leben geht weiter, und wir müssen mit ...

* * * * *

Ich will diesen Brief nicht abschicken, ohne noch eine liebe kleine

Episode mitzuteilen, weil ich weiß, daß ich Dir damit eine Freude

mache. Das Erscheinen des kleinen Rudi des Morgens im Hof ist

nämlich ein Ereignis fürs ganze Haus. Sofort sind alle Mägde an den

Küchenfenstern, sobald Rudis helles Stimmchen ertönt. Niemand kümmert

sich um den dicken, kleinen Günther auf dem Arm der Bonne, Rudi ist der

erkorene Liebling aller. Die Hunde stürmen ihm entgegen und werfen ihn

auch gewöhnlich um.

»Ihr Sakra«, schreit der große Stallknecht und eilt herbei.

»I bitt, nicht schlagen, Sixtl,« fleht ihn Rudi an, »schau, sie können

nichts dafür. Und gelt, Sixtl, i bitt, heb mich zur Köchin hinauf, ich

muß ihr ein Handerl geben.«

Bis zur letzten Küchemagd, alle kriegen eines, und sie jubeln dem

Kleinen zu, den der Sixtl hoch hält, und die Hunde streben an ihm

hinauf, die Eltern stehen am Fenster, Clothilde und ich, und es ist

ein Rufen, Winken, die Bonne will ihn weiter zerren, er fleht: »I bitt,

laß mich allen guten Morgen sagen« und wirft Kußhändchen nach rechts

und links. Und plötzlich steht der Baron unten und nimmt ihn auf den

Arm und küßt und herzt ihn und fängt an zu schelten:

»So ein dummer Bub das -- immer ›i bitt, i bitt‹ -- den Soldat möcht

ich sehen, den der Rudi abgibt. Was wird er zum Pferdl sagen: i bitt,

i bitt. Wird's Pferdel gehorchen? 's wird grasen und geht nicht vom

Fleck, 's wird denken, du bittst mir lang, ich lach dich aus. -- So

einen dummen Buben hab ich.«

Und der Rudi drückt das Köpfchen gegen die Wange des Vaters und lacht

und lacht und weiß recht wohl, wie's gemeint ist.

Ich wäre längst zu dem Resultat gekommen, Clothilde habe kein Herz,

wenn dieses Kind nicht wäre. Aber mit Rudi kennt sie keinen Stolz,

keinen Trotz, nur zärtliche, über alle Begriffe demütige Liebe.

* * * * *

Meine Tante Anna · 第 30 / 51 题