Das ganze Haus lief zusammen, um die Herrschaft zu begrüßen, und da
war niemand bis zur zahnlückigen Köchin, dem nicht ein liebenswürdiges
Wort zuteil geworden wäre.
Der Pfarrer kam, der Lehrer und seine Familie; in kurzer Zeit war die
ganze Wirtsstube voll Menschen, die alle zum Kaffee eingeladen wurden.
Ein sonderbarer Umstand drang mir eine schmerzliche Erinnerung an
die selige Mutter auf. Der Wirtin, die das blau und rot gewürfelte
Tuch über den langen Tisch ausbreitete, strahlte ein so herzliches
Wohlwollen aus den braunen Augen, daß ich für einen kurzen Augenblick
die Mutter vor mir zu sehen glaubte. Ich konnte mich nicht bemeistern
und zog mich deshalb von der fröhlichen Gesellschaft unbemerkt in eine
Fensternische zurück, wo ich weinen mußte. Ein lautes Aufschluchzen
brachte mich in die Gegenwart zurück. Rudi hielt mich umfaßt. »Sie
weint,« schrie er, »sie weint, kommt schnell, schnell und helft, daß
sie nicht mehr weint.« --
Der Baron und die Baronin waren sofort an meiner Seite und fragten
mich, was mir fehle. Ich gestand ihnen, um nicht mißdeutet zu werden,
was mich betrübte; sie nahmen den herzlichsten Anteil, führten mich zum
Tisch zurück, und ich gab mir alle Mühe, mein unstatthaftes Benehmen
durch besondere Heiterkeit vergessen zu machen.
Die Baronin fragte mich, wie lange es her sei, daß ich Mutter verloren.
Ich sagte ihr, daß es zwei und ein halbes Jahr sei, und ich weiß
nicht, wie's kam, ich fing an, von Mutter zu reden. Wie lange habe ich
das ersehnt, einmal von zu Hause reden zu dürfen, von unserm schönen
Leben -- unserer Heimat -- o Caton, gibt es eine schönere -- von der
Herzlichkeit zwischen Eltern und Kindern -- wie wir arbeiteten und doch
wieder Zeit hatten zu allen möglichen herzerquickenden Zerstreuungen
-- von unserm Verkehr mit den Professoren der Universität -- und wie
eben immer und überall die Mutter den Mittelpunkt bildete, und nicht
nur die Eigenen, auch alle, die ins Haus kamen, an diesem warmen,
menschenfreundlichen Herzen eine Heimat fanden.
Da fiel mir ein -- hast du nicht zu viel gesprochen? Der Pfarrer und
der Lehrer schauten mich wohl alle gütig und voll Verständnis an, aber
die Baronin -- bei ihrem Anblick erfaßte mich plötzlich ein Gefühl der
Beschämung.
Daß ich doch immer noch nicht hinlänglich genug Lebensweisheit besitze
und gleich bereit bin, mich durch ein freundliches Wort, einen
freundlichen Blick zu allzu großem Vertrauen hinreißen zu lassen.
In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein großgewachsener,
gebietend blickender Herr trat über die Schwelle. Er wurde vom Baron
mit dem Ausruf: »Was, Graf, Sie sind wieder hier?« begrüßt.
Dem Grafen war ein ungemein langer und schmaler Jüngling gefolgt,
dem Arme und Beine wie lose am Körper zu hängen schienen, so daß ich
Mühe hatte, nicht zu lachen, als Clothilde ausrief: »Da kommt der
Hampelmann!«
Es wurde nun ganz anders. Der Graf vertiefte sich, ohne von der übrigen
Tischgesellschaft Notiz zu nehmen, mit dem Baron und der Baronin in ein
Gespräch über Pferde. Der Pfarrer und der Schullehrer verabschiedeten
sich unter linkischen Verbeugungen. Ich selbst kam mir nicht weniger
überflüssig vor. Sonderbar -- wehe uns Bürgerlichen, wenn es uns am
richtigen Benehmen den Adligen gegenüber gebricht. Aber wissen diese
sich uns gegenüber immer richtig zu benehmen?
* * * * *
+Später.+
Du siehst, liebe Caton, es fehlt mir nicht an Zeit zum Schreiben.
Ich habe hier nicht, wie in meiner letzten Stelle, mich neben der
Erziehung der Kinder um einen unordentlichen Haushalt zu kümmern,
und bin nicht, wie in Nancy auf Schritt und Tritt an meinen Zögling
gekettet. Clothilde eilt nach ihren Lehrstunden mit ihren vierfüßigen
Freunden in den Park oder reitet mit den Eltern aus. Sie setzen dann
nacheinander mit ihren herrlichen Pferden über das Parktor weg, das
laut kläffende Hundevolk hinterher. Ein ganz herrlicher Anblick.
Ich wollte Dir aber noch von einem merkwürdigen Erlebnis am Schluß
jenes Ausfluges erzählen.
Ich hatte die Wirtsstube mit Clothilde verlassen, als uns der junge
Graf nachkam.
»Noch so ungnädig?« fragte er.
»Immer und ewig«, gab ihm Clothilde zurück und lief wie der Blitz in
den Wald hinein.
Der junge Mann wandte sich mit einem Lächeln an mich: »Lassen wir den
Wildfang laufen, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Wissen Sie, die
Jugend hat eigentlich gar keinen Reiz für mich. Ernste Frauen sind mir
lieber. Ich möchte sehr gern lange und ernst mit Ihnen -- zum Beispiel
über die Liebe sprechen.«
Ich nahm mich sehr zusammen, um so ernsthaft wie möglich zu antworten:
»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Graf, vielleicht ein anderes Mal,
jetzt ruft mich die Pflicht« -- ließ ihn stehen und eilte in den Wald
hinein, nach meinem Zögling rufend.
Ich fand ihn lange nicht, endlich machte mich ein Kichern aufsehen.
Clothilde saß auf einem Baumzweig, sich lachend darauf hin und her
schaukelnd.
»Wenn er bricht«, schrie ich auf.
»Dann bin ich um so schneller unten.«
Es tat einen Krach -- mehr fliegend als fallend stand sie im nächsten
Augenblick triumphierend vor mir.
Es war gut abgelaufen; ich tat ihr nicht den Gefallen, ihr meine Angst
zu zeigen, sondern wendete mich von ihr ab, um weiterzugehen.
Sie hielt mich plötzlich fest: »Fräulein Villinger, würden Sie einen
Hampelmann heiraten?«
Ihre Augen glühten, sie sah mich wie gewissenerforschend an.