Und sie nickt und sagt: »Ja, Rudi, bei jeder Kuh.«

Auch ich genieße eine Freiheit, wie ich sie bisher nie gekannt. Komme

ich von meinem Morgenspaziergang nach Hause, finde ich Punkt acht Uhr

das Frühstück auf meinem Zimmer, das groß ist und luftig, und in dem

ausrangierte, aber prachtvolle, uralte Möbel stehen, Lehnstühle,

in denen man förmlich ertrinkt, ein Schreibtisch, an den sich drei

Menschen nebeneinandersetzen könnten, und der so viele Fächer und

Schubladen hat, daß ich sie noch gar nicht gezählt habe. Ich bewohne

eine Giebelstube, von der aus ich das ganze Anwesen so ziemlich

übersehe: Im Schloßhof den Springbrunnen, die Hundezwinger und dahinter

den prächtigen, wohlgepflegten Park. Durch eine Gittertür geht's in

den Wald, der mächtig ansteigt; links davon kann ich das Dorf sehen.

Mein Weg führt mich oft durchs Dorf, dessen Kirchlein inmitten des

Friedhofes ein Turmdach hat wie eine Zwiebel. Das Pfarrhaus daneben,

zweistöckig, ragt hoch über die niedrigen Bauernhäuschen. In dem

unteren Stockwerk wohnen Schullehrers. Der Pfarrer mit der »Tant'«

bewohnt das obere Stockwerk.

Die Lehrersfrau kommt immer schnell aus dem Haus gelaufen, wenn sie

mich sieht, an den Füßen Holzschuhe, den Putzlumpen hält sie hinten am

Rücken.

»I bitt,« redet sie mich an, »gelt', machens Hannerl recht schön gebüld

-- wissens, 's soll halt a so e Gouvernant'n werd'n wie Sie, so will's

der Mann; o mei, ihm is halt d' Büldung so gar viel wert. I bin nit

gebüld', aber er laßt mich's nie nit merk'n -- i schaff halt, daß

sie's gut hab'n, die zwei, nur halt ins Schloß kann i nit z'weg'n der

Büldung.«

So ungefähr ist der Dialekt hierzulande, natürlich nur ungefähr.

Das Lehrerstöcherchen nimmt nämlich die französischen Stunden im Schloß

mit, ein braves, schwerfälliges Kind, mit weit vom Kopf abstehenden

Zöpfen und hochrotem Gesichtchen.

Der Lehrer, ein rührend bescheidenes, spindeldürres Männle, ist

zuweilen des Sonntags mit dem Pfarrer und dessen »Tant'« zum Abendessen

ins Schloß eingeladen. Stotternd entschuldigt er jedesmal seine Frau,

sie könne halt wieder nicht kommen, sie habe 's Zahnweh.

Worauf des Pfarrers »Tant'«, de unbewußt laut zu denken pflegt,

jedesmal sagt: »Die Zähn' sein's nit, 's ist der Anstand, den s' nit

hat.«

Der Lehrer hört während des ganzen Essens nicht auf, sich für alle

möglichen Wohltaten zu bedanken. Zuerst beim Baron, der ihn aber gleich

unterbricht: »Schon gut, schon gut, was bilden Sie sich nicht alles

wieder ein, ich bin ja ganz unschuldig.«

»Ach nein, nein, Herr Baron, das sein S' nie, nie«, ereifert sich der

Lehrer, alsdann richtet er seine Danksagungen an die Baronin.

Zuletzt kommt's an mich, indem er mir mit feuchtschimmernden Augen

immer von neuem versichert: »Wissen S', was Sie für mein Hannerl tun,

heilig möcht' ich Sie nennen, heilig!«

Inzwischen läßt sich's der Pfarrer prächtig schmecken, und sobald er

den Teller füllt, seufzt die Tant': »O mei, schon wieder, und ich muß

zuschaun und vertrag nix nit.«

Es wird von der Predigt gesprochen, die man am Morgen gehört, und die

die Schloßherrschaft ungemein befriedigt hat. Auch der Lehrer bekommt

sein Kompliment für Orgelspiel und Kindergesang während der heiligen

Messe. Das Wohl und Weh der Dorfleute wird in Betracht gezogen, wo's

dem einen fehlt, was dem andern nützlich wäre, die Gesundheit des

kleinsten Kindes ist wichtig. Gleich sagt der Baron: »Ich hol' den

Doktor.« Sie sind mir dann so lieb, denn ist es nicht ihr höchstes

Bestreben, die Menschen, die von ihnen abhängen, glücklich zu machen?

Freilich, was sonst in der Welt vorgeht, davon ist nicht viel die Rede.

Auch mit den Standesgenossen, die im Schloß verkehren, dreht sich die

Unterhaltung meist um Alltägliches; zuweilen auch wird die Politik

berührt, aber nur vorübergehend. Was ein gutes, herrliches Buch für

die Welt bedeutet, davon scheint hier niemand eine Ahnung zu haben.

Wenn ich gefragt würde, für was ich mich interessiere, was ich schon

erlebt, ich könnte es ihnen gar nicht sagen; denn mein Denken und

Erleben und was ich an Begeisterung empfunden, kommt mir fast selbst

überschwenglich vor in diesem eng umschlossenen, selbstsicheren Kreis.

Ach, einmal wieder unter meinesgleichen ich selbst sein dürfen --

Caton, Caton, ob ich's erlebe? --

Und doch, wie anders lerne ich die Menschen kennen durch dieses intime

Zusammenleben, als wenn ich nur von ihnen hörte. Wirklich, man sollte

nicht so leichthin aburteilen, wenn es sich um Menschen andrer Kreise

handelt. Wir wissen gar nichts, wenn wir nicht unter ihnen gelebt haben.

* * * * *

Wenn ich nur ein wenig mehr Freude an meinen Zöglingen haben könnte!

Clothilde haßt jeden Zwang und will immer fertig sein. Hannerl ist

nicht vom Fleck zu bringen, ehe sie nicht eine Sache kapiert hat.

So muß ich immer nur vermitteln zwischen diesem so ganz und gar

ungleichmäßigen Gespann.

Noch schlimmer ist's, wenn ich Clothilde allein habe. Ihre schönen,

leuchtenden Augen werden, sobald die Rechenstunde beginnt, zu dunkel

blitzenden Unsternen. Sie hört nicht, begreift nicht, will nicht

begreifen.

Um meine Autorität als Lehrerin nicht zu verlieren, halte ich an

mich mit aller mir zu Gebote stehenden Macht, mit Sanftmut meine

Lektion immer wieder von neuem wiederholend. Umsonst. Meine Versuche,

an Clothildens Pflichtgefühl zu appellieren, scheitern ebenfalls. Es

ist ein unglückseliger Zufall, daß, wenn Clothildens Mutter in den

Lehrstunden erscheint, jene oft gerade ihren starrköpfigen Paroxismus

hat. Dann fällt der Hauptfehler auf die Gouvernante, die keine

Autorität zu behaupten, keinen Gehorsam einzuprägen weiß. Das Kind wird

durch eine sinnliche Entbehrung gestraft, die Gouvernante aber hat die

moralische Folter zu bestehen, ihrer Aufgabe nicht zu genügen.

Es war gerade nach einem solchen Vorfall eine Landpartie projektiert,

wozu mich die Baronin einladen ließ.

Nach dem, was geschehen, hatte ich nicht die geringste Lust, daran

teilzunehmen, und ließ danken. Auch sollte die Baronin wissen, daß ich

nicht gleichgültig gegen ihren Tadel bin, daß ich zwar wie ein Stein

schweigen könne, aber nicht selber einer sei.

Es klopfte an meine Tür, und der Baron kam mit Clothilde.

»Wissen Sie, Mama muß eben ein wenig zanken,« sagte er, »ich werde ja

auch den ganzen Tag gezankt. Das macht doch nichts! Nun, was habe ich

dir gesagt, Elferl,« fuhr er in liebevollem Ton seine Tochter an,

»wirst du gleich --« --

Meine Tante Anna · 第 27 / 51 题