Er tat mir leid, ich sagte schnell: »Wollen Sie, bitte, mit der
gnädigen Frau sprechen. Ich habe mich bereits engagiert und muß den
ersten April an meinem Bestimmungsort eintreffen. Drei Reisetage sind
erforderlich.«
»Natürlich«, sagte er, sich verneigend.
Ich bin nun, nachdem ich mein Gehalt in den Händen habe, in der Lage,
meiner Toilette etwas aufhelfen zu können, denn da ich auf mein Gehalt
gerechnet, hatte ich nur das Nötigste von zu Hause mitgenommen. O
Caton, das allerschwierigste auf der Welt ist doch, Menschen dienen zu
müssen, vor denen man keinen Funken Respekt haben kann. Ich weiß ja,
ich habe es ja nun erfahren, daß nicht alle Eltern wie die unsrigen
sind. Damit muß man rechnen und nicht, wie ich's im Anfang meiner
Gouvernantenlaufbahn tat, von allen Menschen verlangen, daß ihr Denken
und Handeln so sei, wie wir's von zu Hause gewohnt sind. Ich muß jetzt
lachen, daß ich einmal solches wähnte. Es wär' ja auch gar nicht in der
Ordnung, da Mannigfaltigkeit in der Welt sein muß. Es gehört halt nur
viel Weisheit dazu, um sich das klarzumachen, statt zu verzweifeln.
* * * * *
Nun haben wir schon den 26., und der arme Mann hat noch immer nicht den
Mut gefunden, mit seiner Frau über mein Fortgehen zu sprechen. Ich habe
ihn heute gemahnt. Er nickte wieder: »Natürlich.« --
Ich glaube aber nicht mehr an dieses »natürlich« und habe nun folgenden
Entschluß gefaßt: Ich gehe unwiderruflich den 27., und wenn es heimlich
geschehen müßte. Ich werde dann einen Brief hinterlassen, in dem ich
dartue, daß meine Kündigung regelrecht erfolgt sei, ich aber aus
dem Gebaren der gnädigen Frau schließen müsse, daß ich damit ihre
Unzufriedenheit erregt und sie es darum wohl lieber sehe, ich gehe,
ohne durch ein Abschiednehmen zu stören. Mag er dann sehen, wie er mit
seiner Frau fertig wird, der Held. --
* * * * *
Den 26ten.
Mein Koffer ist gepackt. Ich war an der Post, habe mir einen Platz
genommen -- diesmal den etwas teurern vornen beim Postillion, weil ich
nichts wünsche als Ruhe und Stille nach dieser letzten Zeit innerer
Aufregung und peinlicher Unentschlossenheit.
Der Hausknecht wird morgens halb sieben den Koffer abholen. Ich öffne
das Tor. Es ist um diese Zeit noch niemand wach im Haus.
Ich nehme diesen Brief mit, um Dir an der ersten Station das weitere zu
berichten. Ich bin sehr in Angst. Dieses heimliche Auf- und Davongehen
wird mir nicht leicht. Gestern und heute versuchte ich vergebens, mit
dem Herrn zu sprechen. Er weicht mir aus. Die Gnädige hatte wieder nur
ein Lachen, als ich ihr mein Gehen plausibel zu machen suchte. Nun, zum
Kuckuck, wollen sie nicht hören, so sollen sie's fühlen.
Ich schreibe dies in der Nacht; ich kann nicht schlafen. Eine Kerze
brennt. Aus dem Spiegel gegenüber sieht mir ein blasses, verhärmtes
Gesicht entgegen. O Mutter -- weißt Du, ich denke gar nichts andres als
immer nur: o Mutter, Mutter.
* * * * *
U..., den 28ten, früh morgens.
Gestern fiel ich nur so ins Bett, aber ich schlief die ganze Nacht, und
das hat gut getan. Es ist also alles geschehen, wie ich's vorhatte.
Der Hausknecht kam, und ich lief hinter ihm her durch die noch stillen
Straßen. Es war ein schrecklicher Weg -- Gewissensbisse, ob ich recht
tat, die Furcht: Was wird die Zukunft bringen?
Im Posthause trank ich Kaffee, setzte mich neben den Postillion, und
fort ging's unter lustigem Blasen. Als ich die Stadt hinter mir hatte,
hätte ich gern geweint vor Erleichterung, aber ich schämte mich ein
wenig vor dem jungen Burschen neben mir und schenkte ihm lieber einen
Sechser, damit er sich eine gute Zigarre kaufe. Ich drückte mich in
meine Ecke, schlief viel und sah wenig von der Welt. Dachte wohl auch
der Zeit, als ich zum erstenmal mit so lebhaftem Interesse in der
Postkutsche davonfuhr und mich jedes Menschenkind interessierte. Wie
müde hat mich meine kurze Gouvernantenlaufbahn schon gemacht!
Also nun geht's ins Bayerische, gleich an der württembergischen Grenze.
Ich werde dann nach meiner Ankunft Vater schreiben und, wie mein neuer
Aufenthalt auch ausfallen mag, nur solches berichten, was unsern guten
Vater über mein Schicksal beruhigen kann.
Dir, liebe Caton, schreibe ich dann erst, wenn ich das, was mich
erwartet, ruhigen Gemüts zu beurteilen vermag.
So leb' denn wohl, meine gute Caton, grüß Deinen lieben Mann und küß
mir Deine Büble.
Deine Anna.
* * * * *
J... (Bayern), 29. April 1838.
Meine liebe Schwester!
Eure herzliche Teilnahme an meinem Geschicke hat mich innig gerührt:
ich wußte es wohl, daß mir solche, mit dem besten Rat verbunden,
von Euch werden würde, weshalb ich mich ja auch so offen gegen Euch
abgesprochen. Aber nun, Gott sei Dank, kann ich diesmal bei weitem
Angenehmeres berichten als bisher. Ja, wahrhaftig, ich atme, ich lebe
auf, denn ich hätte mir eine erfreulichere Herrschaft kaum auszudenken
vermocht. Der Baron, schön, heiter, ist geradezu mit Talenten
gesegnet. Er hat eine prachtvolle Stimme, und seinem Gesang und seinem
Klavierspiel zu lauschen, ist ein großer Genuß. Es ist auch ein Genuß,
ihn auf dem Pferde sitzen zu sehen. Der eleganteste Reiter, aber sein
Aussehen kümmert ihn nicht im geringsten. Er trägt einen dunkelgrünen
Jagdkittel, Kniehosen, graue Strümpfe, auf dem Kopf eine zerknitterte
Mütze mit einem verschossenen, grünen Band. Eine Anzahl Jagdhunde
begleiten ihn, wo er steht und geht. Er regiert sie mit einem Blick.
Im Park macht er sich an den Bäumen zu schaffen, die ihm so lieb sind
wie seine Hunde. Zuweilen auch galoppieren zwei, drei Pferde ohne
Sattelzeug um ihn herum, und man hört ihn mit ihnen sprechen wie mit
einem Menschen.
Im großen Saal, dessen Laden gewöhnlich geschlossen sind, und dessen
gelbdamastene Kanapees und Lehnstühle unter weißen Houssen stecken,
hängen die von der Hand des Barons gemalten Familienbilder. Ich weiß
natürlich nicht, wie ein Künstler von Beruf diese Porträts beurteilen
würde; ich für meine Person finde sie erstaunlich und bei weitem
hervorragender als die der Amalie von Berg. Wie er den Ausdruck, den
Charakter trifft, bewundere ich am meisten. Geradezu ein Meisterstück
ist das Bild seiner Tochter, meines Zöglings.
Ach, Caton, dieses Kind; wenn ich aufwache, wenn ich zu Bett gehe,
immer liegt es mir wie ein Alp auf der Seele: Werde ich mit diesem
unberechenbaren Geschöpf fertig werden oder nicht?
Sie ist jetzt zwölf Jahre alt. Als der Baron sie malte, war sie zehn.
Elferl nennt er sie, und mit Recht; schlank wie ein Gertlein, den Kopf
voll brauner Locken, große, dunkle, leidenschaftliche Augen, der Mund
trotzig. Wie eine kleine Elfe steht sie da, schon halb auf der Flucht
ins Waldesdickicht, das den Hintergrund des Gemäldes bildet.
Das Bild der Baronin ist konventionell. Auf dem schweren, weißseidenen
Kleid spielen helle und dunkle Lichter. Der Hals des schmalen, fast
zu ernsten Gesichtes ist von einer feinen Spitzenkrause umschlossen.
In schweren Flechten liegt das dunkle, leicht gekrauste Haar um ihren
Kopf. Diese Frisur trägt sie immer. Sonst, wenn ich des Morgens
meine Promenade mache, sehe ich die Baronin im kurzen Rock und hohen
Reitstiefeln, auf dem Kopf ein Hutexemplar, nicht schöner als das
des Gatten, und gleich ihm von einer Anzahl laut bellender Hunde
gefolgt, das Haus verlassen. Einmal habe ich um Erlaubnis gebeten, sie
begleiten zu dürfen. Etwas abseits, rechts vom Schlosse, liegen die
Ökonomiegebäude. Langgestreckte Ställe in einem großen Hof, Wohnungen
der Dienstleute, Obstgärten und Wiesen rings umher. Der Verwalter
erwartet die Baronin am Parktor. Gleich dahinter ist das Forsthaus. Im
ebenerdigen Raum, dessen Wände unzählige Hirschgeweihe zieren, nimmt
die Baronin die Berichte ihrer Untergebenen entgegen. Sachlich, kurz,
fast streng klingt ihre Rede. Die Leute stehen im tiefen Respekt vor
ihr. Gleich unterbricht sie, wenn deren Rede auch nur einen Schein von
Unklarheit enthält. Große Rechenbücher liegen auf dem Tisch. Weiber,
die Klage zu führen haben, werden vorgelassen. Die Baronin geht in die
Häuser der Klagenden. Wehe diesen, wenn die Reinlichkeit zu wünschen
übrig läßt, die Kinder schlecht gehalten sind. Ich war schon dabei,
wenn neue Leute engagiert worden sind, Männer und Frauen; Fragen und
Befehle der Baronin sind haarscharf, jeder weiß sofort, was er zu tun
und zu unterlassen, wem er zu gehorchen hat. Der Baron ist bei solchen
Anlässen nie gegenwärtig. Er malt, er reitet, befindet sich in seinem
Park, in seinem Jagdrevier. Sie tut die Arbeit. Und was so wunderschön
ist, keines beugt sich vor dem andern, ganz klar und wahr geben sie
sich, verstehen sich und lächeln übereinander.
»Mama,« kann er zu ihr sagen, wenn sie von ihrem Morgengang
zurückkommt, »du bist wohl wieder bei jeder Kuh im Stall gewesen, so
sehen deine Stiefel aus.«