»Er ist ja gleich wieder zufrieden, wenn ein gutes Essen auf den Tisch
kommt«, war ihre Antwort.
Das Essen wird aus dem gegenüberliegenden Hotel geschickt. Es sind oft
Gäste da; die Gnädige sitzt dann sehr hübsch gekleidet oben am Tisch;
die beiden Mädchen dürfen nie anders als in weißen Kleidern erscheinen.
Ein Kellner serviert, es fehlt an nichts, und jeder hat den Eindruck,
als sei hier die glücklichste Familie beisammen.
Die Gäste sind meist Beamte und Offiziere mit ihren Frauen. Von den
älteren Herren wird entsetzlich umständlich politisiert, wobei mein
demokratisches Herz wahre Folterqualen aussteht, besonders wenn es sich
um unsere so schwer mißverstandenen Freiheitsmänner Rotteck und Welcker
handelt.
Die Offiziere sind fast alle frisch und lebendig, und ich bin
immer froh, wenn ihr leichtes Geplauder den Sieg über die Philister
davonträgt.
Von den Büchern ist nie die Rede, und daran merke ich so recht, wie
groß der Vorzug ist, in einer Universitätsstadt zu leben.
Was ich durch den Umgang mit wirklich bedeutenden Männern und durch
die Lektüre wertvoller Werke von zu Hause mitbekommen, das liegt jetzt
unbegehrt im tiefsten Innern meines Herzens, und ich habe nur Muße, in
den Nachtstunden dieser reichen Zeiten zu gedenken.
Ich muß über mich lächeln, wie ich mich im Anfang bemühte, die jungen,
mir anvertrauten Gemüter in die Welt einzuführen, in der wir uns
einstens so glücklich gefühlt.
»Fräulein Villinger,« unterbrach mich Elli mit einem überlegenen
Lächeln, »wir sind doch keine Kinder mehr.«
Sie ist zehn Jahre alt, die Kleine acht.
So gibt es fortan kein Appellieren an das Gemüt meiner Schülerinnen,
wenn ich nicht durch Ellis naseweise Bemerkungen aufs trockene gesetzt
werden will.
Die abscheuliche Resignation, die mich zuweilen überkommt, ist noch
das Schlimmste von allem. Erzähle mir von Deinen Kindern, Caton, von
ihren Fortschritten in der Schule, und sage mir, ob es Dir gelingt,
sie in der alten, schlichten und wahrhaften Art unseres Elternhauses zu
erziehen. Gott helfe Euch!
Deine Anna.
Halt -- noch eins. Es wird Dich interessieren, Monz ist seit einem Jahr
in Rom. Seine Frau ist eine Karlsruherin. Lotte kennt sie gut.
* * * * *
St., den 3. März 38.
Liebe Caton!
Eigentlich sollte ich Dir zürnen, daß Du Vater mit dem Inhalt meines
letzten Briefes bekannt gemacht. Nun seid ihr alle so gut und
freundlich, d. h. weniger streng verständlich als wohltuend herzlich,
indem ihr wünscht und mir ratet, daß ich das Glück des Daheimlebens
nicht um so geringen Preis dahingeben soll, ja, mich dessen solang'
als möglich nicht begeben solle. Wie schön und angenehm für mich,
wenn ich diesem Wunsche nachkommen könnte. Wenn dann aber einmal die
Notwendigkeit zu verdienen an mich herantritt, könnte alsdann das
verblichene Wissen so bald aufgefrischt werden, und wo fände ich
gleich den Jemand, der mir, wie man sagt, etwas Passendes auf dem
Präsentierteller brächte?
Zudem, liebe Caton, irrst Du Dich sehr, wenn Du glaubst, daß Vaters
Pension von 800 Fl. für eine kleine Familie ein gemächliches Auskommen
sei, und daß ja früher die selige Mutter und Du und wir alle im
elterlichen Hause nichts von Mangel gespürt. Du hast doch wohl die
Plagen und Opfer unserer guten Eltern nicht vergessen, um mit dem
mühsam gewonnenen Miet- und Kostgeld dem Haushalt aufzuhelfen? Zudem
war damals gegen jetzt noch eine wohlfeile Zeit. Hauszins, Holz- und
Mundvorräte haben sich um die Hälfte verteuert. Urteile, ob es bei
den obwaltenden Umständen nicht vernünftig von mir ist, durch meine
Entfernung dem guten Vater nicht nur ein wenig sparen zu helfen,
sondern mir selbst womöglich einen Sparpfennig zu erübrigen für die
Tage, da man nicht mehr wirken kann.
Nicht minder sorgenvoll sehe ich Theresens Zukunft entgegen.
Therese hätte das schöne Los zuteil werden können, die Gattin des
gediegenen, älteren Mannes zu werden, den wir als lieben Gast so oft
in unserm Haus gesehen und geschätzt haben. Was aber soll aus Vater
werden, kränklich und hilfsbedürftig, wie er jetzt ist? Unsere Therese
hat keinen Augenblick geschwankt, wo ihr Platz ist. Wenn aber einmal
ein trauriges Verhängnis sie aus diesem kindlichen Pflichtenkreis
herausreißen sollte, dann muß ich imstande sein können, ihr eine
Heimat zu bieten, ihr, die mehr als wir alle an unsern Eltern getan.
Gutmütig, aber höchst unvernünftig ist Dein zweiter Vorschlag, ich
möchte, wenn nicht zum Vater, so doch zu Dir kommen. Ach, Caton, Du
bist und bleibst halt unser unpraktisches Catonele, das man liebt und
über das man liebevoll lächelt. Du wirst mich eine Stolze schelten,
wenn ich Dir sage, daß ich kein Tantenleben, sondern mein eigenes,
selbständiges und arbeitsreiches Leben zu führen im Sinne habe. Und
darum vorwärts! --
Es sind mir inzwischen nicht weniger als drei Stellen angeboten worden
durch vermittelnde Bekannte in Freiburg. Ich habe mich für Baron
Ö... in J...heim entschlossen, des Landlebens wegen. Ein Töchterchen
und zwei noch kleine Knaben. Eine Schule gibt es nicht, so ist das
Unterrichten ganz mir anheimgegeben, was mir sehr lieb ist. Das Gehalt
ist das größte, das ich bisher bekommen; mein Zimmer soll nichts zu
wünschen übriglassen. Auf Schattenseiten bin ich gründlich gefaßt;
schlimmer als hier kann ich es ja wohl kaum wo anders treffen. Ging
doch meine halbe Gesundheit in dieser Unordnung und beständigen
Hetzerei zugrunde. Da die Gnädige von meiner Kündigung durchaus nichts
wissen wollte, sondern mich einfach auslachte (wart', ich will dir
zeigen, daß du mit mir nicht auch machen kannst, was du willst), habe
ich eine Stunde ihrer Abwesenheit benutzt, um den Herrn in seinem
Zimmer aufzusuchen.
Er nickte: »Begreife, daß man nicht auf einem lecken Schiff bleiben
mag«, meinte er, nachdem ich mein Anliegen vorgebracht.
Ich legte ihm sodann meine Liste vor, mit dem Verzeichnis meines Soll
und Haben.