Madame zuckte die Achsel: »Man muß sich zu helfen wissen.«

Meine Augen wurden plötzlich sehend, ich weiß nicht, wie's zuging, und

so sah ich, wie sie sich zu helfen wissen. Madame macht Ausfahrten mit

dem Cousin, von denen sie immer ganz besonders animiert zurückkehrt.

De Bers Gleichgültigkeit gegen seine junge Frau wurde mir durch den

Besuch eines jungen Ehepaares aus der Nachbarschaft klar. Madame

Lejeune war kaum im Salon erschienen, als de Ber im Handumdrehen zu

dem jungen, übersprudelnden Menschen wurde, wie ich ihn in Freiburg

gekannt. Und nun weiß ich auch, warum seine junge Frau immer so traurig

ist bei seinen tagelangen Ausritten, und warum Monsieur, Madame und

~Grand'maman~ immer ein wenig ärgerlich auf die junge blasse Frau

zu sprechen sind, die es offenbar nicht versteht, sich zu helfen. Es

scheint das hier eine Schande zu sein, denn ~Grand'maman~ erklärte

neulich: »Eine Frau muß eroberungsfähig bleiben bis in ihr höchstes

Alter, sonst ist sie ein überflüssiges Wesen, wenn sie nicht mehr

begehrt wird.« --

Und ~Grand'maman~ macht sich schön, hat wundervolle, schwarze Haare,

und ihre Wangen schwimmen in Milch und Blut.

Das ist der Kreis, in dem ich lebe, und ich muß hinzufügen, daß die

Liebenswürdigkeit, mit der ich behandelt werde, nichts zu wünschen

übrig läßt. -- Und doch, welche Kluft zwischen ihnen und mir -- daß ich

doch auch jung bin und möglicherweise einer Anlehnung, einer Aussprache

bedürfte -- wem fiele das ein. Aber ich glaube, sie selber brauchen

das nicht. Sie sind immer heiter und zufrieden, wenn sie sich nur

amüsieren. Und es scheint, von Gewissensbissen wissen sie gar nichts,

sondern gehen ruhig mit ihren schuldbeladenen Herzen in die Kirche. Ob

sie beten? Die schöne, alte Franziskanerkirche mit ihren zahlreichen

Grabmonumenten und Statuen, dem viel zu buntfarbigen Altar und der viel

zu heiteren Kirchenmusik -- ich selber habe es hier noch nie zu einem

herzinnigen Gebet gebracht. Die elegante Welt rauscht während des

ganzen Gottesdienstes die Bankreihen entlang. Man nickt sich zu, man

lacht und flüstert. Ach, Caton, weißt Du noch unser Plätzle im Münster,

wie wir da einmal abends vor dem Muttergottesaltar knieten, halb im

Dunkeln, während die Abendsonne durch die dunkelrote Rosette glühte und

das ganze Schiff des Münsters durchflutete. --

So fromm wie damals war mir hier noch nie zumute. Ja, manchmal

erschrecke ich und komme mir selber anders vor in dieser andern Welt.

Von der Kirche ging's dann immer auf die Pepiniere, eine prachtvolle

Promenade -- denke Dir's Freiburger Nannele inmitten dieser

Großstadtmenschen, von deren Eleganz man daheim sich nichts träumen

läßt. Dazu diese herrliche Stadt mit ihren prachtvollen Gebäuden,

Schlössern, Standbildern und dem monumentalen Toreingang von der

Altstadt in die Neustadt. Tief bewegt hat mich die Grabstätte von

Stanislaus Leszczynski, dem Exkönig von Polen, und seiner Gemahlin

Marie Leszczynska in der Bon-Secours-Kapelle.

Ich habe sie öfters besucht, der armen Polenjünglinge gedenkend, deren

so geliebte Heimat jetzt unter dem russischen Joch seufzt.

Ach, im Halbdunkel dieser kleinen Kapelle kam mir das Erleben jener

Zeit wieder so recht zum Bewußtsein. Wie schön war jenes hochgespannte

Empfinden, jene tiefe Ergriffenheit für fremdes Leid, das zu lindern

uns als die heiligste Aufgabe erschien. Oh, ich gebe diese Erinnerung

nicht her, nicht um alles in der Welt!

Was ich damals erlebt, hat mich gereift, ich habe an Einsicht gewonnen,

bin der Enge meiner Anschauungen entwachsen und kann unterscheiden.

Hätte ich das können, wenn mir das Herz nicht in Schmerz und Demut

geblutet hätte? Wäre ich nicht mit dummen, unerfahrenen Kinderaugen in

diese neue Welt getreten, unfähig, deren Leere und Oberflächlichkeit

zu durchschauen? O Caton, ich habe einmal so groß und heiß empfinden

müssen, um für alle Zeiten gefeit zu sein. Wenn ich auch einsehe jetzt,

daß Dein Mann recht hatte und diese romantisch veranlagten, so wenig

praktischen Polen nicht imstande sind, ihr Land vor dem Untergang zu

retten, so wie es Preußen 1813 getan. -- Aber ich schäme mich meiner

Vaterstadt nicht und ihrer damaligen etwas weltfremden Teilnahme für

Polens erschütterndes Schicksal. Ist es uns doch in der edelsten

Gestalt näher getreten, und ich kann jener heimatlosen Helden nur mit

der innigsten Teilnahme gedenken. -- Durch Lenchen habe ich erfahren,

daß nur noch wenige Polen in Freiburg zurückgeblieben sind. Zwei von

ihnen haben eine Anstellung in der Kunzerischen Zichorienfabrik

gefunden. Darunter Schreiber. Durch ihn hat Lenchen von dem Schicksal

jener erfahren, mit denen wir einst verkehrten. Zarembecki, der edelste

von allen, schlägt sich in Paris ärmlich durch mit Unterrichtgeben

in der polnischen Sprache. Grotecki ist wegen einer Frau im Duell

gefallen. Feldherr Kosinski ist verschollen. Von Kozlowski, Amaliens

Gatten, weiß man nur, daß er sich aus Schmerz über den Tod seiner Frau

in ein Kapuzinerkloster in Polen zurückgezogen hat.

Was mir unsäglich leid tut -- Frau Welcker, diese so edelmütige Frau,

die alles daransetzt, um der Polen Los zu lindern, was hat sie erfahren

müssen! Welckers Bruder in Bonn kam dahinter, daß in Dresden einige

Gauner sich die Güte der Polenfreunde zunutze machten und diesen Geld

abzuschwindeln verstanden. Die Ernüchterung nach dem Überschwange soll

groß sein.

* * * * *

20. Juli. Du siehst, Schwesterle, eine lange Pause, aber mein Leben

auf dem Lande ist ganz anders angestrengt als in der Stadt. Dort

ging Paul ins College, und Marie wurde von ihren Tanten häufig zum

Spazierenfahren oder in Kindervisiten abgeholt. Es fiel also manches

freie Stündle für mich ab, das ich dazu benütze, Briefe zu schreiben

oder mir Nancy anzusehen. Eine Gouvernante ist ja kein junges

Mädchen, dem man hier nicht gestattet, ohne Begleitung auch nur über

die Straße zu gehen. Nun, ich mache in meiner Circasienne mit dem,

wie die Marquisin sagte, abscheulichen Hut einen offenbar so solid

unerfreulichen Eindruck, daß ich bis jetzt nicht den Schimmer eines

Abenteuers zu berichten hätte. So habe ich von Nancy in kurzer Zeit

mehr gesehen, als vielleicht meine Hausdamen von ihrer Heimatstadt

überhaupt wissen. Die Altstadt im Norden mit ihren unregelmäßigen

Baulichkeiten und engen Gäßle tat mir's besonders an, wegen gewisser

Ähnlichkeit mit Freiburg, das ich eben nicht eine Stunde des Tages

vergessen kann. Überhaupt Heimweh! Ich mußte manchmal irgend etwas

Kleinstädtisches tun, nur um wieder einmal das eigentliche Nannele zu

sein -- z. B. ich stahl mich mit meinen zerrissenen Schuhen im Ridikül

heimlich zum Haus hinaus und suchte mir einen Schuhmacher. Davon hatt'

ich einen ganz besonderen Profit. Der Schuhmacher war nämlich nicht zu

Hause, nur die Frau, und die bediente mich. Auch andre Leute zugleich

mit mir, und ich machte die Entdeckung, daß sie die Sache genau so

gut wie ihr Mann verstand, immer wußte, wo es fehlte, hier trennte,

dort einem Lehrjungen den Fehler wies -- kurzum ein ganzer Schuhmacher

ist. Dies machte mir Lust, daß ich's mich aus purer Neugier ein

paar Groschen kosten ließ, um bald einen Bleistift, bald sonst eine

Kleinigkeit zu kaufen, und immer hatte ich Gelegenheit, mich der

Tüchtigkeit der Frauen des Bürgerstandes zu freuen.

Ich denke manchmal -- in Stunden des Heimwehs -- daß ich möglicherweise

nicht mehr nach Nancy zurückkehre, um früher als vor einem Jahr --

Gott, Caton, ich darf es nicht ausdenken. Was ich gewollt -- eine gute

Aussprache -- habe ich ja schon erreicht. Es wird mir täglich gesagt --

wozu also länger bleiben? Ich bin manchmal geradezu krank vor Sehnsucht

nach Mutter. Ich glaube, ich müßte in einem Strom von Tränen aufgehen,

wenn einer darherkäme und ein wahrhaftiges Deutsch spräche.

Es gibt Stunden, Caton, da zanke ich mich ernstlich, denn ich habe es

ja doch sehr gut, besonders da mein Leiden, seit wir auf dem Lande

sind, mich kaum mehr in der Nacht belästigt. Also was will ich denn?

Was können die Kinder dafür, daß ich mir in meinem Eifer lauter

Idealkinder vorgestellt habe, die mich unendlich lieb hätten und die

ich zu wahren Vollkommenheiten heranbilde. Ojele, Nannele, ich muß

froh sein, wenn wir's nur einigermaßen miteinander aushalten, und ich

bin für jedes Lächeln dankbar, das gelegentlich in dem gleichgültigen

Gesichtchen der kleinen Marie auftaucht. Sie ist wenigstens gehorsam

-- freilich aus keinem anderen Grund, als weil sie zu faul ist, irgend

etwas zu wollen. Mit Paul dagegen lebe ich in einem unausgesetzten

heißen Kampf um meine Übermacht, in dem ich nur dann siege, wenn ich

den querköpfigen Bengel wie einen Erwachsenen behandle, Monsieur zu ihm

sage und mich unbeschreiblich wundere, wenn er sich wie ein ungezogenes

Kind beträgt. Da bekommt er plötzlich Rückgrat, macht ein ernsthaftes

Gesicht und geruht so von oben herab nachzugeben. Aber ich hab das

Bürschle trotzdem gern, denn wir können gelegentlich recht herzlich

miteinander lachen, und es ist merkwürdig, wie Lachen verbindet.

Bei Marie setzt dieses befreiende Mittel nie ein. Aber sie bekommt

allmählich etwas Farbe und Appetit, veranlaßt durch unsern einstündigen

Spaziergang vor Tisch. Madame ist die Liebenswürdigkeit selbst, seit

Marie gut aussieht. Denn -- gut aussehen und sich amüsieren ist die

erste Lebensbedingung in diesem Hause. Daß man sich das erstere durch

Bewegung in frischer Luft leicht verschaffen kann, wird jedoch nicht

eingesehen, sondern man glaubt das Äußerste an Bewegung getan zu haben,

wenn man ein wenig im Garten herumtrippelt. Im übrigen wird gefahren.

In letzter Zeit gehe ich mit den Kindern Pilze suchen im nächsten

Wäldchen. Solche Wäldchen zerstreuen sich über die ganze Ebene hin.

Sonst fruchtbares Land mit Getreide und Weinfeldern. Ferne blaue Hügel

begrenzen das Tal. Ach, diese Hügel, Caton! Ich muß mir immer sagen,

du hast es ja auch durchmachen müssen und kamst aus unseren Bergen

in die Lüneburger Heide. Aber wenn Dir's Herz ein wenig schwer war,

dann hattest Du Deinen lieben, klugen, Dich auf den Händen tragenden

Mann, für den unser Catonele gern alle Berge der Welt hingeben würde.

Wie anders ist das bei mir, die ich im Hause ~pour une personne très

sérieuse~ gelte, weil ich darauf bestehe, die Lehrstunden einzuhalten,

und Madame ernste Vorstellungen mache, wenn sie mir bei jeder

Gelegenheit den Unterricht unterbricht mit dem Vorschlag zu irgendeinem

Vergnügen.

Daß mich dieses Streng-vernünftig-und-alt-sein-Müssen nicht leicht

ankommt, kannst Du Dir denken, Schwesterle. Ich versichere Dir, nach

nichts auf der ganzen weiten Welt sehne ich mich so sehr als nach

Mutters tadelndem »Du Närrle«. --

* * * * *

27. Juli. Solltest Du glauben, liebe Schwester, als ich gestern morgen

ins Lesezimmer trat, fand ich da eine ganze Versammlung zu meinem

Namenstag vor. Madame, ~Grand'maman~, de Ber und seine Frau, die

Kinder, alle brachten Rosen, sagten mir die liebenswürdigsten Dinge

und führten mich zu den Geschenken, die für mich ausgebreitet lagen.

Ein seidenes Kleid, weißseidene Fil-d'écosse-Handschuhe, weißseidene

Strümpfe, die feinsten Schuhe und ein unsagbar entzückendes Ridikül.

Ich verlor die ganze Tapferkeit meines Wesens und brach in Tränen aus.

Da lachten sie alle; de Ber war plötzlich wieder wie in Freiburg,

stellte sich vor mich hin und hielt eine deutsche Rede, die ich zwar

nicht recht verstand, aber doch die eine Stelle: »Es ist die deutsch

Natur, wo Franzose lacht, heult die Deutsch« -- was mich so ergötzte,

daß ich meinen Dank mit dem lachendsten Gesicht abzustatten vermochte.

Auch die Kinder suchten mich zu erfreuen. Marie durch ein Lächeln, Paul

versprach: »Heute werfe ich beim Fahren nicht um.«

Er fährt uns nämlich alle Tage mit seinem Pony spazieren, und da er das

Tierchen unvernüftig behandelt, wirft er regelmäßig ein- oder zweimal

während der Fahrt um. Glücklicherweise ist der kleine zweisitzige Wagen

sehr niedrig, so daß das Herauskollern nichts weiter auf sich hat.

Es war mir eine wirkliche Namenstagsfreude, daß das Fahren an diesem

Tag in der Tat glatt vonstatten ging, indem Paul meine, wie ich

glaubte, in den Wind gesprochenen Mahnungen befolgte und das Tierchen

mit Rücksicht behandelte. So tat es seine Pflicht, und ich ließ mir von

Paul das Versprechen geben, bei seiner jetzigen Behandlung zu bleiben.

Der erste, einzige Fortschritt, den ich bei ihm zu verzeichnen habe.

Die Abende sind so schön jetzt. Nach den heißen Tagen streicht ein

frisches Lüftle über die weite, mondbeschienene Ebene. Aber man

sitzt drinnen in ~Grand'mamans~ kleinem Salon, bei geschlossenem

Fenster, ganz wie in der Stadt, und ~Grand'maman~ erzählt wie dort von

irgendeinem wunderschönen Mann und dessen Verwandtschaft bis ins dritte

und vierte Glied.

Eines Abends aber nahm Villingers Nannele plötzlich ihre ganze

Wohlerzogenheit beim Schopf, verneigte sich und ging. Und als ich

merkte, daß der Fall nicht das leiseste Aufsehen erregte, schalt

ich mich ein kreuzdummes Ding, und bin nun jeden Abend draußen. Es

ist ein Aufatmen, ein Hingeben an die Phantasie, ein Schwimmen in

Heimweh, ungeniertem Weinen und auch wieder kräftigem Ausschreiten im

abendlichen Wind. Ein Alleinsein endlich, nachdem ich den lieben langen

Tag die kleine stumpfe Marie nicht von der Seite lassen durfte.

Lache nicht, ich habe sogar ein Kamerädle gefunden im nächtlich

einsamen Garten -- freilich nur ein vierbeiniges -- es ist die schöne

weiße Angorakatze, Courtes-bottes genannt. Sobald sie meine Schritte

hört, kommt sie aus dem Gärtnerhaus und geht mit mir spazieren.

Manchmal laufen wir wie verrückt zwischen den Beeten dahin, wie zwei

Kinder, die »Fangis« spielen. Zuweilen unterhalten wir uns miteinander.

»Gelt, du bist auch so ein Einsames wie ich, Courtes-bottes?«

»Miau.«

»Nicht nur der Mensch, auch ein Tierle braucht ein wenig Güte und Liebe

und Zärtlichkeit -- gelt, Courtes-bottes?«

»Miau.«

O Caton, wie bin ich so glücklich, daß ich Dir anvertrauen darf: Ich

hab Heimweh, Heimweh, Heimweh. --

* * * * *

4. August. Also, liebe Caton, ich trage das schönste Kleid zum Diner,

so oft wir Gesellschaft haben, und all die Menschen, die mich früher

nicht bemerkten, machen plötzlich ein Wesens von mir, und ich bekam

so viel Schmeichelhaftes zu hören, daß es eine Lüge wäre, wollte

ich sagen, ich bliebe unempfindlich. Im Gegenteil, es freute mich,

wenn man mir sagte, daß mein Äußeres apart und vornehm sei und mein

verpöntes rotes Haar mich wie eine goldene Krone kleide. ~Grand'maman~

klopfte mir auf die Schulter: »~Tiens, tiens~, sie wird uns gefährlich

werden.« Worauf de Ber mit einer gewissen Geringschätzung erklärte:

»Sie ist zu deutsch, ~Grand'maman~.« -- »Ich danke Ihnen für dieses

schöne Kompliment«, sagte ich zu meinem früheren Schüler.

* * * * *

1. September. Liebe Schwester! Hast Du gewußt, daß Mutter krank war?

Daher, o gewiß daher meine große Unruhe all die Zeit. Ich wußte mir gar

nicht zu helfen und hatte so große Not, meinen Pflichten nachzukommen

mit dieser Angst im Herzen, die ich nicht zu deuten wußte. -- Da kommt

heute ein Brief der Mutter. Ach, ich bin so froh. Ich geb ihn nicht

aus der Hand, werde ihn Dir abschreiben. Ihre Schrift ist noch sehr

wackelig. O du Mutterschrift, du liebe, ich muß sie küssen und weinen.

De Ber würde wieder sagen: »Es ist die deutsche Natur, die heult, wenn

der Franzose lacht.« Ja, ich bin zu deutsch oder zu bürgerlich oder

Gott weiß was. Und wenn sie mich mit Geschenken überschütten, und wenn,

und wenn --. Schau, Caton, man muß von seiner Seele geben können, ich

glaube, dann hält man alles aus. Und weißt Du, es hat bei uns jeder

seine eigene Sprache, so wie er ist, daß man ihn gleich kennt, aber

es kommt mir vor, als hätten die Franzosen nur +eine+ Sprache, die so

schön und vollendet ist wie ihre Mode, bei der man auch nie weiß, was

dahintersteckt.

Lebwohl und gell, gräm' Dich nicht um mich, Du weißt, wie schnell ich

unten und wie schnell ich wieder oben bin. Du mußt's machen wie der

Beichtvater. Er grämt sich auch nicht und gibt die Absolution. Schnell

noch Mutters Brief:

Liebs, herzigs Nannele!

Höchst erfreulich war mir Dein lieber letzter Brief, der mich

im Bett traf. Wir hatten alle die Grippe, und müssen wir Gott

danken, daß Vater wieder vollkommen gesund ist und sich recht

kräftig erholt hat. Bei mir hat sie fast Krach gemacht und

gab mir zu verstehen, meine Lebensweise mit aller Vorsicht

einzurichten. Therese nimmt sich viel Recht über mich, um mich

ganz aus der Küche zu bannen. Doch muß auch ich sorgen, daß

dieses gute Kind nicht mehr auf sich nimmt, als ihre Kräfte

erlauben. Mit Vater ist nun harter Kampf, indem wir darauf

bestehen, er komme um seine Pension ein, um doch noch einige

Jährle den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Es soll noch

so lang hingezogen werden, bis Hermann sein Examen über-

und gut bestanden hat. Es sind dann die Ausgaben nicht mehr

so groß, die Kostgänger werden an die Luft gesetzt, und wir

nehmen eine kleinere Wohnung. Aber es muß wohl so sein, die

Sorgen hören nicht auf, so lange man lebt. Hermanns warmes

Blut macht ihm das Sitzen und strenge Studieren nicht leicht,

und ich hab ihn viel zu verteidigen, da Vater die Strapazen

der Warmblütigkeit nicht kennt, die mir mein ganzes Leben zu

schaffen gemacht. Caton hat die richtige Dosis abbekommen,

während ich um Dein warmes Geblüt und Herzle eine Hauptsorge

in mir trage. So war Deine Nachricht über die Besserung des

körperlichen Ungemachs eine nicht zu beschreibende Freude für

mich, für die ich Gott alle Tage inständig danke.

Samt den Deinen läßt Dich auch die Hofrätin grüßen, die jetzt

leider arg schwerhörig geworden und so verkehrte Antworten

gibt, daß mein Nannele vor Lachen gar nicht mehr unter dem

Tisch hervorkäme, denn ich selber kann mir oft nicht helfen, so

traurig es ist, wenn ich ihr zum Beispiel sage: »Heut haben wir

Holz kriegt,« und sie nickt und sagt: »'s best Frühstück.«

In dem Augenblick ist Herbst hier, unsäglich viele Trauben,

aber immer schlechte Witterung, keinen Sommer, den Wein zu

veredeln. Alle Getreide stehen in leidlichem Wert, nur das

Fleisch ist teuer. Sage sechs Kreuzer das Pfund Kalbfleisch!

Von Vater, Schwester und Bruder die herzlichsten Grüße, und

nicht mehr für heute als eine Umarmung im Geiste von

Deiner Mutter Villinger.

* * * * *

St..., 6. Dezember 1837,

Liebe Schwester!

Du hast Dich über den Bericht über meinen hiesigen Aufenthalt mehr als

nötig beunruhigt. Das tut mir von Herzen leid, um so mehr, als ich wohl

in meiner jetzigen Stimmung zu schwarz sehe, indem ich leider noch

nicht fähig bin, Menschen und Dinge im Lichte des Humors zu betrachten.

O Caton, immer von neuem danke ich dem Himmel, daß ich in Nancy meiner

heißen Sehnsucht nach der Heimat nachgegeben und mich durch alles

Bitten und Beschwören nicht habe zurückhalten lassen. Es war wie ein

Fingerzeig von oben, daß ich mit aller Sicherheit wußte -- heim, nur

heim. So habe ich doch in meiner tiefen Trauer den stillen Trost, daß

ich Mutter pflegen und erheitern durfte und ganz kurz vor ihrem Ende

noch einmal das liebe »Närrle« hörte, weil meine Augen wohl gar so

ängstlich auf ihrem teuern Antlitz ruhten.

Daß ich dann noch Vater und Therese bei der Auflösung des großen

Haushaltes beistehen konnte und sie nun in der schöneren Hälfte unsrer

Wohnung untergebracht weiß, mitsamt der getreuen Dortel, ist mir viel

wert.

Ach, ich kann mich auch noch heut nicht in den Gedanken finden, daß

unsre Mutter nicht mehr unter uns weilt, und so bin ich auch mit meinem

Innern eigentlich gar nicht da, wo ich sein sollte, und darum wohl auch

nicht so recht fähig zu wirken.

So viel weiß ich aber doch, daß meines Bleibens in diesem Hause nicht

von Dauer ist, ja, ich habe vor, womöglich schon im Frühjahr meine

Stelle zu wechseln, und würde dann, Deiner liebevollen Vorwürfe

eingedenk, auch meinerseits einige Bedingungen stellen. Ich bin ja

nun auch kein Neuling mehr und wundere mich oft selber über mein

selbständiges Auftreten, wenn es gilt, auf meinem berechtigten Willen

zu beharren. Mit den Kindern wollte ich ja immer und überall fertig

werden, aber die Eltern! Man hat ja keine Ahnung, wie es um diese in

der Welt steht, wenn man aus einem Haus kommt wie das unsrige. Ob es

noch so eine Mutter gibt -- die Hände wollte ich ihr unter die Füße

legen. O Gott, ich weiß nicht, was ich ihr alles zuliebe täte, fände

ich eine solche Frau. --

Du sagst, liebe Caton, Nancy bleibt mir ja immer offen, sollte ich

sonst nichts Passendes finden. Es rührt mich ja auch geradezu, wie

anhänglich man meiner dort gedenkt, und wie sehr man meine Rückkehr

wünscht. Natürlich waren die Verhältnisse dort angenehmer, als ich sie

hier gefunden, das Leben leichter und heiterer. Aber, Caton, so wie

ich jetzt bin, wäre es mir ein Ding der Unmöglichkeit, mich in jenes

oberflächliche, meinem innersten Sinn so wenig entsprechende Dasein

zurückzudenken. Im eigenen Land sein ist eben doch etwas andres. Das

Heimatbrot schmeckt besser als die feinsten Delikatessen in der Fremde.

Mir wenigstens. So einsam, wie ich mich dort gefühlt, fühl ich mich

hier nie, wo ich auf Tritt und Schritt die lieben Heimatlaute höre.

Außerdem weißt Du ja, daß ich mir auf der Welt nichts sehnlicher

wünsche als die selbständige Stelle einer Schulvorsteherin. Bin ich

aber außer Landes, könnte ich bei den Behörden leicht in Vergessenheit

geraten oder selbst den richtigen Augenblick verpassen, mich zu melden.

* * * * *

Ich soll Dir von der Stadt, von den Leuten erzählen, mit denen ich

lebe. Nun, St. ist kein zweites Paris wie Nancy, aber eine hübsche

deutsche Residenz, von Rebhügeln und waldigen Höhen umrahmt. Mit

Ausnahme des alten Stadtteils ist die Stadt regelmäßig gebaut,

mit zum Teil sehr schönen, breiten Straßen. Das Schloß mit seiner

mittelalterlichen, turmfesten Burg und der Schloßplatz sind großartig,

ebenso die Anlagen. Von der sehr schönen, bergigen Umgebung habe ich

auch schon einiges gesehen.

Wir wohnen in einer der schönen Straßen, in der Bel-Etage. Elf meist

große, luftige Räume stehen der Familie zur Verfügung, aber die

Gouvernante muß in einem Loch schlafen, dessen schmales Fenster auf

einen dunklen, feuchten Hof geht. Kein Wunder, daß unter solchen

Umständen mein Asthma wieder zunimmt, luftbedürftig wie ich bin.

Ich habe natürlich gegen mein Unterkommen aufbegehrt, worauf die

Gnädige erstaunt erklärte, von jeher habe die Gouvernante neben den

Kindern geschlafen, und dabei müsse es bleiben. Als ich mich nicht

zufrieden gab, beruhigte sie mich mit der Versicherung, sie wolle sich

die Sache überlegen.

Damals wußte ich noch nicht, was es mit dem Überlegen dieser Frau auf

sich hat. Sie überlegt überhaupt nicht, sondern ist ein unerzogenes,

grenzenlos egoistisches und in ihrer Art auch wieder liebenswürdiges

Kind. Wolltest Du glauben, Caton, die Mädchen nennen ihre Mutter nie

anders als »Kleines«, und täglich kann man sie fragen hören: »Was

hast du wieder angestellt, Kleines?« Eine allerdings sehr berechtigte

Frage, denn es vergeht kein Tag, an dem die Gnädige nicht durch ihre

grenzenlose Schlampigkeit den Zorn ihres Mannes erregt. Die Kinder sind

dann immer auf ihrer Seite und nennen den Vater einen alten Brummbär.

Ich sehe immer mehr, welch ein Umschwung sich in der Welt vollzog,

seitdem man die Eltern duzt. Oder ist es nicht das allein, sind es

nicht vielmehr die Eltern, die, ob man ihnen Du oder Sie sagt, in jedem

Fall imstande sein müßten, Respekt einzuflößen? Und wenn sie 's nicht

können wie diese, urteile, wie es um den Respekt für die Gouvernante

steht.

Die Kinder sind begabt, besonders Elli. Sie machen gute Fortschritte

im Französischen, zu dem die verschiedenen ein- und ausfliegenden

Gouvernanten, meist Französinnen, bisher einigen Grund gelegt. Das

Deutsche hat in den Augen der Gnädigen, also auch in denen der Kinder,

keinen Wert.

Einmal, als die Mutter die Mädchen wieder von der deutschen Stunde

erlösen wollte, sagte ich zu Elli, die vergnügt ihr Buch zuklappte:

»Gut, lassen wir die Stunde, aber du wirst trotz allem Französisch

niemals in der Welt für einen gebildeten Menschen gelten, wenn du nicht

imstande sein wirst, einen fehlerlosen Brief zu schreiben.«

Die Gnädige ist es nämlich nicht. Ist ihr dieser Mangel schon

empfindlich gewesen? Es scheint doch, denn die Kinder werden nicht mehr

aus der deutschen Stunde geholt.

Noch von einer Szene will ich Dir erzählen. Der Herr kam in großem Zorn

ins Speisezimmer gestürzt, man saß schon bei Tisch, und warf seiner

Frau eine Schlafhaube ins Gesicht.

»Statt Taschentücher legt man mir dieses Zeug in die Schublade, und ich

blamiere mich vor der ganzen Sitzung, als das Gebändel zum Vorschein

kommt. Schämst du dich nicht? Ob du dich nicht schämst?« schrie er sie

an.

Sie bog sich vor Lachen: »Das ist ja köstlich -- nein, denkt euch,

Kinder, er zieht eine Schlafhaube aus der Tasche.« --

Die Kinder wußten sich nicht zu helfen vor Lachen, und schließlich

lachte auch der Herr.

»Was soll man da machen?« sagte er zu mir.

Ich hätte ihm wohl sagen können, was da zu machen gewesen wäre, aber

wollte er es hören? Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß sich die

Männer viel weniger vor einer Kugel als vor einer Szene fürchten.

Jedenfalls ist diese kleine blonde Frau mit dem hübschen,

nichtssagenden Gesichtchen die Stärkere. Sie soll Millionen in die

Ehe gebracht haben. Wo aber geht das Geld in den Händen dieser Frau

hin, die es sich nicht einfallen läßt, ihre Rechnungen zu bezahlen,

überhaupt etwas zu bezahlen. Von meinem Gehalt habe ich noch nichts

gesehen, dagegen muß ich ihr bei Ausfahrten oder bei Stadtgängen bei

jeder Gelegenheit aus meiner kleinen Barschaft aushelfen. Das vergißt

sie natürlich. Ich habe mir deshalb eine Liste angelegt mit meinem Soll

und Haben, durchaus gesonnen, dieser Millionärin keinen Kreuzer zu

schenken.

Man muß, um in das Speisezimmer zu gelangen, durch einen kleinen Salon

gehen, in dem die Familienbilder hängen. Meine angeborene Pünktlichkeit

erlaubt mir, mich gelegentlich hier aufzuhalten und umzusehen, wie denn

Porträts für mich von jeher das größte Interesse hatten.

Es hängt hier das lebensgroße Bildnis der Mutter der Gnädigen. In

strotzendem, schwarzem Seidenkleid, eine dicke, goldene Kette um

den Hals, macht sie trotz des Aufputzes einen durchaus bürgerlich

gediegenen Eindruck. Sie war die Frau eines Mannes, der seine

Millionen erst verdiente, und hat ihm sicherlich brav und tüchtig

als gewissenhafte Hausfrau zur Seite gestanden. So sieht sie aus. Im

übrigen ist das Gesicht ganz leer, hübsche, kleine Züge, gute Farben.

Aber kein Lachfältchen weit und breit, nicht die Spur irgendeines

tieferen Eindrucks. Weder gut noch bös, möchte man als Motto unter dies

Bild schreiben.

Derselbe Maler hat die Tochter als Braut gemalt, an der Seite des

Bräutigams; ein großes, schönes Bild. Beide sehr jung, allzu jung,

er groß, kräftig, mit klugen, zuversichtlichen, ein wenig trotzigen

Augen, ein ganzer Mann, an den sich ein holdseliges Weibchen lehnt mit

schmachtendem Blick, ganz die Mutter, fein, nichtssagend, die Wangen

rosig; nur ist der Mund nicht weich wie bei jener, sondern schmal,

eigensinnig.

Was hat sich dieser Mann, der auf seinem Jugendbild so zukunftssicher

in die Welt schaut, mit dieser Millionenheirat angetan! Er tut mir in

der Seele leid, denn ich sehe, welche Not er hat, in der grenzenlosen

Unordnung seines Hauses nicht unterzugehen. Seine Tüchtigkeit, sein

Verstand berechtigen ihn zu einer glänzenden Karriere. Er soll ein

schneidiger Jurist sein. Zu Hause ist er verdrossen, von einer nicht zu

beschreibenden Ungeduld. Die beiden Mädchen fürchten ihn; der Sohn, ein

Tunichtgut, ist auf dem Land bei einem Pfarrer.

Die Gnädige erzählte mir, daß der Vater den armen Gustel oft halb tot

geschlagen habe.

»Aber,« setzte sie listig hinzu, »es wird schon gesorgt, daß mein Bub

nicht Not leidet, nur darf's mein Mann nicht wissen.« --

Wie soll man sich das Innere eines solchen Wesens vorstellen --

sie liebt ihren Mann und betrügt ihn zugleich. Sie ist von einer

fanatischen Eifersucht, lädt nur ältere oder häßliche Frauen ein und

duldet keinen hübschen Dienstboten im Haus. Ich kann nicht sagen, wie

viele Magdgesichter ich in diesem einen Jahr meines Hierseins schon

habe auftauchen und wieder verschwinden sehen.

»Es ist immer mein Mann«, sagte die Gnädige mit einem Achselzucken.

Nun ja, er kommt in die Küche geschossen:

»Liederliches Pack, kein Hemd gebügelt, keine Kragen, keine Manschetten

-- wozu seid ihr da -- marsch, hinaus.«

Mit Fragen gibt er sich nicht ab, wohl aus Angst, zu erfahren, daß

nicht an den Mädchen, daß an der Frau die Schuld lag, wenn nicht

geschah, was geschehen sollte.

Aus Mitleid mit dem armen Mann nehme ich mich des Haushaltes an, bin

dadurch aber nicht wenig angestrengt, daher die lange Pause seit

meinem letzten Brief. Ich kann auch diesen nur in Absätzen schreiben.

Ich wagte einmal eine kleine Anspielung, ob nicht etwas mehr Ordnung

auch mehr Zufriedenheit zur Folge haben würde, und schlug eine

Wirtschafterin vor.

»Eine solche Person,« schrie die Gnädige auf, »die mich in der ganzen

Stadt verschwätzt.«

Meine Tante Anna · 第 24 / 51 题