Sie wurde still und fragte nicht einmal: »Was hat er gesagt?«

* * * * *

Avricourt.

Soeben Abschied genommen von der Marquisin. Sollte man's glauben,

sie umarmte mich, weinte und umarmte mich wieder. Sie sagte mir, daß

sie mich gleich beim ersten Blick zu den ~gens de qualité~ gezählt

habe, trotzdem ich sehr unmodern sei und einen Hut habe wie eine

Vogelscheuche. Aber in Nancy würde man mich modernisieren; in Nancy,

dem ~petit Paris~, könne man so etwas gar nicht sehen.

»Und noch eins, ~ma chère~,« rief sie mir beim Gehen zu, »nehmen Sie

sich vor den Franzosen in acht!«

Sie legte den Finger auf den Mund und schlug lachend die Augen zum

Himmel, warf mir eine Kußhand zu, und gleich darauf hörte ich sie

mit einem Mann, der sich ihres Gepäcks -- man sage drei Koffer --

bemächtigt hatte, laut schelten und streiten.

* * * * *

Nancy, 8. April.

Meine geliebten Eltern!

Nun hier, nun angekommen, Gott sei Dank!

De Ber holte mich an der Post ab mit der Chaise. Ich fand ihn sehr

verändert, nicht zu seinem Vorteil. Weder von seinem Übermut noch von

dem einstigen Respekt für die Lehrerin ist noch etwas vorhanden. Seine

familiäre, nachlässige Art widerstrebte mir. Er brachte mich in sein

elterliches Haus, verabschiedete sich und überließ mich der Sorge

eines hübschen jungen Dienstmädchens, das mich artig, aber mit seltsam

lächelndem Blick auf mein Zimmer führte und mein Gepäck heraufkommen

ließ.

Ich möchte Toilette machen, sagte sie, um sechs Uhr sei das Diner. Ich

will nicht unterschlagen, daß mir das Herz pochte bei dem Gedanken

meines ersten Erscheinen in der Familie. Aber der Anblick meines

sehr netten, mit dem reizendsten Kattun ausgarnierten Zimmers machte

andrerseits den angenehmsten Eindruck auf mein für alles Schöne so

empfängliche Herz. Ich mußte sogar lachen: nicht weniger als drei

Spiegel, einen ganz großen, in dem man sich vom Kopf bis zu den Füßen

sieht, und zwei kleinere. Einige Kupferstiche aus »~Paul et Virginie~«

hängen an den Wänden, und auf dem Waschtisch stehen so viele Büchslein

und Glasschalen, daß ich Landkonfektle neugierig davorstand, unfähig

deren Zweck zu erraten.

Daß ich Toilette machen sollte, verursachte mir nicht wenig

Kopfzerbrechen. Um alles in der Welt wollte ich mich nicht allzu schön

machen -- (oh, ich Dummerle) um nicht gleich beim ersten Erscheinen den

Eindruck von Unbescheidenheit zu erwecken. Andrerseits wollte ich der

Würde meiner neuen Stellung nicht Abbruch tun, indem ich zu wenig Wert

auf mein Äußeres legte, sintemalen das Sprichwort sagt: Kleider machen

Leute.

Ich wählte also das neue, schwarze Kleid -- fast mit etwas

Gewissensbissen, da es doch Werktag war, und wählte den

zweithübschesten Spitzenkragen -- nicht den von Lenchen, der wäre mir

viel zu pompös erschienen.

Die Familie befand sich im Salon, als ich mit Aufgebot meiner ganzen

Energie versuchte, nicht allzu schüchtern einzutreten.

Aber die Dame des Hauses empfing mich mit so großer Liebenswürdigkeit

und sprach so lebhaft auf mich ein, daß ich gar keine Zeit fand, mich

zu genieren.

Wie mir die Reise bekommen -- wie ich mich befinde -- ob mir der Kopf

nicht weh tue -- ob mich die Glieder nicht schmerzen. -- »Sehen

Sie hier Marie, Ihre kleine Schülerin, und dies ist Paul -- keine

Grimassen, Paul. Sorge, daß du das Deutsche so gut wie dein Bruder

lernst. Unser ältester Sohn Justin hat sehr profitiert bei Ihnen.

Monsieur ist sehr zufrieden mit Justin -- das Geschäft beansprucht

Sprachkenntnisse. Ein großes Exportgeschäft, wissen Sie, Mademoiselle.

Unser ältester Sohn besorgt die englische und deutsche Korrespondenz.

Ich wäre glücklich, wenn Paul bei Ihnen so profitierte, daß ich ihn

nicht fortschicken müßte. Er ist ein wenig ~enfant gâté~. Was Justin

von der deutschen Kost erzählt, würde Paul kaum zusagen. Ich meine, die

deutsche Kost im allgemeinen. Es ist ja alles Gewohnheitssache.«

Da saß noch ein junger Mann, der mir vorgestellt wurde.

Cousin Sormont.

Und dann ging die Tür auf, und eine große stattliche Frau trat über die

Schwelle, von den Kindern mit Handküssen begrüßt: ~Grand'maman~.

Auch hier wurde meine Begrüßung durch die lebhafte Gegenrede der alten

Dame erstickt.

De Ber kam mit seiner jungen Frau. Dann Monsieur.

Man setzte sich zu Tisch. Hier endlich fand ich Zeit, mich ein wenig

in dem Kreis umzusehen, in dem ich fortan leben soll. Man ließ mich

völlig in Ruhe, sprach unausgesetzt, und ich machte sehr bald die

Bemerkung, daß die Ankunft einer neuen Gouvernante kein Ereignis

im Hause war. Nur die kleine Marie sah manchmal mit einem etwas

bedenklichen Blick nach mir hin. Ein blasses Kind, mit nichtssagenden

Augen, das faul ißt und die Hälfte auf dem Teller liegen läßt. Paul

verschlingt.

»Esse nicht wie ein ~Ogre~«, mahnte seine Mutter.

Sie sprach fast unausgesetzt. Monsieur nickte zuweilen zerstreut mit

dem Kopf. De Ber machte einen abwesenden, übellaunigen Eindruck,

seine Frau einen bedrückt schüchternen. ~Grand'maman~ allein mutete

behaglich an. Sie hatte einen Zipfel ihrer Serviette in den Ausschnitt

ihres Kleides gesteckt und gab sich ganz dem Genuß des Diners hin.

Es war aber auch danach! Ich schämte mich fast ein wenig unserer

Schweinebraten mit Sauerkraut und Leberknöpfle. Andererseits glaube

ich, daß unseren Männern, die soviel größer und starkknochiger sind,

die so kleinen, feinen Platten nicht genügt hätten wie den Herren an

diesem Tisch, die schmal und mager, kaum von mittlerer Größe sind. Jede

Speise wurde lebhaft kritisiert.

Nach Tisch sagten die Kinder gute Nacht. Als ich ihnen folgen wollte,

hielt mich Madame zurück, man nähme den Kaffee im kleinen Salon bei

Großmama, die Bonne sorge für die Kinder.

Der kleine Salon ist zugleich das Schlafzimmer der Großmama. Man saß

um einen runden Tisch. Die Herren wurden plötzlich sehr lebhaft. Bei

der Schnelligkeit ihres Sprechens und den mir noch neuen Redewendungen

verstand ich oft nichts, merkte aber bald -- es war besser, sehr oft

nichts zu verstehen. Großmama und Madame amüsierten sich köstlich, und

es schien keinen Eindruck zu machen, daß ich nicht auch lachte. Bei

dieser Gelegenheit merkte ich, daß ich von nun an niemand mehr bin.

Nicht leicht für jemand, der vielleicht im eigenen Nestle eine allzu

große Rolle gespielt. Aber die liebe Mutter darf sich darum nicht

grämen, denn ihr Nannele hat ja die Gabe, allem eine komische Seite

abzugewinnen, so auch diesem Abend mit seinem unerquicklichen Anfang.

-- Die Herren rauchten und griffen zur Zeitung. ~Grand'maman~ hatte ihr

drittes Täßchen Kaffee geschlürft und begann:

»Wir haben einen großen Bekanntenkreis, Mademoiselle. Da ist vor

allem Monsieur Simon, Industrieller. Ein Mann wie in einem Roman. Man

kann sich nicht genug vor ihm in acht nehmen. Er hat nie eine Frau

kennen gelernt, die sich nicht sofort in ihn verliebt hätte. Seine

Laufbahn ist die denkbar interessanteste. Sein Vater war der Sohn

eines ~député~. Seine Mutter -- mein Gott, was war sie doch für eine

Geborene? Ich habe ihren Neffen gekannt. Er hat zu gleicher Zeit mit

mir geheiratet; ein großer ~charmeur~. Seine Frau war die Nichte eines

entfernten Verwandten unsres Hauses, dessen Großmutter -- mein Gott,

wie war doch ihr Name? Ihren Mann, denken Sie, nannte ganz Nancy den

schönen Antoine -- ~O oui~.« --

Meine Tante Anna · 第 21 / 51 题