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Avricourt.
Soeben Abschied genommen von der Marquisin. Sollte man's glauben,
sie umarmte mich, weinte und umarmte mich wieder. Sie sagte mir, daß
sie mich gleich beim ersten Blick zu den ~gens de qualité~ gezählt
habe, trotzdem ich sehr unmodern sei und einen Hut habe wie eine
Vogelscheuche. Aber in Nancy würde man mich modernisieren; in Nancy,
dem ~petit Paris~, könne man so etwas gar nicht sehen.
»Und noch eins, ~ma chère~,« rief sie mir beim Gehen zu, »nehmen Sie
sich vor den Franzosen in acht!«
Sie legte den Finger auf den Mund und schlug lachend die Augen zum
Himmel, warf mir eine Kußhand zu, und gleich darauf hörte ich sie
mit einem Mann, der sich ihres Gepäcks -- man sage drei Koffer --
bemächtigt hatte, laut schelten und streiten.
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Nancy, 8. April.
Meine geliebten Eltern!
Nun hier, nun angekommen, Gott sei Dank!
De Ber holte mich an der Post ab mit der Chaise. Ich fand ihn sehr
verändert, nicht zu seinem Vorteil. Weder von seinem Übermut noch von
dem einstigen Respekt für die Lehrerin ist noch etwas vorhanden. Seine
familiäre, nachlässige Art widerstrebte mir. Er brachte mich in sein
elterliches Haus, verabschiedete sich und überließ mich der Sorge
eines hübschen jungen Dienstmädchens, das mich artig, aber mit seltsam
lächelndem Blick auf mein Zimmer führte und mein Gepäck heraufkommen
ließ.
Ich möchte Toilette machen, sagte sie, um sechs Uhr sei das Diner. Ich
will nicht unterschlagen, daß mir das Herz pochte bei dem Gedanken
meines ersten Erscheinen in der Familie. Aber der Anblick meines
sehr netten, mit dem reizendsten Kattun ausgarnierten Zimmers machte
andrerseits den angenehmsten Eindruck auf mein für alles Schöne so
empfängliche Herz. Ich mußte sogar lachen: nicht weniger als drei
Spiegel, einen ganz großen, in dem man sich vom Kopf bis zu den Füßen
sieht, und zwei kleinere. Einige Kupferstiche aus »~Paul et Virginie~«
hängen an den Wänden, und auf dem Waschtisch stehen so viele Büchslein
und Glasschalen, daß ich Landkonfektle neugierig davorstand, unfähig
deren Zweck zu erraten.
Daß ich Toilette machen sollte, verursachte mir nicht wenig
Kopfzerbrechen. Um alles in der Welt wollte ich mich nicht allzu schön
machen -- (oh, ich Dummerle) um nicht gleich beim ersten Erscheinen den
Eindruck von Unbescheidenheit zu erwecken. Andrerseits wollte ich der
Würde meiner neuen Stellung nicht Abbruch tun, indem ich zu wenig Wert
auf mein Äußeres legte, sintemalen das Sprichwort sagt: Kleider machen
Leute.
Ich wählte also das neue, schwarze Kleid -- fast mit etwas
Gewissensbissen, da es doch Werktag war, und wählte den
zweithübschesten Spitzenkragen -- nicht den von Lenchen, der wäre mir
viel zu pompös erschienen.
Die Familie befand sich im Salon, als ich mit Aufgebot meiner ganzen
Energie versuchte, nicht allzu schüchtern einzutreten.
Aber die Dame des Hauses empfing mich mit so großer Liebenswürdigkeit
und sprach so lebhaft auf mich ein, daß ich gar keine Zeit fand, mich
zu genieren.
Wie mir die Reise bekommen -- wie ich mich befinde -- ob mir der Kopf
nicht weh tue -- ob mich die Glieder nicht schmerzen. -- »Sehen
Sie hier Marie, Ihre kleine Schülerin, und dies ist Paul -- keine
Grimassen, Paul. Sorge, daß du das Deutsche so gut wie dein Bruder
lernst. Unser ältester Sohn Justin hat sehr profitiert bei Ihnen.
Monsieur ist sehr zufrieden mit Justin -- das Geschäft beansprucht
Sprachkenntnisse. Ein großes Exportgeschäft, wissen Sie, Mademoiselle.
Unser ältester Sohn besorgt die englische und deutsche Korrespondenz.
Ich wäre glücklich, wenn Paul bei Ihnen so profitierte, daß ich ihn
nicht fortschicken müßte. Er ist ein wenig ~enfant gâté~. Was Justin
von der deutschen Kost erzählt, würde Paul kaum zusagen. Ich meine, die
deutsche Kost im allgemeinen. Es ist ja alles Gewohnheitssache.«
Da saß noch ein junger Mann, der mir vorgestellt wurde.
Cousin Sormont.
Und dann ging die Tür auf, und eine große stattliche Frau trat über die
Schwelle, von den Kindern mit Handküssen begrüßt: ~Grand'maman~.
Auch hier wurde meine Begrüßung durch die lebhafte Gegenrede der alten
Dame erstickt.
De Ber kam mit seiner jungen Frau. Dann Monsieur.
Man setzte sich zu Tisch. Hier endlich fand ich Zeit, mich ein wenig
in dem Kreis umzusehen, in dem ich fortan leben soll. Man ließ mich
völlig in Ruhe, sprach unausgesetzt, und ich machte sehr bald die
Bemerkung, daß die Ankunft einer neuen Gouvernante kein Ereignis
im Hause war. Nur die kleine Marie sah manchmal mit einem etwas
bedenklichen Blick nach mir hin. Ein blasses Kind, mit nichtssagenden
Augen, das faul ißt und die Hälfte auf dem Teller liegen läßt. Paul
verschlingt.
»Esse nicht wie ein ~Ogre~«, mahnte seine Mutter.
Sie sprach fast unausgesetzt. Monsieur nickte zuweilen zerstreut mit
dem Kopf. De Ber machte einen abwesenden, übellaunigen Eindruck,
seine Frau einen bedrückt schüchternen. ~Grand'maman~ allein mutete
behaglich an. Sie hatte einen Zipfel ihrer Serviette in den Ausschnitt
ihres Kleides gesteckt und gab sich ganz dem Genuß des Diners hin.
Es war aber auch danach! Ich schämte mich fast ein wenig unserer
Schweinebraten mit Sauerkraut und Leberknöpfle. Andererseits glaube
ich, daß unseren Männern, die soviel größer und starkknochiger sind,
die so kleinen, feinen Platten nicht genügt hätten wie den Herren an
diesem Tisch, die schmal und mager, kaum von mittlerer Größe sind. Jede
Speise wurde lebhaft kritisiert.
Nach Tisch sagten die Kinder gute Nacht. Als ich ihnen folgen wollte,
hielt mich Madame zurück, man nähme den Kaffee im kleinen Salon bei
Großmama, die Bonne sorge für die Kinder.
Der kleine Salon ist zugleich das Schlafzimmer der Großmama. Man saß
um einen runden Tisch. Die Herren wurden plötzlich sehr lebhaft. Bei
der Schnelligkeit ihres Sprechens und den mir noch neuen Redewendungen
verstand ich oft nichts, merkte aber bald -- es war besser, sehr oft
nichts zu verstehen. Großmama und Madame amüsierten sich köstlich, und
es schien keinen Eindruck zu machen, daß ich nicht auch lachte. Bei
dieser Gelegenheit merkte ich, daß ich von nun an niemand mehr bin.
Nicht leicht für jemand, der vielleicht im eigenen Nestle eine allzu
große Rolle gespielt. Aber die liebe Mutter darf sich darum nicht
grämen, denn ihr Nannele hat ja die Gabe, allem eine komische Seite
abzugewinnen, so auch diesem Abend mit seinem unerquicklichen Anfang.
-- Die Herren rauchten und griffen zur Zeitung. ~Grand'maman~ hatte ihr
drittes Täßchen Kaffee geschlürft und begann:
»Wir haben einen großen Bekanntenkreis, Mademoiselle. Da ist vor
allem Monsieur Simon, Industrieller. Ein Mann wie in einem Roman. Man
kann sich nicht genug vor ihm in acht nehmen. Er hat nie eine Frau
kennen gelernt, die sich nicht sofort in ihn verliebt hätte. Seine
Laufbahn ist die denkbar interessanteste. Sein Vater war der Sohn
eines ~député~. Seine Mutter -- mein Gott, was war sie doch für eine
Geborene? Ich habe ihren Neffen gekannt. Er hat zu gleicher Zeit mit
mir geheiratet; ein großer ~charmeur~. Seine Frau war die Nichte eines
entfernten Verwandten unsres Hauses, dessen Großmutter -- mein Gott,
wie war doch ihr Name? Ihren Mann, denken Sie, nannte ganz Nancy den
schönen Antoine -- ~O oui~.« --