Da sie einen Augenblick schwieg, fragte ich: »Und Herr Simon, Madame?«

Ich erschrak über den Effekt, den meine Frage hervorbrachte. Die Herren

sahen von ihren Zeitungen auf und lachten, die junge Frau de Ber wurde

rot, und Madame hustete und machte sich an ihrem Armband zu schaffen,

während ~Grand'maman~ mich erstaunt fragte: »Wollte ich denn etwas von

Monsieur Simon erzählen?«

»Aber ~Grand'maman~, das hast du ja getan,« gab ihr Madame im

liebenswürdigsten Ton zur Antwort, »Mademoiselle meinte nur, sie habe

nicht recht verstanden. Mademoiselle ist des Französischen noch nicht

mächtig.«

* * * * *

Das war mein erster Abend in der Fremde. Ich kann nur sagen, daß ich

ein Bett habe wie eine Prinzessin und mich trotz der ermüdenden Reise

heute frisch und wohl fühle.

Der Diener trägt die Briefe des Hauses um acht Uhr auf die Post. Ich

hoffe, die Länge des meinen rechtfertigt das teure Porto.

Sie können also, teuerste Eltern, ganz ruhig über mein Los sein. Es

fehlt hier sogar nicht an einer Hofrätin, wie Ihr aus der Beschreibung

der ~Grand'maman~ erseht.

Und so nehme ich denn Abschied von Ihnen und den geliebten

Geschwistern, mit der Bitte, unsrer Caton meinen Brief zu schicken,

nachdem ihn auch Lenchen und die anderen Kamerädle gelesen haben.

Ihr dankbarste Nannele.

* * * * *

... bei Nancy, 27. Juni 1835.

Meine liebe Caton!

Deine Zeilen haben mir so wohl getan. Du, die mich so kennt wie

niemand, hast wohl bemerkt, was alles in meinem Brief an die Eltern

ungeschrieben geblieben ist. Aber leidet Mutter nicht schon genug

durch mein Fortgehen, hätte ich ihr durch das Geständnis meines großen

Heimwehs das Herz noch schwerer machen sollen? Ich werde also den

Eltern alles nur im besten Lichte hinstellen und nur zu Dir von den

Schattenseiten meines Exils sprechen. Es wird das für mich eine große

Seelenerleichterung sein, in dem Bewußtsein, daß Dein Herz, so weich es

ist, doch auch die nötige Kraft und Stärke besitzt, über Ungemach nicht

zu verzweifeln. Und noch eins, Caton, mache es Dir zur heiligen Aufgabe

jetzt, so oft als möglich an die Eltern zu schreiben. Sie brauchen

Trost, da ihnen die Trennung von einem zweiten Kind nicht wenig schwer

fällt.

Wir sind seit dem 1. Juni auf dem Lande in der Nähe von Nancy, ungefähr

eine Fahrt von drei Stunden bis hin. Es ist ein schönes, großes

Landhaus mit hohen Fenstern und großen Räumen. Ich residiere im Reiche

der Mansarden, die nicht schräg sind wie bei uns, sondern genau so

grad' wie die Zimmer der unteren Stockwerke, nur etwas niedriger.

Meine beiden Sorgenkinder, Marie und Paul, haben ihre Zimmer rechts

und links von mir. De Ber und seine junge Frau bewohnen die übrigen

Mansardenräume.

Also die Sorgenkinder. Ob Marie etwas denkt oder nichts denkt, ob

sie eine Vorliebe für etwas hat oder nicht -- es ist kein Klugwerden

aus ihr. Ich bin an ihre Schritte geheftet von morgens bis abends.

Wenn mich Madame nur einen Augenblick allein sieht, sofort fragt sie

vorwurfsvoll: »Wo ist Marie?« Nach ihrer Ansicht kommen kleine Mädchen,

wenn sie sich selbst überlassen sind, auf unnütze Gedanken. Ich sprach

mich einmal über Maries mir so ganz unbegreifliche Teilnahmlosigkeit

aus. Madame lachte.

»Meine Tochter ist genau so, wie ich war. Man wird sie jung

verheiraten, und ihre Teilnahmlosigkeit wird sich in das Gegenteil

verwandeln.«

Meine Tante Anna · 第 22 / 51 题