5. Nov. Die Stille jetzt in Freiburg!

»Mer isch wie e begossener Pudel«, sagte die Hofrätin.

Es will mir jedoch scheinen, daß, wenn sie da ist, Mutter und sie sich

trotz aller Zeitereignisse so gut wie gar nicht verändert haben.

Aber es kommt mir vor, als hätten Therese und ich uns verändert. Sie

zu ihrem Vorteil, denn sie ist entschieden heiterer, in ihrem Wesen

gleichmäßiger seit der Versetzung des zum Hauptmann avancierten

K. Dieses sich immer wieder Begegnen reißt die Wunden einer doch

hoffnungslosen Liebe stets von neuem auf. So ist es Therese offenbar

viel leichter geworden, ferner dem Tanzen zu entsagen, als sie sich's

vorgestellt. Davon gesprochen hat sie nicht, eine große Schweigerin,

die sie ist, im Gegensatz zu mir, die nur im Aussprechen Labsal findet.

Therese sprach sich im Tanzen aus. Ich glaube, im Dahinschweben fühlte

sie sich aller Pflichten und Besorgnisse ledig. Sie vergaß sogar eins

ihrer Hauptkümmernisse -- wenn Caton lange nicht geschrieben. Denn wenn

ich mich auch darob kränken und recht sehr ärgern kann, so verloren

und unglücklich sein, wie Therese über das Ausbleiben von Catons

Nachrichten ist, das kann ich nicht. Weiß ich doch aus Erfahrung,

daß, wenn wir eben auf dem Punkt angekommen sind, Petersens samt und

sonders am Rande des Grabes zu vermuten, kommt da nicht plötzlich ein

kreuzfideler Brief Catons mit einer köstlichen Beschreibung aller

möglichen Feste? So ist eben nun einmal unser Catonele.

Ich habe viele Schüler angenommen für Nachhilfestunden im Deutschen,

auch für französische Stunden. Aber ich gebe diese nicht mehr mit dem

alten guten Gewissen, seit ich das Französisch der Polen gehört. Wie

aber nach Frankreich kommen? Das ist die Frage, die jetzt Tag und Nacht

mit mir umgeht. Mein Leben und alles, was ich tu und lasse, kommt mir

jetzt so passabel vor -- ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich,

sonst so vom Zeitgeiz besessen, eile jetzt mit Weile, und wie ein

Traum kommt es mir vor, daß ich einst mit edlen, leidenschaftlichen

Menschen geglüht und geweint. --

Grotecki, du Rätsel meines Lebens! Von andern kann ich deinen Namen

noch nicht aussprechen hören. Aber denken kann ich jetzt an ihn und ihn

zu verstehen suchen -- und mich selber auch. Was war das? O Himmel,

wenn ich einen Menschen fragen könnte, was das war! Wie es nur möglich

ist, wenn man sich anders für ein rechtliches Geschöpf gehalten,

plötzlich für einen Augenblick seiner selbst nicht mehr mächtig zu

sein. Unwürdig, ja unwürdig war dieser Zustand, einer reinen Seele

unwürdig.

Grotecki, du hast mich mit deinem zügellosen Beginnen nicht gewonnen,

sondern verloren, du hast mich vor mir selber erniedrigt. Ich schäme

mich, so lang ich lebe vor Zarembecki. Ich bete zu Gott, daß er mich

ferner bewahre. Es war nichts Gutes. Das habe ich gefühlt in aller

Verwirrung.

Arme Prinzessin von Ahlden, kam auch dir eines Tages die Einsicht,

erwachtest auch du aus dem Rausche deiner Leidenschaft? Du großer Gott,

wenn dir das geschah! Nach deinen Kindern hast du verlangt und durftest

sie nicht wieder sehen. Ein Menschenleben lang mußtest du in Einsamkeit

büßen für ein Gefühl, das wie eine fremde Gewalt den Menschen

überfällt und ihn bezwingt. Habe ich den Arm zurückgestoßen, der mich

umfing? --

Arme Prinzessin von Ahlden ... Wär' ich anders gewesen, als du es

damals warst! --

* * * * *

Grotecki war ein Mensch, der mit +einem+ Blick alles übersah. Ich

lernte durch ihn, was mir fehlt.

Ich habe Mutter gegenüber ein paar Worte fallen lassen von der

Notwendigkeit, daß ich mir die richtige Aussprache in Frankreich holen

müsse. Sie schlug die Hände zusammen.

»Kind, Nannele, du, in Frankreich allein!«

Ich sagte ihr: »Bedenken Sie +eines+, Mutter, ich darf mit einem guten

Französisch ganz andere Ansprüche machen.«

»Willst du wirklich?« fragte sie unter Tränen.

»Muß es nicht sein,« sagte ich, »und ist mein Beruf nicht eine längst

ausgemachte Sache?«

»Nannele, wenn du gesund wärst!«

»Ich habe Mut, das ist noch mehr. Und, Mutter, denken Sie, wenn ich's

erreichen könnte, daß Sie sich um Theresens und um mein Los nicht mehr

zu grämen brauchten.« --

Sie nahm sich zusammen, versuchte zu lächeln und ging.

Aber der Anfang ist gemacht.

Ich schrieb an de Ber in Nancy.

* * * * *

Eine Insel hat sich in Freiburg gebildet, wo alle die, welche einst von

Freiheit träumten und um das Los der armen Polen litten, sich wieder

finden, einander kennend, vom Vergangenen schweigend, ihre Seelen aber

neuen Interessen öffnend.

Es ist im Hause von Amalie von Berg, der Madame Kozlowska. Ich staune

die beiden herrlichen Menschen wie höhere Sterbliche an.

Die Frage kommt mir wohl zuweilen: Warum haben die einen alles und die

andern nichts? Hätte sie nicht genug an Schönheit und Liebe? Aber auch

die Kunst ist ihr Eigentum. Bilder, die ich nicht genug anstaunen kann,

zieren die Wände ihres Gemaches, in dem sie, eine vollendete Weltdame,

ihre Gäste empfängt und bewirtet. Sehr oft trägt sie das polnische

Nationalkostüm und hat sich selbst konterfeit in der pelzverbrämten

Tschapka, ein Bild, das alle Herzen in Brand stecken könnte, wenn sie

nicht einzig und allein nach der Liebe ihres Kozlowski verlangte. Und

er, dieser königliche Mann, hält er in uns nicht das Andenken aufrecht

an das ritterliche, dem Schönheitssinn so wohlgefällige Benehmen der

edlen Polenjünglinge? Wie hätte doch der Umgang mit diesen eine

Bildungsschule werden können für einen großen Teil unserer jungen

Männer, die man leider so oft eines ungehobelten Benehmens zeihen muß,

wenn auch nicht selten ihr Wissen ein erfreuliches ist. Ich spreche

von unserer Jugend, nicht von der älteren Generation mit ihren etwas

altväterlichen, so rührend chevaleresken Manieren. Vor allen dem edlen,

feingesinnten Rotteck, der mir vorbildlich bleiben wird, so lang ich

lebe.

Ich sehe es für ein ganz besonderes Glück an, ihn und Welcker an

Kozlowskis Empfangstag zu treffen. Die beiden Herren sind immer gleich

frisch und voll der Pläne. Eine gemeinsame Arbeit, die Herausgabe des

»Staats-Lexikons«, beschäftigt sie bis hinein in die Geselligkeit, und

ich kann gar nicht nahe genug bei ihnen sitzen, um ihren oft ungeheuer

sarkastischen Reden und Gegenreden zu lauschen. Wenn ich die Regierung

wär', wahrlich, diese Köpfe hätte ich mir für den Staat erhalten. Aber

wie Schiller sagt:

»Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen« --

Amalie Kozlowska hat mir den Vorschlag gemacht, bei ihr zu malen; es

würde ihr Freude machen, ihre Erfahrung meinen Arbeiten angedeihen zu

lassen.

Oh, ich verstehe, sie allein ahnt wohl, was sonst außer Zarembecki

niemand geahnt. Nun will sie wohl, so glücklich jetzt, ein wenig von

dem Zuviel, das ihr zuteil geworden, an eine weniger Glückliche abgeben.

Ich dankte ihr.

* * * * *

3. Januar 1835. So wäre es nun entschieden. Im April nehme ich einen

einjährigen Aufenthalt in Nancy bei den Eltern de Bers. Es soll

mir dort jede Möglichkeit gewährt werden, mich im Französischen zu

vervollkommnen. Seine Stiefgeschwister, ein Mädchen von vierzehn und

ein Knabe von dreizehn Jahren, sind meiner Erziehung anvertraut.

Mir ist seltsam befreit zumute, da ich nun weiß, der Stein ist

ins Rollen gekommen. Ja, ich bin heiter und versuche, den Meinen,

deren Herz schon jetzt ob des Abschieds blutet, mit gutem Beispiel

voranzugehen. Wir sind eifrig mit meiner Aussteuer beschäftigt, Therese

und ich. Die gute Mutter will mir alle Wäsche neu mitgeben, damit mich

in der Fremde keine Flickerei belästige und an meiner Aufgabe hindere.

Also wird drauflosgeschneidert, -genäht und -gestickt, und ein Ballen

schönster Hausmacherleinen muß dran glauben. Großes Kopfzerbrechen

verursachen die Kleider. Das gute Blaue, meint Mutter, könne für die

Werktage dienen, für den Sonntag riet sie zu einem schwarzen. Dafür

reichte mein Stundengeld prächtig aus. Für etwaige Gesellschaften

bot mir Therese eines ihrer weißen Mullkleider an, das sie mir mit

schwarzen Samtschleifen gar hübsch ausgarnierte. Hut und Mantel lassen

vielleicht zu wünschen übrig, aber das macht nichts. Mutter beglückte

mich mit ihrem seidenen Schal für die kühlen Sommerabende, und ein

Peterle für gewöhnlich machte mir Therese aus einem alten Mantel

zurecht. Immer wieder brachten sie etwas aus ihren Schränken herbei,

das ich haben sollte, und ich mußte mich ernstlich wehren, daß sie sich

nicht völlig beraubten. Wie weh mir innerlich ist, soll den Lieben

erspart bleiben. Will's durchbrechen im Herzen, mache ich einen Weg

durch unsre lieben Gäßle, schau alles mit ganz neuen Augen an, möchte

weinen vor Schmerz, von all dem Gewohnten zu scheiden, wenn nicht

ein Gefühl brennender Neugier, die Frage: Zukunft, was wirst du mir

bringen? mich auch wieder beglückte.

Besonders schwer wird mir der Abschied von Lenchen werden, denn nächst

den Meinen wird sie mich am meisten vermissen.

Hermann hat noch nie so viele Dummheiten gemacht, aber ich weiß, es

geschieht, um uns allen über den Gedanken an den Abschied wegzuhelfen.

Er hat die Flegeljahre, die nicht immer lieblich waren, glücklich

überstanden, und ich bin stolz auf unsern bildhübschen Akademiker,

den die jungen Mädchen im Kasino den Lord nennen, weil er wirklich

ein ausgezeichnetes Benehmen hat. Ich hab's ihm auch nicht wenig

eingeschustert.

* * * * *

2. März 1835. Große Ereignisse bringen uns über unsre eigene

Persönlichkeit weg. Denn ist es nicht ein großes, unbegreifliches

Ereignis, wenn ein schönes, uns unerreichbares Glück plötzlich jäh vor

unsern Augen zusammenbricht? Unerforschlicher Gott! Auch mit zuckendem

Herzen, verständnislos müssen wir das Haupt beugen. Amalie von Berg --

Amalie Kozlowska ist nicht mehr.

* * * * *

Es hat mich hineingetrieben in ihr schönes, von ihr so geliebtes Heim.

Es war still am Haus. Ich ging die Treppe hinauf. Es traf mich ein

Lichtschein, dem ich beklommenen Herzens entgegenging. War es nicht

unbescheiden, dieses Eindringen, konnte nicht jeden Augenblick jemand

kommen und mich aus dem Hause weisen? Aber der Augenblick auf der

Schwelle ihres Totenzimmers war mir wie ein Geschenk, das mir eine

heilige Erinnerung fürs ganze Leben bleiben soll.

Da lag die Schönheit im Sarge, von einem Schleier umhüllt, der nur

die obere Hälfte ihres Gesichtes frei ließ. Wie aus Marmor war diese

klare Stirn gemeißelt, das geschlossene Augenpaar, die feinen Linien

der Wangen. In ihrem Arm unter dem Schleier lag ein kleines Köpfchen an

ihrer Brust, so klein und zart, daß man's kaum entdeckte.

Über dem Sarg an der Wand -- ich mußte mein Herz mit beiden Händen

halten -- denn ach, da hing das lebensfrohe, strahlende Bild Amaliens

-- ihr Selbstporträt in der Tschapka.

Ein leises Stöhnen brachte mich zu mir selber. Das dunkle Etwas auf dem

weißen Totenkleid waren Kozlowskis Hände. Zur andern Seite des Sarges

kniete er, ein völlig gebrochener Mann, bleich wie die Tote selber --

die Augen geschlossen.

* * * * *

Wie wechselt doch Freud und Leid im Leben! Wenn ich Hochzeit machte,

könnten mir nicht lieblichere und schönere Geschenke zuteil werden. Ich

bin beschämt und beglückt. Diese Liebe, diese Teilnahme hebt uns alle

wie mit Samthänden über Schmerz und Trennungsweh weg. Wir bestaunen die

köstliche Vervollkommnung meiner Aussteuer, immer wieder freuen und

umarmen wir uns. Lenchen hat mir einen Spitzenkragen gestickt, wie ihn

eine Königin nicht schöner hat. Ridiküls sind's ein halbes Dutzend.

Die Hofrätin schenkte mir eine sechsreihige Granatkette mit silbernem

Schlößchen. Von Caton kam ein Marie-Antoinette-Fichu mit echten Spitzen

-- kurz, es ist nicht zum Aufzählen. Ich werde den größeren Koffer

nehmen müssen.

* * * * *

Auf dem Wege meiner Abschiede und Dankvisiten traf ich bei der Hofrätin

Karoline im Klostergewand -- jetzt Frau Martina. Es sind Jahre, daß

wir uns nicht gesprochen. Gesehen habe ich sie wohl zuweilen im

Klostergarten, aber wir gingen uns aus dem Weg. Nun kam mir alles

Vergangene kindisch vor, und ich ging herzlich auf die ehemalige

Mitschülerin zu. Sie erhob sich nicht, sondern gab mir mit einer

gewissen Gönnermiene die Hand.

»Du tust mir recht leid, Nannele,« sagte sie, »daß du in die böse Welt

hinausgestoßen wirst.«

»Ich gehe von selber,« gab ich zur Antwort, »niemand stößt mich hinaus.«

»Eben die Verhältnisse,« meinte Frau Martina in mitleidigem Ton, »ich

werde für dich beten.«

Ich dankte ihr, und dann war's ganz nett. Wir sprachen von den alten

Schulzeiten, und Frau Martina gab sogar zu, daß ich sie in allen

Fächern überflügelt habe.

Ein paar Damen erschienen, begrüßten sie vor mir und erwiesen ihr

als Klosterfrau mehr Aufmerksamkeit als mir. Sie war ganz glücklich,

strahlte, drückte mir die Hand, nannte mich ihre beste Freundin und

nahm den rührendsten Abschied von mir.

Hierauf erhob sie sich, und da ich auch gehen wollte, ließ ich der

Klosterfrau den Vortritt. Erhobenen Hauptes schritt sie an mir vorbei,

stolperte über die Stufe und flog mit wehendem Schleier auf den Gang

hinaus.

Da haben wir aber so gelacht und waren wieder Kinder und sind so

voneinander geschieden.

* * * * *

Herr von Verleb wird sich verheiraten.

Es heißt, daß es auf eine glückliche Ehe schließen lasse, wenn der Mann

nach dem Tode der Gattin sich bald wieder vermähle, weil ihm das Leben

ohne sorgende Gefährtin nicht mehr möglich sei.

Du, liebe Caton, hast mir einmal ein beherzigendes Wort gesagt:

»Unglücklich sein, ist keine Lebensaufgabe«. Also will ich das Gefühl

überwinden, das mich bei dem Gedanken überkommt: Eine andere wird

Marias schönes Heim bewohnen.

Ich bin froh und danke Gott, daß ich fort sein werde, wenn Verleb mit

seiner Braut Visite macht.

* * * * *

Nun kurz vor meinem Weggehen wird Therese krank. Entsetzlich überkommt

es mich: Wie kann ich denn gehen? Wer soll Mutter beistehen, wenn sie

ihrer Stütze beraubt ist? Dieser Kampf ist noch das ärgste: Soll ich,

darf ich gehen? Oder müßte ich bleiben? ... Es geht besser. Therese muß

nur noch zu Bett bleiben, um ihren Katarrh nicht der rauhen Märzluft

auszusetzen. Nun ist es Mutter, die mich von allen Zweifeln, ob ich

gehen oder bleiben solle, heilt. »Närrle,« hat sie gesagt, »wann denkst

du ans Packen?« --

Wie doch Mutter das Aufrichten versteht! Wir sitzen an Theresens

Bett und besprechen ganz heiter alles Nötige für die bevorstehende

Reise. Lenchen kommt auch dazu. Wer kommt nicht? Man sollte meinen,

es wäre eine Prinzessin krank, die täglich große Cour hält, wo sie

alle Stadtbegebenheiten und Staatsangelegenheiten erfährt. Der

großherzogliche Leibarzt fühlt ihr täglich den Puls, Hermann hat sie

als Vorleser anzustellen geruht, wobei er noch gratis die Stelle eines

Hofnarren übernahm. Ich bin als Nachtwächterin nicht eben hervorragend

zu loben, da ich Therese stets meine Dienste anbiete, wenn sie schläft,

während ich fest schlafe, wenn sie meiner Hilfe bedürfte.

* * * * *

30. März. Es will mir fast scheinen, als habe Theresens Krankheit

eigens kommen müssen, um uns allen den Abschied zu erleichtern. Eine

neue Sorge hatte unsere, auf einen Punkt gerichteten Gedanken plötzlich

in Anspruch genommen, und nun wir jene los sind, legt sich's wie ein

Gefühl der Dankbarkeit auf das kommende Weh.

Ich bin auf unserm lieben heimeligen Friedhof gewesen, wo da und dort

auf den Gräbern schon Schneeglöckle und Aurikele sich hervorwagen. Zwei

Kränze hatte ich geflochten für zwei teure Gräber -- Maria von Verleb

steht auf dem einen Kreuz. Auf dem andern, nahe bei der Kapelle: Amalie

Kozlowska.

Aus dem Glanze ihres Daseins, beneidet von so vielen, waren sie

abgerufen worden. -- Und ich, die ich voll liebender Bescheidenheit

die beiden Gottbegnadeten angestaunt, ich bin noch da, ich stehe an

ihrem Grab, genieße das Licht der Sonne, sehe das junge Grün der Bäume

sprossen und höre der Vögel Jubeltöne durch den stillen Friedhof

schallen. -- Mein Gott, der Du mir das schöne Leben noch ließest, wie

danke ich Dir! --

* * * * *

Dinglingen, den 3. April 1835.

Unschätzbarste Eltern!

's ist eins, meine Gedanken sind doch bei Euch, warum soll ich sie

Euch nicht sagen dürfen, da ich sie bekanntlich einmal nicht bei mir

behalten kann. Noch dazu, da mir das Herbeischaffen des Schreibgerätes

gar keine Umstände macht. Ich schreibe in einem abgelegenen Tanzsaal

des Postgebäudes, mit einem Schreibepulver, in das ich die Feder nur

ein einziges Mal zu tunken brauche, um einen noch längeren Brief zu

schreiben, als dieser ausfallen wird, denn in einer halben Stunde

geht die Post weiter. So wisset denn, Gott hat gleich wieder so viel

Komisches auf meinen Lebensweg geschüttelt, daß es dem Abschiedsweh zur

Unmöglichkeit wurde, mich zu übermannen, und ich wollte nur, Ihr hättet

nach einer Stunde unsrer Trennung so herzlich lachen können wie ich

über meine possierliche Reisegesellschaft im gelben, alterswackeligen

Postwagen.

Die Insassen bestehen aus einer impertinenten Marquisin, die kein

Deutsch kann, einem überaffektirten Tanz-, Fecht- und Schulmeister, der

fortwährend mit seinen feinen Tanzschuhen, die aber zerrissene Sohlen

haben, kokettiert, und einem jungen Blut von einem Bürschlein, das von

Freiburg bis Dinglingen von einem Lachkrampf in den andern verfiel. Ich

selbst hätte am liebsten mitgehalten, wenn ich mir nicht ganz ernstlich

gesagt hätte: Nannele, jetzt ist's aus mit dem »dummen Mädele sein«; du

hast jetzt als Muster der Vernünftigkeit, als kommende Erzieherin in

die Fremde zu segeln, also muckse nicht. --

Und so machte ich Ihnen, geliebte Eltern, alle Ehre, indem ich die

Impertinenzen der Marquisin nicht mit gleichem, sondern mit einer

geradezu hoffähigen Artigkeit erwiderte, im Innern mich so auf mein

künftiges Mundhalten einübend, das mir bislang meistens nicht gelungen

ist.

Den armen Fecht- und Tanzmeister mit seinem vor Höflichkeit grinsenden

Gesicht nannte die Marquisin den ~maigre et pauvre homme~, und da er

sich den Anschein gab, Französisch zu verstehen, nickte er nach jedem

Satz, den die Marquisin sprach, auf das höflichste: »~Oui, madame~«,

auch als die Marquisin meinte, er sei gewiß mit seiner roten Krawatte

ein durchgegangener Sträfling. Ich nahm ihn lebhaft in Schutz, indem

ich die böse Sieben auf seine ehrlichen Augen aufmerksam machte. Sie

meinte lächelnd, ob ich etwa verliebt in ihn sei. Meine Antwort wäre

vielleicht etwas derb ausgefallen, wenn das junge Kerlchen in seiner

Ecke nicht durch einen neuen, ganz besonders lebhaften Lachanfall

unsre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte.

»~Imbécile~,« herrschte ihn die Marquisin an, »haben Sie gehört,

~imbécile~!«

»He nei,« preßte er erstaunt hervor, »Baptist Will heiß i.«

»Was sagt er?« stieß mich die Marquisin an. Aber ich lachte so, daß ich

nur stoßweise hervorbrachte, der Bursche habe geglaubt, sie nenne ihn

beim Namen.

»Ist auch sein Name -- ~imbécile~« -- »Baptist Will«, beharrte er.

Sie zog einen halben Kipfel aus der Tasche und zeigte ihn dem

Bürschlein mit den Worten:

»Den hättest du bekommen, wenn du kein solcher ~Imbécile~ wärst« -- und

aß ihn selber auf.

Alsdann lehnte sie sich in ihre Ecke zurück und schloß die Augen.

Ich benützte meine Freiheit, indem ich dem Fecht- und Tanzlehrer das

kleine Fläschle Wein anbot, das mir Therese ins Ridikül spediert hatte.

Das Bürschle bekam einen ganzen Kipfel.

»Sie hät eso e Bart«, flüsterte er mir zu.

Der ~maigre et pauvre homme~ trank das Fläschle in einem Zug,

versteckte es dann aber schnell in seinem Rockärmel, denn die Marquisin

schlug die Augen auf.

»Er ist ein Dieb!« rief sie aus. »Ich sah etwas in seinem Ärmel

verschwinden.«

»~Oui madame~«, sagte er, ehrerbietig an seinen Hut greifend.

»Und dieser ~Imbécile~, was ißt er da, hat er mir etwas aus meine

Ridikül genommen?«

Ich klärte sie über ihren Irrtum auf, indem ich ihr versicherte, daß

sie sich in einer absolut ehrlichen Gesellschaft befinde.

»Ah,« fiel sie über mich her, »Sie halten zu diesen Menschen gegen

mich!«

Jetzt kochte es in mir.

»Es sind ja meine Landsleute«, gab ich zur Antwort.

»Bah«, machte sie, »ich habe in Freiburg Ihre Landsleute kennen

gelernt; es ist ein wildes Land, und seine Bewohner sind Wilde. Nur

Baden-Baden ist ein Paradies, und nur die Königin Hortense und die

Großherzogin sind ~gens de qualité~ -- warum? Weil sie nicht aus diesem

barbarischen Lande stammen, in dem der Adel ein Französisch spricht,

das für das Ohr einer Französin ~horrible~ ist. Überhaupt, außer

Frankreich, einem Stückchen von Italien und Baden-Baden ist die ganze

Welt ~abominable~.«

»Sehen Sie, diese Wilden«, unterbrach sie sich, als wir viehtreibenden

Landsleuten begegneten.

»Tragen bei Ihnen, Madame, die Viehtreiber Glacéhandschuhe?« fragte ich

und nahm, da sie nicht gleich eine Antwort bereit hatte, ein Buch aus

dem Ridikül.

Nun rückte sie hin und her, stellte immerzu Fragen an den armen Fecht-

und Tanzlehrer, schrie das junge Kerlchen an, das aber friedlich

wie in seinem Bett schlief, und ließ endlich, nur um mich vom Lesen

abzubringen, den ganzen Inhalt ihres Ridiküls auf den Boden fallen. Der

Fecht- und Tanzmeister war glücklich, ihr alles aufheben zu dürfen. Ich

rührte mich nicht.

In Dinglingen machten wir Mittag. Ich bestellte mir Suppe und ein

Stückchen Kalbfleisch.

Die Marquisin rümpfte die Nase:

»Echt deutsch, sich schon um Mittag den Magen zu füllen« -- und

bestellte sich Eier.

Mir gegenüber am Tisch saß der Tanzlehrer.

»Ach,« flüsterte er mir zu, indem er sich durch die Haare fuhr, »das

Geld ist mir ausgegangen.«

»Hat er Ihnen eine Liebeserklärung gemacht?« fragte die Marquisin.

Ich sagte ja und bestellte beim Kellner Suppe und Rindfleisch für den

~pauvre et maigre homme~.

Als uns die Marquisin speisen sah, gelüstete sie alles, und sie

tauchte in alle Schüsseln, versuchte, schnitt ein Gesicht und versuchte

wieder.

Sie hätte wahrlich eine Ohrfeige verdient, so impertinent ungezogen

benahm sie sich.

Nun kam aber der Hauptspaß -- sie mußte über die Hälfte mehr als ich

bezahlen.

Der Wirt sagte: »Sie hät jo von allem g'hat, und der Kellner hat

springe müsse für zehne.«

Als sie ihm mit einem empörten »Worüm?« die Rechnung hinwies, verneigte

er sich und sagte: »Dorüm«.

Fortsetzung in Offenburg, aber auch während der ganzen Fahrt, liebe

Eltern, wird Ihr Nannele bei Ihnen sein.

* * * * *

Offenburg.

Die Marquisin befliß sich bei der weiteren Reise einer absoluten

Höflichkeit. Sie bot mir sogar von ihren Pfefferminztäfele an. Ich nahm

eines und dankte höflich. Diese Höflichkeit steckte die neuen Insassen

der Post an, so daß eine Frau, die schnarchte, immer wieder von ihrem

Gegenüber geweckt wurde mit dem Bemerken: »Lent doch euer Muusik«. --

Wie unerquicklich wäre diese Reise ausgefallen, hätte ich der

Marquisin gegenüber meinem Ärger Luft gemacht und sie mit Sottisen

bombardiert, wie sie verdient hätte. Nun hatte ich Genuß an ihrem

schönen Französisch, sie tätschelte mir wiederholt die Schulter, und

ich wurde ob der Ehre, die mir widerfuhr, von sämtlichen Insassen der

Post angestaunt.

Der Fecht- und Tanzmeister hatte seinen Sitz auf dem Deck des

Postwagens genommen, nachdem er mir gesagt, die französische Sprache

sei ihm auf die Dauer zu anstrengend.

»Ich bin«, setzte er hinzu, »jetzt in einer traurigen Lage, aber sobald

ich eine Stelle habe, werde ich in Freiburg bei Ihren Eltern meine

Schuld entrichten.«

Wie anständig, nicht? Eigentlich sind alle Menschen besser, als man

voraussetzt, vielleicht auch die Marquisin -- wer weiß.

Wir kamen gegen sieben Uhr in Offenburg an. Als wir an der Post

ausstiegen, fragte mich die Marquisin, ob ich ein besonderes Zimmer

haben wolle.

»O ja«, sagte ich, denn ich war wirklich zu müde, um ihr bis in die

Nacht hinein zu huldigen.

Als Abend- und Nachtessen nahm ich Kaffee, und ein bescheidener Knabe

von Kellner bediente mich in meinem kleinen Zimmerchen, in dem ich

jetzt schreibe.

Da morgen Sonntag ist, fährt die Post erst um neun Uhr, so daß ich

genügend Zeit haben werde, einer hl. Messe beizuwohnen, das Städtle

anzusehen und noch einen Morgengruß an die lieben Eltern zu schicken.

Gute Nacht denn.

* * * * *

Noch eine gute Stunde bis zur Abfahrt der Post. Wie höchst interessant

ist doch das Reisen! Möchten Sie doch, meine ungemein lieben Eltern,

sich keinen Augenblick um Ihr Nannele sorgen, denn wenn mir auch das

Heimweh nicht geschenkt ist, so bin ich von der Vielseitigkeit meiner

Erlebnisse doch so in Anspruch genommen, daß ich weit davon entfernt

bin, die Flügel hängen zu lassen.

Also ich wandelte höchst einsam durch die sonntagsstille Hauptstraße

der Stadt Offenburg, mich bemühend, Sehenswürdigkeiten zu entdecken.

Der helle Klang einer Glocke lockte mich in eine schmale Seitengasse,

so daß ich plötzlich am Ende derselben vor einem klosterähnlichen

Gebäude mit einer Kirche stand. Eine Frau, die mit ihrem Gebetbuch des

Wegs kam, sagte mir, das alte ehemalige Franziskanerkloster sei jetzt

das Mädcheninstitut der ~congrégation Notre-Dame~. Soeben fange die

heilige Messe an.

Ich schritt durch das uralte Eingangsportal in die halbdunkle Kirche

und nahm meinen Platz vor dem Altargemälde der Himmelfahrt Marias. Ein

paar Stufen führen zum Chor, das hell und licht erglänzte durch die

vielen Kerzen am Altar, wo die heilige Messe zelebriert wurde.

In den Bänken knieten die Schülerinnen, rechts und links in den

Chorstühlen die Klosterfrauen. Ein rührendes Bild für mich, die ich

einst so gern mich der Schar der Gottgeweihten einverleibt hätte! Nun

führt mich der Weg hinaus in die Fremde, wo ich es nicht so gut haben

werde wie diese von der Welt abgeschlossenen Frauen, die sich, aller

Sorgen ledig, der Erziehung ihrer Zöglinge hingeben können.

Denken Sie nicht, liebe Eltern, daß diese Betrachtung etwa aus einem

ängstlichen Herzen kommt. Im Gegenteil! Als ich unter dem Gesang der

Klosterkinder in den hellen Tag hinausschritt, war ich äußerst begierig

auf das neue Stück Welt, das sich vor mir auftun sollte.

* * * * *

Straßburg.

Groß war die Freude der Marquisin, als wir elsässischen Boden unter

den Füßen hatten. Es stieg gleich ein Bauer ein, ein alter Mann, der

einen fürchterlichen Knaster rauchte. Das hätte sich einer jenseits der

Grenze erlauben sollen!

Sofort redete sie den Elsässer mit einem Schwall von

Liebenswürdigkeiten an, dabei mit beiden Händen gestikulierend, vor

Glück, endlich einen ~compatriote~ anzutreffen.

Der alte Bauer maß sie mit zusammengekniffenen Augen.

»He,« stieß er mich an, »was babbelet's au, des old Fegnascht -- isch

'm vielleicht 's Raache nit racht?«

Er sah wütend nach der Marquisin hin.

Ich beeilte mich, ihm zu sagen, daß die Dame eine Französin sei und

gehofft habe, mit ihm Französisch sprechen zu können.

»I rad kei Französisch, i rad Dütsch«, brummte er neben seiner Pfeife

heraus.

»Was sagt er -- was reden Sie mit diesem Mann?« drängte die Marquisin.

»Wie können Sie überhaupt Deutsch mit ihm reden? Er wird Sie nicht

verstehen.«

»Ich fürchte, er versteht nicht Französisch«, sagte ich, meine

Heiterkeit durchaus nicht verbergend.

Nun fuhr sie auf: »Nicht möglich -- unmöglich -- ~monsieur~,« fiel sie

über den Mann her, und ihre Empörung ergoß sich wie ein Wasserfall über

den Ahnungslosen.

Jetzt erhob auch er sich, nahm die Pfeife aus dem Mund, spuckte und

traktierte die Marquisin mit einer Auswahl von Schimpfwörtern, wie ich

sie nie in meinem Leben gehört. --

Meine Tante Anna · 第 20 / 51 题