Es war gottlob fast dunkel im Zimmer. --

Wir blieben die ganze Nacht am Fenster sitzen. Ich wickelte Hermann in

ein Tuch; er fror vor Aufregung. Ein Schreiben von Zarembecki, das er

mir zeigte, war ein Vermächtnis für uns. Hermann sollte seine Pistolen

bekommen, eine prachtvolle russische Beute, Therese einen Orden, ich

seinen Ring.

Schon um fünf des Morgens machte sich Hermann auf den Weg. Er hatte

keine Ruhe. Ich auch nicht. Um sechs sollte das Duell stattfinden.

Fiebernd vor Aufregung tat ich alle mögliche Hausarbeit, als

Hermann strahlend vor Glück mit der Nachricht zurückkehrte: »Beide

unversehrt.« Unter der Bedingung, daß Grotecki sofort abreise, hatten

sie Frieden gemacht. Er ist schon unterwegs.

* * * * *

Ich bat die Mutter, mir zu erlauben, ein paar Tage auf unserem

Landgütle zubringen zu dürfen.

O liebliche, so still verlebte Tage im heimeligen Waldasyl,

abgeschlossen vom Geräusche des Stadtlebens, von all den

seelenbeklemmenden Eindrücken, die dort auf mich gewartet hätten. Gibt

es etwas, das unser Herz mehr beruhigen kann als so ein Bauernhaus,

in dessen Hof die Hühner scharren, zuweilen ein Hahn kräht oder ein

friedliche ›Muh‹ aus dem Stallfensterchen ertönt.

Seligkeit ist diese Stille, Balsam einem Gemüt, das nicht zu denken,

nicht zu überlegen, nicht einmal zurückzublicken, sondern eben nur das

Zunächstliegende ins Auge zu fassen vermag.

In der guten Stube der Bäuerin hatte ich mein Nachtquartier

aufgeschlagen, ein wenig hart, zur Toilette mußte ich mir das Wasser

aus dem nahen Brunnen holen. Exkursionen in den nahen Wald, -- das

eigenhändige Zubereiten meines kleinen Mahles aus Eiern und Milch,

in die ich das harte Bauernbrot tunkte. Und endlich die Arbeit, das

Aufsuchen von Motiven oder vielmehr das Auswählen, denn dieser kleine

Erdenwinkel barg der lieblichen Bilder mehr als genug.

Am vierten Tag meiner Einsamkeit kam Hermann. Ich sah ihm entgegen,

wie er den Waldweg einherschritt, ein gar herziger Student jetzt. Das

Röckle am Stock, die Mütze im Nacken, seine braunen Augen lachten mir

von weitem entgegen.

Gottlob und Dank, ich konnte auch wieder lachen!

Frische Butter hatte die Bäuerin eben im Fäßle. Ich konnte ihn herrlich

bewirten.

Daß Amalie von Berg mit Kozlowski als Verlobte bei uns waren, war das

erste, was mir Hermann mitteilte.

Dann: »O Nannele, denk' dir, Zarembecki hat mir zum Abschied einen

prachtvollen russischen Säbel geschenkt.«

»So ist auch er gegangen?« fragte ich.

»Alle fast«, sagte Hermann. »Es sei gegen ihre Ehre, Freiburgs

Gastfreundschaft noch länger in Anspruch zu nehmen. Sie sprachen von

Frankreich, wo sie sich eine Existenz zu gründen hoffen. Halb Freiburg

gab den scheidenden Helden das Geleite. Männer und Frauen weinten laut.

Nur einige besonders unbemittelte Polenjünglinge sind zurückgeblieben.

Frau Welcker hat nicht geruht, bis die Stadt versprach, ihnen Brot und

Arbeit zu geben.«

Ich fragte, ob Amalie von Berg mit Kozlowski Freiburg verlasse, und

freute mich, als mir Hermann mitteilte, daß er als Bibliothekar bei der

Universität angestellt werde.

Die Eltern und Geschwister holten mich heim.

»Jetzt bist du wieder mei' alt's Nannele«, sagte Mutter, nahm meinen

Arm, und wir schritten hinter den andern drein.

Nun wird sie mich wohl fragen, was mir war, dachte ich voll Angst.

Meine Tante Anna · 第 18 / 51 题