»So.« -- Er sah vor sich nieder, eine ganze Weile. Mir klopfte das Herz.
»Das tut mir leid«, sagte er aufblickend. »Ich danke Ihnen.«
Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck.
Ich konnte all die Tage Mutter nicht ansehen, ohne sie im stillen um
Verzeihung zu bitten, denn hatte ich sie nicht eines großen Glückes
beraubt? Aber konnte, durfte ich anders handeln? Und dann, so wie Monz
ist, hätte ich nicht in ewiger Unmündigkeit neben ihm her wandeln und
mich in allem seinem Urteil, seinen Ansichten fügen müssen? Kann man
das ohne große Liebe?
O Nannele, danke Gott, er hat dich behütet!
* * * * *
15. Juni. Samstag wurde »Oberon« gegeben zu Ehren der Polen. Amalie
von Berg hatte mich in ihre Loge eingeladen. Wir Mädchen saßen auf den
vorderen Plätzen. Hinter Amalie Kozlowski, hinter mir Zarembecki.
Der Eintritt der Polen wurde mit einem stürmischen »Vivat Polonia«
begrüßt. Amalie hatte sich erhoben, sie schwenkte das Taschentuch,
ihr wunderschönes Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Sie zitterte,
als sie sich niedersetzte. Kozlowski beugte sich zu ihr. Sein edles
Gesicht war leichenblaß. Und ich fühlte -- ja, es war eine Gewißheit
in mir, hier flammten zwei Herzen zusammen in unaussprechlicher Liebe.
Ach, und schon erkannte ich den Widerstand, der ihrer wartete, den
mißbilligenden Blick aus ihres Bruders Augen, der in der Loge nebenan
saß und seine, sich ganz ihrer Begeisterung hingebende Schwester
etlichemal anrief. Aber sie hörte nichts.
Grotecki hatte sich in Welckers Loge erhoben und hielt eine
französische Anrede, worin er Deutschlands Freiheitseifer pries und
diesen durch die Schilderung seines unglücklichen Vaterlandes noch
höher entflammte. Er teilte mit, daß der polnische Feldherr Kosinski
jeden Augenblick eintreffen könne, und er darauf brenne, Freiburg den
Edelsten der polnischen Helden vorzustellen.
»Oh«, rief er aus, trat ein wenig zurück und wies auf Frau Welcker,
die schlicht und bescheiden in der Ecke ihrer Loge saß, »wie soll
ich sie nennen, diese Edelste der Frauen, unsre Vorsehung will ich
sie nennen -- unsern Kindern wollen wir ihren Namen verkünden, und
unsre Kinder sollen ihn weiter segnen von Geschlecht zu Geschlecht
-- Madame Emma Welcker. Verwundete Polen liegen in ihrem Haus, die
sie pflegt, wie nur eine Mutter pflegen kann. Unbemittelte polnische
Studenten finden Unterstützung bei ihr, hilfreiche Güte. Wer hat
an verschiedenen Stationen, wo unsere armen Emigranten haltmachen
müssen, gastfreie Häuser ausfindig gemacht, die die Flüchtlinge in
Empfang nehmen und wieder weiter befördern? Madame Emma Welcker. Und
was tat sie für unsere armen verlassenen Kleinen? Eine Lotterie hat
sie ins Leben gerufen zugunsten der verwaisten Polenkinder, eine
Aufforderung an alle Stände Badens, teil an dieser Lotterie zu nehmen,
zu der sie ein kostbares Korallenhalsband als Preis stiftete. O diese
unermüdliche, edelste der Frauen -- leitete sie nicht die Emigration
verschiedener Kinder und Frauen aus Polen über Breslau und Dresden zu
ihren verbannten Vätern und Gatten nach der Schweiz, nach Frankreich?
Übervoll ist mein Herz von Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe für diese
hochherrliche Frau. Sie lebe -- hoch lebe Madame Emma Welcker -- Vivat
Germania!«
Unsere Musensöhne schrien:
»Vivat Polonia!« -- und stimmten Bundes- und Freiheitslieder an. Wir
Frauen sangen mit, weinten und umarmten einander. Mitten in diesem
Tumult ertönte der Ruf: Kosinski. --
Er erschien an der Rampe der Welckerschen Loge. Eine unbeschreibliche
Begeisterung ging los. Er verneigte sich und grüßte mit der Hand, mit
einer Würde, einem Anstand und auch wieder mit einer solchen Trauer,
daß alles in Tränen ausbrach.
In diesem Augenblick erhob sich der Vorhang, ein Sänger trat vor und
brachte einen von Professor Reichlin für die Polen gedichteten Gesang
zum Vortrag.
In der nächsten Pause kam Grotecki in unsre Loge. Kozlowski stellte ihn
mir vor:
»Graf Grotecki, Hauptmann bei den Ulanen.« (Auf seinen und Kozlowskis
Kopf sind dreitausend Dukaten als Preis gesetzt.) Grotecki kann
nicht Deutsch; wir sprachen Französisch. Er ist groß, schlank, von
unbeschreiblicher Beweglichkeit, aus seinen Augen sprüht ein Feuer, dem
der Blick kaum standzuhalten vermag. Er sprach so, als hätten wir uns
schon unzählige Male gesprochen. Er sagte ungefähr: »Schon den ganzen
Abend erfreute ich mich an der Leuchtkraft Ihres Wesens.«
Ich dachte an Mutters großen Spitzenkragen, an meine roten Haare.
Als lese er mir die Gedanken ab, lächele er mit einem lebhaften:
»Nein, nein, nein, so ist's nicht gemeint, Äußerlichkeiten haben keinen
Wert für mich. Es ist der Ausdruck. Ihre Seele spricht aus jedem Zug
Ihres Gesichtes -- die liebenswürdigste Seele« --
Meine Verlegenheit war grenzenlos. Ich besann mich auf eine abwehrende
Antwort und sagte: »Das Theater ist sehr voll heute abend.«
Er lachte laut auf, erklärte jedoch im nächsten Augenblick, er werde
sehr gesetzt sein, mein Blick hätte deutlicher gesprochen als meine
Worte.
»Seien Sie mir nicht böse,« fuhr er zu sprechen fort, »wenn ich Sie
durchaus vollkommen haben möchte, aber dieser Mund, so fein geformt,
darf eine Sprache nicht anders als vollendet sprechen. Ihr Französisch
ist grammatikalisch durchaus richtig, aber Ihre Aussprache ist die
eines Menschen, der nie in Frankreich war.«
Ich vergaß meine Befangenheit: »Wie recht Sie haben -- ich fühle das --
ich habe manchmal schon an Straßburg gedacht.«
Er schüttelte Kopf und Hände: »Bewahre Sie der Himmel -- Paris, Nancy,
nichts anderes.«
Ich mußte lachen.
Die Musik unterbrach unsre Unterhaltung, der Vorhang ging in die Höhe,
zugleich fiel mir ein, daß Zarembecki hinter mir saß -- dieser Feinste,
dieser Beste von allen, ja, das wußte ich, daß er das war -- und ich
hatte ihn ganz vergessen.
Es sind kaum vier Wochen, daß ich »Oberon« zum erstenmal sah. Ich
rückte damals mein Stundengeld daran, um Therese und mir diesen Genuß
zu ermöglichen, und glaubte wahrlich in meinem Leben nichts Schöneres
gesehen und gehört zu haben. Damals hatt' ich halt noch keine Polen
gesehen. Jetzt -- immer wieder suchten meine Augen wider meinen Willen
den bald in dieser, bald in jener Loge auftauchenden Grotecki im
schlichten Flausüberrock, dem dunklen Schnurrbart und dem herrisch
gebietenden Blick.
Nachher war zum Vorteil der Polen großer Ball im Kaufhaussaal,
wozu alle Freigesinnten eingeladen waren. Mutter ging mit mir nach
Haus. Vater nahm natürlich mit Therese und Hermann am Feste teil.
Therese tanzte nur mit Polen. Hermann hatte die Weisung, sich auf
Stammbuchblättchen, die ich ihm gegeben, die Namen wenigstens der
interessantesten Polen aufschreiben zu lassen und von jedem einen Knopf
zu erbitten.
Heute vor Tisch rückte eine Studentenschar durchs Schwabentor.
Professor Reichlin, der Vater besuchte, ging mit uns auf den
Altan, worauf die Studenten Professor Reichlin, als dem Dichter
des Polenliedes, ein stürmisches Hoch brachten, das wir mit einem
»Polen hoch!« erwiderten. Schnell wurden die Hüte aufgesetzt, und
wir zogen hinter der jungen Männerwelt drein, die singend durch die
Stadt marschierte, den polnischen Helden entgegen. Auf dem Marktplatz
erfolgte das Zusammentreffen. Man hatte den Wagen die Pferde
ausgespannt, die Studierenden zogen die polnischen Helden unter dem
Zujauchzen der Volksmenge einher, vier Fahnen mit den polnischen Farben
voraus.
Rotteck sprach, Welcker, zuletzt Grotecki. Die Begeisterung war
unbeschreiblich.
Was ist es nur, was aus ihm sprüht? Überdenke ich mir die Worte, die
er spricht, so kann ich nicht umhin, mir zu sagen -- durch sie kann
unmöglich dieser Taumel der Begeisterung entstehen, besonders wenn er
ein paar unvollkommene deutsche Sätze stammelt. Es ist also die Seele,
die uns hinreißt, die große Seele eines großen Unglücklichen.
Die Polen wurden von dem Offizierskorps zu einem Mittagsmahl in die
»Stadt Wien« eingeladen. Wir baten Mutter, uns auf einen Kaffee auch
dahin zu führen. Professor Reichlin bot sich als Begleiter an. Aber
oh weh, alle Stuben waren schon mit Studenten angefüllt, die sangen
und stritten und uns viel zu bezecht erschienen, als daß uns ihre
Gesellschaft hätte zusagen können. So wollten wir wieder schweren
Herzens heimzotteln, als Grotecki unserer ansichtig wurde, herbeieilte
und uns, mir nichts, dir nichts, in den Speisesaal führte, wo sich
sämtliche Offiziere und Polen uns begrüßend erhoben. Man brachte uns
einen kleinen runden Tisch. Mutter bestellte Kaffee. Kaum saßen wir,
erschien Amalie von Berg mit Kozlowski und nahm mit einem Lächeln
bei uns Platz. Sie ist noch schöner geworden durch die grenzenlose
Begeisterung, die ihren dunkelblauen Augen entstrahlt, während ihr
feiner Mund, oft merkbar zitternd, die Kämpfe ihres Innern verrät.
Um den Mann ihrer Liebe kämpft sie, von dem die Ihren nichts wissen
wollen. Warum denn nicht, um Himmels willen, warum sollten diese beiden
so wahrhaft schönen Menschen nicht zusammenkommen? Es ist ja nicht wie
bei Therese -- Oberleutnant K. hatte sich neben sie gesetzt, und ich
mußte mir sagen: Diese müssen sich fügen, die Kraft fehlt ihnen, um
über das Herkömmliche Herr zu werden. Aber bei jenen andern, bei Amalie
von Berg und Kozlowski, ist Kraft und Leidenschaft genug, um der ganzen
Welt entgegenzutreten.
Grotecki sprach. Er ließ die Frauen Badens leben, deren warme Teilnahme
Balsam sei für die so schmählich besiegten Polen. »~Ce sont nos
funérailles et ce sont vos beaux coeurs qui les embellissent~«, sagte
er, sich gegen die anwesenden Frauen verneigend. Mit brechender
Stimme schilderte er das erbarmungswürdige Geschick seiner Landsleute
-- auch sein eigenes -- der Vater nach Sibirien geschleppt, Mutter
und Schwestern in ihren Schlössern verbrannt oder herausgeschleppt --
mißhandelt, niedergetreten. -- Der Ton seiner Stimme war so ergreifend,
daß selbst die Offiziere in Tränen schwammen, und sie und die Polen
umarmten einander unter dem Rufe: »Polen hoch! Deutschland hoch!«
Wie durch einen Schleier sah ich Amalie von Berg aufstehen und das Lied
anstimmen:
»Noch ist Polen nicht verloren.« --
Leidenschaftlich brauste der Gesang durch den Speisesaal. Die Studenten
aus den Nebenzimmern eilten herbei und sangen mit. Auf der Straße
sammelten sich die Leute, alle erregt, unter Tränen singend, immer von
neuem:
»Noch ist Polen nicht verloren.« --
Ach, erst im Umgang mit diesen Helden kann man ganz ihre Größe
schätzen, ihr Unglück erfassen.
Beim Gehen war plötzlich Grotecki an meiner Seite.
»Merken Sie nicht,« flüsterte er, »oh, Sie merken nichts -- nur für
Sie sprach ich -- nur Ihnen habe ich mein jammervolles Geschick
mitgeteilt. -- Was liegt mir an all den andern.« --
Ich nahm Mutters Arm, ich hatte ein Gefühl, als trügen mich die Füße
nicht mehr. Ich brachte beim Nachtmahl keinen Bissen hinunter und zog
mich gleich auf mein Zimmer zurück.
Mutter kam. Ich dachte: wenn sie mich fragt, was mir sei -- was soll --
was kann ich ihr antworten?
Sie fragte nicht. Sie sagte nur: »Närrle, nimm nicht alles gar so
ernst.« --
* * * * *
1. Juli. Wie lebhaft, wie hochinteressant geht es nun des Nachmittags
zur Kaffeestunde bei uns zu. Ganz wie selbstverständlich, ohne daß
wir sie eingeladen hätten, erschien eines Nachmittags Amalie von Berg
und mit ihr Kozlowski. »Dürfen wir?« sagte sie zur Mutter und weiter
nichts. Und Mutter schloß sie in die Arme. Nun sind sie immer da und
können ungeniert miteinander reden in dem lauten Kreis -- laut durch
die Gegenwart der Hofrätin mit ihrem Schreiberle, wie sie den jungen
Polen nennt, der nun statt meiner unter den Tisch zu schlüpfen und den
Knäuel zu suchen hat.
Meine Aufgabe ist -- ach, sie ist entsetzlich schwer -- Zarembecki
nicht merken lassen, wie sehr, sehr es mich zu Grotecki zieht. Gleich
als er das erstemal in unser Haus kam, sozusagen auf den ersten Blick,
entdeckte er meine kleinen Zeichnungen von Mutter und Caton über der
Kommode. Er fragte, von wem sie seien.
»Von mir«, sagte ich.
»Sehen Sie denn nicht,« rief er aus, »mit allem Talent, dem größten
Fleiß -- nichts vermögen Sie zu erreichen ohne die Kenntnis des
menschlichen Körpers.« -- Er deutete mit der Hand bald hierhin, bald
dorthin: »So sitzt kein Arm, -- diese Schulter steht falsch, -- sonst
vieles sehr, sehr gut. -- Ich habe eine Schwester --«
Er brach plötzlich ab: »Mein Gott, was wird ihr Schicksal sein?« --
Tränen liefen über seine Wangen. Er ging. Unter der Türe traf mich sein
Blick. Welch ein Blick!
Es gab mir einen Ruck -- ich konnte nicht anders -- ich wollte ihm
nacheilen.
Da legte Zarembecki plötzlich die Hand auf meinen Arm: »Kochana Siostra
haben mich vergessen, habe noch nicht gehabt Kaffee.« --
Ich führte ihn zum Tisch und bediente ihn. Ich konnte gar nicht genug
tun, so dankbar war ich Zarembecki, daß er mich von einem unbesonnenen
Schritt zurückgehalten. Ich nahm mir vor, auf meiner Hut zu sein, --
mit aller Gewalt, aller Kraft.
Ich betete, betete mit aller Inbrunst, als ich im Bett lag. Einmal
schluchzte ich so laut, daß Therese erwachte.
»Hast du geweint?« fragte sie.
»Geträumt«, gab ich zur Antwort.
»Ich auch,« sagte sie, »mir träumte von der weißen Pelerine des
Fräuleins von Berg. Etwas abgetragene Kleider kann man mit solch
hübschen weißen Pelerinen wieder ganz auffrischen. Hast du gesehen,
sie trug am Halse statt einer Krause ein weißseidenes Krawättchen, mit
einer Agraffe befestigt. Ich werde Fräulein von Berg um das Muster
ihrer Pelerinen bitten. -- Du, Nannele, ich schäme mich ein wenig
über die laute Art der Hofrätin. Hast du nicht bemerkt, wie Grotecki
lächelte? Ich glaube, daß er mokant ist und es sehr spießig bei uns
findet.«
Ich wunderte mich über meine eigene Stimme. als ich antwortete: »Ich
glaube es auch.«
Aber warum, warum, wenn ich so von ihm denke, kommen meine Gedanken
nicht los von ihm? Es gab eine Zeit, da verstand ich die Prinzessin
von Ahlden nicht, die Mann und Kinder, Ruh und Ehre hingab für ihre
Liebe. In dieser Nacht wurde es mir klar, daß so etwas möglich ist.
Ich erkannte das entsetzliche Unglück einer Leidenschaft, und ich
sagte mir: Es gibt nur eines: Kampf oder Untergehen. Ich hätte nicht
gedacht, daß so etwas mich ankommen könne, -- mich. -- Ich hielt
mich für gefeit, -- warum eigentlich? War das nicht Hochmut, und muß
ich darum klaftertief in meiner eigenen Achtung sinken? Schande der
Geschichte meines Herzens, wenn ich es nicht über mich bringe, jeder
ferneren Begegnung mit Grotecki aus dem Wege zu gehen. Was will er von
mir? Eine neue Eroberung, weiter nichts. Hermann sagte mir, Grotecki
stehe im Rufe eines Don Juan ...
Ich konnte nicht umhin, Caton eine lebhafte Beschreibung zu machen von
unserer herrlichen Polenzeit und der tiefen Teilnahme, die Freiburg
an Polens schwerem Schicksal nimmt. Ich legte einige Blätter der
»Freisinnigen« bei, in der Rotteck, Welcker und Grotecki fulminante
Artikel in die Welt sandten über Polens Unglück, seinen Edelmut und
seine Freiheitsliebe.
Zu meinem Erstaunen schrieb mir Petersen statt Catons, es sei
offenbar sehr notwendig, meine hohen Ideen von den Polen etwas
herunterzustimmen, deren Edelmut in Norddeutschland weniger Eindruck
mache, da man hier wisse, daß die Polen in Paris mit einem Haufen
Franzosen gegen Philipp rebelliert hätten. Das weibliche Politisieren
habe übrigens keinen Sinn, da die notwendige geschichtliche Grundlage
fehle und nur subjektive Empfindungen aus dem Politisieren der Frauen
redeten.
Ich anerkannte und dankte Petersen für seine gute Absicht, mich bessern
zu wollen, entschuldigte mich aber nicht, sondern erklärte, ich könne
teilnehmendes Aussprechen unserer Gefühle, treffe es den einzelnen oder
das Allgemeine, nicht politisieren nennen. Bezüglich der Rebellion
gegen Philipp führte ich an, daß das, was zwei oder auch zwanzig Polen
verschuldet, nicht dem ganzen Polenvolke könne angerechnet werden.
Alsdann packte mich, wie so oft, der Humor zur Unzeit, indem ich
von diesem ernsten Thema einen Sprung in den plattesten, weiblich
romantischen Stil machte, so auf Petersens Mahnung eingehend, daß wir
Frauenzimmer das Barometer der Politik doch lieber unberührt lassen und
uns nicht männliche Interessen anzueignen hätten.
Ich schrieb also ungefähr: »Im übrigen freue ich mich über das
schöne Wetter, weil man spazierengehen kann und die Natur bewundern,
die grünen Bäume, das bunte Obst und die flatternden Vögelein und
murmelnden Quellen. Aber auch das Regenwetter hat sein Gutes, weil
Äuglein und Füßlein dann ruhig bleiben müssen, damit die Nadel flinker
geht, um Kleider, Wäsche und Strümpfe in gehöriger Ordnung zu halten.
Sonst weiß ich jetzt nichts mehr, als daß der süperbe Sommer leider
auch einmal zur Neige geht, worüber ich sehr traurig bin, denn wie sehr
die Partien oft auch fatiguiren, so sind sie doch noch amüsierender als
die langen Winterabende beim Unschlittlicht usw. usw.«
Mein sonst so großdenkender, edler Schwager faßte meinen Spott nicht
humoristisch auf, so wie es gemeint war. Er glaubte, ich mache
mich über ihn lustig, während ich ihm nur zeigen wollte, wie ein
Frauenzimmer ohne höhere Interessen sich ausdrücken möchte.
Ach, wäre man nur nachsichtiger, so brauchte man gar nicht so
vorsichtig zu sein!
Petersen, mich so falsch beurteilend, wählte ein zu starkes Mittel zu
meiner Besserung -- nicht an mich selbst, sondern gleichsam anklagend,
wandte er sich an die Eltern, sie möchten die übermütige Amazone an die
ihr zuerst zukommende Tugend der Bescheidenheit verweisen.
Ich weinte bitterlich, als Vater diesen Passus vorlas. Aber, o Glück,
ich hatte beide Eltern auf meiner Seite, und Mutter erklärte, sie
selber wolle die Sache mit Petersen in Ordnung bringen, denn wenn sie
mit meiner Bescheidenheit zufrieden sei, so sei sie der Meinung, daß
auch er es könne.
Immerhin, es hat mir wehe getan, von einem so schätzenswerten Mann
wie Petersen verkannt und gekränkt zu werden. Ich konnte nicht umhin,
Welcker, den ich bei Mohrs traf, mein Erstaunen mitzuteilen, wie wenig
man in Norddeutschland unsere Anteilnahme an Polens Unglück verstehe.
»Das glaube ich,« sagte Welcker und lächelte sarkastisch.
»Aber«, rief ich aus, »müßten wir Deutsche denn nicht +ein+ Herz und
+eine+ Seele sein?« Er nickte: »Was wollen wir denn andres.«
* * * * *
Den 3. Juli hatte trotz allem Abraten und Untersagen von oben ein
kleines Freiheitsfest in St. Ottilien stattgefunden. Rotteck, Welcker
und auch mein Vater waren nicht dabei. Er meinte, wir sollten auch
zu Hause bleiben, aber Mutter hatte Amalie von Berg und noch anderen
jungen Mädchen versprochen, sie zu chaperonieren. Ebenso hatte es sich
Frau Welcker nicht nehmen lassen, dem Ausflug beizuwohnen. Sie ging
voraus zwischen einem Schwarm von Polenjünglingen, die, wo sie auch
immer erschien, nicht müde wurden, der gütigen Frau ihr Leid zu klagen.
Ich hatte mir fest vorgenommen, Grotecki mit so viel Würde zu begegnen,
daß er weder einen Handkuß noch eine Schmeichelei wagen würde. Aber
als wir die Herren oben im Walde trafen, küßte er mir die Hand gleich
zweimal, und aus meiner Würde wurde eine totale Verlegenheit. Ich nahm
Lenchens Arm, an meiner anderen Seite schritt Zarembecki; so fühlte
ich mich geborgen -- wußte aber, ach, nur zu genau, daß Grotecki dicht
hinter mir dreinging, nachdem er mir einen zornig-wütenden Blick
zugeworfen hatte. -- Auf dem ganzen Weg zur Wallfahrtskapelle wurden
Freiheitslieder gesungen. Eine unbeschreibliche Erregung erfüllte aller
Herzen. Ich mußte weinen, und Lenchen weinte mit mir. Aber dann mußten
wir auch wieder lachen. Schreiber schleppte die Hofrätin neben uns her.
-- »O du mei' liebes Herrgöttle,« stöhnte sie, »isch des e' Schnauferei
-- aber 's macht nix -- dafür keuch' ich gern der Berg 'nauf, daß mer
so honett behandelt wird -- in Freiburg kräht kei' Hahn nach de alte
Weiber, aber sechs Pole springe, wenn ich mei' Knäuel falle laß' --
Pole hoch! Die Freiburger sind Stoffel. --«
Die Kapelle der hl. Ottilie blieb unbesucht diesmal. Reden wurden
gehalten, gesungen und wieder gesungen. Ich sah Amalie von Berg in
einem himmelblauen Schaltuch da und dort unter den Männern auftauchen,
einer Freiheitsgöttin gleich, leuchtend vor Begeisterung und Schönheit.
Der Redakteur der Freisinnigen Zeitung sprach von dem herrlichen Fest
in Hambach, auf der uralten Kestenburg mit der prachtvollen Aussicht
auf die Rheinebene -- von Worms bis Straßburg -- zwanzigtausend
Menschen, auch Polen und Franzosen, lauschten hier den feurigen Reden
Wirths, eines wahrhaft deutsch gesinnten Mannes, der in der deutschen
Einheit das höchste Ziel seines Lebens erkannte.
Grotecki sprang auf die Rednerbühne. Mit aller Kraft, mit aller
Leidenschaft eiferte er gegen Fürsten und Fürstendiener. Er sprach wie
ein Gott. Mit der schwarzrotgoldenen Fahne sollte sich die polnische
vereinen, um den russischen Barbaren gemeinsam zu vernichten, Rußland
zu Fall zu bringen, seine schrankenlose Willkür, seinen unersättlichen
Ehrgeiz zu brechen.
Er sprach und sprach. -- Zu meinem Erstaunen blieb ich ungerührter als
alle um mich her, die weinten und sich umarmten und sich wie Trunkene
gebärdeten. Waren es jene mich so tief verletzenden Worte, die Monz
sprach, und die mir plötzlich in den Sinn kamen -- sein Auflachen, als
er sagte: »Gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die sich durch ihre
Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich machen?«
Ich sah Lenchen an, die mir am Arm hing.
»Du weinst auch nicht?« fragte ich.
»Ich wein' doch nicht, wenn du nicht weinst«, gab sie zur Antwort.
Ich mußte lachen -- herzlich lachen.
Um uns her küßte sich alles. »Polen hoch! Deutschland hoch!« Der
Tumult wurde mir fast zu arg -- da, ein Schatten -- ich schaute auf --
Grotecki stand vor mir.
»Rache ist süß«, sagte er, und eh' ich mich's versah, preßte er mich an
sich -- und küßte mich.
Es war so, als drehte sich die Erde mit mir. Ich taumelte, ich hatte
keinen Willen mehr. Ich kann es nicht beschreiben, Stimmen tönten an
mein Ohr -- ein polnisches Wort, heftig, schneidend -- Zarembecki
war's. Er nahm meinen Arm, Grotecki trat uns in den Weg, Worte flogen
zwischen den beiden hin und her -- ein Drohen -- Aufflammen.
Ich raffte mich auf, ließ Zarembeckis Arm los und eilte zur Mutter.
Welch ein Heimweg zwischen Mutter und Lenchen -- beide führend, mit
zitternden Knien, nach Atem ringend, dem Weinen nahe und doch wieder
voll Angst, mich zu verraten.
Und Lenchen, die erzählte:
»Denk' au, Nannele, der Schreiber, der Schlingel, kommt daher und gibt
mir einen Kuß --, 's küßt sich ja alles, sagt er und will noch einmal
anfange, da hat er aber e' Watsch 'kriegt, daß er au g'schrie hat.«
Sie lachte und schwätzte weiter. Und mir fiel's wie ein Vorwurf auf
die Seele: Warum hast du's nicht auch so gemacht, warum hast du still
gehalten?
Ach, so meiner selbst sicher war ich abgezogen, innerlich meiner Würde
gewiß. Und was geschah? Fand ich Worte der Empörung, zwangen meine
Blicke den Unverschämten einzuhalten?
Welch ein Heimweg.
Sie gingen vor uns her wie ein wandelnder Wald -- fünfhundert Menschen.
Alle trugen große Eichenäste, die sie im Triumphe schwangen. Auf den
Schultern trugen sie Grotecki.
So ging's durch die Stadt. Welcker kam uns im Wagen entgegen. Seine
Frau nahm neben ihm Platz. Die Studenten machten Spalier. Einige
sprangen hinten auf den Wagen, in den auch Grotecki gestiegen war. Die
jungen Männer hielten kreuzweis ihre Zweige über die Freiheitsmänner,
von denen jeder eine Rede hielt.
Und wieder wehte das blaue Schleiertuch von Amalie von Berg inmitten
der erregten Männerschar, und ihre Augen leuchteten, ihre Lippen
sprachen -- eine Priesterin der Begeisterung -- so erschien sie mir.
Therese schlief längst, ich saß noch immer am Fenster und sah auf die
stille Linde hinunter, über die der Vollmond sein bleiches Licht goß.
Ich konnte nicht denken und hielt nur den Kopf. Erst als die Tränen
kamen und ich weinen konnte, wurde mir ein wenig leichter.
Ich traute meinen Ohren nicht, als ich an der Türe ein Klopfen zu hören
vermeinte. Es klopfte ein zweites Mal; als ich öffnete, kam Hermann
herein, zitternd, mit zerwühlten Haaren. Er könne nicht schlafen, er
habe versprochen, nichts zu sagen, aber er halte das Schweigen nicht
aus -- Zarembecki duelliere sich in der Frühe mit Grotecki. Sie seien
im Tivoli hart aneinandergeraten dadurch, daß Zarembecki Grotecki
vorwarf, er schade Polens Sache durch die Unwürdigkeit seines Betragens.
Hermann fügte hinzu: »Denke dir, er hat zwei jungen Mädchen den Kopf
verdreht.«