Die Nacht war kalt und schaurig --
Du arme kleine Marie!
Sie wandert' allein und traurig,
Und haucht' in die Händchen und schrie.
Und sinket ermattet nieder,
Vom Froste starret das Blut.
»O könnt' ich die bebenden Glieder
Beleben in wärmender Gluth!
Wie blinket das schöne Gebäude,
Erleuchtet vom Kerzenschein!
Da kehrte mit köstlicher Freude
Der heilige Christ wohl ein.
Er kam aus dem Feenlande,
Mit goldener Kron' im Haar,
Im prächtigen Purpurgewande,
So herrlich und wunderbar.
Und bracht' ein flimmerndes Bäumchen,
Und Aepfel und Nüsse daran.
Ach! wer doch beim flimmernden Bäumchen
Heut' Abend sich freuen kann!
Nichts bracht' er mir, nichts mir Armen!
Wie stürmet der brausende Wind!
Ach, wer, wer hat doch Erbarmen
Mit dem armen Bettlerkind?«
Und wie sie die müden Glieder
Nun ruhet auf kaltem Stein,
Und senket die Augenlieder,
Und schlummert ermattet ein:
Da kam er zu ihr im Traume,
Mit goldener Kron' im Haar,
Im Kleide mit purpurnem Saume,
So herrlich und wunderbar.
Und schüttete köstliche Gaben,
Und goldene Früchte aus:
»Das Alles, Marie, sollst Du haben,
Willst Du mit mir geh'n in mein Haus.
Ich geb' auch ein Bäumchen mit vielen
Hell flimmernden Lichtern Dir,
Und die Engel soll'n mit Dir spielen,
Komm, liebliches Kind, mit mir.«
Da that das Kind Millionen
Hell leuchtender Lichtchen seh'n,
Und es denkt, dort muß er wohnen!
Und es will mit dem Christe geh'n.
Und als nun die goldene Frühe
Verscheuchet die schaurige Nacht,
Da ist die kleine Marie
Nicht wieder aufgewacht.
Des Schweizers Heimweh.
Ewig Bangen, ewig Sehnen
Nach dem theuren Vaterland,
Nie das Auge ohne Thränen
Nach der Ferne hingewandt,
O wer kühlt mein Gluthverlangen,
Wer mein Sehnen, wer mein Bangen,
Ach, mit jedem Morgen neu!
Bei des Tages erstem Schimmer,
Bei der Sonne erstem Blick,
Freud' und Leben kehrt doch nimmer
In des Schweizers Brust zurück;
Heerden blöcken, Glöcklein klingen,
Vöglein, die im Walde singen,
Ach, sie können fröhlich sein!
Wo die Alpenröschen blühen,
Wo am Morgen, herrlich groß,
Schreckhorn und die Jungfrau glühen,
Ach! der Heimath stillen Schooß,
Könnt' ich euch, geliebte Höhen,
Nur noch einmal wiedersehen,
Eh' das arme Herz mir bricht!
Wo der Aar in reinen Lüften
Kühner seine Schwingen hebt,
Ueber bodenlosen Klüften
Ungewohnt der Wandrer bebt,
Wo von friedlich stillen Matten,
Bei des Abends kühlen Schatten,
Läutend Heerden heimwärts zieh'n.
Wenn am Abend es sich röthet,
Und im still geword'nen Hain
Nur die Nachtigall noch flötet,
O wie bin ich dann allein!
Hör' ich ihre sanften Lieder,
Kehret meine Sehnsucht wieder
Und das Herz will mir vergeh'n.
Ja, nach Dir ruft mich mein Sehnen,
Vaterland! Du bist gemeint,
Land, wo die Schalmeien tönen,
Wo mein Liesli um mich weint,
Du mein Thal, geliebte Höhen,
Könnt' ich euch noch einmal sehen,
Eh' das arme Herz mir bricht!
Der Morgen im Garten.
Wie herrlich! Ach, so sah ich nimmer
Die Blumen blüh'n,
So sah ich nie im Rosenschimmer
Den Garten glüh'n!
Wie jubelt's in den blauen Lüften!
Der Freude Hauch,
Er weht in tausend Balsamdüften
Vom Blüthenstrauch.
Wohl saß ich oft in jener Hütte;
Wenngleich allein,
Konnt' ich in meiner Blumen Mitte
So glücklich sein.
Und was des Abends stille Feier
Zum Herzen sprach,
Wehmüthig tönte meine Leier
Das Echo nach.
Jetzt weint die Seele vor Entzücken,
Zum Himmel steigt
Sie mit der Rührung feuchten Blicken,
Die Lyra schweigt.
O gold'ner Morgen, Blick der Liebe
Im Lenzgewand,
Vom Auge ew'ger Huld und Güte
Herabgesandt!
Wie will der Sterbliche Dich singen,
Der betend kniet?
Wenn Weltenharmonie'n erklingen,
Dann schweigt mein Lied!
Am Abend.
Senke Deine gold'nen Flügel,
Holder Abend Du,
Send' auf Fluren und auf Hügel
Stille süße Ruh'!
Milden Trost auf herbe Thränen,
Guter Genius;
Schlägt mein Herz in bangem Sehnen,
Deinen Friedenskuß!
Alles ruht in Wonneträumen,
Jedes Auge blickt
Dankbar zu des Himmels Räumen,
Der den Frieden schickt.
Hüll' auch mich in Deinen Schleier,
Seel'ger Abend ein,
Laß auch mich von Deiner Feier
Still gegrüßet sein!
Dann bring' ich Dir meine Gabe,
Tief von Dank durchglüht,
Bringe freudig, was ich habe,
Dir ein sanftes Lied.