Lottchen. Julchen.
Lottchen. Er geht? Er untersteht sich, ihn zu rufen? Nun fängt mein
Herz an zu zittern. (Sie sieht Julchen. Kläglich.) Meine Schwester,
bist du auch da? Hast du mich noch lieb? (Lottchen umarmt sie.)
Willst du mir die traurigste Nachricht bringen? O nein! Warum
schweigst du? Warum kömmt er nicht selbst?
Julchen. Ich bitte dich, höre auf, einen Menschen zu lieben, der...
Lottchen. Er soll schuldig sein; aber muß er gleich meiner Liebe
unwürdig sein? Nein, meine liebe Schwester. Ach nein, er ist gewiß
zu entschuldigen. Willst du ihn nicht verteidigen? Vergißt du schon,
was er heute zu deiner Ruhe beigetragen hat? Warum sollte er mir
untreu sein, da ich Vermögen habe? Warum ward er's nicht, da ich noch
keines hatte?
Julchen. Er ward es zu der Zeit, da er in den Gedanken stund, daß ich
die Erbin des Testaments wäre. Ach, liebe Schwester, wie glücklich
wollte ich sein, wenn ich dich nicht hintergangen sähe!
Lottchen. So ist es gewiß? (Hart.) Nein! sage ich.
Julchen. Ich habe lange mit mir gestritten. Ich habe ihn in meinem
Herzen, vor meinem Bräutigam, vor seinem Vormunde und vor unserm Vater
entschuldiget. Ich würde sie aus Liebe zu dir noch alle für betrogne
Zeugen halten. Aber es ist nicht mehr möglich. Er selbst hat sich
hier an dieser Stelle angeklagt, als du ihn nach dem empfangenen
Briefe verlassen hattest. Er war allein. Die Unruhe und sein
Verbrechen redten aus ihm. Er hörte mich nicht kommen. O hätt' er
doch ewig geschwiegen!... Ach, meine Schwester!
Lottchen. Meine Schwester, was sagst du mir? Er hat sich selbst
angeklagt? Er ist untreu? Aber wie könnte ich ihn noch lieben, wenn
er's wäre? Nein, ich liebe ihn, und er liebt mich gewiß. Ich habe
ihm ja die größten Beweise der aufrichtigsten Neigung gegeben...
(Zornig.) Aber was quält ihr mich mit dem entsetzlichsten Verdachte?
Was hat er denn getan? Nichts hat er getan.
Julchen. Er hat mich auf eine betrügerische Art der Liebe zu meinem
Bräutigam entreißen und sich an seine Stelle setzen wollen. Er hat
meinen Vater überreden wollen, als ob ich ihn selbst liebte und als
wenn du hingegen den Herrn Damis liebtest. Er hat ihm geraten, die
Verlobung noch acht Tage aufzuschieben. Er hat sogar um mich bei ihm
angehalten.
Lottchen. Wie? Hat er nicht noch vor wenig Augenblicken mich um mein
Herz gebeten? Ihr haßt ihn und mich.
Julchen. Ja, da er gesehen, daß das Testament zu deinem Vorteile
eingerichtet ist.
Lottchen. Also richtet sich sein Herz nach dem Testamente und nicht
nach meiner Liebe? Ich Betrogene! Doch es ist unbillig, ihn zu
verdammen. Ich muß ihn selbst hören. Auch die edelsten Herzen sind
nicht von Fehlern frei, die sie doch bald bereuen. (Kläglich.)
Liebste Schwester, verdient er keine Vergebung? Mach ihn doch
unschuldig. Ich will ihn nicht besitzen. Ich will ihn zu meiner Qual
meiden. Ich will ihm die ganze Erbschaft überlassen, wenn ich nur die
Zufriedenheit habe, daß er ein redliches Herz hat. O Liebe! ist das
der Lohn für die Treue?