Siebenzehnter Auftritt

Lottchen. Julchen.

Lottchen. Er geht? Er untersteht sich, ihn zu rufen? Nun fängt mein

Herz an zu zittern. (Sie sieht Julchen. Kläglich.) Meine Schwester,

bist du auch da? Hast du mich noch lieb? (Lottchen umarmt sie.)

Willst du mir die traurigste Nachricht bringen? O nein! Warum

schweigst du? Warum kömmt er nicht selbst?

Julchen. Ich bitte dich, höre auf, einen Menschen zu lieben, der...

Lottchen. Er soll schuldig sein; aber muß er gleich meiner Liebe

unwürdig sein? Nein, meine liebe Schwester. Ach nein, er ist gewiß

zu entschuldigen. Willst du ihn nicht verteidigen? Vergißt du schon,

was er heute zu deiner Ruhe beigetragen hat? Warum sollte er mir

untreu sein, da ich Vermögen habe? Warum ward er's nicht, da ich noch

keines hatte?

Julchen. Er ward es zu der Zeit, da er in den Gedanken stund, daß ich

die Erbin des Testaments wäre. Ach, liebe Schwester, wie glücklich

wollte ich sein, wenn ich dich nicht hintergangen sähe!

Lottchen. So ist es gewiß? (Hart.) Nein! sage ich.

Julchen. Ich habe lange mit mir gestritten. Ich habe ihn in meinem

Herzen, vor meinem Bräutigam, vor seinem Vormunde und vor unserm Vater

entschuldiget. Ich würde sie aus Liebe zu dir noch alle für betrogne

Zeugen halten. Aber es ist nicht mehr möglich. Er selbst hat sich

hier an dieser Stelle angeklagt, als du ihn nach dem empfangenen

Briefe verlassen hattest. Er war allein. Die Unruhe und sein

Verbrechen redten aus ihm. Er hörte mich nicht kommen. O hätt' er

doch ewig geschwiegen!... Ach, meine Schwester!

Lottchen. Meine Schwester, was sagst du mir? Er hat sich selbst

angeklagt? Er ist untreu? Aber wie könnte ich ihn noch lieben, wenn

er's wäre? Nein, ich liebe ihn, und er liebt mich gewiß. Ich habe

ihm ja die größten Beweise der aufrichtigsten Neigung gegeben...

(Zornig.) Aber was quält ihr mich mit dem entsetzlichsten Verdachte?

Was hat er denn getan? Nichts hat er getan.

Julchen. Er hat mich auf eine betrügerische Art der Liebe zu meinem

Bräutigam entreißen und sich an seine Stelle setzen wollen. Er hat

meinen Vater überreden wollen, als ob ich ihn selbst liebte und als

wenn du hingegen den Herrn Damis liebtest. Er hat ihm geraten, die

Verlobung noch acht Tage aufzuschieben. Er hat sogar um mich bei ihm

angehalten.

Lottchen. Wie? Hat er nicht noch vor wenig Augenblicken mich um mein

Herz gebeten? Ihr haßt ihn und mich.

Julchen. Ja, da er gesehen, daß das Testament zu deinem Vorteile

eingerichtet ist.

Lottchen. Also richtet sich sein Herz nach dem Testamente und nicht

nach meiner Liebe? Ich Betrogene! Doch es ist unbillig, ihn zu

verdammen. Ich muß ihn selbst hören. Auch die edelsten Herzen sind

nicht von Fehlern frei, die sie doch bald bereuen. (Kläglich.)

Liebste Schwester, verdient er keine Vergebung? Mach ihn doch

unschuldig. Ich will ihn nicht besitzen. Ich will ihn zu meiner Qual

meiden. Ich will ihm die ganze Erbschaft überlassen, wenn ich nur die

Zufriedenheit habe, daß er ein redliches Herz hat. O Liebe! ist das

der Lohn für die Treue?

Die zärtlichen Schwestern · 第 58 / 61 题