Sechzehnter Auftritt

Lottchen. Damis.

Lottchen. Kommen Sie mir zu Hülfe. Und wenn sie mein Unglück auch

alle wollen: so sind doch Sie zu großmütig dazu. Was geht mit meinem

Bräutigam vor? Sagen Sie mir's aufrichtig.

Damis. Er ist Ihnen untreu.

Lottchen. Auch Sie sind mein Feind geworden? Hat Sie mein Liebhaber

beleidiget: so handeln Sie doch wenigstens so großmütig und sagen mir

nichts von der Rache, die Sie an ihm nehmen wollen.

Damis. Mein Herz ist viel zu groß zur Rache.

Lottchen. Aber klein genug zur Undankbarkeit? Hat Ihnen mein

Geliebter nicht heute den redlichsten Dienst erwiesen?

Damis. Wollte der Himmel, er hätte mir ihn nicht erwiesen: so würden

Sie glücklicher, und er würde nur ein verborgner Verräter sein.

Lottchen. Betrüger! Verräter! Sind das die Namen meines Freundes,

den ich zwei Jahr kenne und liebe?

Damis. Wenn ich die Aufrichtigkeit weniger liebte: so würde ich mit

mehr Mäßigung vor Ihnen reden. Aber mein Eifer gibt mir für Ihren

Liebhaber keinen andern Namen ein. Sie, meine Schwester, sind Ihres

Herzens wegen würdig, angebetet zu werden, und eben deswegen ist der

Mensch, der bei Ihrer Zärtlichkeit und bei den sichtbarsten Beweisen

der aufrichtigsten Liebe sich noch die Untreue kann einfallen lassen,

eine abscheuliche Seele.

Lottchen. Eine abscheuliche Seele? Wohlan; nun fordere ich Beweise.

(Heftiger.) Doch weder Ihr Vormund noch Sie, noch meine Schwester,

noch mein Vater selbst werden ihm meine Liebe entziehn können. Und

ich nehme keinen Beweis an als sein eigen Geständnis. Ich bin so sehr

von seiner Tugend überzeugt, daß ich weiß, daß er auch den Gedanken

der Untreue nicht in sich würde haben aufsteigen lassen, ohne mir ihn

selbst zu entdecken. Und ich würde ihn wegen seiner gewissenhaften

Zärtlichkeit nur desto mehr lieben, wenn ich ihn anders mehr lieben

könnte.

Damis. Ich sage es Ihnen, wenn Sie mir nicht trauen: so gebe ich

Ihnen das Herz meiner Braut wieder zurück. Ihnen bin ich's schuldig;

aber ich mag nicht die größte Wohltat von Ihnen genießen und zugleich

Ihr Unglück sehn.

Lottchen. Sie müssen mich für sehr wankelmütig halten, wenn Sie

glauben, daß ich durch bloße Beschuldigungen mich in der Liebe irren

lasse. Haben Sie oder ich mehr Gelegenheit gehabt, das Herz meines

Bräutigams zu kennen? Wenn Sie recht haben, warum werfen Sie ihm

seine Untreue abwesend vor? Rufen Sie ihn hieher. Alsdann sagen Sie

mir seine Verbrechen. Er ist edler gesinnet als wir alle. Und ich

will ihn nun lieben.

Damis. Sie haben recht. Ich will ihn selbst suchen.

Die zärtlichen Schwestern · 第 57 / 61 题