Die Vorigen. Simon.
Simon. Ich stehe die größte Qual aus. Unsere Absicht mit dem Briefe
schlägt leider fehl. Sie liebt ihn nur desto mehr, je mehr sie ihn
für unschuldig hält. Sie dringt in ihren Vater, daß er die Verlobung
beschleunigen soll. Dieser gute Alte liebt seine Tochter und vergißt
vielleicht in der großen Liebe die Vorsichtigkeit und meine
Erinnerungen. Wenn es niemand wagen will, sich dem Sturme
preiszugeben: so will ich's tun.
Damis. Ich tue es auch.
Julchen. Wenn nur meine Schwester käme. Ich wollte... Aber sie
liebt ihn unaussprechlich. Was wird ihr Herz empfinden, wenn es sich
auf einmal von ihm trennen soll?
Simon. Es wird viel empfinden. Sie liebt ihn so sehr, als man nur
lieben kann. Aber sie liebt ihn deswegen so sehr, weil sie ihn der
Liebe wert hält. Sobald sie ihren Irrtum sehen wird: so wird sich die
Vernunft, das Gefühl der Tugend und das Abscheuliche der Untreue wider
ihre Liebe empören und sie verdringen. Der Haß wird sich an die
Stelle der Liebe setzen. Wir müssen alle drei noch einmal mit ihr und
dem Herrn Vater sprechen, ehe er sie um das Ja betrügt.
Julchen. Du redliche Schwester! Könnte ich doch dein Unglück durch
Wehmut mit dir teilen! Wie traurig wird das Ende dieses Tages für
mich!
Simon. Betrüben Sie sich nicht über den Verlust eines solchen Mannes.
Lottchen ist glücklich, wenn sie ihn verliert, und unglücklich, wenn
sie ihn behält. Herr Damis, haben Sie die Güte und sehen Sie, wie Sie
Lottchen einen Augenblick von ihrem Liebhaber entfernen und
hieherbringen können.
Damis. Ja, das ist das letzte Mittel.
Simon (zu Damis). Noch ein Wort. Haben Sie die Abschrift des
Testaments schon gelesen, die ich itzt mitgebracht habe?
Damis. Nein, Herr Vormund.
Simon. Sie auch nicht, Mamsell Julchen?
Julchen. Nein.
Simon. Also wissen Sie beide noch nicht, daß die erste Nachricht
falsch gewesen ist. Mamsell Julchen, erschrecken Sie nicht. Sie sind
nicht die Erbin des Ritterguts.
Julchen. Wie? Ich bin's nicht? Warum haben Sie mir denn eine
falsche Freude gemacht? Das ist betrübt. Geht denn heute alles
unglücklich? Ach, Herr Damis, Sie sagen nichts? Bin ich nicht mehr
Ihre Braut? Geht denn das Unglück gleich mit der Liebe an? Ich
wollte meinen Vater und meine liebe Schwester mit in mein Gut nehmen.
Ich ließ schon die besten Zimmer für sie zurechtemachen. Ach, mein
Herr, was für Freude empfand ich nicht, wenn ich mir vorstellte, daß
ich Sie an meiner Hand durch das ganze Gut, durch alle Felder und
Wiesen führte... ! Also habe ich nichts?
Damis. Sie haben so viel, als ich habe. Vergessen Sie die traurige
Erbschaft. Es wird uns an nichts gebrechen. Mir ist es recht lieb,
daß Sie das Rittergut nicht bekommen haben. Vielleicht hätte die Welt
geglaubt, daß ich bei meiner Liebe mehr auf dieses als auf Ihren
eigenen Wert gesehen hätte. Und dies soll sie nicht glauben. Sie
soll meine Braut aus ebender Ursache hochschätzen, aus der ich sie
verehre und wähle. Führen Sie mich an Ihrer Hand in meinem eigenen
Hause herum: so werden Sie mir ebendas Vergnügen machen. Genug, daß
Sie ein Rittergut verdienen. O wenn ich nur Lottchen aus ihrem Elende
gerissen hätte. Ich werde eher nicht ruhig.
Simon. Jungfer Lottchen ist die Erbin des Ritterguts.
Julchen. Meine Schwester ist es? Meine Schwester? Bald hätte ich
sie beneidet; aber verwünscht sei diese Regung! Nein! Ich gönne ihr
alles. (Zu Damis.) Was könnte ich mir noch wünschen, wenn Sie mit
mir zufrieden sind. Sie soll es haben. Ich gönne ihr alles.
Damis. Auch mich, meine Braut?
Julchen. Ob ich Sie meiner Schwester gönne? Nein, so redlich bin ich
doch nicht. Es ist keine Tugend; aber... Fragen Sie mich nicht mehr.
Damis. Nein. Ich will Mamsell Lottchen suchen. Die Zärtlichkeit
soll der Freundschaft einige Augenblicke nachstehen.