Zehnter Auftritt

Die Vorigen. Simon.

Simon. Ich stehe die größte Qual aus. Unsere Absicht mit dem Briefe

schlägt leider fehl. Sie liebt ihn nur desto mehr, je mehr sie ihn

für unschuldig hält. Sie dringt in ihren Vater, daß er die Verlobung

beschleunigen soll. Dieser gute Alte liebt seine Tochter und vergißt

vielleicht in der großen Liebe die Vorsichtigkeit und meine

Erinnerungen. Wenn es niemand wagen will, sich dem Sturme

preiszugeben: so will ich's tun.

Damis. Ich tue es auch.

Julchen. Wenn nur meine Schwester käme. Ich wollte... Aber sie

liebt ihn unaussprechlich. Was wird ihr Herz empfinden, wenn es sich

auf einmal von ihm trennen soll?

Simon. Es wird viel empfinden. Sie liebt ihn so sehr, als man nur

lieben kann. Aber sie liebt ihn deswegen so sehr, weil sie ihn der

Liebe wert hält. Sobald sie ihren Irrtum sehen wird: so wird sich die

Vernunft, das Gefühl der Tugend und das Abscheuliche der Untreue wider

ihre Liebe empören und sie verdringen. Der Haß wird sich an die

Stelle der Liebe setzen. Wir müssen alle drei noch einmal mit ihr und

dem Herrn Vater sprechen, ehe er sie um das Ja betrügt.

Julchen. Du redliche Schwester! Könnte ich doch dein Unglück durch

Wehmut mit dir teilen! Wie traurig wird das Ende dieses Tages für

mich!

Simon. Betrüben Sie sich nicht über den Verlust eines solchen Mannes.

Lottchen ist glücklich, wenn sie ihn verliert, und unglücklich, wenn

sie ihn behält. Herr Damis, haben Sie die Güte und sehen Sie, wie Sie

Lottchen einen Augenblick von ihrem Liebhaber entfernen und

hieherbringen können.

Damis. Ja, das ist das letzte Mittel.

Simon (zu Damis). Noch ein Wort. Haben Sie die Abschrift des

Testaments schon gelesen, die ich itzt mitgebracht habe?

Damis. Nein, Herr Vormund.

Simon. Sie auch nicht, Mamsell Julchen?

Julchen. Nein.

Simon. Also wissen Sie beide noch nicht, daß die erste Nachricht

falsch gewesen ist. Mamsell Julchen, erschrecken Sie nicht. Sie sind

nicht die Erbin des Ritterguts.

Julchen. Wie? Ich bin's nicht? Warum haben Sie mir denn eine

falsche Freude gemacht? Das ist betrübt. Geht denn heute alles

unglücklich? Ach, Herr Damis, Sie sagen nichts? Bin ich nicht mehr

Ihre Braut? Geht denn das Unglück gleich mit der Liebe an? Ich

wollte meinen Vater und meine liebe Schwester mit in mein Gut nehmen.

Ich ließ schon die besten Zimmer für sie zurechtemachen. Ach, mein

Herr, was für Freude empfand ich nicht, wenn ich mir vorstellte, daß

ich Sie an meiner Hand durch das ganze Gut, durch alle Felder und

Wiesen führte... ! Also habe ich nichts?

Damis. Sie haben so viel, als ich habe. Vergessen Sie die traurige

Erbschaft. Es wird uns an nichts gebrechen. Mir ist es recht lieb,

daß Sie das Rittergut nicht bekommen haben. Vielleicht hätte die Welt

geglaubt, daß ich bei meiner Liebe mehr auf dieses als auf Ihren

eigenen Wert gesehen hätte. Und dies soll sie nicht glauben. Sie

soll meine Braut aus ebender Ursache hochschätzen, aus der ich sie

verehre und wähle. Führen Sie mich an Ihrer Hand in meinem eigenen

Hause herum: so werden Sie mir ebendas Vergnügen machen. Genug, daß

Sie ein Rittergut verdienen. O wenn ich nur Lottchen aus ihrem Elende

gerissen hätte. Ich werde eher nicht ruhig.

Simon. Jungfer Lottchen ist die Erbin des Ritterguts.

Julchen. Meine Schwester ist es? Meine Schwester? Bald hätte ich

sie beneidet; aber verwünscht sei diese Regung! Nein! Ich gönne ihr

alles. (Zu Damis.) Was könnte ich mir noch wünschen, wenn Sie mit

mir zufrieden sind. Sie soll es haben. Ich gönne ihr alles.

Damis. Auch mich, meine Braut?

Julchen. Ob ich Sie meiner Schwester gönne? Nein, so redlich bin ich

doch nicht. Es ist keine Tugend; aber... Fragen Sie mich nicht mehr.

Damis. Nein. Ich will Mamsell Lottchen suchen. Die Zärtlichkeit

soll der Freundschaft einige Augenblicke nachstehen.

Die zärtlichen Schwestern · 第 52 / 61 题