Neunter Auftritt

Julchen. Damis.

Julchen. »Wo bleibt Lottchen? Hat sie gar meine Untreue erfahren?

Ich will sie sicher machen.« Der Boshafte! Hörten Sie sein

Bekenntnis? Wir wollten sehen, wie er sich nach diesem Briefe

aufführen würde. O hätten wir diese unglückselige Entdeckung doch

niemals gemacht! Du arme Schwester! Du verbindest dich mit einem

Menschen, der ein böses Herz bei der Miene der Aufrichtigkeit hat.

Damis. Ja, es ist ein nichtswürdiger Freund, wie ich Ihnen gesagt

habe. Er hat den größten Betrug begangen. Ich bitte ihn heute

Vormittage, wie man einen Bruder bitten kann, daß er mir Ihre Liebe

sollte gewinnen helfen. Und statt dessen bittet er Ihren Herrn Vater,

unsere Verlobung noch acht Tage aufzuschieben, und will ihn bereden,

als ob Sie, meine Braut, ihn selbst liebten. Ist das mein Freund, dem

ich mehr als einmal mein Haus und mein Vermögen angeboten habe?

Julchen. Mich hat er bereden wollen, daß Sie meiner Schwester

gewogener wären als mir. Nunmehro weiß ich gewiß, daß es keine

Verstellung gewesen. Aber meine arme Schwester wird es doch denken,

weil sie ihm diese List aus gutem Herzen aufgetragen hat. Wer soll

ihr ihren Irrtum entdecken? Wird sie uns hören? Und wenn sie es

glaubt, überführen wir sie nicht von dem größten Unglücke! Wie dauret

sie mich!

Damis. Ja. Aber sie muß es doch erfahren, und wenn Sie schweigen, so

rede ich.

Julchen. Ach, bedenken Sie doch das Elend meiner lieben Schwester!

Schweigen Sie. Vielleicht... Vielleicht ist er nicht von Natur

boshaft, vielleicht hat ihn nur meine Erbschaft...

Damis. Es habe ihn, was auch immer wolle, zur Untreue bewogen: so ist

er in meinen Augen doch allemal weniger zu entschuldigen als ein

Mensch, der den andern aus Hunger auf der Straße umbringt. Hat ihn

die ausnehmende Zärtlichkeit, die ganz bezaubernde Unschuld, die

edelste Freundschaft Ihrer Jungfer Schwester nicht treu und tugendhaft

erhalten können: so muß es ihm nunmehr leicht sein, um eines Gewinstes

willen seinen nächsten Blutsfreund umzubringen und die Religion der

geringsten Wollust wegen abzuschwören.

Julchen. Aber ach, meine Schwester... Tun Sie es nicht. Ich zittre..

.

Damis. Meine Braut, Sie sind mir das Kostbarste auf der Welt. Aber

ich sage Ihnen, ehe ich Lottchen so unglücklich werden lasse, sich mit

einem Nichtswürdigen zu verbinden: so will ich mein Vermögen, meine

Ehre und Sie selbst verlieren. Ich gehe und sage ihr alles, und wenn

sie auch ohne Trost sein sollte. Mein Herr Vormund hat das Billett an

Lottchen auf meine Bitte schreiben und auf die Post bringen lassen.

ihr ehrlicher Vater und der Magister, die Siegmund beide für zu

einfältig gehalten, haben seine tückischen Absichten zuerst gemerkt,

und ihr Herr Vater hat sie meinem Vormunde vertraut. Dieser haßt und

sieht die kleinsten Betrügereien.

Julchen. Ist er denn gar nicht zu entschuldigen?

Damis. Nein, sage ich Ihnen. Wir haben alles untersucht. Er ist ein

Betrüger. (Mit Bitterkeit.) Ich habe in meinem Leben noch kein Tier

gern umgebracht; aber diesen Mann, wenn er es leugnen und Lottchen

durch seine Verstellung unglücklich machen sollte, wollte ich mit

Freuden umbringen. Was? Wir Männer wollen durch den häßlichsten

Betrug das Frauenzimmer im Triumph aufführen, das wir durch unsere

Tugend ehren sollten?

Julchen. Was soll aber meine Schwester mit dem Untreuen anfangen?

Damis. Sie soll ihn mit Verachtung bestrafen. Sie soll ihn fühlen

lassen, was es heißt, ein edles Herz hintergehn.

Julchen. Wenn ihm aber meine Schwester verzeihen wollte. Wäre das

nicht auch großmütig?

Damis. Sie braucht ihn nicht zu verfolgen. Sie kann alle Regungen

der Rache ersticken und sich doch seiner ewig entschlagen. Er ist ein

Unmensch.

Die zärtlichen Schwestern · 第 51 / 61 题