Julchen. Damis.
Julchen. »Wo bleibt Lottchen? Hat sie gar meine Untreue erfahren?
Ich will sie sicher machen.« Der Boshafte! Hörten Sie sein
Bekenntnis? Wir wollten sehen, wie er sich nach diesem Briefe
aufführen würde. O hätten wir diese unglückselige Entdeckung doch
niemals gemacht! Du arme Schwester! Du verbindest dich mit einem
Menschen, der ein böses Herz bei der Miene der Aufrichtigkeit hat.
Damis. Ja, es ist ein nichtswürdiger Freund, wie ich Ihnen gesagt
habe. Er hat den größten Betrug begangen. Ich bitte ihn heute
Vormittage, wie man einen Bruder bitten kann, daß er mir Ihre Liebe
sollte gewinnen helfen. Und statt dessen bittet er Ihren Herrn Vater,
unsere Verlobung noch acht Tage aufzuschieben, und will ihn bereden,
als ob Sie, meine Braut, ihn selbst liebten. Ist das mein Freund, dem
ich mehr als einmal mein Haus und mein Vermögen angeboten habe?
Julchen. Mich hat er bereden wollen, daß Sie meiner Schwester
gewogener wären als mir. Nunmehro weiß ich gewiß, daß es keine
Verstellung gewesen. Aber meine arme Schwester wird es doch denken,
weil sie ihm diese List aus gutem Herzen aufgetragen hat. Wer soll
ihr ihren Irrtum entdecken? Wird sie uns hören? Und wenn sie es
glaubt, überführen wir sie nicht von dem größten Unglücke! Wie dauret
sie mich!
Damis. Ja. Aber sie muß es doch erfahren, und wenn Sie schweigen, so
rede ich.
Julchen. Ach, bedenken Sie doch das Elend meiner lieben Schwester!
Schweigen Sie. Vielleicht... Vielleicht ist er nicht von Natur
boshaft, vielleicht hat ihn nur meine Erbschaft...
Damis. Es habe ihn, was auch immer wolle, zur Untreue bewogen: so ist
er in meinen Augen doch allemal weniger zu entschuldigen als ein
Mensch, der den andern aus Hunger auf der Straße umbringt. Hat ihn
die ausnehmende Zärtlichkeit, die ganz bezaubernde Unschuld, die
edelste Freundschaft Ihrer Jungfer Schwester nicht treu und tugendhaft
erhalten können: so muß es ihm nunmehr leicht sein, um eines Gewinstes
willen seinen nächsten Blutsfreund umzubringen und die Religion der
geringsten Wollust wegen abzuschwören.
Julchen. Aber ach, meine Schwester... Tun Sie es nicht. Ich zittre..
.
Damis. Meine Braut, Sie sind mir das Kostbarste auf der Welt. Aber
ich sage Ihnen, ehe ich Lottchen so unglücklich werden lasse, sich mit
einem Nichtswürdigen zu verbinden: so will ich mein Vermögen, meine
Ehre und Sie selbst verlieren. Ich gehe und sage ihr alles, und wenn
sie auch ohne Trost sein sollte. Mein Herr Vormund hat das Billett an
Lottchen auf meine Bitte schreiben und auf die Post bringen lassen.
ihr ehrlicher Vater und der Magister, die Siegmund beide für zu
einfältig gehalten, haben seine tückischen Absichten zuerst gemerkt,
und ihr Herr Vater hat sie meinem Vormunde vertraut. Dieser haßt und
sieht die kleinsten Betrügereien.
Julchen. Ist er denn gar nicht zu entschuldigen?
Damis. Nein, sage ich Ihnen. Wir haben alles untersucht. Er ist ein
Betrüger. (Mit Bitterkeit.) Ich habe in meinem Leben noch kein Tier
gern umgebracht; aber diesen Mann, wenn er es leugnen und Lottchen
durch seine Verstellung unglücklich machen sollte, wollte ich mit
Freuden umbringen. Was? Wir Männer wollen durch den häßlichsten
Betrug das Frauenzimmer im Triumph aufführen, das wir durch unsere
Tugend ehren sollten?
Julchen. Was soll aber meine Schwester mit dem Untreuen anfangen?
Damis. Sie soll ihn mit Verachtung bestrafen. Sie soll ihn fühlen
lassen, was es heißt, ein edles Herz hintergehn.
Julchen. Wenn ihm aber meine Schwester verzeihen wollte. Wäre das
nicht auch großmütig?
Damis. Sie braucht ihn nicht zu verfolgen. Sie kann alle Regungen
der Rache ersticken und sich doch seiner ewig entschlagen. Er ist ein
Unmensch.