Lottchen. Simon.
Simon. Ich bitte Sie um Vergebung, Mamsell, daß ich unangemeldet
hereintrete. Das Vergnügen macht mich unhöflich. Sind Sie nicht die
liebenswürdige Braut meines Herrn Mündels?
Lottchen. Und wenn ich nun seine Braut wäre, was...
Simon. So habe ich die Ehre, Ihnen zu sagen, daß Ihnen Ihre selige
Frau Muhme in ihrem Testamente ihr ganzes Rittergut vermacht hat. Sie
werden die Gewißheit davon noch heute vom Rathause erhalten. Das
Testament ist geöffnet, und Ihr Herr Pate, der Herr Hofrat, der bei
der Eröffnung zugegen gewesen, hat mir aufgetragen, Ihrem Herrn Vater
diese angenehme Zeitung zum voraus zu hinterbringen, ehe er noch die
gerichtliche Insinuation erhält.
Lottchen. Ist das möglich? Die Frau Muhme hat ihr Versprechen
zehnfach erfüllt. Wie glücklich ist meine Schwester! Sie verdient es
in der Tat. Das ist eine sonderbare Schickung. Mein Herr, Sie setzen
mich in das empfindlichste Vergnügen. Ich bin nicht die Braut Ihres
Herrn Mündels. Aber die Nachricht würde mich kaum so sehr erfreuen,
wenn sie mich selbst anginge.
Simon. Kurz, Mamsell, ich weiß nicht, welche von Ihnen meinen Mündel
glücklich machen will. Allein genug, die jüngste Tochter des Herrn
Cleon ist die Erbin des ganzen Ritterguts und also eines Vermögens von
mehr als funfzigtausend Talern.
Lottchen. Das ist meine Schwester. Wie erfreue ich mich!
Simon. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht ebendiese Nachricht
bringen kann. Ich wollte es mit tausend Freuden tun. Wo ist Ihr
lieber Herr Vater? Wird er nicht eine Freude haben!
Lottchen. Ich habe gleich die Ehre, Sie zu ihm zu führen. Aber ich
will Sie erst um etwas bitten. Gönnen Sie mir doch das Vergnügen, daß
ich meiner Schwester und Ihrem Herrn Mündel die erste Nachricht von
dieser glücklichen Erbschaft bringen darf. Es ist meine größte
Wollust, die Regungen des Vergnügens bei andern ausbrechen zu sehen.
Und wenn ich viel hätte, ich glaube, ich verschenkte alles, nur um die
Welt froh zu sehen. Lassen Sie mir immer das Glück, meiner Schwester
das ihrige anzukündigen.
Simon. Von Herzen gern. Eine so edle Liebe habe ich nicht leicht
unter zwo Schwestern gefunden. Ich erstaune ganz. Ich wußte wohl,
Mamsell, daß Sie die Braut meines Mündels nicht waren; allein, ich
wollte mir meinen Antrag durch eine verstellte Ungewißheit leichter
machen. Ich glaubte, Sie würden erschrecken und über die Vorteile
Ihrer Jungfer Schwester unruhig werden. Aber ich sehe das Gegenteil
und fange an zu wünschen, daß Sie selbst die Braut meines lieben
Mündels und die glückliche Erbin der Frau Stephan sein möchten.
Lottchen. Wenn man Ihren Beifall dadurch gewinnen kann, daß man frei
vom Neide und zur Menschenliebe geneigt ist: so hoffe ich mir Ihr
Wohlwollen zeitlebens zu erhalten. Also wollen Sie Julchen und dem
Herrn Damis nichts von der Erbschaft sagen, sondern es mir überlassen?
Sie sind sehr gütig.
Simon. Ich will sogar dem Herrn Vater nichts davon sagen, wenn Sie es
ihm selber hinterbringen wollen. Hier kömmt er.