Siebenter Auftritt

Lottchen. Simon.

Simon. Ich bitte Sie um Vergebung, Mamsell, daß ich unangemeldet

hereintrete. Das Vergnügen macht mich unhöflich. Sind Sie nicht die

liebenswürdige Braut meines Herrn Mündels?

Lottchen. Und wenn ich nun seine Braut wäre, was...

Simon. So habe ich die Ehre, Ihnen zu sagen, daß Ihnen Ihre selige

Frau Muhme in ihrem Testamente ihr ganzes Rittergut vermacht hat. Sie

werden die Gewißheit davon noch heute vom Rathause erhalten. Das

Testament ist geöffnet, und Ihr Herr Pate, der Herr Hofrat, der bei

der Eröffnung zugegen gewesen, hat mir aufgetragen, Ihrem Herrn Vater

diese angenehme Zeitung zum voraus zu hinterbringen, ehe er noch die

gerichtliche Insinuation erhält.

Lottchen. Ist das möglich? Die Frau Muhme hat ihr Versprechen

zehnfach erfüllt. Wie glücklich ist meine Schwester! Sie verdient es

in der Tat. Das ist eine sonderbare Schickung. Mein Herr, Sie setzen

mich in das empfindlichste Vergnügen. Ich bin nicht die Braut Ihres

Herrn Mündels. Aber die Nachricht würde mich kaum so sehr erfreuen,

wenn sie mich selbst anginge.

Simon. Kurz, Mamsell, ich weiß nicht, welche von Ihnen meinen Mündel

glücklich machen will. Allein genug, die jüngste Tochter des Herrn

Cleon ist die Erbin des ganzen Ritterguts und also eines Vermögens von

mehr als funfzigtausend Talern.

Lottchen. Das ist meine Schwester. Wie erfreue ich mich!

Simon. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht ebendiese Nachricht

bringen kann. Ich wollte es mit tausend Freuden tun. Wo ist Ihr

lieber Herr Vater? Wird er nicht eine Freude haben!

Lottchen. Ich habe gleich die Ehre, Sie zu ihm zu führen. Aber ich

will Sie erst um etwas bitten. Gönnen Sie mir doch das Vergnügen, daß

ich meiner Schwester und Ihrem Herrn Mündel die erste Nachricht von

dieser glücklichen Erbschaft bringen darf. Es ist meine größte

Wollust, die Regungen des Vergnügens bei andern ausbrechen zu sehen.

Und wenn ich viel hätte, ich glaube, ich verschenkte alles, nur um die

Welt froh zu sehen. Lassen Sie mir immer das Glück, meiner Schwester

das ihrige anzukündigen.

Simon. Von Herzen gern. Eine so edle Liebe habe ich nicht leicht

unter zwo Schwestern gefunden. Ich erstaune ganz. Ich wußte wohl,

Mamsell, daß Sie die Braut meines Mündels nicht waren; allein, ich

wollte mir meinen Antrag durch eine verstellte Ungewißheit leichter

machen. Ich glaubte, Sie würden erschrecken und über die Vorteile

Ihrer Jungfer Schwester unruhig werden. Aber ich sehe das Gegenteil

und fange an zu wünschen, daß Sie selbst die Braut meines lieben

Mündels und die glückliche Erbin der Frau Stephan sein möchten.

Lottchen. Wenn man Ihren Beifall dadurch gewinnen kann, daß man frei

vom Neide und zur Menschenliebe geneigt ist: so hoffe ich mir Ihr

Wohlwollen zeitlebens zu erhalten. Also wollen Sie Julchen und dem

Herrn Damis nichts von der Erbschaft sagen, sondern es mir überlassen?

Sie sind sehr gütig.

Simon. Ich will sogar dem Herrn Vater nichts davon sagen, wenn Sie es

ihm selber hinterbringen wollen. Hier kömmt er.

Die zärtlichen Schwestern · 第 27 / 61 题