Dritter Auftritt

Damis. Lottchen.

Lottchen. Nun, Herr Damis, wie weit sind Sie in Ihrer Liebe? Sie

weinen? Ist das möglich?

Damis. O gönnen Sie mir dieses Glück. Es sind Tränen der Wollust,

die meine ganze Seele vergnügen. Wenn Sie nur das liebenswürdige Kind

hätten sollen reden hören! Wenn Sie nur die Gewalt hätten sehen

sollen, die sie ihrem Herzen antat, um es nicht sehn zu lassen! Sie

sagte endlich aufrichtig, sie wäre unruhig. Ach Himmel! mit welcher

Annehmlichkeit, mit welcher Unschuld sagte sie dies! Sie liebt mich

wohl, ohne es recht zu wissen. Bedenken Sie nur, mein liebes Lottchen,

o bedenken Sie nur, wie...

Lottchen. Warum reden Sie nicht weiter?

Damis. Lassen Sie mich doch mein Glück erst recht überdenken. Sie

nannte ihre Unruhe ein verdrießliches Wesen. Sie bat mich, daß ich

deswegen nichts von der Hochachtung gegen sie sollte fahrenlassen.

Und das Wort Hochachtung drückte sie mit einem Tone aus, der ihm die

Bedeutung der Liebe gab. Sie sagte endlich in aller Unschuld, sie

wollte sich eine Tasse Kaffee machen lassen, um den Nebel in ihrem

Gemüte dadurch zu zerstreuen.

Lottchen. Das gute Mädchen! Wenn der Kaffee eine Arznei für die

Unruhen des Herzens wäre: so würden wir wenig Gemütskrankheiten haben.

Nunmehr wird sie bald empfinden, was Liebe und Freiheit ist. Das

Traurige, das sich in ihrem Bezeigen meldet, scheint mir ein Beweis zu

sein, daß sie ihre Freiheit nicht mehr zu beschützen weiß. Verwandeln

Sie sich nunmehr nach und nach wieder in den Liebhaber, damit Julchen

nicht gar zu sehr bestraft wird.

Damis. Diese Verwandlung wird mir sehr natürlich sein. Aber ich

fürchte, wenn Julchen in Gegenwart so vieler Zeugen mir ihre Liebe

wird bekräftigen sollen: so wird ihr Herz wieder scheu werden. Sie

bat mich, da sie mich verließ, daß ich ihr nicht gleich nachfolgen

sollte, damit ihr Lottchen nicht einige Spöttereien sagen möchte. Wie

furchtsam klingt dieses!

Lottchen. Ja, es heißt aber vielleicht nichts anders, wenn man es in

seine Sprache übersetzt, als: Gehen Sie nicht mit mir, damit Lottchen

nicht so deutlich sieht, daß ich Sie liebe. Ihre Braut scheut sich

nicht vor der Liebe, sondern nur vor dem Namen derselben. Wenn sie

weniger natürliche Schamhaftigkeit hätte, so würde ihre Liebe sich in

einem größern Lichte sehen lassen; aber vielleicht würde sie nicht so

reizend erscheinen. Vielleicht geht es mit der Zärtlichkeit eines

Frauenzimmers wie mit ihren äußerlichen Reizungen, wenn sie gefallen

sollen.

Damis. Was meinen Sie, meine liebe Jungfer Schwester, soll ich...

Aber wie? Ich nenne Sie schon Jungfer Schwester, und ich scheue mich

doch zugleich, Sie deswegen um Vergebung zu bitten?

Lottchen. Ich will den Fehler gleich wieder gutmachen, mein lieber

Herr Bruder. Ich habe Ihnen nun nichts vorzuwerfen. Aber was wollten

Sie sagen?

Damis. Fragen Sie mich nicht. Ich habe es wieder vergessen. Ich

kann gar nicht mehr zu meinen eignen Gedanken kommen. Sie verbergen

sich in die entlegenste Gegend von meiner Seele. Julchen denkt und

sinnt und redt in mir. Und seitdem ich sie traurig gesehen habe, habe

ich große Lust, es auch zu sein. Was für ein Geheimnis hat nicht ein

Herz mit dem andern! Ich sehe, daß ich glücklich bin, und sollte

vergnügt sein. Ich sehe, daß mich Julchen liebt, und indem ich dieses

sehe, werde ich traurig, weil sie es ist. Welche neue Entdeckung in

meinem Herzen!

Lottchen. Ich weiß Ihnen keinen bessern Rat zu geben als den, folgen

Sie Ihrer Neigung und vertreiben Sie sich die Traurigkeit nicht, sonst

werden Sie zerstreut werden. Sie wird ihres Platzes von sich selber

müde werden und ihn bald dem Vergnügen von neuem einräumen.

Damis. Ich werde recht furchtsam. Und ich glaube, wenn ich Julchen

wiedersehe, daß ich gar stumm werde.

Lottchen. Das kann leicht kommen. Vielleicht geht es Julchen auch

also. Ich möchte Sie beide itzt beisammen sehen, ohne von Ihnen

bemerkt zu werden. Sie würden beide tiefsinnig tun. Sie würden reden

wollen und statt dessen seufzen. Sie würden die verräterischen

Seufzer durch gleichgültige Mienen entkräften wollen und ihnen nur

mehr Bedeutung geben. Sie würden einander wechselsweise bitten, sich

zu verlassen, und einander Gelegenheit geben, zu bleiben. Und

vielleicht würde Ihre beiderseitige Wehmut zuletzt in etliche mehr als

freundschaftliche Küsse ausbrechen. Aber ich höre meine Schwester

kommen. Ich will Sie nicht stören. (Sie geht und bleibt in der Szene

versteckt stehen.)

Die zärtlichen Schwestern · 第 22 / 61 题