Damis. Lottchen.
Lottchen. Nun, Herr Damis, wie weit sind Sie in Ihrer Liebe? Sie
weinen? Ist das möglich?
Damis. O gönnen Sie mir dieses Glück. Es sind Tränen der Wollust,
die meine ganze Seele vergnügen. Wenn Sie nur das liebenswürdige Kind
hätten sollen reden hören! Wenn Sie nur die Gewalt hätten sehen
sollen, die sie ihrem Herzen antat, um es nicht sehn zu lassen! Sie
sagte endlich aufrichtig, sie wäre unruhig. Ach Himmel! mit welcher
Annehmlichkeit, mit welcher Unschuld sagte sie dies! Sie liebt mich
wohl, ohne es recht zu wissen. Bedenken Sie nur, mein liebes Lottchen,
o bedenken Sie nur, wie...
Lottchen. Warum reden Sie nicht weiter?
Damis. Lassen Sie mich doch mein Glück erst recht überdenken. Sie
nannte ihre Unruhe ein verdrießliches Wesen. Sie bat mich, daß ich
deswegen nichts von der Hochachtung gegen sie sollte fahrenlassen.
Und das Wort Hochachtung drückte sie mit einem Tone aus, der ihm die
Bedeutung der Liebe gab. Sie sagte endlich in aller Unschuld, sie
wollte sich eine Tasse Kaffee machen lassen, um den Nebel in ihrem
Gemüte dadurch zu zerstreuen.
Lottchen. Das gute Mädchen! Wenn der Kaffee eine Arznei für die
Unruhen des Herzens wäre: so würden wir wenig Gemütskrankheiten haben.
Nunmehr wird sie bald empfinden, was Liebe und Freiheit ist. Das
Traurige, das sich in ihrem Bezeigen meldet, scheint mir ein Beweis zu
sein, daß sie ihre Freiheit nicht mehr zu beschützen weiß. Verwandeln
Sie sich nunmehr nach und nach wieder in den Liebhaber, damit Julchen
nicht gar zu sehr bestraft wird.
Damis. Diese Verwandlung wird mir sehr natürlich sein. Aber ich
fürchte, wenn Julchen in Gegenwart so vieler Zeugen mir ihre Liebe
wird bekräftigen sollen: so wird ihr Herz wieder scheu werden. Sie
bat mich, da sie mich verließ, daß ich ihr nicht gleich nachfolgen
sollte, damit ihr Lottchen nicht einige Spöttereien sagen möchte. Wie
furchtsam klingt dieses!
Lottchen. Ja, es heißt aber vielleicht nichts anders, wenn man es in
seine Sprache übersetzt, als: Gehen Sie nicht mit mir, damit Lottchen
nicht so deutlich sieht, daß ich Sie liebe. Ihre Braut scheut sich
nicht vor der Liebe, sondern nur vor dem Namen derselben. Wenn sie
weniger natürliche Schamhaftigkeit hätte, so würde ihre Liebe sich in
einem größern Lichte sehen lassen; aber vielleicht würde sie nicht so
reizend erscheinen. Vielleicht geht es mit der Zärtlichkeit eines
Frauenzimmers wie mit ihren äußerlichen Reizungen, wenn sie gefallen
sollen.
Damis. Was meinen Sie, meine liebe Jungfer Schwester, soll ich...
Aber wie? Ich nenne Sie schon Jungfer Schwester, und ich scheue mich
doch zugleich, Sie deswegen um Vergebung zu bitten?
Lottchen. Ich will den Fehler gleich wieder gutmachen, mein lieber
Herr Bruder. Ich habe Ihnen nun nichts vorzuwerfen. Aber was wollten
Sie sagen?
Damis. Fragen Sie mich nicht. Ich habe es wieder vergessen. Ich
kann gar nicht mehr zu meinen eignen Gedanken kommen. Sie verbergen
sich in die entlegenste Gegend von meiner Seele. Julchen denkt und
sinnt und redt in mir. Und seitdem ich sie traurig gesehen habe, habe
ich große Lust, es auch zu sein. Was für ein Geheimnis hat nicht ein
Herz mit dem andern! Ich sehe, daß ich glücklich bin, und sollte
vergnügt sein. Ich sehe, daß mich Julchen liebt, und indem ich dieses
sehe, werde ich traurig, weil sie es ist. Welche neue Entdeckung in
meinem Herzen!
Lottchen. Ich weiß Ihnen keinen bessern Rat zu geben als den, folgen
Sie Ihrer Neigung und vertreiben Sie sich die Traurigkeit nicht, sonst
werden Sie zerstreut werden. Sie wird ihres Platzes von sich selber
müde werden und ihn bald dem Vergnügen von neuem einräumen.
Damis. Ich werde recht furchtsam. Und ich glaube, wenn ich Julchen
wiedersehe, daß ich gar stumm werde.
Lottchen. Das kann leicht kommen. Vielleicht geht es Julchen auch
also. Ich möchte Sie beide itzt beisammen sehen, ohne von Ihnen
bemerkt zu werden. Sie würden beide tiefsinnig tun. Sie würden reden
wollen und statt dessen seufzen. Sie würden die verräterischen
Seufzer durch gleichgültige Mienen entkräften wollen und ihnen nur
mehr Bedeutung geben. Sie würden einander wechselsweise bitten, sich
zu verlassen, und einander Gelegenheit geben, zu bleiben. Und
vielleicht würde Ihre beiderseitige Wehmut zuletzt in etliche mehr als
freundschaftliche Küsse ausbrechen. Aber ich höre meine Schwester
kommen. Ich will Sie nicht stören. (Sie geht und bleibt in der Szene
versteckt stehen.)