Vierter Auftritt

Julchen. Damis.

Julchen. War nicht meine Schwester bei Ihnen? Wo ist sie?

Damis (in tiefen Gedanken). Sie ging und sagte, sie wollte uns nicht

stören.

Julchen. Nicht stören? Was soll das bedeuten?

Damis. Vergeben Sie mir. Ich habe mich übereilet. Ach, Juliane!

Julchen. Sie haben sich übereilet, und woher? Aber... Ja... Ich

will Sie verlassen. Sie sind tiefsinnig.

Damis. Sie wollen mich verlassen? meine Juliane! Mich...?

Julchen. Meine Juliane! so haben Sie mich ja sonst nicht geheißen?

Sie vergessen sich. Ich will Sie verlassen.

Damis. O gehn Sie noch nicht. Ich habe Ihnen recht viel zu sagen.

Ach viel!

Julchen. Und was denn? Sie halten mich wider meinen Willen zurück.

Ist Ihnen etwas begegnet? Was wollen Sie sagen? Reden Sie doch.

Damis (bange). Meine Juliane!

Julchen (mit beweglicher Stimme). Juliane! den Namen höre ich zum

dritten Male. Sie schweigen wieder? Ich muß nur gehn. (Sie geht.

Er sieht ihr traurig nach, und sie sieht sich um.) Wahrhaftig, es muß

Ihnen etwas Großes begegnet sein. Darf ich's nicht wissen?

Damis (er kömmt auf sie zu). Wenn Sie mir's vergeben wollten: so

wollte ich Ihnen sagen; aber nein... Ich würde Ihre Gewogenheit

darüber verlieren und... (Er küßt ihr die Hand und hält sie dabei.)

Nein, ich habe Ihnen nichts zu sagen. Ach, Sie sind verdrießlich,

meine Juliane?

Julchen (ganz betroffen). Nein, ich bin nicht traurig. Aber ich

erschrecke, daß ich Sie so bestürzt sehe. Ja... Ich bin nicht

traurig. Ich bin ganz gelassen, und ich wollte, daß Sie auch so wären.

Halten Sie mich nicht bei der Hand. Ich will Sie verlassen. Ich

wollte meine Schwester suchen und ihr sagen...

Damis. Was wollten Sie ihr denn sagen? mein schönes Kind!

Julchen. Ich wollte ihr sagen... daß der Papa nach ihr gefragt hätte

und...

Damis. Der Papa? mein Engel!

Julchen. Nein, ich irre mich. Herr Siegmund hat nach ihr gefragt und

meine Schwester sprechen wollen und mich gebeten... (Sie sieht ihn an.

) In Wahrheit, Sie sehen so traurig aus, daß man sich des Mitleidens..

. (Sie wendet das Gesichte beiseite.)

Damis. Meine Juliane! Ihr Mitleiden... Sie bringen mich zur

äußersten Wehmut.

Julchen. Und Sie machen mich auch traurig. Warum hielten Sie mich

zurück? Warum weinen Sie denn? (Sie will ihre Tränen verbergen.)

Was fehlt Ihnen? Verlassen Sie mich, wenn ich bitten darf.

Damis. Ja.

Julchen (für sich). Er geht?

Damis (indem er wieder zurückkehrt). Aber darf ich nicht wissen,

meine Schöne, was Ihnen begegnet ist? Sie waren ja Vormittage nicht

so traurig.

Julchen. Ich weiß es nicht. Sie wollten ja gehn. Ist Ihnen meine

Unruhe beschwerlich? Sagen Sie mir nur, warum Sie... Sie reden ja

nicht.

Damis. Ich?

Julchen. Ja.

Damis. O wie verschönert die Wehmut Ihre Wangen! Ach, Juliane!

Julchen. Was seufzen Sie? Sie vergessen sich. Wenn doch Lottchen

wiederkäme! Bedenken Sie, wenn sie Sie so betrübt sähe und mich...

Was würde sie sagen? (Lottchen tritt aus der Szene hervor.)

Die zärtlichen Schwestern · 第 23 / 61 题