Zweiter Auftritt

Julchen. Damis.

Damis. Darf ich mit Ihnen reden, mein schönes Kind?

Julchen. Es ist gut, daß Sie kommen. Die Gesundheit, die Sie mir

über Tische von der Liebe zubrachten, hat mich recht gekränkt. Meine

Schwester lachte darüber; aber das kann ich nicht. Sie hat heute

überhaupt eine widerwärtige Gemütsart, die sich sogar bis auf Sie,

mein Herr, erstreckt.

Damis. Bis auf mich? Darf ich weiterfragen?

Julchen. Ich sagte ihr, daß Sie meiner Meinung wären und behauptet

hätten, daß mehr Hoheit der Seele zur Freiheit als zur Liebe gehörte.

Darüber spottete sie und sagte dreist, Sie hätten unrecht, wo sie

nicht gar noch mehr sagte. Aber lassen Sie sich nichts gegen sie

merken; sie möchte sonst denken, ich wollte eine Feindschaft anrichten.

Damis. Lottchen wird es nicht so böse gemeint haben. Sie ist ja die

Gutheit und Unschuld selbst.

Julchen. Das konnte ich mir einbilden, daß Sie mir widersprechen

würden. Und ich will es Ihnen nur gestehen, daß ich's zu dem Ende

gesagt habe. Freilich hat meine Schwester mehr Gutheit als ich. Sie

redt von der Liebe, und so gütig bin ich nicht.

Damis. Vergeben Sie es ihr, wenn sie auch etwas von mir gesagt hat.

Ich bin ja nicht ohne Fehler. Und vielleicht würde ich Ihnen mehr

gefallen, wenn ich ihrer weniger hätte.

Julchen. Wozu soll diese Erniedrigung? Wollen Sie mich mit dem Worte

Fehler demütigen?

Damis. Ach, liebstes Kind, werden Sie es denn niemals glauben, wie

gut ich mit Ihnen meine?

Julchen. Daran zweifele ich gar nicht. Sie sind ja meiner Schwester

gewogen; und also wird es Ihnen nicht sauer ankommen, mir Ihre

Gewogenheit in ebendem Grade zu schenken.

Damis. Ja, ich versichere Sie, daß ich Lottchen allen Schönen

vorziehen würde, wenn ich Julchen nicht kennte.

Julchen. Ich sehe, die Gefahr, mich hochmütig zu machen, ist zu wenig,

Sie von einer Schmeichelei abzuschrecken.

Damis. Meine liebe Freundin, ich verliere meine Wohlfahrt, wenn

dieses eine Schmeichelei war. Warum halten Sie mich nicht für

aufrichtig?

Julchen (zerstreut). Ich... ich habe die beste Meinung von Ihnen.

Damis. Warum sprechen Sie diesen Lobspruch mit einem so traurigen

Tone aus? Kostet er Sie so viel? In Wahrheit, ich bin recht

unglücklich. Je länger ich die Ehre habe, Sie zu sehen und zu

sprechen, desto unzufriedner werden Sie. Sagen Sie mir nur, was Sie

beunruhiget. Ich will Ihnen ja Ihre Freiheit nicht rauben. Nein, ich

will nicht den geringsten Anspruch auf Ihr Herz machen. Ich will Sie

ohne alle Belohnung, ohne alle Hoffnung lieben. Wollen Sie mir denn

auch dieses Vergnügen nicht gönnen?

Julchen. Sie sind wirklich großmütiger, als ich geglaubt habe. Wenn

Sie mich lieben wollen, ohne mich zu fesseln: so wird mir Ihr Beifall

sehr angenehm sein. Aber dies ist auch alles, was ich Ihnen sagen

kann. Werfen Sie mir mein verdrießliches Wesen nicht mehr vor. Ich

will gleich so billig sein und Sie verlassen.

Damis. Aber was fehlt Ihnen denn, mein Engel?

Julchen (unruhig). Ich weiß es in Wahrheit nicht. Es ist mir alles

so ängstlich, und es scheint recht, als ob ich das Ängstliche heute

suchte und liebte. Ich bitte Sie recht sehr, lassen Sie deswegen

nichts von Ihrer Hochachtung gegen mich fallen. Es ist unhöflich von

mir, daß ich Sie nicht munterer unterhalte, da Sie unser Gast sind.

Aber der Himmel weiß, ich kann nichts dafür. Ich will mir eine Tasse

Kaffee machen lassen. Vielleicht kann ich mein verdrießliches Wesen

zerstreuen. Aber gehn Sie nicht gleich mit mir. Lottchen möchte mir

sonst einige kleine Spöttereien sagen. Wollen Sie so gütig sein?

Die zärtlichen Schwestern · 第 21 / 61 题