Julchen. Damis.
Damis. Darf ich mit Ihnen reden, mein schönes Kind?
Julchen. Es ist gut, daß Sie kommen. Die Gesundheit, die Sie mir
über Tische von der Liebe zubrachten, hat mich recht gekränkt. Meine
Schwester lachte darüber; aber das kann ich nicht. Sie hat heute
überhaupt eine widerwärtige Gemütsart, die sich sogar bis auf Sie,
mein Herr, erstreckt.
Damis. Bis auf mich? Darf ich weiterfragen?
Julchen. Ich sagte ihr, daß Sie meiner Meinung wären und behauptet
hätten, daß mehr Hoheit der Seele zur Freiheit als zur Liebe gehörte.
Darüber spottete sie und sagte dreist, Sie hätten unrecht, wo sie
nicht gar noch mehr sagte. Aber lassen Sie sich nichts gegen sie
merken; sie möchte sonst denken, ich wollte eine Feindschaft anrichten.
Damis. Lottchen wird es nicht so böse gemeint haben. Sie ist ja die
Gutheit und Unschuld selbst.
Julchen. Das konnte ich mir einbilden, daß Sie mir widersprechen
würden. Und ich will es Ihnen nur gestehen, daß ich's zu dem Ende
gesagt habe. Freilich hat meine Schwester mehr Gutheit als ich. Sie
redt von der Liebe, und so gütig bin ich nicht.
Damis. Vergeben Sie es ihr, wenn sie auch etwas von mir gesagt hat.
Ich bin ja nicht ohne Fehler. Und vielleicht würde ich Ihnen mehr
gefallen, wenn ich ihrer weniger hätte.
Julchen. Wozu soll diese Erniedrigung? Wollen Sie mich mit dem Worte
Fehler demütigen?
Damis. Ach, liebstes Kind, werden Sie es denn niemals glauben, wie
gut ich mit Ihnen meine?
Julchen. Daran zweifele ich gar nicht. Sie sind ja meiner Schwester
gewogen; und also wird es Ihnen nicht sauer ankommen, mir Ihre
Gewogenheit in ebendem Grade zu schenken.
Damis. Ja, ich versichere Sie, daß ich Lottchen allen Schönen
vorziehen würde, wenn ich Julchen nicht kennte.
Julchen. Ich sehe, die Gefahr, mich hochmütig zu machen, ist zu wenig,
Sie von einer Schmeichelei abzuschrecken.
Damis. Meine liebe Freundin, ich verliere meine Wohlfahrt, wenn
dieses eine Schmeichelei war. Warum halten Sie mich nicht für
aufrichtig?
Julchen (zerstreut). Ich... ich habe die beste Meinung von Ihnen.
Damis. Warum sprechen Sie diesen Lobspruch mit einem so traurigen
Tone aus? Kostet er Sie so viel? In Wahrheit, ich bin recht
unglücklich. Je länger ich die Ehre habe, Sie zu sehen und zu
sprechen, desto unzufriedner werden Sie. Sagen Sie mir nur, was Sie
beunruhiget. Ich will Ihnen ja Ihre Freiheit nicht rauben. Nein, ich
will nicht den geringsten Anspruch auf Ihr Herz machen. Ich will Sie
ohne alle Belohnung, ohne alle Hoffnung lieben. Wollen Sie mir denn
auch dieses Vergnügen nicht gönnen?
Julchen. Sie sind wirklich großmütiger, als ich geglaubt habe. Wenn
Sie mich lieben wollen, ohne mich zu fesseln: so wird mir Ihr Beifall
sehr angenehm sein. Aber dies ist auch alles, was ich Ihnen sagen
kann. Werfen Sie mir mein verdrießliches Wesen nicht mehr vor. Ich
will gleich so billig sein und Sie verlassen.
Damis. Aber was fehlt Ihnen denn, mein Engel?
Julchen (unruhig). Ich weiß es in Wahrheit nicht. Es ist mir alles
so ängstlich, und es scheint recht, als ob ich das Ängstliche heute
suchte und liebte. Ich bitte Sie recht sehr, lassen Sie deswegen
nichts von Ihrer Hochachtung gegen mich fallen. Es ist unhöflich von
mir, daß ich Sie nicht munterer unterhalte, da Sie unser Gast sind.
Aber der Himmel weiß, ich kann nichts dafür. Ich will mir eine Tasse
Kaffee machen lassen. Vielleicht kann ich mein verdrießliches Wesen
zerstreuen. Aber gehn Sie nicht gleich mit mir. Lottchen möchte mir
sonst einige kleine Spöttereien sagen. Wollen Sie so gütig sein?