Cleon. Lottchen.
Lottchen. Papa, der Herr Vormund des Herrn Damis hat durch seinen
Bedienten dieses Zettelchen an Sie geschickt.
Cleon (er liest). »Weil Sie es verlangen: so werde ich die Ehre haben,
gegen die Kaffeezeit zu Ihnen zu kommen. Ich lasse mir die Wahl des
Herrn Damis, meines Mündels, sehr wohl gefallen. Er hätte nicht
glücklicher wählen können. Kurz, ich will mich diesen Nachmittag mit
Ihnen und Ihren Jungfern Töchtern recht vergnügen, weil ich ohnedies
heute eine angenehme Nachricht vom Hofe erhalten habe. Zugleich muß
ich Ihnen melden, daß heute oder morgen das Testament Ihrer seligen
Frau Muhme, der Frau Stephan, geöffnet werden soll. Ich glaube gewiß,
daß sie Ihnen etwas vermacht hat. Vielleicht kann ich Ihnen die
Gewißheit davon um vier Uhr mitbringen. Ich bin« usw.
Das geht ja recht gut, meine liebe Tochter. Ich dachte immer, der
Herr Vormund würde seine Einwilligung nicht zur Heirat geben, weil
meine Tochter kein Vermögen hat.
Lottchen. Das habe ich gar nicht befürchtet. Der Herr Vormund ist ja
die Leutseligkeit und Menschenliebe selbst und macht sich gewiß eine
Freude daraus, zu dem Glücke eines Frauenzimmers etwas beizutragen,
der man keinen größern Vorwurf machen kann, als daß sie nicht reich
ist.
Cleon. Tochter, du hast sehr recht. Es ist ein lieber Mann. Ich
habe nur gedacht, daß er einen gewissen Fehler haben müßte, weil er
schon nahe an vierzig ist und noch kein Amt hat. Aber was hilft uns
das alles, wenn Julchen den Herrn Damis nicht haben will?
Lottchen. Machen Sie sich keine Sorge, lieber Papa. Julchen ist so
gut als besiegt. Und ich denke, es könnte ihr kein größer Unglück
widerfahren, als wenn man ihr ihren Schatz, die sogenannte Freiheit,
ungeraubt ließe. Ich habe die sichersten Merkmale, daß sie den Herrn
Damis liebt.
Cleon. Sollte es möglich sein? Ich dürfte es bald selbst glauben.
Ihr losen Mädchen tut immer, als wenn euch nichts an den Männern läge,
und heimlich habt ihr doch eine herzliche Freude an ihnen. Je nun,
die Liebe ist auch nötig in der Welt, sonst hätte sie uns der Himmel
nicht gegeben.
Lottchen. Papa, diese Satire auf die losen Mädchen trifft mich nicht.
Ich dächte, ich machte kein Geheimnis aus meiner Liebe. Wenigstens
halte ich die vernünftige Liebe für kein größer Verbrechen als die
vernünftige Freundschaft. Unser Leben ist vielleicht deswegen mit so
vielen Beschwerlichkeiten belegt, daß wir es uns desto mehr durch die
Liebe sollen leicht und angenehm zu machen suchen.
Cleon. Mein Kind, wenn mir die Frau Muhme Stephan etwas vermacht
haben sollte: so sähe ich's sehr gerne, wenn ich euch, meine Töchter,
auf einen Tag versprechen und euch in kurzem auf einen Tag die
Hochzeit ausrichten könnte. Ich wollte gern das ganze Vermächtnis
dazu hergeben.
Lottchen. Sie sind ein liebreicher Vater. Nein, wenn Sie auch durch
das Testament etwas bekommen sollten: so würde es doch ungerecht sein,
wenn wir Sie durch unsre Heiraten gleich um alles brächten. Nein,
lieber Papa, ich kann noch lange warten. Und mein Geliebter wird sich
ohnedies nicht zur Ehe entschließen, bis er nicht eine hinlängliche
Versorgung hat.
Cleon. Tue dein möglichstes, daß Julchen heute noch ja spricht. Die
Mädchen müssen wohl ein wenig spröde tun; aber sie müssen es den
Junggesellen auch nicht so gar sauer machen.
Lottchen. Papa, unsere selige Mama sagte nicht so.
Cleon. Loses Kind, ein Vater darf ja wohl ein Wort reden. Ich bin ja
auch jung gewesen, und meine Jugend reut mich gar nicht. Ich und
deine selige Mutter haben uns ein Jahr vor der Ehe und sechzehn Jahre
in der Ehe wie die Kinder vertragen. Sie hat mir tausend vergnügte
Stunden gemacht, und ich will's ihr noch in der Ewigkeit danken. Sie
hat auch euch, meine Kinder, ohne Ruhm zu melden, recht gut gezogen.
Ich weine vielmal, wenn ich des Abends nach der Betstunde von euch
gehe und eure Andacht, insonderheit die deinige, sehe. Es wird dir
gewiß wohlgehen. Verlasse dich darauf. Du tust mir viel Gutes. Du
führst meine ganze Haushaltung. Sei zufrieden mit deinem Schicksale.
Ich lasse dir nach meinem Tode einen ehrlichen Namen und eine gute
Auferziehung. Laß mich ja zu meiner seligen Frau ins Grab legen. Ich
will schlafen, wo sie schläft.
Lottchen. Ach, Papa, warum machen Sie mich weichmütig? Sie werden,
wenn es nach meinem Wunsche geht, noch lange leben und erfahren, daß
ich meinen Ruhm in der Pflicht, Ihnen zu dienen, suche. Und wenn ich
Sie hundert Jahre versorge: so habe ich nichts mehr getan, als was mir
meine Schuldigkeit befiehlt. Heute müssen Sie vergnügt sein. Doch
vielleicht ist die traurige Empfindung, die in Ihnen entstanden ist,
die angenehmste, die nur ein rechtschaffener Vater fühlen kann. Aber,
lieber Papa, es ist kein Wein mehr im Keller als das gute Faß, das Sie
in meinem Geburtsjahre eingelegt haben. Was werden wir heute unsern
Gästen für Wein vorsetzen?
Cleon. Tochter, zapfe das Faß an. Und wenn es Nektar wäre: so ist er
für den heutigen Tag nicht zu gut. Es wird bald Mittagszeit sein.
Ich will immer gehen und die Forellen aus dem Fischhälter langen.
Wenn ich Julchen sehe: so will ich dir sie wohl wieder herschicken,
wenn du noch einmal mit ihr reden willst.
Lottchen. Recht gut, Papa, ich will noch einige Augenblicke hier
warten.