Zwölfter Auftritt

Lottchen. Siegmund.

Siegmund. Ich habe schon einen Augenblick mit Julchen gesprochen.

Sie ist ungehalten auf den Herrn Damis, aber ihre ganze Anklage

scheint mir nichts als eine Liebeserklärung in einer fremden Sprache

zu sein. Ich hätte nicht gedacht, daß sie so zärtlich wäre. Die

Liebe und Freundschaft reden zugleich aus ihren Augen und aus ihrem

Munde, je mehr sie nach ihrer Meinung die erste verbergen will.

Lottchen. Ei, ei, mein lieber Herr Siegmund! Ich könnte bald einige

Minuten eifersüchtig werden. Nicht wahr, meine Schwester ist

reizender als ich? Aber dennoch lieben Sie mich.

Siegmund. Wer kann Sie einmal lieben und nicht beständig lieben?

Ihre Jungfer Schwester hat viele Verdienste; aber Sie haben ihrer weit

mehr. Sie kennen mein Herz. Dieses muß Ihnen für meine Treue der

sicherste Bürge sein.

Lottchen. Ja, ich kenne es und bin stolz darauf. Ach, mein liebster

Freund, ich muß Ihnen sagen, daß uns vielleicht ein kleines Glück

bevorsteht. Wollte doch der Himmel, daß es zu Ihrer Beruhigung etwas

beitragen könnte! Der Herr Vormund des Herrn Damis hat dem Papa in

einem Billette gemeldet, daß heute das Testament der Frau Muhme

Stephan geöffnet werden würde und daß er glaubte, sie würde den Papa

darinne bedacht haben. O wenn es doch die Vorsicht wollte, daß ich so

glücklich würde, Ihre Umstände zu verbessern!

Siegmund. Machen Sie mich nicht unruhig. Sie lieben mich mehr, als

ich verdiene. Gedulden Sie sich, es wird noch alles gut werden und...

Lottchen. Sie sind unruhig? Was fehlt Ihnen? Sagen Sie mir's. Mein

Leben ist mir nicht lieber als Ihre Ruhe.

Siegmund. Ach, mein schönes Kind, es fehlt mir nichts, nichts als das

Glück, Sie ewig zu besitzen. Ich bin etwas zerstreut. Ich habe diese

Nacht nicht wohl geschlafen.

Lottchen. O kommen Sie und werden Sie mir zuliebe munter. Wir wollen

erst zu Julchen auf ihre Stube und dann gleich zur Mahlzeit gehn.

(Ende des ersten Aufzugs.)

Die zärtlichen Schwestern · 第 18 / 61 题