Zehnter Auftritt

Der Magister. Cleon.

Der Magister. Ich habe deiner Tochter Julchen alle mögliche

Vorstellungen getan. Ich habe mit der größten Selbstverleugnung mit

ihr gesprochen. Ich habe ihr die stärksten Beweise angeführt; aber...

Cleon. O hättest du ihr lieber ein paar Exempel von glücklich

verheirateten Mädchen angeführt.

Der Magister. Sie widersprach mir mehr als einmal; aber ich kam nicht

aus meiner Gelassenheit. Ich erwies ihr, daß sie verbunden wäre zu

heiraten.

Cleon. Du hast dir viel Mühe geben. Ich denke, wenn ein Mädchen

achtzehn Jahre alt ist: so wird sie nicht viel wider diesen Beweis

einwenden können.

Der Magister. Julchen sah alles ein. Ich machte es ihr sehr deutlich.

Denn wenn man mit Ungelehrten zu tun hat, die nicht abstrakt denken

können: so muß man sich herunterlassen und das Ingenium zuweilen zu

Hülfe nehmen.

Cleon. Aber wie weit hast du Julchen durch deine Gründe gebracht?

Will sie den Herrn Damis heiraten? Hat sie denn ihre Herzensmeinung

nicht verraten? Ich kann ja den rechtschaffenen Mann nicht länger

aufhalten. Er meint es so redlich und hat so viele Verdienste.

Der Magister. Sie sagte, sie wäre unruhig. Und das war eben schlimm.

Denn die Gründe der Philosophie fordern ein ruhiges Herz, wenn sie

die Überzeugung wirken sollen. Wenn der Verstand durch die Triebe des

Willens bestürmt wird: so ist er nicht aufmerksam. Und ohne

Aufmerksamkeit sind die schärfsten Beweise nichts als stumpfe Pfeile.

Cleon. Rede nicht so tiefsinnig. Du hättest sie eben sollen ruhig

machen: so sähe ich den Nutzen von deiner Geschicklichkeit.

Der Magister. Ich versuchte alles. Ich zeigte ihr die schöne Seite

der Liebe. Ich sagte ihr erstlich, daß eine glückliche Ehe das größte

Vergnügen wäre.

Cleon. Ja, die glücklichen Ehen sind etwas sehr Schönes. Aber du

hättest ihr sagen sollen, daß ihre Ehe wahrscheinlicherweise sehr

glücklich werden würde. Das ist meine Absicht gewesen, warum ich dich

zu ihr geschickt habe.

Der Magister. Kurz und gut, durch Lehrsätze und Erweise ist sie nicht

zu gewinnen, das sehe ich wohl. Sie versteht wohl die einzelnen Sätze;

aber wenn sie sie in Gedanken zusammen verbinden und dem Schlusse das

Leben geben soll: so weichet ihr Verstand zurück, und sie wird

ungehalten, daß er sie verläßt.

Cleon. Also kannst du mir weiter nicht helfen und sie nicht überreden?

Der Magister. Es gibt noch gewisse witzige Beweise zur Überredung,

die man Beweise kat' anJrwpon nennen könnte. Dergleichen sind bei den

alten Rednern die Fabeln und Allegorien oder Parabeln. Bei Leuten,

die nicht scharf denken können, tun diese witzigen Blendwerke oft gute

Dienste. Ich will sehen, ob ich durch mein Ingenium das ausrichten

kann, was sie meinem Verstande versagt hat. Vielleicht macht ihr eine

Fabel mehr Lust zur Heirat als eine Demonstration. Ich will eine

machen und sie ihr vorlesen und tun, als ob ich sie in dem Fabelbuche

eines jungen Menschen in Leipzig gefunden hätte, der sich durch seine

Fabeln und Erzählungen bei der Schuljugend so beliebt gemacht hat.

Cleon. Ach ja, das tue doch, damit wir alles versuchen. Wenn die

Fabel hübsch ist: so kannst du sie gleich auf meiner Tochter Hochzeit

der Welt mitteilen. Mache nur nicht gar zu lange darüber. Eine Fabel

ist ja keine Predigt. Es muß ja nicht alles so akkurat sein. Meine

Tochter wird dich nicht verraten. Mache, daß sie ja spricht: so will

ich dir ohne Fabel, aber recht aufrichtig danken.

(Der Magister geht ab.)

Die zärtlichen Schwestern · 第 16 / 61 题