Der Magister. Cleon.
Der Magister. Ich habe deiner Tochter Julchen alle mögliche
Vorstellungen getan. Ich habe mit der größten Selbstverleugnung mit
ihr gesprochen. Ich habe ihr die stärksten Beweise angeführt; aber...
Cleon. O hättest du ihr lieber ein paar Exempel von glücklich
verheirateten Mädchen angeführt.
Der Magister. Sie widersprach mir mehr als einmal; aber ich kam nicht
aus meiner Gelassenheit. Ich erwies ihr, daß sie verbunden wäre zu
heiraten.
Cleon. Du hast dir viel Mühe geben. Ich denke, wenn ein Mädchen
achtzehn Jahre alt ist: so wird sie nicht viel wider diesen Beweis
einwenden können.
Der Magister. Julchen sah alles ein. Ich machte es ihr sehr deutlich.
Denn wenn man mit Ungelehrten zu tun hat, die nicht abstrakt denken
können: so muß man sich herunterlassen und das Ingenium zuweilen zu
Hülfe nehmen.
Cleon. Aber wie weit hast du Julchen durch deine Gründe gebracht?
Will sie den Herrn Damis heiraten? Hat sie denn ihre Herzensmeinung
nicht verraten? Ich kann ja den rechtschaffenen Mann nicht länger
aufhalten. Er meint es so redlich und hat so viele Verdienste.
Der Magister. Sie sagte, sie wäre unruhig. Und das war eben schlimm.
Denn die Gründe der Philosophie fordern ein ruhiges Herz, wenn sie
die Überzeugung wirken sollen. Wenn der Verstand durch die Triebe des
Willens bestürmt wird: so ist er nicht aufmerksam. Und ohne
Aufmerksamkeit sind die schärfsten Beweise nichts als stumpfe Pfeile.
Cleon. Rede nicht so tiefsinnig. Du hättest sie eben sollen ruhig
machen: so sähe ich den Nutzen von deiner Geschicklichkeit.
Der Magister. Ich versuchte alles. Ich zeigte ihr die schöne Seite
der Liebe. Ich sagte ihr erstlich, daß eine glückliche Ehe das größte
Vergnügen wäre.
Cleon. Ja, die glücklichen Ehen sind etwas sehr Schönes. Aber du
hättest ihr sagen sollen, daß ihre Ehe wahrscheinlicherweise sehr
glücklich werden würde. Das ist meine Absicht gewesen, warum ich dich
zu ihr geschickt habe.
Der Magister. Kurz und gut, durch Lehrsätze und Erweise ist sie nicht
zu gewinnen, das sehe ich wohl. Sie versteht wohl die einzelnen Sätze;
aber wenn sie sie in Gedanken zusammen verbinden und dem Schlusse das
Leben geben soll: so weichet ihr Verstand zurück, und sie wird
ungehalten, daß er sie verläßt.
Cleon. Also kannst du mir weiter nicht helfen und sie nicht überreden?
Der Magister. Es gibt noch gewisse witzige Beweise zur Überredung,
die man Beweise kat' anJrwpon nennen könnte. Dergleichen sind bei den
alten Rednern die Fabeln und Allegorien oder Parabeln. Bei Leuten,
die nicht scharf denken können, tun diese witzigen Blendwerke oft gute
Dienste. Ich will sehen, ob ich durch mein Ingenium das ausrichten
kann, was sie meinem Verstande versagt hat. Vielleicht macht ihr eine
Fabel mehr Lust zur Heirat als eine Demonstration. Ich will eine
machen und sie ihr vorlesen und tun, als ob ich sie in dem Fabelbuche
eines jungen Menschen in Leipzig gefunden hätte, der sich durch seine
Fabeln und Erzählungen bei der Schuljugend so beliebt gemacht hat.
Cleon. Ach ja, das tue doch, damit wir alles versuchen. Wenn die
Fabel hübsch ist: so kannst du sie gleich auf meiner Tochter Hochzeit
der Welt mitteilen. Mache nur nicht gar zu lange darüber. Eine Fabel
ist ja keine Predigt. Es muß ja nicht alles so akkurat sein. Meine
Tochter wird dich nicht verraten. Mache, daß sie ja spricht: so will
ich dir ohne Fabel, aber recht aufrichtig danken.
(Der Magister geht ab.)