Neunter Auftritt

Julchen. Der Magister.

Julchen. Ist es nicht möglich, daß ich allein sein kann? Müssen Sie

mich notwendig stören? Herr Magister! Sagen Sie mir's nur kurz, was

zu Ihren Diensten ist.

Der Magister. Jungfer Muhme, ich will etwas mit Ihnen überlegen.

Vielleicht bin ich wegen meiner Jahre und meiner Erfahrung nicht

ungeschickt dazu. Ich liebe Sie, und Sie wissen, was der Verstand für

eine unentbehrliche Sache bei allen unsern Handlungen ist.

Julchen. Ja, das weiß ich. Demungeachtet wollte ich wünschen, daß

ich heute gar keinen hätte; vielleicht wäre ich ruhiger.

Der Magister. Sie übereilen sich. Wer würde uns das Wahre von dem

Falschen, das Scheingut von dem wahren Gute unterscheiden helfen? Wer

würde unsern Willen zu festen und glücklichen Entschließungen bringen,

wenn es nicht der Verstand täte? Und würden Sie wohl so liebenswürdig

geworden sein, wenn Sie nicht immer verständig gewesen wären?

Julchen. Herr Magister, Sie sind ja nicht auf Ihrer Studierstube.

Was quälen Sie mich mit Ihrer Gelehrsamkeit? Ich mag ja nicht so

weise sein als Sie. Ich kann es auch nicht sein, weil ich nicht so

viel Geschicklichkeit besitze.

Der Magister. Zu eben der Zeit, da Sie wünschen, daß sie keine

Vernunft haben möchten, beweisen Sie durch Ihre Bescheidenheit, daß

Sie ihrer sehr viel haben. Ich fordere keine Gelehrsamkeit von Ihnen.

Ich will sogar die meinige vergessen, indem ich mit Ihnen spreche.

Sie sollen heute den Schritt zu Ihrem Glücke tun. Es scheint aber

nicht, daß Sie dazu entschlossen sind. Gleichwohl wünscht es Ihr Herr

Vater herzlich. Ich habe ihm versprochen, Ihnen einige kleine

Vorstellungen zu tun. Und ich wünschte, daß Sie solche anhören und

mir Einwürfe dagegen machen möchten. Dies kann ich, so alt ich bin,

doch wohl leiden. Die Liebe ist eine der schönsten, aber auch der

gefährlichsten Leidenschaften. Sie rächt sich an uns, wenn wir sie

verschmähen; und sie rächt sich auch, wenn wir uns in unserm Gehorsame

übereilen.

Julchen. Sie sind etwas weitläuftig in Ihren Vorstellungen. Allein,

Sie sollen ohne Einwurf recht haben. Lassen Sie mich nur in Ruhe.

Mein Verstand ist freilich nicht so stark an Gründen als eine

Philosophie. Dennoch ist er noch immer stark genug für mein Herz

gewesen.

Der Magister. Wissen Sie nicht, daß uns unsere Leidenschaften am

ersten besiegen, wenn sie am ruhigsten zu sein scheinen? Das Herz der

Menschen ist der größte Betrüger. Und der Klügste weiß oft selbst

nicht, was in ihm vorgeht. Wir lieben und werden es zuweilen nicht

eher gewahr, als bis wir nicht mehr geliebt werden. Dieses alles

sollen Sie nicht glauben, weil ich's sage. Nein, weil es die größten

Kenner des menschlichen Herzens, ein Sokrates, ein Plato, ein Seneca

und viele von den neuern Philosophen gesagt haben.

Julchen. Ich kenne alle diese Männer nicht und verlange sie auch

nicht zu kennen. Aber wenn sie so weise gewesen sind, wie Sie

behaupten, so werden sie wohl auch gesagt haben, daß man ein unruhiges

Herz durch viele Vorstellungen nicht noch unruhiger machen soll. Und

ich traue dem Plato und Seneca, und wie sie alle heißen, so viel

Einsicht und Höflichkeit zu, daß sie Sie bitten würden, mich zu

verlassen, wenn sie zugegen wären. Sobald ich die Leidenschaften und

insonderheit die Liebe nicht mehr regieren kann: so will ich Ihre

Philosophie um Beistand ansprechen.

Der Magister. Ihre Aufrichtigkeit gefällt mir, ob sie mir gleich zu

widersprechen scheint. Aber ich würde mich für sehr unphilosophisch

halten, wenn ich den Widerspruch nicht gelassen anhören könnte. Sie

sollen mich nicht beleidiget haben. Nein! Aber Sie sagen, Sie sind

unruhig. Sollte es itzt nicht Zeit sein, diese Unruhe durch

Überlegung zu dämpfen? Was verursacht Ihre Unruhe? Ist's der Affekt

der Liebe oder des Abscheus? Der Furcht oder des Verlangens? Ich

wollte wünschen, daß Sie ein anschauendes Erkenntnis davon hätten.

Wenn man die Ursache eines moralischen Übels weiß: so weiß man auch

das moralische Gegenmittel. Ich meine es gut mit Ihnen. Ich rede

begreiflich, und ich wollte, daß ich noch deutlicher reden könnte.

Julchen. Ich setze nicht das geringste Mißtrauen weder in Ihre

Aufrichtigkeit noch in Ihre Gelehrsamkeit. Aber ich bin verdrießlich.

Ich weiß nicht, was mir fehlt, und mag es auch zu meiner Ruhe nicht

wissen. Verlassen Sie mich. Sie sind mir viel zu scharfsinnig.

Der Magister. Warum loben Sie mich? Wenn Sie so viele Jahre der

Wahrheit nachgedacht hätten als ich: so würden Sie vielleicht ebenso

helle denken. Unterdrücken Sie Ihre Unruhe und überlegen Sie das

Glück, das sich Ihnen heute auf Ihr ganzes Leben anbietet. Herr Damis

verlangt Ihr Herz und scheint es auch zu verdienen. Was sagt Ihr

Verstand dazu? Auf die Wahl in der Liebe kömmt das ganze Glück der

Ehe an; und kein Irrtum bestraft uns so sehr als der, den wir in der

Liebe begehn. Allein wenn kann man sich leichter irren als bei dieser

Gelegenheit?

Julchen. Ich glaube, daß dieser Unterricht recht gut ist. Aber was

wird er mir nützen, da ich nicht lieben will?

Der Magister. Sie reden sehr hitzig. Dennoch werde ich nicht aus

meiner Gelassenheit kommen. Sie wollen nicht lieben, nicht heiraten?

Aber wissen Sie denn auch, daß Sie dazu verbunden sind? Soll ich

Ihnen den Beweis aus meinem Rechte der Natur vorlegen? Sie wollen

doch, daß das menschliche Geschlecht erhalten werden soll? Dieses ist

ein Zweck, den uns die Natur lehrt. Das Mittel dazu ist die Liebe.

Wer den Zweck will, der muß auch das Mittel wollen, wenn er anders

verständig ist. Sehn Sie denn nicht, daß Sie zur Ehe verbunden sind?

Sagen Sie mir nur, ob Sie die Kraft dieser Gründe nicht fühlen?

Julchen. Ich fühle sie in der Tat nicht. Und wenn die Liebe nichts

ist als eine Pflicht: so wundert mich's, wie sie so viele Herzen an

sich ziehen kann. Ich will ungelehrt lieben. Ich will warten, bis

mich die Liebe durch ihren Reiz bezaubern wird.

Der Magister. Jungfer Muhme, das heißt halsstarrig sein, wenn man die

Augen vor den klärsten Beweisen zuschließt. Wenn Sie erkennen, daß

Sie zur Ehe verbunden sind, wie könnte denn Ihr Wille undeterminiert

bleiben? Ist denn der Beifall im Verstande und der Entschluß im

Willen nicht eine und ebendieselbe Handlung unserer Seele? Warum

wollen Sie sich denn nicht zur Heirat mit dem Herrn Damis entschließen,

da Sie sehen, daß Sie eine Pflicht dazu haben?

Julchen. Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Magister, daß ich Sie

verlasse, ohne von Ihrer Sittenlehre überzeugt zu sein. Was kann ich

armes Mädchen dafür, daß ich nicht so viel Einsicht habe als Plato,

Seneca und Ihre andern weisen Männer? Machen Sie es mit diesen Leuten

aus, warum ich keine Lust zur Heirat habe, da ich doch durch ihren

Beweis dazu verbunden bin. Ich habe noch etliche Anstalten in der

Küche zu machen.

Die zärtlichen Schwestern · 第 15 / 61 题