Julchen. Lottchen.
Lottchen. Ich will sie gleich holen, wenn du es haben willst. Aber,
mein Kind, was hast du mit dir allein zu reden? Es ist ja sonst deine
Art nicht, daß du mit der Einsamkeit sprichst?
Julchen. Wenn hätte ich denn mit mir allein geredet? Ich weiß nicht,
daß ich heute allen so verdächtig vorkomme.
Lottchen. Aber woher wüßte ich's, daß du die Laute hättest haben
wollen, wenn du nicht geredt hättest? Mich hast du nicht gesehen,
liebes Kind, und also mußt du wohl mit dir selbst geredt haben. Ich
dächte es wenigstens, oder bist du anderer Meinung?
Julchen. Ihr müßt euch alle beredt haben, mir zu widersprechen.
Lottchen. Wieso? Ich habe dir nicht widersprochen. Und wenn es Herr
Damis getan hat, so kann ich nichts dafür. Warum ziehst du deine
guten Freunde nicht besser? Er sagte mir im Vorbeigehen, du wärest
recht böse geworden, weil er es etliche Mal versehen und wider sein
Versprechen an die Liebe gedacht hätte.
Julchen. Schwester, ich glaube, Ihr kommt, um Rechenschaft von mir zu
fordern. Ihr hört es ja, daß ich mich nicht zur Liebe zwingen lasse.
Lottchen. Recht, Julchen, wenn dir Herr Damis zuwider ist: so bitte
ich dich selber, liebe ihn nicht.
Julchen. Was das für ein weiser Spruch ist! Wenn er dir zuwider ist..
. Muß man denn einander hassen, wenn man nicht lieben will? Ich habe
ja noch nicht gefragt, ob dir dein Herr Siegmund zuwider ist.
Lottchen. Nein, du hast mich noch nicht gefragt. Aber wenn du mich
fragen solltest, so würde ich dir antworten, daß ich ihn recht
zärtlich, recht von Herzen liebe und mich meiner Zärtlichkeit nicht
einen Augenblick schäme. Es gehört weit mehr Hoheit des Gemüts dazu,
die Liebe vernünftig zu fühlen, als die Freiheit zu behaupten.
Julchen. Ich möchte vor Verdruß vergehen. Herr Damis hat gleich
vorhin das Gegenteil behauptet. Wem soll man nun glauben? Nehmt
mir's nicht übel, meine Schwester, ich weiß, daß Ihr mehr Einsicht
habt als ich; aber erlaubt mir, daß ich meinen Einfall dem Eurigen
vorziehe. Und warum kann Herr Damis nicht so gut recht haben als Ihr?
Ihr habt ja immer gesagt, daß er ein vernünftiger und artiger Mann
wäre.
Lottchen. Das Beiwort artig hätte nicht eben notwendig zu unserer
Streitfrage gehört; aber vielleicht gehört diese Vorstellung sonst in
die Reihe deiner Empfindungen. Herr Damis ist ganz gewiß verständiger
als ich; aber er ist auch ein Mensch wie ich; und der beste Verstand
hat seine schwache Seite.
Julchen. Lottchen, also seid Ihr hiehergekommen, um mir zu
demonstrieren, daß Herr Damis ein Mensch und kein Engel am Verstande
ist? Das glaube ich. Aber, mein liebes Lottchen, Eure Spöttereien
sind mir sehr erträglich. Ich könnte Euch leicht die Antwort
zurückgeben, daß Euer Herr Siegmund auch unter die armen Sterblichen
gehörte; aber ich will es nicht tun. Ihr würdet nur denken, daß ich
aus Eigensinn den Herrn Damis verteidigen wollte. Nein, er soll nicht
den größten Verstand haben; er soll nicht so galant, nicht so
liebenswürdig sein als Euer Siegmund. So habe ich noch eine Ursache
mehr, meine Freiheit zu behaupten und ihn nicht zu lieben.
Lottchen. Mein liebes Kind, du kömmst recht in die Hitze. Du
schmälst auf mich und meinen Geliebten, und ich bleibe dir doch gut.
Man kann dich nicht hassen. Du trägst dein gutes Herz in den Augen
und auf der Zunge, ohne daß du daran denkst. Du bist meine liebe
schöne Schwester. Deine kleinen Fehler sind fast ebenso gut als
Schönheiten. Wenigstens kann man sie nicht begehen, wenn man nicht so
aufrichtig ist, wie du bist. Kind, ich habe diese Nacht einen
merkwürdigen Traum von einer jungen angenehmen Braut gehabt und ich...
Julchen. Ich bitte dich, liebe Schwester, laß mich allein. Ich bin
verdrießlich, recht sehr verdrießlich, und ich werde es nur mehr, je
mehr ich rede.
Lottchen. Bist du etwan darüber verdrießlich, daß ich in der
Heftigkeit ein Wort wider den Herrn Damis...?
Julchen. O warum denkst du wieder an ihn? Willst du mich noch mehr
zu Fehlern bringen? Laß ihm doch seinen schwachen Verstand und mir
meinen verdrießlichen Geist und das Glück, einige Augenblicke allein
zu sein. Die ältern Schwestern haben doch immer etwas an den jüngern
auszusetzen.
Lottchen. Ich höre es wohl, ich soll gehen. Gut. Komm bald nach,
sonst mußt du wieder mit dir allein reden.