Achter Auftritt

Julchen. Lottchen.

Lottchen. Ich will sie gleich holen, wenn du es haben willst. Aber,

mein Kind, was hast du mit dir allein zu reden? Es ist ja sonst deine

Art nicht, daß du mit der Einsamkeit sprichst?

Julchen. Wenn hätte ich denn mit mir allein geredet? Ich weiß nicht,

daß ich heute allen so verdächtig vorkomme.

Lottchen. Aber woher wüßte ich's, daß du die Laute hättest haben

wollen, wenn du nicht geredt hättest? Mich hast du nicht gesehen,

liebes Kind, und also mußt du wohl mit dir selbst geredt haben. Ich

dächte es wenigstens, oder bist du anderer Meinung?

Julchen. Ihr müßt euch alle beredt haben, mir zu widersprechen.

Lottchen. Wieso? Ich habe dir nicht widersprochen. Und wenn es Herr

Damis getan hat, so kann ich nichts dafür. Warum ziehst du deine

guten Freunde nicht besser? Er sagte mir im Vorbeigehen, du wärest

recht böse geworden, weil er es etliche Mal versehen und wider sein

Versprechen an die Liebe gedacht hätte.

Julchen. Schwester, ich glaube, Ihr kommt, um Rechenschaft von mir zu

fordern. Ihr hört es ja, daß ich mich nicht zur Liebe zwingen lasse.

Lottchen. Recht, Julchen, wenn dir Herr Damis zuwider ist: so bitte

ich dich selber, liebe ihn nicht.

Julchen. Was das für ein weiser Spruch ist! Wenn er dir zuwider ist..

. Muß man denn einander hassen, wenn man nicht lieben will? Ich habe

ja noch nicht gefragt, ob dir dein Herr Siegmund zuwider ist.

Lottchen. Nein, du hast mich noch nicht gefragt. Aber wenn du mich

fragen solltest, so würde ich dir antworten, daß ich ihn recht

zärtlich, recht von Herzen liebe und mich meiner Zärtlichkeit nicht

einen Augenblick schäme. Es gehört weit mehr Hoheit des Gemüts dazu,

die Liebe vernünftig zu fühlen, als die Freiheit zu behaupten.

Julchen. Ich möchte vor Verdruß vergehen. Herr Damis hat gleich

vorhin das Gegenteil behauptet. Wem soll man nun glauben? Nehmt

mir's nicht übel, meine Schwester, ich weiß, daß Ihr mehr Einsicht

habt als ich; aber erlaubt mir, daß ich meinen Einfall dem Eurigen

vorziehe. Und warum kann Herr Damis nicht so gut recht haben als Ihr?

Ihr habt ja immer gesagt, daß er ein vernünftiger und artiger Mann

wäre.

Lottchen. Das Beiwort artig hätte nicht eben notwendig zu unserer

Streitfrage gehört; aber vielleicht gehört diese Vorstellung sonst in

die Reihe deiner Empfindungen. Herr Damis ist ganz gewiß verständiger

als ich; aber er ist auch ein Mensch wie ich; und der beste Verstand

hat seine schwache Seite.

Julchen. Lottchen, also seid Ihr hiehergekommen, um mir zu

demonstrieren, daß Herr Damis ein Mensch und kein Engel am Verstande

ist? Das glaube ich. Aber, mein liebes Lottchen, Eure Spöttereien

sind mir sehr erträglich. Ich könnte Euch leicht die Antwort

zurückgeben, daß Euer Herr Siegmund auch unter die armen Sterblichen

gehörte; aber ich will es nicht tun. Ihr würdet nur denken, daß ich

aus Eigensinn den Herrn Damis verteidigen wollte. Nein, er soll nicht

den größten Verstand haben; er soll nicht so galant, nicht so

liebenswürdig sein als Euer Siegmund. So habe ich noch eine Ursache

mehr, meine Freiheit zu behaupten und ihn nicht zu lieben.

Lottchen. Mein liebes Kind, du kömmst recht in die Hitze. Du

schmälst auf mich und meinen Geliebten, und ich bleibe dir doch gut.

Man kann dich nicht hassen. Du trägst dein gutes Herz in den Augen

und auf der Zunge, ohne daß du daran denkst. Du bist meine liebe

schöne Schwester. Deine kleinen Fehler sind fast ebenso gut als

Schönheiten. Wenigstens kann man sie nicht begehen, wenn man nicht so

aufrichtig ist, wie du bist. Kind, ich habe diese Nacht einen

merkwürdigen Traum von einer jungen angenehmen Braut gehabt und ich...

Julchen. Ich bitte dich, liebe Schwester, laß mich allein. Ich bin

verdrießlich, recht sehr verdrießlich, und ich werde es nur mehr, je

mehr ich rede.

Lottchen. Bist du etwan darüber verdrießlich, daß ich in der

Heftigkeit ein Wort wider den Herrn Damis...?

Julchen. O warum denkst du wieder an ihn? Willst du mich noch mehr

zu Fehlern bringen? Laß ihm doch seinen schwachen Verstand und mir

meinen verdrießlichen Geist und das Glück, einige Augenblicke allein

zu sein. Die ältern Schwestern haben doch immer etwas an den jüngern

auszusetzen.

Lottchen. Ich höre es wohl, ich soll gehen. Gut. Komm bald nach,

sonst mußt du wieder mit dir allein reden.

Die zärtlichen Schwestern · 第 14 / 61 题