»Donnerwetter, haben Sie einen Dusel gehabt, so ungeschoren hier
hereinzukommen! Uns haben die Hosen geflattert, als wir Sie so dicht am
Engländer vorbeijagen sahen!« meint Kapitän Schaap nach den ersten
Worten der Begrüßung. Er hat lange Zeit einen kleinen Dampfer hier an
der Küste gefahren und kennt jedes Loch wie seine Westentasche. Er ist
der »Marie« in einem kleinen Boote entgegengefahren, um sie durch die
gefährliche Einfahrt so weit aufwärts zu bringen, daß sie gegen Sicht
von See aus geschützt ist und auch ohne besondere große Vorbereitungen
löschen kann. Das blaue Wasser des Ozeans, das bei den geringeren
Wassertiefen bereits eine zartgrüne Farbe angenommen hatte, macht jetzt
trübem Braun Platz. Die Regenzeit herrscht noch, es gießt täglich
mehrere Stunden vom Himmel herunter, alle Flußläufe führen Wasser, das
in starkem Strom Schwemmland mit sich nach See zu reißt.
Von beiden Seiten tritt das Land näher heran. Bis weit in das Wasser
stehen an einzelnen Stellen üppige Mangrovebüsche, die in ihrer
tropischen Fülle kaum einen Durchblick gestatten; dahinter breitet sich
die Höhen hinan Urwald. Eine undurchdringliche grüne Mauer, durch die
sich Lianen und Schlinggewächse ziehen, und durch deren Dunkel
sicherlich noch kein Sonnenstrahl gedrungen ist. Den Boden bildet ein
wirres Durcheinander gefallener Stämme, aus deren Moder in
unerschöpflicher Fülle neues Leben emporsprießt. Die Erde hier trocknet
nie aus und wehrt sich erfolgreich gegen jeden Eindringling.
Hart arbeitet die Schraube gegen die Strömung an, die hier mehrere
Meilen läuft. Der Dampfer muß unbedingt noch vor Anbruch der Nacht
seinen Liegeplatz erreichen, um sich nicht am nächsten Tage durch
aufsteigenden Rauch den Engländern, die draußen kreuzen und die Küste
scharf beobachten, zu verraten. Eine vorspringende Huck wird gerundet.
An Steuerbord öffnet sich der Busch, helle Häuser, Negerhütten, mit
Stroh und Schilf gedeckt, treten an das Wasser heran, wo eine
Aufschüttung das Anlegen von Leichtern ermöglicht: Ssudi. Querab rasselt
zuerst der Steuerbord-, dann der Backbordanker in den Grund. Zweimal
noch wird Kette gesteckt, bis genügend von ihr aus ist, dann liegt der
Dampfer still.
Mit einem Schlage, fast ohne Uebergang, bricht die Tropennacht herein.
Kaum hundert Meter ab liegt das Land. Nichts ist zu sehen, tiefe
Dunkelheit lagert gleichmäßig über der Bucht und den Ufern. An Land
flackert ein kleines offenes Feuer. Mehrere Gestalten zeigen sich
mitunter in seinem Scheine, huschen hin und her und verschwinden im
Innern einer Hütte.
Tiefe Stille breitet sich nach den Aufregungen des Tages. Kein Laut
unterbricht sie. Das eintönige Rauschen des Flusses nur, der sich am Bug
teilt, ist zu hören. Nach mehr als zwei Monaten die erste Nacht, in der
das Stampfen der Maschine verstummt, in der nicht von Bord aus
unablässig die Dunkelheit durchforscht werden muß. Kein Spähen nach dem
Feinde. Wohltuende, völlige Entspannung aller Nerven. Auch heute liegt
der Dampfer dicht abgeblendet, kein Lichtschimmer dringt nach außen.
Diesmal freilich gilt die Vorsicht weniger dem Gegner als den Moskitos,
die zu Tausenden längs des Flusses schwirren. Zum erstenmal auch seit
langem sitzt die Mannschaft, bis auf die paar Leute, die in Heizraum,
Maschine und an Oberdeck Wache halten, zusammen auf der Back. Helle
Freude herrscht überall über die gelungene Fahrt. Besonders
schmeichelhafte Urteile werden über den Engländer gefällt, der so
liebenswürdig war, ihr Schiff ungestört seines Weges ziehen zu lassen.
Was die nächsten Tage und Monate bringen werden, wie sich das weitere
Schicksal der »Marie« gestalten wird, bekümmert sie heute nicht. Ist’s
bisher gut gegangen, wird es auch ferner glücken.
Bedeutend ernster ist die Stimmung unter den Offizieren, die im Salon
versammelt sind. Der gefährlichste Teil des Auftrages ist allerdings
ausgeführt, und was der geglückte Durchbruch bedeutet, welchen Einfluß
die Ladung auf den Fortgang der Operationen haben wird, das erzählt
ihnen jetzt Kapitän Schaap, der die Nacht über an Bord bleibt. Seit
Stunden schon ist die Meldung über das unbemerkte Einlaufen abgegangen.
Welche Freude mag sie auslösen! Freilich noch lange nicht ist die Gefahr
geschwunden, immer noch ist es möglich, daß die Engländer den Dampfer
nachträglich aufspüren. Wie leicht kann es ihm dann gehen wie dem
Dampfer, der ein Jahr vorher schon mit ähnlicher Ladung unter Kapitän
Christiansen die Blockade brach. Auch er war glücklich in die weiter
nördlich gelegene Mansa-Bucht hereingekommen. Dabei aber spürte ihn der
englische Kreuzer »Hyacinth« auf und eröffnete das Feuer auf ihn.
Stundenlang wurde er beschossen, bis er brennend sank. Ein glückliches
Geschick ließ ihn allerdings so wegsacken, daß keine Explosion erfolgte
und die Ladung geborgen werden konnte. Unendlich mühselig war die
Arbeit, monatelang dauerte es, bis die letzte Kiste an Land geschafft
war.
Vor allem gelten die Besprechungen dem Löschen der Ladung. So leicht und
selbstverständlich die Befrachtung mit Hilfe der zahlreichen
Einrichtungen in der Heimat durchzuführen war, so schwer gestaltet sich
hier das Löschen, wo jede Hafeneinrichtung fehlt und wo menschlicher
Geist für die Maschinen Ersatz suchen muß. Glücklicherweise ist ein Teil
der Besatzung der »Königsberg« dazu bestimmt, mit Hand anzulegen und hat
auch bereits Vorbereitungen getroffen.
Frühzeitig begibt sich alles zur Ruhe. Der morgige Tag erfordert alle
Kräfte. Draußen kreuzt der Feind, jede Stunde kann die Entdeckung
bringen. Was dem Schiff selbst geschieht, ist zunächst gleichgültig, die
Ladung aber muß in Sicherheit gebracht und so schnell wie möglich aus
der gefährlichen Nähe des Gegners weg an die Front geschafft werden.
Vorn und achtern in den Logis ist längst alles zur Ruhe gegangen. Auch
im Salon verstummt allmählich das Gespräch. Einer nach dem andern sucht
seine Kammer auf. Das Licht erlischt. Kein Laut mehr. Nur das
gleichmäßige Auf und Ab der Wache klingt durch die Nacht.
Die ersten Sonnenstrahlen schießen im Osten hoch. Der nachtdunkle Himmel
erhellt sich, wird grau, heller und heller, geht für Sekunden in
flammendes Rot über, bis die Sonne über den dichtbewaldeten Höhen
erscheint. Die bläulichen Morgennebel, die über Fluß und Wald lagern,
scheinen in sich zu zerfließen. Eine Weile noch haften sie am Grün, dann
verschwinden sie und geben den Blick frei. Das Leben erwacht. Längst
sind die Ladeluken geöffnet, der Dampf für die Winden wird zur Probe
angelassen. Ratternd beginnen sie sich zu drehen, die Ladebäume neigen
sich zum Hieven. Gleichzeitig fast mit den Vorbereitungen an Bord stoßen
von Land mehrere Leichter ab. Von Weitem schon klingen fröhliche Zurufe
herüber. Leute der »Königsberg« kommen mit zahlreichen Eingeborenen, um
mit Hand anzulegen beim Löschen der Ladung.
Längst bevor der Tag graut, ist der alte Eilers an Deck gekommen. Schon
am Abend hat ihm Kapitän Sörensen mitgeteilt, daß Mannschaften der
»Königsberg« hier an Land seien und morgen an Bord kämen. Seither hat er
auch nicht einen Augenblick Ruhe gefunden. Während die andern im tiefen
Schlummer der Erschöpfung noch gleichmäßig atmen, hat er sich erhoben
und ist an Deck gehuscht. Ob sein Junge dabei sein wird? Sicher ist, daß
er von den Kameraden Näheres über sein Schicksal erfährt. Seit dem
Anbruch des Tages spähen seine Blicke ununterbrochen hinüber nach Land.
Er sieht die vielen Gestalten der deutschen Seeleute, die dort an den
Prähmen herumhantieren, aber die Entfernung ist zu groß, um die
Gesichter erkennen zu können. Sie gleichen einander vorläufig alle. Dann
endlich, viel zu langsam für seine Ungeduld, setzen sie ab und kommen
bei der Strömung heran. Näher und näher. Jetzt sind Gesichter
auszumachen. Tiefbraun, sonnenverbrannt. Die Stimmung unter ihnen
scheint überaus vergnügt; leicht begreiflich. Gibt’s hier doch wieder
seemännische Arbeit nach dem langen Einerlei der letzten Monate. Nicht
eine Sekunde läßt sie der Alte aus den Augen, auf jedem einzelnen
Gesicht haftet sein suchender Blick. Vorn der Junge, der könnte es wohl
sein, wenn er nicht so breit und kräftig wäre, aber das Gesicht? ...
Zitternd, als wenn ihm der Laut nicht aus der Kehle wollte, klingt es
von der Reeling zum Boote hinunter: »Willem!« ... Und ein zweitesmal,
lauter, kräftiger, als hätte er nun die Befangenheit überwunden. Mit
einem Ruck fährt der Junge hoch, erstaunt sucht sein Blick nach dem, der
ihn gerufen. Ein kurzes Stutzen, ein jauchzender Laut: »Vadder! Wo kumst
du her? Büst du dat würklich?« Und ebenso die Antwort: »Jo, Junge, jo,
ick bünt! Oh, wat’n Glück, dat ick di wedder seg!« ...
Leinen fliegen hinunter auf die Leichter, sofort werden sie belegt, und
nach Minuten sind die plumpen Fahrzeuge längsseit festgemacht. Der
erste, der sich über die Reeling schwingt, ist der junge Eilers. Mit
einem Satz ist er bei seinem Vater. Keine Umarmung. Nur fest umschließen
sich die Hände, als wollten sie sich niemals loslassen. Lange blickt der
Alte dem Sohn in die Augen, dann gibt er ihn frei. Kein Wort weiter wird
gewechselt. Der Junge ist noch derselbe, wie er von ihm ging, nur
gehärtet noch durch die fast zwanzig Monate Krieg. Kein Kind mehr; der
da vor ihm steht, ist ein Mann geworden, mit dem er wohl zufrieden sein
kann. Die Arbeit ruft. Was die beiden einander sich zu sagen haben, soll
bis zum Abend aufgeschoben werden.
Die Winden rattern, eine Kiste nach der andern wird geheißt, schwebt
Sekunden über dem Deck und gleitet in die Leichter, die bald gefüllt
nach Land zu streben, um anderen, leeren, Platz zu machen. Glühendheiß
brennt die Tropensonne herunter. Längst arbeiten die Leute nur mit
Troiern und Hosen bekleidet, während der Tropenhelm mit dem
Nackenschleier sie gegen die sengenden Strahlen schützt. Unaufhörlich
rinnt der Schweiß vom Körper. Ein flüchtiges Wischen mit dem
braungebrannten Unterarm, und angespannt geht die Arbeit weiter. Sie
wissen alle, worum es sich handelt. Nicht eine Sekunde darf verloren
gehen, bis zum Aeußersten muß das Tageslicht ausgenutzt werden. Kaum daß
die Leute sich Zeit zum Mittagessen gönnen. Lange schon haben sie
handfeste deutsche Kost entbehrt und mit dem vorlieb nehmen müssen, was
das Land ihnen bot. Noch aber ist der letzte Bissen nicht hinunter, als
alle Hände schon wieder zugreifen. Hoch oben im Ausguck sitzt ein
Matrose. Er lugt nach der Ausfahrt, um das Nahen eines Feindes zu
melden. Zum Glück aber zeigt sich nichts, und ungehindert nimmt die
Arbeit ihren Fortgang.
Der Abend naht, und mit einem Schlage macht die Dunkelheit dem Treiben
ein Ende. Ein Teil der »Königsberg«-Mannschaft bleibt die Nacht über an
Bord, um beim Morgengrauen gleich zur Stelle zu sein ... Sie sitzen an
Deck, hauen in die langentbehrten Speckerbsen ein und suchen dann den
Moskitos durch mächtiges Qualmen entgegenzuwirken.
Auf der Back hat sich um Eilers und seinen Jungen eine kleine Gruppe
gebildet. Während des Tages haben die beiden kaum Gelegenheit gehabt,
ein Wort zu wechseln. Jetzt tauschen sie, leise flüsternd, die Gedanken
aus, die sie bewegen. Wie es mit dem Krieg geht, fragt der Junge, wie es
in dem kleinen Häuschen zu Hause in Krautsand an der unteren Elbe
aussieht, wer von den Freunden hinauszog und wer geblieben ist. Dann muß
der Sohn dem Vater erzählen. Von seinen Erlebnissen, seit er Anfang Mai
1914 auf der »Königsberg« die Heimat verließ. Große Reden kann er nicht
führen. Schlicht, wie sich eben alles in ihm abgespielt hat, berichtet
er. Merkt nicht, wie das Gespräch um ihn mehr und mehr verstummt, wie
sie alle an seinen Lippen hängen, gerührt von der Erzählung, die gerade
so, wie der Junge sie wiedergibt, ein Bild des Heldentums der auf sich
selbst angewiesenen und dem sicheren Tode geweihten Auslandskreuzer
ist:
»Daß wir Anfang Mai von Wilhelmshaven abfuhren, weißt du ja, Vadder, und
meinen Brief aus Port Said werdet ihr wohl noch bekommen haben. Dann
ging die Geschichte los. Wir waren eben auf unserer Station in Tanga
angekommen. Es war Ende Juli, als die Depeschen von zu Hause kamen, daß
es wohl bald Krieg geben würde. Zuerst wollten wir das gar nicht
glauben, dann aber nahmen wir soviel Kohlen und hatten auch einen ganzen
Haufen von an Deck stehen, daß wir uns selbst sagen mußten, es würde
doch ernst werden. Dann gingen wir in See, um feindliche Handelsschiffe
zu jagen. Na, es hat auch gar nicht lange gedauert. Am 6. August hatten
wir schon den ersten gekitscht. Ein großer Kerl war es, ein Engländer,
hieß »City of Winchester«. Paar Tage behielten wir ihn bei uns, dann
haben wir ihn doch versäuft, wir konnten uns nicht länger mit ihm
besacken. Vater, das machte wohl Spaß. Das Schönste kam aber, als wir
den englischen Kreuzer »Pegasus« zu fassen kriegten. Dieser Kerl hatte
die offenen Städte an der Küste beschossen, wo sie sich doch gar nicht
verteidigen konnten. Ein paar Tage haben wir den Burschen umsonst
gesucht. An der Küste war er nicht mehr, er konnte nur in Sansibar sein.
Wir also möglichst vorsichtig heran. Es war Sonntag morgen und noch
pickeduster. Weit draußen trafen wir ein englisches Wachschiff. Drei
Schüsse, und es sackte weg. Eben ging die Sonne hoch, da meldet auch
schon der Ausguck, daß im Hafen, von dem wir ungefähr sechs Seemeilen ab
waren, unser Kreuzer liegt. Bis auf achtzig Hektometer, weißt du, Vater,
das sind acht Kilometer, gingen wir heran, und dann haben wir
herausgejagt aus unseren Kanonen, was nur heraus wollte. Und ich kann
dir sagen: das war fein! In einer Viertelstunde brannte der Pott
lichterloh und sackte weg. Wir sahen bloß noch, wie die Boote haste was
kannste nach Land pullten. Den haben wir ja fein hingekriegt!
Dann kamen aber bald böse Zeiten. Wir konnten schlecht Kohlen bekommen
und waren schließlich in den Rufidji-Fluß hineingelaufen, wo einer von
unseren Kohlendampfern lag. Ein halbes Dutzend Engländer ungefähr war
uns auf dem Hals, und dort fanden sie uns. Herankommen an uns konnten
sie nicht, weil sie zu tief gingen, aber sie wollten uns auch nicht
wieder herauslassen; so haben sie einen von unseren Dampfern und einen
Engländer in der Mündung versenkt. Da lagen wir nun fest. Es gab wohl
noch ein paar andere Auswege nach See zu, aber da konnten wir nicht
hinkommen, da es zu seicht war. Lange blieb uns auch gar nicht Zeit
dazu. Sie hatten bald ein paar Kanonenboote mit Haubitzen von England
geholt, die uns nun auf den Pelz rücken wollten. Das kannst du mir aber
glauben, ganz leicht haben wir sie nicht an uns herangelassen.
Wir waren so weit heraufgegangen, wie nur möglich, und lagen ganz schön
versteckt hinter den Palmen, als die Schießerei losging. Die großen
Schiffe hatten ja öfters schon von See aus auf uns gefeuert, aber die
Granaten waren alle über uns weggeflogen. Hättest mal sehen sollen, wie
der Schlick hochging, wenn ein dicker Brummer mitten hineinflog.
Mit unseren Kanonen konnten wir auch nicht viel machen. Da haben wir sie
an einer Seite abmontiert und an Land geschleppt. Das war eine Arbeit!
Soweit wie möglich haben wir sie ja auseinandergenommen, dann ging es
tagelang durch den Schlick und den Urwald nach der Mündung, ohne daß die
Engländer etwas merkten. Bis zum Bauch sackten wir oft ein, aber es
mußte geschafft werden, und unsere Offiziere haben uns fix
herangekriegt. Immer wieder rissen wir uns hoch und keuchten weiter. Das
schlimmste waren die Nächte in dem Gestrüpp. Kaum daß wir ein Plätzchen
hatten, wo wir uns hinlegen konnten. Und dann die verfluchten Moskitos!
Unser Doktor hatte uns aber ordentlich Chinin mitgegeben, und das aßen
wir. Nach ein paar Tagen hatten wir aber auch unsere Kanonen schon
aufgebaut, und als die Engländer wieder herankamen, ging’s los. Die
haben ja Augen gemacht, als wir in ihrem Rücken zu ballern anfingen.
Damit haben sie nicht gerechnet.
Dann nahmen sie uns auch von See wieder unter Feuer. Das war ja wohl
nicht ganz so schön. Die Granaten von den großen und kleinen Schiffen
heulten nur so um uns herum. Äste, Zweige, ganze Baumkronen kamen von
oben herunter. Trotzdem haben wir uns lange gehalten. Bis wir nicht mehr
konnten. Darfst aber nicht glauben, daß vielleicht einer von uns schlapp
gemacht hätte! Das gab es nicht! Die Tage wird wohl keiner von uns
vergessen. Mitunter hatten wir achtundvierzig Stunden nichts zu essen.
Nachts fand keiner durch den Urwald, nur die Neger, die die Wege genau
kannten, brachten uns das Nötigste. Freilich, fett konnten wir dabei
nicht werden. Aber wir freuten uns trotzdem, daß wir den Engländern doch
ihre Geschichte mächtig versalzen haben. Als sie dann landeten und wir
auch nicht recht mehr Granaten hatten, haben wir unsere Kanonen abgebaut
und in Sicherheit gebracht. Nachgekommen sind sie uns nicht, dazu hatten
sie viel zu viel Manschetten vor uns.
Böse wurde der Kram, als die englischen Flieger kamen. Einen haben wir
heruntergeknallt, zwei andere aber konnten nachher das Feuer doch so
leiten, daß die arme »Königsberg« einen Treffer nach dem andern
kriegte. Im Juli haben sie uns an zwei Tagen vom frühen Morgen bis in
die Nacht hinein beschossen. Viel ist nicht übrig geblieben. Die
Geschützmannschaften des Vorschiffes waren alle tot, der Kommandant
auf der Brücke schwer verwundet, das ganze Oberdeck brannte. Im
Achterschiff ging die Gebrauchsmunition an den Geschützen hoch, und
schließlich fing alles Feuer. Dann ließ unser schwer verwundeter
Kapitän die Munitionskammern fluten. Zweimal haben sie an Bord noch
geschossen und mit dem letzten Schuß den einen von den beiden Fliegern
heruntergeholt. Dann war es aus. Alles an Oberdeck war tot oder
verwundet, auch der Klaus Mewes von Nachbars ist geblieben. Die noch
lebten, nahmen die Verwundeten mit an Land, und dann hat unser Erster
Offizier mit einem Torpedokopf unser schönes Schiff gesprengt, daß
es in zwei Stücken auseinanderbrach. Die Flaggen wehten noch an den
Masten, und eben vor dem Dusterwerden haben wir sie ganz zerschossen
heruntergeholt und geborgen.
Über acht Monate haben sich die Engländer an uns gequält, und glaub’s
mir, Vater, wenn es nicht so viele gewesen wären, hätten sie uns
überhaupt nicht gekriegt. Nur die Flieger und die Haubitzen haben’s
gemacht. Wir haben aber auch ein paar Gefangene mitgebracht von dem
Flugzeug, das wir vor Weihnachten abgeschossen hatten. Die Kerls mußten
heruntergehen und trieben an Land. Da sind wir fix losgelaufen. Sie
wollten wieder ausrücken, aber wir ihnen nach, in den Modder hinein.
Schön sahen wir ja nicht aus, dafür aber hatte uns unser Oberleutnant
belobt und auch dem Kapitän von uns erzählt.
Dann wurden wir überall hin verteilt: ein paar kamen auf die großen
Seen, andere sind bei der Schutztruppe, und auch wir an Land haben hier
schon allerlei erlebt.«
»Na, Gott sei Dank, daß nur dir nichts passiert ist, mein Jung! Das ist
ja die Hauptsache!«
»Ja, Vadder, jetzt geht’s uns ja tadellos. Wir haben ordentlich
Schakulla gemacht. Weißt du, so sagen die Schwarzen hier, die sich am
liebsten den ganzen Tag den Bauch vollschlagen möchten. Aber es ist man
gut, daß du uns nicht gesehen hast, als wir vom Busch zurückkamen. Das
schlimmste war die Regenzeit. Wochenlang hat es Tag und Nacht gegossen,
daß wir mitunter kaum hundert Meter weit gucken konnten. Wir hatten uns
wohl ein paar Hütten aus Schilf und Stroh gebaut, aber da ging das
Wetter glatt durch. Unser Zeug wurde überhaupt nicht mehr trocken. Wir
hatten es im Gestrüpp und an den Dornen kaputt gerissen und sahen aus,
wie die Vagabunden. Dann hinterher die verfluchten Moskitos! Hungern
haben wir auch manchmal dürfen. Alle paar Tage mußten wir den Hosenbund
enger nähen, sonst wär’ uns die Bux weggesackt. Dann ist’s man schlecht
mit dem Laufen, und das haben wir doch manchmal gemußt!«
»Da kann ich auch einen Ton mitreden«, fällt einer der älteren
Obermatrosen ein, der bisher ruhig neben dem alten Eilers saß und seine
Freude daran hatte, wie der junge Kamerad die Mühseligkeiten im Busch
und das Ende ihres Schiffes beschreibt. »Nu verklar deinem Vater man
auch die Geschichte von unserer Prise!« »Donnerwetter ja, das hätte ich
beinah vergessen! Das war ’n feinen Kram, Vadder, da haben wir die
Engländer belurt! Mit ihren Kanonen konnten sie uns von See aus nichts
tun, dichter heran ließ sie die Sandbank nicht. Und da hatten sie nun
auf einen kleinen Schlepper ein paar Kanonen gestellt und versuchten,
uns mit dem auf den Pelz zu kommen. Wir hatten unser Geschütz an einer
andern Stelle aufgebaut, wovon die Kerls natürlich keine Ahnung hatten.
Als sie nun an uns vorbei waren, haben wir ihnen einige Granaten
hineingepfeffert. Versaufen wollten sie nicht, und in ihrer Angst jagten
sie auf Land zu. Kaum hat unser Bootsmaat das gesehen, als er auch schon
ruft: »Jungs, das ist ja unser alter Dampfer »Adjutant«, den kitschen
wir uns!« Wir raus aus dem Busch, ins Wasser hinein, und in dem
Augenblick, wo er aufläuft, haben wir ihn auch schon geentert. Die
Engländer kamen überhaupt nicht zur Besinnung. Unser Kommandant machte
ja nicht schlechte Augen, als wir mit unserem Schlepper längsseit kamen.
Das schönste war ja, daß das Boot früher einmal uns gehört hatte. Es
hatte auszubrechen versucht und war dabei abgefaßt worden. Sechs Kanonen
mit der ganzen Munition haben wir erbeutet und einen Offizier und
einundzwanzig Mann gefangengenommen.«
Einige Male schon will der ältere dem jungen Eilers in die Rede fallen.
Jetzt, als er geendet hat, wendet er sich an den Vater. »Stimmen tut ja
nun woll die Geschichte, aber der Junge hat ganz zu erzählen vergessen,
daß er der erste oben war und gleich den Führer an der Gurgel zu fassen
kriegte. Und dabei brüllte er, daß die ganze andere Bande vor Schreck
gar nicht mehr an Widerstand dachte. Mit Ihrem Jungen dürfen Sie woll
zufrieden sein, das is ’n fixen Kerl.«
Der Alte strahlt. Er spricht nicht, aber seine Augen leuchten, als er
die Geschichte hört. Ist ja sein Junge, sein Einziger ....