Tag für Tag geht es so in rastloser Arbeit dahin. Kaum ist die Sonne
hochgekommen, als auch schon die Dampfwinden zu rattern beginnen. Tiefer
und tiefer müssen die stählernen Läufer in die Laderäume hinuntergefiert
werden, immer höher taucht das Schiff aus dem braunen Flußwasser. Die
großen Leichter stoßen von Land ab, kommen längsseit und füllen sich.
Andere treten an ihre Stelle, ohne Unterbrechung. Sengend brennt die
Sonne, die Luft flimmert und flirrt, in blendendem Glanze strahlt die
Oberfläche des Wassers. Noch nie haben die Schwarzen die Bana Kubas so
schaffen gesehen. Daß die ihr Werk auch während der glühenden Hitze
nicht unterbrechen und sich in den Schatten zurückziehen, um der Ruhe zu
pflegen, ist ihnen noch nicht passiert. Das hetzende, unermüdliche
Vorwärtsstreben, das keine Ermüdung zu kennen scheint, steckt
schließlich aber auch sie an. Wie ein Heuschreckenschwarm stürzen sie
auf die an Land aufgetürmten Kisten. Der ganze Betrieb ist
wohlorganisiert. Aus den Dörfern der Umgebung sind alle Hilfsmittel
aufgeboten, und willig haben sich die Schwarzen dem Befehle gefügt. Der
größte Teil der Ladung geht auf Karren nach der weit ab liegenden Bahn.
Knarrend und ächzend setzen sich die schweren Fahrzeuge in Bewegung und
verschwinden im Dämmer des Waldes, aus dem eine Zeitlang noch das
anfeuernde Geschrei der Treiber herüberdringt. Ein anderer Teil der
Kisten aber wird geöffnet und der Inhalt zu Trägerlasten geteilt. Dann
marschiert die lange Reihe der Schwarzen ab, das schwere Gewicht auf dem
Kopfe balancierend. Das uralte System der Beförderung auf den schmalen
Buschwegen, das sich noch immer bewährt.
Das schwierigste Stück aber ist der Transport der Geschütze. Was zu
Hause der riesige Kran spielend in einem Augenblick bewältigte, dafür
gilt es hier mit Aufbietung aller vorhandenen Kräfte Mittel zu schaffen.
Glücklicherweise stehen Hände genügend zur Verfügung. Sie müssen
ersetzen, was sonst nur Maschinen leisten, und es ist geradezu
verblüffend, wieweit die Erfindungsgabe reicht, die schweren Gewichte zu
bewegen. Zwar geht stets fast ein ganzer Tag darauf, bis eines der Rohre
vom Verlassen des Laderaums auf dem Landwege weiterrollt, aber es wird
geschafft. Ein Glück nur, daß die Engländer nicht ahnen, was sich hier
in so geringer Entfernung trotz ihrer »wirksamen Blockade«
abspielt.
Kapitän Sörensen hat bisher nicht einen Augenblick sein Schiff
verlassen, trotzdem er wiederholt schon von den Besitzern der
umliegenden Pflanzungen eingeladen wurde. Sie alle wollen den Mann
kennenlernen, dessen kühnes Draufgängertum die Mittel herbeigeschafft
hat, die Kolonie auch weiter mit Erfolg gegen die von allen Seiten
herandrängenden Feinde zu verteidigen. Auf der naheliegenden Station
will heute ein Offizier der Schutztruppe eintreffen. Der Ausguck von der
Küstenwache meldet, daß vom Gegner nichts in Sicht sei. Der Kapitän kann
also beruhigt von Bord gehen, da für den heutigen Tag eine Überraschung
von seiten der Engländer ausgeschlossen ist.
Die üppige afrikanische Vegetation umfängt ihn an Land. Längst ist hier
durch die Hand des Europäers der Urwald zurückgedrängt, die Axt hat
Lichtungen geschaffen, um den Boden trocknen zu lassen und die so
gefährlichen Ausdünstungen nach Möglichkeit zu beseitigen.
Eingeborenen-Dörfer, deren Bevölkerung sich allmählich an die Arbeit,
die ihnen reichlichen Unterhalt bietet, gewöhnt hat, liegen im Busch
verstreut. Längst herrscht geordnetes Leben. Überall ein Bild deutschen
Fleißes. Weit dehnen sich die Felder, dann machen sie fast
undurchdringlichem Wald Platz, dazwischen wieder Negerdörfchen mit
Eingeborenenkulturen im kleinsten Maßstabe. Ein gesegnetes Land. Mehr
und mehr wird das Bestreben der Engländer erklärlich, ihre Hand auf
dieses Gebiet zu legen und ihre Gier, sich festzusetzen, um ihre
Kap-Kairo-Bahn dann durch rein englisches Gebiet zu führen. Am liebsten
freilich schluckte es ja ganz Afrika und würfe auch seine braven
Ententegenossen, die Franzosen, hinaus, denen es ja schon bei Faschoda
einen derben Riegel vor den Sudan legte.
Aus tiefem Grün leuchten voraus helle Mauern und Dächer, die Gebäude der
Pflanzung, auf. Mitten in wohlgepflegten Gärten erhebt sich das Wohnhaus
mit der rundherumgeführten überdachten Veranda, darüber hinaus, als
Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen die ragenden Kronen hoher
Palmen, dichtes Laub der Gummi- und Bananenbäume. Die Ankommenden werden
schon erwartet. Weiß leuchten die Kleider der Europäer von weitem
herüber. Wenige Minuten später begrüßt die Frau des Hauses die Gäste.
Der Krieg mit seinen Schrecken ist bis hierher noch nicht vorgedrungen.
Einige Male war es wohl so, als dränge dumpfer Kanonendonner vom Rufidji
herüber, das war aber auch alles. Eine Anzahl der Plantagenarbeiter ist
in die Schutztruppe eingereiht worden, die militärpflichtigen Weißen
sind längst eingerückt und stehen seit langen Monaten im Felde, trotzdem
geht auf den Plantagen der Betrieb seinen geordneten Gang.
Die Sonne sinkt. Das Grün des Waldes färbt sich dunkler, bläuliche
Abendnebel fallen ein. Es wird ruhig. Das Zirpen der Grillen und die
Laute der Vögel verstummen allmählich. Noch weitere Gäste finden sich
ein. Angestellte der benachbarten Plantagen, ein Missionar und der
Kapitän eines der Dampfer der deutschen Ostafrikalinie, der sein Schiff
in Daressalam liegen hatte und es auf Strand setzte, damit es den
Engländern nicht in die Hände fiele. Ein Rufen draußen, Stimmengewirr.
»Hallo, Fritz, ist der Bana Kuba zu Hause?« Rasche Schritte kommen die
Treppe herauf, eine schlanke Gestalt in Schutztruppenuniform erscheint.
Der letzte erwartete Gast.
Alles ist wie daheim in Deutschland. Die weißgedeckte mit Blumen
geschmückte Tafel, das Geschirr, die blitzenden Gläser. Nur die
zahlreiche schwarze Bedienung verrät, daß die Heimat weit, weit ab ist.
Die Gäste werden einander bekannt gemacht.
Der Schutztruppenoffizier preßt die Hand Sörensens, als wolle er sie gar
nicht mehr loslassen. »Sie glauben gar nicht, Herr Kapitän, welche
Freude Sie uns mit ihrer Ankunft gemacht haben. Wie haben Sie es bloß
fertiggebracht, durch die englischen Linien zu kommen?«
Sörensen versucht sich zu sträuben, schließlich muß er aber doch
berichten. Er macht nicht viel Aufhebens von seiner Fahrt, erzählt in
einfachen Worten, wie sie im eisigen Nordwest herausgingen, berichtet
das Abschütteln des Hilfskreuzers, die Begegnung mit dem vermeintlichen
englischen U-Boot, die Hilfe in der Not und die gänzlich ungestörte
Fahrt, bis der englische Blockadekreuzer hier ums Haar fast die ganze
Unternehmung zum Scheitern gebracht hätte. So einfach und schlicht
schildert er alles, als ob es die selbstverständlichste Sache von der
Welt gewesen wäre, als wenn die ganze See so rein wie im tiefsten
Frieden gelegen hätte. Er erwähnt ja nicht, daß Tage und Nächte kamen,
in denen der bis zum äußersten angestrengte Körper nicht eine Sekunde
Schlaf finden durfte, weil der Führer jederzeit auf seinem Posten sein
mußte, in denen wieder und wieder jede einzelne Minute das Ende bringen
konnte. Er ist bald mit seiner Erzählung zu Ende. Und als wollte er die
Gedanken, die mit ihm soeben die gefährliche Fahrt durch die Linien der
Feinde machten, ablenken, beginnt er von der Heimat zu erzählen. Wie sie
da noch immer nach eineinhalb Jahren wie ein Mann ständen, wie die
Mauern im Osten und Westen, die nicht wankten und wichen, sondern sich
unwiderstehlich weiter vorschöben. Erzählt, wie die U-Boote hinauszögen,
um ein Schiff nach dem andern zu versenken, wie die englische Flotte
sich in die äußersten Winkel der schottischen Buchten verkröche und
nicht herauszukommen wage. Er berichtet von den U-Booten, die in
Gallipoli die englischen Schiffe zum Rückzug zwangen und dadurch den
Kampf dort entschieden. Kurz bevor er die Heimat verließ, seien die
Engländer dort sang- und klanglos im Nebel abgezogen, nachdem
Hunderttausende von ihnen gefallen waren. Was er als alt berichtet, das
scheint den Leuten, die mit ihm an der Tafel sitzen, ein Märchen, zu
schön fast, es zu glauben; und ist doch alles Wahrheit. Hier sitzt
einer, der diese gefährliche Waffe, die Englands ganze Seemacht lähmt,
kennt, der ihr Wirken selbst beobachtet hat, der die kleinen grauen
Gesellen oft von ihren glänzenden Fahrten hat zurückkehren sehen und
ihre Führer kennt. Unaufhörlich muß er sprechen, erzählen, berichten,
bis er sich dann dem Schutztruppler zuwendet.
»Nun möchte ich Ihnen aber auch noch erzählen, wie stolz wir auf Sie
sind. Es sind ja viele Nachrichten zu uns gekommen, und die Engländer
haben das Blaue vom Himmel heruntergeflunkert, um der Welt weiszumachen,
daß es nur noch Wochen dauern könnte, bis auch unsere letzte Kolonie in
ihren Händen sein würde.« Der Schutztruppler lacht, daß die weißen Zähne
nur so aus dem schwarzgebrannten Gesicht leuchten. »Na, so ganz einfach
wollen wir ihnen die Sache doch nicht machen. Haare haben sie ja bisher
schon mächtig lassen müssen!«
»Die glänzendste Geschichte«, fügt Sörensen ein, »war wohl die bei
Tanga. Die Engländer haben ja versucht, die Sache zu verschleiern:
Zuerst kamen etwas unklare Nachrichten zu uns nach Deutschland, die so
schön klangen, daß wir sie gar nicht glauben mochten. Kaum waren sie
aber in den Blättern erschienen, als die Engländer auch schon für sich
selbst eine glänzende Waffentat herauszulügen suchten.«
Der Hausherr, der bisher geschwiegen hat, mischt sich in das
Gespräch.
»Sie glauben gar nicht, Herr Kapitän, wie sehr gerade dieser Sieg unser
Ansehen bei den Eingeborenen gestärkt hat und wie die Schwarzen nachher
mit uns durch dick und dünn gegangen sind.«
»War denn einer von Ihnen dabei?« Lebhaft gibt die Hausfrau Auskunft:
»Aber natürlich, der Herr Hauptmann hier, der hat doch die ganze Sache
mitgemacht, er spricht ja sonst nicht gern, aber wenn wir ihn alle recht
schön bitten, läßt er sich vielleicht erweichen und erzählt.«
Der Offizier der Schutztruppe lächelt und verbeugt sich vor der Dame ihm
gegenüber. »Ja, gnädige Frau, da wird mir wohl nichts anderes übrig
bleiben, als zu berichten. Den meisten von Ihnen sind die Ereignisse ja
schon bekannt, aber Sie, Herr Kapitän, wird die Erzählung vielleicht
interessieren.
Zuerst hatten es die Engländer auf Daressalam abgesehen, um uns
vor allem die Funkenverbindung mit der Heimat abzuschneiden. Zwei
kleine Kreuzer haben ihr Heil vergeblich versucht. Sie erreichten
bloß, daß wir die ganze Anlage abbauten und weiter nach dem Innern
transportierten. Damit war es also nichts. Zum Glück hatte die Marine
ihr Vermessungsschiff, die »Möwe«, bereits vorher versenkt, und auch
das kleine Schwimmdock hatte dran glauben müssen. Das gleiche Manöver
wie in Daressalam wiederholten die Gegner nun in Bagamojo. Auch hier
aber setzten sie bloß durch, daß unsere Dampfer, um nicht von den
Engländern weggeführt zu werden, sich freiwillig auf Strand setzten und
die Maschinen unbrauchbar gemacht wurden. Auch an verschiedenen anderen
Punkten der Küste kam es zu Schießereien, bei denen die Engländer nicht
gerade Lorbeeren ernteten.
Wir waren in der Zwischenzeit nicht müßig gewesen und den Engländern zu
Lande bereits höllisch unangenehm geworden. Während sie ihre Zeit an der
Küste vertrödelten und wohl annahmen, daß wir hilflos in unserer
Abgeschlossenheit lahmgelegt wären und wohl längeren Widerstand gar
nicht leisten könnten, hatten wir den Spieß bereits umgekehrt und waren
ihnen in ihrem eigenen Gebiet auf den Pelz gerückt. Das war ja so’n
Fressen für unsere Askaris. Die Kerls haben sich glänzend gemacht. An
der Ostseite des Viktoriasees drangen wir gegen die Ugandabahn vor, um
Missi zu besetzen, ebenso an der Westseite des Kilimandscharo, gegen die
Zweigbahn, die nach Magadi führt. Die wurde vor allem durch Sprengung
einer Brücke unbrauchbar gemacht.
Eine dritte Abteilung stieß zur gleichen Zeit vom oberen Ende der
Usambarabahn über die Grenze vor und besetzte Tavete, wo sie von seiten
der Engländer nicht den geringsten Widerstand vorfand. Diese letzte
Geschichte nun war den Engländern besonders unangenehm, da sie Angst
hatten, daß wir sie durch Besetzung oder völlige Zerstörung der Bahn von
der Küste abkneifen würden. Sie haben dann schleunigst Verstärkungen von
Indien und anderen Kolonien herangeschafft, um Tanga zu nehmen. Das ist
nämlich der Ausgangspunkt der Usambarabahn, die für unsere Operationen
dort oben den Rückhalt bildete. Wahrscheinlich hofften sie aber auch
längs der Bahn weiter vordringen zu können und uns abzuschneiden.
Geschehen mußte von ihrer Seite unbedingt etwas, um ihr Ansehen bei den
Schwarzen, den Arabern und Indern, die als Händler über das ganze Land
verteilt sitzen, wieder herzustellen. Einen gehörigen Knacks hatte es
schon weg, und unser Vorgehen hatte das englische Prestige bereits stark
vermindert. Dazu kam noch die Furcht und die Wirkung, die unser weiteres
Vordringen auf Indien ausüben mußte. Sie können sich nicht vorstellen,
Herr Kapitän, wie schnell die Eingeborenen ohne Telegraph von solchen
Geschichten Wind bekommen. Na, uns konnte das ja nur recht sein bei der
schamlosen Verletzung der Kongoakte, die doch jeden Krieg zwischen
Europäern und vor allem die Verwendung farbiger Truppen hier
ausschließt. Das Tangaabenteuer sollte den Engländern sehr teuer zu
stehen kommen.
Ich war selbst da. Am 31. Oktober kam plötzlich die Meldung von der
Signalstation, daß eine große Rauchwolke über der Kimm auftauche und
bald darauf die Nachricht, daß ein Schiff sich der Küste nähere. Der
Bursche stoppte, fuhr einige Male hin und her, stoppte neuerlich, lotete
auch wahrscheinlich, kurz und gut, es konnte sich nur um ein Ausmessen
des Fahrwassers handeln. Na, die Herren sollten ja einen guten Empfang
bekommen. Wir zogen von Moschi und anderen Plätzen heran, was an Truppen
nur irgendwie verfügbar war. Die Leute waren noch nicht alle angekommen,
als die Geschichte auch schon losging.
Am 2. November vormittags wurden abermals starke Rauchwolken gemeldet.
Es war ein ganzes Geschwader, das da im Anmarsch schien. Voran ein
Kriegsschiff, ein Kleiner Kreuzer, dahinter mehrere große Transporter.
Alles in allem vierzehn Stück. Die Engländer gingen anscheinend aufs
Ganze. Von unserer Anwesenheit durfte natürlich nichts verraten werden
und der Gegner hatte auch sicher keinen Schimmer, daß uns das Erscheinen
seines Schiffes tags zuvor schon alles mögliche berichtet hatte. Wir
hatten außerhalb der Stadt Stellungen bezogen, hielten uns aber vor den
Blicken der Engländer völlig verborgen.
Von einem der Kriegsschiffe stieß sofort nach dem Ankern eine Pinasse
mit der Parlamentärflagge ab, kam in den Hafen und forderte in bekannter
englischer Bescheidenheit nicht mehr und nicht weniger als die
bedingungslose Uebergabe der Stadt. Die Antwort war selbstverständlich
ein glattes »Nein«. Sie waren sogar so gnädig gewesen, uns eine Frist zu
bewilligen. Unsere Weigerung muß ihnen wohl gänzlich unerwartet gekommen
sein! Wahrscheinlich hatten sie sich eingebildet, daß wir,
eingeschüchtert durch die große Menge der Schiffe, uns auf Gnade oder
Ungnade ergeben würden. Sie saßen also ruhig auf ihren Schiffen, wir
vergnügt in unseren Stellungen an Land; sie warteten und wir
warteten.
Nach einer Weile wurde lebhaft signalisiert. Schon dachten wir, daß es
jetzt mit Gewalt versucht werden sollte und trafen unsere Maßregeln;
aber es war wieder nichts. Nach einiger Zeit ging zu unserem Staunen der
ganze Schwarm Anker auf nach See zu und kam bald aus Sicht. Gegen
Mitternacht aber kam plötzlich die Meldung von der östlich der Stadt
direkt an der Küste liegenden Pflanzung Moehn, daß die Engländer
landeten. Sie hatten sich vorsichtig der Küste genähert, die Boote zu
Wasser gelassen, und versuchten nun mit den gelandeten Truppen, die etwa
eineinhalb Bataillone Weiße und Farbige betragen mochten, die Stadt zu
überrumpeln, indem sie quer durch die Pflanzung heranrückten. Die Sache
dauerte gar nicht lange. Wahrscheinlich hatten sie wohl ein paar von
diesen verfluchten indischen Halunken mit sich, die als Händler ins Land
kommen, die Eingeborene in jeder Beziehung übervorteilen und aussaugen
und dann, wenn sie ihr Schäflein im Trockenen haben, mit ihrem Raub
wieder abziehen. Viel war ja nicht zu sehen, weil die Nacht dunkel war,
so viel aber konnten wir doch erkennen, daß sie auf einen so herzlichen
Empfang, wie wir ihnen da zuteil werden ließen, nicht gerechnet hatten.
Im Gegenangriff gingen wir vor und trieben sie ans Wasser zurück. An dem
Tage blieb es ruhig. Wir mußten aber damit rechnen, daß der Feind seine
Absicht nur vorübergehend aufgegeben hatte und jetzt wohl über einen
neuen Angriffsplan beriet.
Bei uns waren ununterbrochen neue Verstärkungen und Geschütze
eingetroffen, so daß wir den kommenden Ereignissen recht ruhig
entgegensehen konnten. Unser Kommandeur, Oberstleutnant von
Lettow-Vorbeck übernahm den Befehl über unsere Streitmacht. Sie müssen
nun nicht etwa glauben, daß wir Gott weiß wie viel hier zusammenhatten.
Was sich in den nächsten Tagen abspielen sollte, das haben ganze
tausend Mann vollbracht. Einige Kompagnien Schutztruppe, Abteilungen
der Polizeitruppe, fast nur Schwarze, zu denen wehrpflichtige
eingezogene Deutsche und einige Mannschaften vom Vermessungsschiff
»Möwe« traten. Im ganzen waren es rund zweihundertfünfzig Europäer und
siebenhundertfünfzig Schwarze.
Am 4. frühmorgens erschienen zunächst die Kriegsschiffe vor der Stadt
und schossen hinein, was der Deubel wollte. Sogar 15-Zentimeter-Granaten
waren dabei. Gegen das Feuer der Schiffsgeschütze konnten wir natürlich
nichts ausrichten. Es hatte auch gar keinen Zweck, es mit unsern kleinen
Feldkanonen zu beantworten, weil wir dadurch höchstens unsere
Anwesenheit verraten hätten. Wie das erste Mal, kamen auch diesmal die
Transporter näher, und die Leute wurden ausgeschifft. Nur ein kleiner
Unterschied war jetzt dabei: Es waren bedeutend mehr, fast an
zehntausend Mann. Hauptsächlich Inder. Wie wir nachher feststellten:
Acht Regimenter Infanterie und Artillerie. An weißen Truppen hatten sie
außer Marinemannschaften acht Kompagnien des North Lancashire-Regiments,
also eine Übermacht, die den Engländern von vornherein schon den Erfolg
sichern konnte. Das große Aufgebot bewies, wie sie uns fürchteten. Wir
ließen sie auch diesmal wieder ruhig landen. Teilweise gelangten sie bis
in die Stadt hinein, wo ihr Hauptziel der Bahnhof war. In der
Zwischenzeit funkten die Kriegsschiffe ununterbrochen weiter. Heftige
Kämpfe entspannen sich bald in der Nähe der Landungsbrücken und an dem
dicht an der See liegenden Hospital. Wir hatten ihnen das Vordringen
natürlich nicht ganz leicht gemacht, und als weitere Verstärkungen für
uns eintrafen, nahmen wir sie hauptsächlich mit Maschinengewehr dermaßen
in die Klemme, daß sie bald nicht aus noch ein wußten. Wir pfefferten
auf die Kerle los, die auf dem verhältnismäßig schmalen Strich angesetzt
waren, daß sie reihenweise sanken. Darauf waren sie wohl nicht im
entferntesten gefaßt. Sonst hätten sie den Deubel getan, so geschlossen
in dichter Masse anzurücken. Überdies muß auch wohl die Führung versagt
haben.
Sie taten, was sie konnten, hoben an einer Stelle sogar Schützengräben
aus. Das half ihnen aber nichts. Durch das Buschwerk gedeckt, gelang
es uns, ihnen in die Flanke zu kommen und die Maschinengewehre zur
vollsten Wirkung zu bringen. Eine Weile noch versuchten sie, sich zu
halten, immer wieder aber drängten wir vor; unsere Geschütze und
Maschinengewehre machten tadellose Arbeit. Sie wichen, gingen mehr und
mehr zurück, bis wir sie gegen Abend gänzlich geworfen und auf eine
kleine, schmale Stelle in der Richtung auf Ras Casone an der Küste
gedrängt hatten.
Hier kam es am nächsten Tage noch zu mehreren kleinen Gefechten, das
Schicksal war aber längst entschieden. Die Inder waren überhaupt nicht
mehr zu halten. Gänzlich demoralisiert waren sie, unfähig, überhaupt
noch Widerstand zu leisten. Wo immer wir auf sie stießen, hoben sie die
Hände hoch, schrien und wollten sich ergeben. In der brutalsten Weise
wurden sie von den Engländern mit Gewalt in die Boote gejagt und auf die
Schiffe zurückgebracht. Diese Truppen waren für England vorläufig
sicherlich gänzlich ausgeschaltet. Der Rest der Europäer schiffte sich
am gleichen Abend in großer Eile ein. Unsere Geschütze nahmen es jetzt
sogar mit den Kriegsschiffen, die nicht weit vom Land auf der Außenreede
lagen, auf. Der Kreuzer »Fox« bekam ein tüchtiges Loch, im Hafen wurde
ein Transportschiff in Brand geschossen und zum Überfluß dann noch durch
zwei andere Fahrzeuge, die eiligst flüchteten, gerammt. Es sah wirklich
heiter aus, wie ängstlich sie sich bemühten, aus dem Bereich unserer
Geschütze zu kommen.
Wie schwer die Verluste waren, die der Gegner erlitten hatte, konnten
wir beim Absuchen der Plätze, an denen der Kampf mit besonderer
Heftigkeit getobt hatte, feststellen. Auf dem Festplatz der
Eingeborenen, dem sogenannten Ngomaplatz, wo unsere Maschinengewehre
besonders gutes Schußfeld gehabt hatten, sah es furchtbar aus. Die
Leichen lagen zu Haufen. Hier allein konnten wir über hundert Weiße
zählen, die Farbigen gar nicht mit eingerechnet. Ebenso war es dort,
wo die Engländer ihre Schützengräben ausgehoben und längeren Widerstand
zu leisten versucht hatten. Überall lagen die Verwundeten umher, eine
ganze Anzahl Schwerverletzter war darunter. Zwei Oberstleutnants und
mehrere andere Offiziere konnten wir feststellen. Die Gesamtverluste
betrugen nach unserer ersten Schätzung eintausendzweihundertfünfzig
Mann. Verwundet und gefallen waren hundertfünfzig Weiße und
siebenhundertfünfzig Inder, der Rest war gefangen.
Dank des Angriffsplanes, den unser Kommandeur, Oberstleutnant von
Lettow-Vorbeck, gemacht hatte, waren unsere Verluste glücklicherweise
nur gering, in gar keinem Verhältnis zu denen der Engländer. Wollten wir
alle verwundeten Engländer verbinden und weiter in Behandlung behalten,
so wäre wahrscheinlich ein großer Teil unseres Sanitätsmaterials, das
wir doch für uns selbst bitter benötigten, draufgegangen. Man konnte ja
nicht wissen, wie lange der Krieg dauern würde.
Wie überraschend den Engländern diese Niederlage gekommen war, bewies
der nächste Tag. Da leiteten sie nämlich Unterhandlungen ein, um doch
wenigstens einigermaßen eine Übersicht über die Zahl ihrer Toten, die
Verwundeten und deren Schicksal zu bekommen. Auf den Schiffen mußte
überdies eine heillose Verwirrung herrschen. Die Hals über Kopf in die
Boote geflüchteten oder mit Gewalt hineingeprügelten Menschen hatten
sich natürlich nicht mehr Zeit genommen, auf die eigenen Schiffe zu
klettern, sondern waren eben zu demjenigen fahrbaren Untersatz gepullt,
der gerade am nächsten lag. Von Land aus konnten wir beobachten, wie die
Kerle ohne jede Ordnung unter Zurücklassung von Waffen und Gepäck, wie
die Katzen an den Schiffswänden hochkletterten. Schade, daß wir nicht
ein paar fünfzehn Zentimeter hatten, um da hineinzufunken. Das hätte ja
einen schönen Schlamassel gegeben!
Durch uns erfuhren also die Engländer zunächst mal die Höhe ihrer
Verluste. Die Gefangenen und leichter Verletzten behielten wir
selbstverständlich. Konnten wir unserer Bevölkerung im Innern doch gar
keinen besseren Beweis des glänzenden Sieges bei Tanga geben, als durch
diese lebenden Zeugen. Dagegen gingen wir bereitwilligst auf die Bitte
ein, den Engländern die Mitnahme ihrer Schwerverwundeten zu
gestatten.
Die größte Freude machte unsern Leuten das Sammeln der Beute. Dabei
stellte es sich erst heraus, wie umfangreich die Kämpfe waren, und in
wie übereilter Flucht uns der Gegner das Feld überlassen hatte. Wir
zählten allein acht Maschinengewehre, ungefähr fünfhundert Gewehre, eine
halbe Million Patronen und Ausrüstungsstücke jeder Art. Das sind
Ziffern, die Ihnen, Herr Kapitän, nach europäischem Maßstabe lächerlich
gering vorkommen müssen. Sie dürfen aber nicht vergessen, daß das, was
drüben ein Gefecht gewesen wäre, hier eine Schlacht bedeutete und zwar
die größte, die bisher auf dem Boden unserer afrikanischen Kolonien
geschlagen worden war. Der Stoß, den das englische Ansehen hier erhielt,
wirkt noch heute auf das schwerste nach und hat nicht zum wenigsten dazu
beigetragen, daß unsere Askaris zu uns ein felsenfestes Vertrauen faßten
und in den späteren Gefechten wie die Deubels drauf losgingen. Der eine
Sieg hier hat Unternehmungen reifen lassen, die denen in der Heimat an
Schneid sicher nicht nachstehen.
Eine recht angenehme Ueberraschung gab es für uns einige Tage nach dem
Abzug der Engländer bei Ras Casone. Dort fanden wir nämlich einen
angetriebenen Leichter, den der »Pegasus« seinerzeit gestohlen hatte.
Die Engländer waren aber so liebenswürdig gewesen, ihn uns bis oben
hinauf zu füllen. Da gab es über tausend wollene Decken, Material für
Telegraphenlinien, dreißig Feldtelephonapparate, Hacken und Spaten,
kurz, alles Sachen, die wir sehr gut gebrauchen konnten und die uns
später noch gute Dienste leisten sollten.«
Das Klirren und Klappern der Teller ist längst verstummt, die Mahlzeit
ist beendet. Die Boys öffnen die Türen, die nach der Veranda führen.
Bequeme Korbstühle sind dort aufgestellt, ein paar kleine Tischchen, auf
denen bereits Getränke und Zigarren warten. Es dauert eine Weile, bis
alles in angeregtem Geplauder seinen Platz gefunden hat und der
Hauptmann der Schutztruppe in seiner Erzählung fortfahren
kann.
»Bei uns waren fünfzehn Deutsche gefallen, darunter unser alter
Afrikaner, Hauptmann von Prince. Ein schwerer Verlust für unsere
Kolonie, in der er einen großen Teil seines Lebens zugebracht hatte.
Sein Adjutant, Leutnant von Hoffmann, hatte neben ihm den Tod gefunden.
Am 7. fand eine feierliche Totenfeier für die Gefallenen statt, nachdem
die englischen Schiffe am Abend zuvor mit Nordkurs in See gegangen
waren. Fünfzehn brave Deutsche haben wir in die afrikanische Erde
gesenkt, für die sie so wacker kämpften und gefallen sind. Seither ist
ihnen noch so manch einer gefolgt.«
Einen Augenblick herrscht Schweigen. Ein jeder denkt an die Freunde, die
er im Felde weiß, die vielen Bekannten, die ihre Treue zum Vaterland
bereits mit ihrem Blute bezahlt haben. ... Durch das Dunkel huschen die
weißgekleideten Gestalten der Dienerschaft über den Kies ... leise
rauscht der Wind durch die Kronen der Palmen und Brotbäume ... Das
Zirpen der Heimchen dringt herauf, Glühwürmer schweben durch die Nacht
... wie aus weiter Ferne klingt das Kreischen einer aufgeschreckten
Affenschar herüber. Schwer, wie traumverloren gleitet der Blick über den
rauschenden Wald ... ein schönes Land, für das es sich schon lohnt, zu
sterben ... Dann, als ob er sich von der Erinnerung an die toten
Kameraden losrisse, wendet sich der Offizier wieder seiner Erzählung
zu.
»Während wir in Tanga gegen zehnfache Übermacht siegten, hatten unsere
Truppen nordwestlich des Kilimandscharo ein größeres Gefecht mit den
Engländern, deren Vorgehen zweifellos in Verbindung mit dem Angriff auf
Tanga stand. Dreihundertfünfzig Europäer – es mögen wohl schon Buren
gewesen sein, da wir bereits früher dort südafrikanische Truppen
festgestellt hatten – eine europäische reitende Batterie, eine
Kompagnie freiwilliger Europäer aus Indien und acht Kompagnien von zwei
indischen Eingeborenen-Regimentern griffen unsere Stellungen am
Longidoberge an, wo die Engländer bereits Ende September empfindlich
zurückgeschlagen worden waren. Bis tief in die Dunkelheit hinein,
ungefähr fünfzehn Stunden dauerte der Kampf. Auch hier machten unsere
Maschinengewehre, besonders unter den Reitern, ganze Arbeit. Der Gegner
zog sich fluchtartig zurück und ließ fünfunddreißig tote Inder und
einige Europäer am Platze. Eine ganze Reihe bereits geschlossener
Massengräber verriet uns aber, daß das nicht sämtliche Verluste gewesen
waren. Auch hier gab es, wie bei Tanga, reiche Beute: Pferde, Munition
und Gewehre fielen in unsere Hände. Der englische Vorstoß auf deutsches
Gebiet war auch hier völlig mißglückt.
Aber nicht nur an der Küste und an der Nordgrenze kam es zu Kämpfen. Von
der Westseite rückten die Belgier beim Kiwusee und die Engländer weiter
südlich zwischen Tanganjika- und Nyassasee vor. Alle Versuche aber, auf
deutsch-ostafrikanischen Boden einzudringen, konnten von unseren Leuten,
die natürlich überall in verschwindender Minderzahl waren, energisch
zurückgewiesen werden. Dabei müssen Sie eines immer im Auge behalten,
daß wir nur diejenigen Leute zum Militärdienst eingezogen hatten, die
auf den Plantagen und in den Kontoren abkömmlich waren. Der ganze
Betrieb in der Kolonie ging und geht seinen normalen Gang
weiter.
Ein besonderes Kapitel für sich waren die Kämpfe, die sich auf den Seen
abspielten. Unsere paar kleinen Dampfer hatten ein hartes Leben, aber
sie wehrten sich bis zum äußersten gegen eine überwältigende Uebermacht,
gegen die es schließlich kein Aufkommen geben konnte. Es war für uns ein
großes Glück, daß wir die Besatzung von der »Möwe« freibekamen und daß
es uns außerdem noch gelungen war, den auf der Heimreise befindlichen
Ablösungstransport des in der Südsee stationierten Vermessungsschiffes
»Planet« hierher zu lenken. Das bedeutete einen äußerst wertvollen
Zuwachs für die Schutztruppe, durch den auch der so empfindliche Mangel
an Unterführern ausgeglichen werden konnte.
Schon am 14. August ging die Schießerei auf dem Nyassasee los. Ein
englischer Dampfer, der mit zwei Geschützen bewaffnet war, überraschte
unseren kleinen Dampfer »Hermann von Wißmann« im Sphinxhafen. Kapitän
und Steuermann hatten gar keine Ahnung, daß der Krieg ausgebrochen war.
Sie wurden gefangen genommen und die Maschine des Schiffes unbrauchbar
gemacht. Der kleine Dampfer hatte übrigens nur einen alten Böller an
Bord, der wohl zum Salutschießen, aber nicht zur Verteidigung geeignet
war; er konnte sich gar nicht wehren. Die Engländer freilich haben sich
nicht gescheut, aus der Geschichte einen ungeheuren Seesieg zu
machen.
Im September konnten wir auf dem Viktoriasee dafür den Spieß umkehren.
Unser kleiner Dampfer »Muansa« von vierundzwanzig Tonnen, also nicht
viel größer ungefähr als die Barkasse eines Großkampfschiffes, griff den
englischen Dampfer »Sybell« an, der hundertfünfzig Soldaten und mehrere
Geschütze an der Karungabucht landen wollte. Wir hatten die »Muansa«
durch eine kleine Kanone zum Hilfskreuzer umgebaut. Ihre Granaten fegten
als Volltreffer in die »Sybell« hinein. Eine Zeitlang wehrte sie sich,
dann aber dampfte sie schleunigst nach Norden ab. Die Engländer hatten
es anscheinend auf die Zerstörung unserer Funkenstation in Muansa
abgesehen gehabt.
Auf dem Tanganjikasee arbeitete unsere »Flotte« im Verbande mit den
Truppen in glänzender Weise. Die Belgier hatten am Südende des Sees
unsere dortigen Stellungen angegriffen. Es war britisches Gebiet, wohin
wir vorgedrungen waren. Anscheinend hatte der Gegner mit der zufälligen
Ab- – – –[1] und »Kingani« gerechnet. Die »Hedwig« war der erste
Dampfer auf dem See gewesen und schon 1900 da, die »Kingani«, die früher
als Zollkreuzer an der Küste fuhr, hatten wir als Verstärkung zu Beginn
des Krieges mit der Bahn hingebracht. Es waren also nur kleine Dinger.
Eben als die Geschichte im schönsten Gang war, kam die »Hedwig« wieder
zurück, grade zur rechten Zeit, um noch kräftig einzugreifen. Sie
versenkte einen englischen Dampfer und sprengte einen anderen, der zur
Reparatur auf Land gezogen war.
[1] Anmerkung des Bearbeiters: Hier fehlt Text, der nicht mehr
reproduziert werden kann.
Zu Lande hatten wir inzwischen zahlreiche weitere Erfolge. Besonders
übel erging es den Belgiern, die am Kiwusee vorgedrungen waren. Anfang
Oktober waren sie in Stärke von vier Kompagnien herangekommen; sie
erlitten schwere Verluste und mußten zurück. Ein anderer Posten wieder
ergab sich nach einhalbstündigem Gefecht. Die Belgier haben sich nur
Niederlagen geholt, wo immer sie es auch später noch versuchten. Genau
so erging es den Engländern, die von Rhodesien her zwischen Tanganjika-
und Nyassasee vorzudringen suchten. Anfang 1915 hatten wir auch im
Norden bei Jassini einen schönen Erfolg, wo wir vier englische
Kompagnien gefangen nahmen und ihnen außerdem noch einen Verlust von
zweihundert Toten zufügen konnten.
Das sind nur einige Gefechte, die mir gerade so einfallen. In
Wirklichkeit hört der Kampf an den Grenzen im Norden, Osten und Westen
eigentlich nie auf. Ununterbrochen wird gekämpft, und Sie können sich
kaum einen Begriff davon machen, mit welchem Heldenmut die Leute auf
ihrem Posten ausharren, was für Taten da im stillen vollbracht
wurden.
Mit was für einem Gegner wir es zu tun haben, das konnten wir gleich zu
Beginn des Krieges bemerken. Völkerrecht und England sind Begriffe, die
sich heute noch ebenso wenig vertragen wie seit jeher. Nur einige kleine
Proben: Sie beschossen wiederholt ohne irgend welche Warnung oder
Aufforderung zur Uebergabe offene Städte, wie Bagamojo und Kilwa,
schreckten nicht einmal vor gemeinem Diebstahl zurück, plünderten und
zerstörten verlassene Pflanzungen und enblödeten sich nicht, den armen
Schwarzen ihr Geld und die paar Ziegen, die doch ihr ganzes Vermögen
ausmachen, wegzunehmen.
Die Krone der Gemeinheit haben sie sich wohl in Daressalam geleistet. Am
21. Oktober beschoß ein englisches Kriegsschiff die im Creek liegenden
deutschen Dampfer »Feldmarschall« und »König«, die dabei erheblich
beschädigt wurden. Nun kam im November der Kreuzer »Fox«, um sich von
der Betriebsunfähigkeit der beiden Schiffe zu überzeugen. Nach Abmachung
mit dem stellvertretenden Gouverneur sollte nur eine englische Pinasse
in den Hafen hineinfahren; statt dessen kamen sie mit drei Pinassen, die
mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Die eine legte im Hafen Bojen,
die anderen gingen an den Dampfern längsseit, sprengten die Maschinen
und führten die Besatzungen gefangen fort. Hinterher haben sie die
offene Stadt, wiederholt sogar, mit 30,5 cm Granaten beschossen. Der
Schaden war natürlich beträchtlich.
Nun stellen Sie sich mal diesen Kampf vor mit den wenigen Leuten, die
wir zur Verfügung haben, mit den geringen Hilfsmitteln. Wer hat denn
daran gedacht, daß der europäische Krieg nach Afrika übergreifen würde,
daß man die Achtung vor den Europäern, die allein den wenigen
ermöglicht, Millionen in Schach zu halten, so leichtsinnig aufs Spiel
setzen würde? Mit unseren paar Menschen verteidigen wir ein Gebiet, das
größer ist als Deutschland. Und über die ganze Grenze dringt von allen
Seiten der Feind. Von Norden und Südwesten die Engländer, vom Westen die
Belgier, die See ist blockiert, und im Süden dicht bei uns hier haben
sich die Portugiesen endlich breitschlagen lassen, gegen uns vorzugehen.
Sie sollen bereits Verstärkungen aus Europa erhalten haben. Das alles
konnte uns nicht mürbe kriegen, uns nicht in die Enge treiben. So bietet
England jetzt also noch die südafrikanischen Kolonien gegen uns auf, und
wir haben bereits bestimmte Nachrichten, daß zwei Infanterie- und eine
berittene Brigade, mit allen Hilfsmitteln des modernen Krieges
ausgerüstet, sich im Norden sammeln.
Wir hielten und waren sicher, auch weiter gegen noch größere Übermacht
zu halten. Von Tag zu Tag aber wurden unsere Vorräte geringer. Noch mehr
als früher begannen wir mit der Munition zu sparen, weil wir uns sagten,
daß jeder Schuß unbedingt ein Treffer sein müßte. Und dennoch war bald
der Zeitpunkt abzusehen, an dem die letzte Patrone verschossen, an dem
keine Granate mehr für die Geschütze vorhanden sein würde.
Vor einem Jahr hat uns der tüchtige Christiansen Luft geschafft. Jetzt
aber, wo Sie da sind, sehen wir dem kommenden Kampfe mit neuem Vertrauen
entgegen, und wenn wir heute mit Stolz sagen können, die beste und
wertvollste Kolonie ist in unseren Händen, und wir haben die
Möglichkeit, sie auch weiter noch zu verteidigen und so Gott will, auch
uns zu erhalten, dann, Kapitän Sörensen, dürfen Sie einen großen Teil
des Verdienstes für sich in Anspruch nehmen.«