Die Biskaya mit ihren Stürmen liegt hinter dem deutschen Dampfer. Zwei
Tage lang schien es, als wollte die grobe See alle Aufbauten
hinwegfegen. Zu Bergen hatte der über den Atlantik brausende
Südweststurm das Wasser aufgepeitscht und gegen das schwerbeladene
Schiff anrollen lassen. Nur mit kleiner Fahrt konnte es dagegen
ankämpfen. Gischt und Wasserdampf erfüllten die Luft, bis zum oberen
Rand war der Schornstein grau vom Salz. Dazu die Kälte des Winters, die
den Aufenthalt an Oberdeck besonders unangenehm machte. Trotz des
Ölzeuges gab es keinen trockenen Faden am Leibe.
Querab von der spanischen Küste läuft zwar noch hohe Dünung, von Tag zu
Tag aber wird die See ruhiger und die Luft milder und wärmer. In der
Biskaya waren nur wenige Schiffe gesichtet worden. Sie hatten mit Sturm
und See zu kämpfen, wie die deutschen Seeleute und keine Zeit, sich um
anderes als ihr eigenes Schiff zu bekümmern. Jetzt ist es anders
geworden. Die Straße nach dem Mittelmeer ist eine der belebtesten.
Frachtdampfer aller Art ziehen in mehr oder weniger großen Abständen
vorbei, dann wieder taucht ein Lazarettschiff auf, ein riesiger
Cunarder, der bis auf das letzte Plätzchen gefüllt scheint. Weit über
See leuchtet der unter der Reeling die Schiffswand längs laufende breite
grüne Streifen, darunter an mehreren Stellen das Rote Kreuz.
Querab von der Einfahrt in die Straße von Gibraltar kommt aus dem
Mittelmeer ein großer Hilfskreuzer heraus. Das mächtige Fahrzeug, ein
früherer White-Star-Dampfer, trägt Kriegsschiffarbe. Grau sind die hohen
Bordwände, Schornsteine und Masten, selbst das sonst so friedlich
anmutende Weiß der Aufbauten ist unter dem deckenden Grau verschwunden.
Auf Vor- und Achterdeck ragen die langen Rohre der Mittelartillerie über
die Reeling hinaus, kleinere Geschütze stehen auf Back und Heck und auf
dem Bootsdeck. Darüber auf besonders eingebauten Gerüsten sind riesige
Scheinwerfer angebracht. Mit hoher Fahrt kreuzt er nur wenige Seemeilen
entfernt den Kurs. Er kümmert sich ebensowenig wie die andern Fahrzeuge
um den Trampdampfer; muß er sich doch sagen, daß das Schiff von Norden,
also von England kommt und dort bereits die Kontrolle passiert hat.
Dreimal senkt sich am Flaggenstock der »Marie« die Flagge. Drüben
antworten sie. Sie können ja allerdings nicht hören, daß der Matrose,
der eben die Flagge dippt, ihnen grinsend zuruft: »Junge, Junge, wenn du
ne Ahnung harst, wo wi hen wüllt! Denn schust die woll bannig fix
umdreih’n.« Der Engländer hat nun wirklich keine »Ahnung«. Ruhig setzt
er seinen Weg fort und ist in einer halben Stunde bereits unter der Kimm
verschwunden.
Südlich von Madeira wird der Schiffsverkehr spärlicher. Nur selten
zeigen sich jetzt Rauchwolken; das Wetter ist herrlich geworden. Ein
wolkenloser Himmel lacht über der vom Passat leicht bewegten See, die
ein märchenhaftes sattes Blau zeigt. Tümmler spielen vor dem Bug des
Schiffes, fliegende Fische jagen in Schwärmen vor ihm auf. Ein
idyllisches Bild tiefsten Friedens. Eine halbe Tagereise von den
Kanarischen Inseln kommt von Süden her ein großer Dampfer der
Union-Castle-Line entgegen. Auf ganz nahe Entfernung ziehen die Schiffe
aneinander vorbei. Schon in größerem Abstand leuchtet die riesige
Bugwelle, die durch eine anscheinend ungewöhnlich hohe Fahrt erzeugt
wird. Merkwürdigerweise dauert es aber eine geraume Weile, bis der
Engländer heran ist. Dann freilich löst sich zur großen Heiterkeit der
deutschen Seeleute das Rätsel. Die Bugwelle ist nichts weiter als ein
ungeheurer englischer Bluff, säuberlich aufgemalt und bestimmt, U-Boote
über die Geschwindigkeit des Schiffes irre zu führen. Sie soll eine
höhere Fahrt vortäuschen und die Deutschen veranlassen, ihren Schuß zu
weit vorzuhalten. Englische Seeherrschaft! –
Glühendheiß brennt die Tropensonne herunter. Längst schon sind die
Sonnensegel gesetzt. Noch vor vierzehn Tagen lag der deutsche
Blockadebrecher im hohen Norden, wo die Spritzer, die über die Reeling
schlugen, sofort zu Eis gefroren. Langsam fiel, je mehr die deutschen
Seeleute nach Süden kamen, eine Hülle nach der anderen. Längst sind
Mäntel und Schals verstaut und die leichten weißen Tropenanzüge
hervorgeholt. Unten im Heizraum, besonders aber in der Maschine ist die
Temperatur fast bis ins Unerträgliche gestiegen. Nur mit dünner Hose und
Holzpantinen bekleidet, ein Schweißtuch um den Hals gewickelt, arbeiten
die Leute unentwegt. Sind doch die Breiten erreicht, in denen auf der
anderen Seite Afrikas die Kolonie liegt, für deren Verteidigung die
Ladung der »Marie« unumgänglich notwendig ist. Allerdings droht
unmittelbar vor dem Ziel noch große Gefahr. England hat die enge
Blockade der Küste erklärt, nicht das kleinste Fahrzeug soll unbehelligt
von einem Hafen zum andern gelangen. Ununterbrochen streifen die Kreuzer
die Küste herauf und herunter. Das kann einen deutschen Seemann nicht
schrecken. Ist das schwierigste Stück, der Durchbruch durch die
Sperrlinien im Norden glücklich gelungen, dann muß es schon mit dem
Teufel zugehen, wenn es deutschem Seemannsgeist nicht glücken sollte,
den Engländern auch hier ein Schnippchen zu schlagen. Es ist nicht so
leicht, eine Blockade wirksam zu gestalten, wenn deutsche Schiffe sie
brechen wollen. Mit englischer Großmäuligkeit allein ist es sicher nicht
getan.
Einzelne von Süden kommende Dampfer gleiten vorbei. Nur Masten und
Schornsteine erscheinen oft über der Kimm, um nach wenigen Minuten
wieder zu verschwinden, oder eine verwehte Rauchfahne zeigt, daß in der
Ferne ein Dampfer seinen Weg zieht. Ruhig hält Sörensen seinen Kurs
durch; wird hier doch niemand ein deutsches Handelsschiff vermuten. Auch
feindliche Kriegsfahrzeuge dürften sich um den harmlosen Trampdampfer,
der wahrscheinlich nach dem Kap oder nach Australien geht, wenig
bekümmern. Kameruns Küste mußte längst durch schurkischen Verrat der
Dualaneger dem übermächtigen Ansturm von allen Seiten weichen. Was sich
an feindlichen Kriegsfahrzeugen jetzt noch hier herumtreibt, können
höchstens kleinere oder ältere Kriegsschiffe sein, die der Vierverband
kreuzen läßt.
Der nächste Tag schon bringt eine Begegnung mit einem würdigen Vertreter
des Feindes. Auf der Höhe von Dakkar taucht von Süden kommend ein
Fahrzeug auf, dessen Takelage von weitem schon verrät, daß es sich um
ein Kriegsschiff handelt. Eine geraume Weile vergeht, bis es ganz über
der Kimm steht; nach einer halben Stunde erst ist es auszumachen. Ein
uralter Pott mit hohen Masten und einem dünnen Schornstein. Kaum eine
Seemeile ab schiebt er sich vorbei. An seiner Gaffel hängt fast
bewegungslos ein Lappen. Die Nationalität wäre gar nicht auszumachen,
wenn nicht die roten Pompons auf den Mützen verrieten, daß hier ein
Vertreter der »Grande Nation« herumschwabbert, die sich zu Kriegszeiten
nur, wenn es unbedingt sein muß, auf die See wagt. Ebenso dreckig wie
die Flagge ist das ganze Schiff. Große Rostflecke am Rumpf und
Schmutzbahnen unter den Ausgüssen verraten, daß Kommandant und Offiziere
sich um das Aussehen des Schiffes nicht bekümmern und daß es ihnen
völlig gleichgültig ist, welchen Eindruck es macht ... Eine
unappetitliche Gesellschaft treibt sich drüben an Bord herum.
Nach den Außenlinien kann es sich nur um das französische Kanonenboot
»Surprise« handeln, das da in träger Fahrt vorbeizieht. Das kann nicht
gefährlich werden. So unordentlich wie außen, sieht es sicherlich auch
im Innern des Schiffes aus. Kessel und Maschinen sind wahrscheinlich so
heruntergewirtschaftet, daß sie der »Surprise« alles eher als eine
»überraschende« Schnelligkeit zu geben vermögen. Auf dem Papier zwar ist
sie der »Marie« an Geschwindigkeit überlegen. Wenn sie aber die
angegebene Fahrt wirklich je gelaufen hat, so ist das doch lange her.
Sollte sie sich zur Verfolgung aufmachen, dann würde der deutsche
Dampfer ihr sicherlich bald aus Sicht kommen können. Drüben kümmert sich
aber kein Mensch um das Schiff, das da fast in Rufweite vorbeizieht.
Die Linie wird passiert, die Fahrt führt allmählich wieder in
gemäßigtere Breiten. Weit aus Sicht wird die Südspitze Afrikas gerundet,
dann wieder geht es nordwärts auf das Ziel zu, fern vom Land ab, um
nicht etwa von Kriegsschiffen gesichtet zu werden, die zufällig vom
Blockadegebiet nach Kapstadt oder umgekehrt fahren sollten. Nichts aber
zeigt sich, und unbehindert kann der Dampfer seinen Weg fortsetzen.
Fast zwei Monate sind verstrichen, seit das Schiff aus dem deutschen
Hafen auslief. Das Ziel liegt nah. Jetzt heißt es, wie damals im Gebiet
der Sperrlinien, äußerste Vorsicht beobachten, um nicht im letzten
Augenblick noch das ganze Unternehmen zu gefährden.
Querab, nicht viel mehr als hundert Seemeilen, liegt deutsches Land,
zählt die so lange schon von der Heimat abgeschnittene und nur auf die
eigene Kraft angewiesene kleine Schar wohl schon die Tage und Stunden,
bis die so wertvolle Ladung eintrifft. Wieviele Augen mögen nach See zu
spähen, ob der Ersehnte nicht bald auftaucht. Mit blendendem Glanze
strahlt die heiße afrikanische Sonne auf das tiefblaue Wasser des
Indischen Ozeans. Leichte Dünung verläuft auf weißem Sande oder brandet
donnernd gegen kahle, zerrissene Korallenriffe. Einsam, verlassen liegt
die See. In weiter Ferne nur tauchen dann und wann die Umrisse eines
Blockadekreuzers auf. Das deutsche Schiff, auf das sie warten, kommt
nicht. Und doch ist seine Ankunft nötig, wird dringender von Tag zu Tag,
soll die letzte Kolonie sich halten...
Mit Westkurs dreht Sörensen auf Land zu. Kaum dreißig Seemeilen entfernt
liegt die Küste, dazwischen aber die englischen Schiffe! In wenigen
Stunden kann das Wagestück gelingen. Scharfer Ausguck späht von den
Masten. Unter möglichst geringer Rauchentwicklung, damit nicht die aus
dem Schornstein strömenden Wolken zum Verräter werden, schiebt sich der
Dampfer näher und näher an Land heran. Hoch türmt sich unter den Kesseln
die rote Glut, heißt es doch in dem Augenblicke, wo ein feindliches
Schiff gesichtet wird, abdrehen und mit äußerster Geschwindigkeit wieder
nach See zu laufen. Zwei Stunden noch, und die Küste muß in Sicht
kommen.
»Schiff ein Strich Steuerbord!« Noch ist der Ruf vom Ausguck des
vorderen Mastes nicht verhallt, als das Schiff auch schon mit Backbord
Hartruder und äußerster Kraft dreht und von Land abhält. Im nächsten
Augenblick meldet der Ausguck zwei Masten, drei Schornsteine. Also ein
Kriegsschiff! Es kann sich nur um einen englischen Kreuzer der
Städteklasse handeln, der seinen Patrouillendienst im Blockadegebiet
versieht. Welchen Kurs läuft er?
Eine kurze Spanne Zeit verrinnt, dann kann der Ausguck aus der Neigung
der Masten und dem bei der Windstille südwärts stehenden Rauch
feststellen, daß der Kreuzer nach Norden fährt.
»Stopp!« Längst ist einer der Offiziere zum Ausguck heraufgestiegen. Mit
äußerster Spannung starrt alles zum Mast empor und wartet auf die
Meldung, die die Entscheidung bringt, ob der Durchbruch heute noch
möglich ist. Wenige Stunden nur noch ist’s Tag; die Einfahrt ist nicht
so leicht zu finden. Zahlreiche Riffe liegen unter der Küste, keinerlei
Seezeichen oder Leuchtfeuer weisen den gefährlichen Weg. An ein
Einlaufen zur Nachtzeit ist nicht zu denken. Es bleibt nur übrig, wieder
weit in See hinauszugehen und am nächsten Tage den Versuch erneut zu
wagen. Hält der Kreuzer seinen nördlichen Kurs durch, dann ist die Luft
rein. Ist doch damit zu rechnen, daß er allein ist, da er zur Sicherung
des ihm zugewiesenen Gebietes vollauf genügt. Der nächste Augenblick
bringt eine böse Überraschung. »Kreuzer stoppt, geht anscheinend vor
Anker!« Wahrscheinlich will das Schiff in Sicht von Land liegen bleiben,
um da die Nacht abzuwarten. Was nun?
Ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Weg zur Einfahrt in die Sudibucht
kaum fünfzehn Seemeilen am Feinde vorbeiführt. Kapitän Sörensen schwankt
nicht lange. Der Kreuzer hat sicherlich keine Ahnung, daß ein deutscher
Blockadebrecher so dicht bei ihm steht. Wie gewöhnlich werden nach
Abstellen von Kessel und Maschinen Offiziere und Mannschaften sich vor
der heißen Sonne zu bergen trachten und ein schattiges Plätzchen
aufsuchen. Nur auf die Wachsamkeit des Brückenpersonals kommt es an. Ist
sie mangelhaft, dann kann das Wagnis glücken, und gerade damit rechnet
der Kapitän.
Die Feuer sind gereinigt, gleichmäßig hoch liegt die Glut unter den
Kesseln, so daß der Dampfer rauchlos fahren kann, solange der Kreuzer in
Sicht ist. Wie ein dumpfes Zittern geht es unter der hohen Spannung des
nicht verbrauchten Dampfes durch den ganzen Schiffskörper. Der
Maschinentelegraph schlägt an. »Äußerste Kraft voraus!« ... Wirbelnd
dreht sich die Schraube, weißer Gischt quillt am Heck hoch ... in
rasender Hast blitzen die schweren Eisenteile der Maschine, gleiten die
Schieber in den Kulissen auf und ab ... in einer Minute schon hat das
Schiff äußerste Fahrt aufgenommen und jagt auf Land zu... Näher und
näher kommt der Kreuzer ... liegt querab ... gehen drüben Signale hoch,
blitzt ein Schuß auf? ... Nichts rührt sich... Voraus die Küste ...
Brandung .. Palmen... Dicht an Backbord ragen nur eben aus der See
leicht umspülte Korallenriffe ... eine Bucht öffnet sich ... an beiden
Seiten Land... Das Ziel... Die Blockade ist durchbrochen.