Durch die Bewachungslinien

Wie ein schmaler, bläulichdunkler Streifen zeichnet sich eine Zeitlang

die deutsche Küste noch im Dunst des Wintertages ab, bis sie allmählich

unter der Kimm verschwindet. Mit voller Fahrt strebt der Dampfer »Marie«

nordwärts. An Backbord taucht in weiter Ferne Helgoland auf. Die schöne

rote Sandsteinfarbe scheint vom Dunst aufgesogen, schwarz und steil

springt das Land aus der See. Das Tauschobjekt für ein schönes Stück

Ostafrika. Wie wertvoll aber der »Hosenknopf«, wie die Engländer früher

so verächtlich das Felseneiland nannten, war, hat der Weltkrieg so recht

bewiesen. Die Insel in englischen Händen hätte die vollständige

Unterbindung jeder Operation der deutschen Flotte zur Folge gehabt, ein

Durchbruch wie der jetzt geplante wäre ein nahezu aussichtsloses

Unternehmen gewesen. Mußte es dann doch den Engländern ein leichtes

sein, die Bewachungslinien zur Abriegelung der Häfen in der deutschen

Bucht zu beiden Seiten der Insel nach dem Festland hinüberzuziehen. Dazu

hätte es noch nicht einmal vieler Schiffe bedurft. Jetzt müssen sie ihre

Sperrlinien hunderte von Seemeilen weit draußen, von Schottland nach

Norwegen und Island legen, zahlreiche Schiffe jeder Art, vom riesigen

Hilfskreuzer bis hinab zum bewaffneten Fischdampfer müssen Tag und Nacht

die Kreuzer und Zerstörer, deren Zahl bei weitem für diese Aufgabe nicht

ausreicht, unterstützen.

Die Dämmerung bricht herein. Die grünen Wasser der Nordsee färben sich

dunkler, bis sie allmählich tiefschwarze Farbe annehmen. Fahl leuchtend

rauschen die weißen Schaumkronen der Wellen heran, mit dumpfen Schlägen

prallt die See gegen die Bordwand, in Stagen und Wanten singt der

auffrischende Westwind. Ruhig setzt der deutsche Dampfer seine Fahrt

fort. Weit vorgeschoben noch stehen die deutschen Vorpostenboote, nicht

ungesehen käme der Feind. Und wieder vergeht in gleichförmiger Stille

eine Stunde. In dem dustern Grau des Winterabends blinkt ein Licht. Eine

Sekunde kaum leuchtet es, verschwindet. Unmittelbar folgt ein zweites,

in kurzen Zwischenräumen weitere. Lang ... kurz ... kurz ... lang: Ein

Fahrzeug der äußersten deutschen Bewachungslinie, das die »Marie«

gesichtet und sie sofort als Frachtdampfer erkannt hat. Kaum fünfhundert

Meter ab liegt das kleine Schiff, das in der Dünung nach beiden Seiten

stark überholt. Klein, unscheinbar, mit zwei Masten und einem

Schornstein. Ein ehemaliger Fischdampfer, der sich unter seiner

schützenden grauen Farbe kaum in schattenhaften Umrissen vom nebligen

Hintergrund abhebt. Längst ist er vom Zeitpunkt, zu dem der

Blockadebrecher passieren will, verständigt und fordert nun durch Morsen

das verabredete Gegensignal. Minuten später liegt das Vorpostenboot

achteraus und versinkt wieder im Dunkel der Nacht. Das letzte deutsche

Schiff, das der Besatzung für lange Zeit, vielleicht für immer, vor

Augen kommt.

Bis hierher reicht der Schutz der deutschen Flotte. Von jetzt ab heißt

es für Kapitän Sörensen, sich allein weiterhelfen, dem Glück und dem

seemännischen Geschick des Führers und der Leute vertrauend. Jede

Stunde steigert die Gefahren. Feindliche U-Boote, Kreuzer und

Patrouillenschiffe können auftauchen. Ihnen gegenüber ist der deutsche

Dampfer, sobald er als solcher erkannt ist, verloren. Es kommt nur

darauf an, die feindlichen Fahrzeuge nach Möglichkeit zu umgehen.

Es ist Neumondzeit. Kein Stern schimmert durch die nachtschwarzen

Wolken, die in wilder Fahrt vor dem Wind nach Osten jagen. Trotzdem

suchen mit scharfen Nachtgläsern bewaffnete Augen nach allen Seiten das

Dunkel zu durchforschen. Kein Schimmer, nicht der kleinste Lichtschein

dringt aus dem Schiff. Weder Positions- noch Dampferlaternen brennen,

der blinde Zufall nur könnte den Feind auf die Spur bringen. Zwar sind

die englischen Bewachungslinien noch weit, einzelne Kreuzerverbände aber

können hier streifen. Auch sie fahren abgeblendet, um den deutschen

U-Booten nicht zum Opfer zu fallen. Ein Flüstern ... eine ausgestreckte

Hand ... da ... an Backbord ... ein schwarzer Schatten ... ein Schiff

... ein Feind ... nein, es ist nichts, eintönig nur rauscht die See,

schrill pfeift der Wind.

Noch dämmert der Morgen nicht, als sich auf dem Bootsdeck beim

Schornstein ein eigenartiges Treiben entwickelt. Zwei mit Farbtopf und

Pinsel bewaffnete Matrosen klettern am Schornstein hoch, und nach einer

halben Stunde emsiger Arbeit unterbricht ein grellroter Ring das

eintönige Schwarz. Es ist kein leichtes Stück, das Werk in See

auszuführen, Kernworte in niederdeutscher Sprache feuern aber die

»Künstler« und ihre Gehilfen, die von Deck aus die leiterartigen Gerüste

halten, zu Glanzleistungen an. In kurzer Zeit schon ist die Farbe auf

dem Ringe unter der Hitze, die der Schornstein ausströmt, getrocknet.

Jetzt folgt die Feinmalerei. Soll das Schiff die Abzeichen der

Robinsonline tragen, dann muß auf das rote Feld noch zu beiden Seiten

ein weißer Stern. An Backbord sitzt der Matrose Gert, ihm gegenüber an

Steuerbord Otten. Die beiden sind Ostfriesen; zusammen sind sie

aufgewachsen, haben gleichzeitig auf demselben Schiff ihren Dienst in

der Marine getan und sind einträglich und vergnügt an Bord der »Marie«

gekommen. Ein edler Wettstreit herrscht zwischen ihnen. Gert ist zuerst

mit seinem Stern fertig. Prüfend betrachtet er sein Werk und meint zu

Otten, der eben den letzten Strich zieht: »Wenn John Bull min’ Sid süt,

denn holt bei us nich an.« Otten ist zwar auch von der vorzüglichen

Ausführung der Arbeit überzeugt, hat aber doch ernste Bedenken, daß das

Kunstwerk einen »zu sauberen« Eindruck macht. »Un so en richtigen

Collier mut en beeten sudelig sin!«

Stundenlang verfolgt das Schiff seinen Kurs nordwärts, ohne ein

verdächtiges Fahrzeug zu sichten. An Steuerbord sind dicht unter der

Küste einige dänische Motorfischer emsig beim Schollenfang beschäftigt.

Sie kümmern sich gar nicht um den Dampfer, der weit ab von ihnen

vorbeizieht. Das Wetter ist klar, frei und offen liegt die See, bis auf

zehn Seemeilen sichtig. Gegen zwei Uhr nachmittag meldet der Ausguck

backbord voraus Rauchwolken. Beim schärferen Zusehen sind auch bald die

eben über die Kimm tauchenden hohen Masten eines Schiffes zu erkennen,

das anscheinend mit schneller Fahrt südwärts steuert. Ein Augenblick

kurzer Ueberlegung, ein rascher Entschluß. Was da über der Kimm

herauskommt, kann nur der Feind sein. Drei Schornsteine, aus denen in

schweren Wolken dunkler Qualm dringt, heben sich ab: ein englischer

Hilfskreuzer! Und schnurgerade führt ihn sein Kurs dem deutschen Dampfer

entgegen. Jetzt heißt es ausweichen, was nur die Maschine hergibt.

Einige Ruderkommandos, ein Rattern am Maschinentelegraphen. Ein leises

Zittern geht durch das Schiff, als die Schraube schneller und schneller

zu wirbeln beginnt. Höher kämmt das weiße Bugwasser die Bordwände längs.

Mit hoher Fahrt strebt der deutsche Dampfer jetzt dem Skagerrak zu, als

wenn er, von England kommend, quer über die Nordsee einen dänischen oder

schwedischen Hafen anzusteuern beabsichtige.

Der Hilfskreuzer ist inzwischen weiter heraufgekommen. Anscheinend ist

es ein Cunarder, der im Dienste der britischen Admiralität fährt. An

Gegenwehr ist gar nicht zu denken. Was sollte die »Marie« den

15-Zentimeter-Geschützen, die der drüben an Bord führt, entgegensetzen?

Das einzige Heil liegt nur in der Flucht. Nicht eine Sekunde wird der

nahende Gegner aus den Augen gelassen. Er hat eine Fahrt im Leibe, die

dem deutschen Dampfer nur zu sehr überlegen ist. Zusehends wächst er aus

dem Wasser heraus, wird größer und deutlicher. Und gerade jetzt, in

diesem Augenblicke, der der ganzen Fahrt ein jähes Ende zu bereiten

droht, die in dieser Jahreszeit so seltene Sichtigkeit! Die Sonne steht

zwar schon ziemlich tief im Westen, bis zur völligen Dunkelheit aber mag

noch eine halbe Stunde vergehen. Und was kann in der Zeit nicht alles

geschehen! ...

Eine Zeitlang scheint es, als ob der Hilfskreuzer den Trampdampfer, der

die Abzeichen einer englischen Reederei trägt und seinem Kurs nach von

England kommt, nicht beachten wolle. Ruhig setzt er seinen Weg fort.

Dann aber, als er achteraus liegt, flattern drüben Signale hoch. Auf die

vorläufig noch große Entfernung sind sie nicht abzulesen, zweifellos

aber bedeuten sie das peinliche »J. D.«, den Befehl zum sofortigen

Stoppen. Das entspricht nun allerdings nicht ganz den Absichten

Sörensens. Wieder schrillt der Maschinentelegraph, noch stärker wird das

Zittern, höher steigt die Umdrehungszahl der Schiffsschraube. Unten in

Heiz- und Maschinenräumen wissen sie genau, was jetzt von ihnen abhängt.

Stählerne Muskeln krampfen sich, zum Platzen gespannt treten die Adern

hervor, in Strömen fließt der Schweiß. Schneller und schneller jagt der

deutsche Dampfer durch die grüne See. Ob es gelingen wird?

Starr blicken sie hinein in die rotflammende Sonne, zählen zum so- und

sovielten Male die Minuten, in denen das schützende Dunkel endlich

hereinbrechen muß, bis sich geblendet die Augen abwenden. Ein

unterdrückter Ruf des Wachoffiziers, ein freudestrahlendes Gesicht

wendet sich Sörensen zu. »Er folgt uns nicht!« Der Kapitän schüttelt den

Kopf. Er weiß, welch überlegene Geschwindigkeit in dem englischen

Hilfskreuzer steckt und daß es ihm, wenn er auch nur den geringsten

Verdacht schöpft, ein leichtes ist, die Entfernung aufzuholen. Fast

scheint es einen Augenblick, als ob die drei Schornsteine kürzer würden

und der Engländer wieder langsam unter der Kimm verschwände. Er hält

seinen südlichen Kurs durch.

Es scheint nur. Plötzlich aber verkürzen sich die Umrisse des Cunarders,

er dreht dem deutschen Dampfer nach. Sie haben Verdacht geschöpft, die

Jagd beginnt. Fünf Minuten verstreichen ... langsam nähert sich der

untere Sonnenrand dem Wasser, setzt auf .... Noch ist die Entfernung zu

groß, als daß der Engländer von seinen Geschützen Gebrauch machen

könnte, aber von Minute zu Minute bringt ihn die überlegene

Geschwindigkeit näher heran ....

Die Sonne ist verschwunden, graue Schatten ziehen von allen Seiten

herauf. Die scharfen Umrisse der beiden Schiffe scheinen sich aufzulösen

und mit der Dämmerung in eins zu verschwimmen. Auf dem Hilfskreuzer

blitzt es auf, eine Reihe von Sekunden später kommt aus weiter

Entfernung der kurze Knall eines Schusses herüber. Der Engländer sieht

sein Ziel in der rettenden Dunkelheit verschwinden und versucht nun das

letzte Mittel, es zum Halten zu bringen. Das Aufschlagen der Granate ist

nicht mehr zu sehen, und von Sekunde zu Sekunde vertieft sich die

Dunkelheit der schnell hereinbrechenden Winternacht. – Der Verfolger

ist außer Sicht....

Mit Hartruder dreht Sörensen auf Nordkurs, um im Gegner die Ansicht zu

erwecken, daß es sich um ein harmloses Handelsschiff handelt, das dem

Aufgebrachtwerden und dem Verschleppen nach Kirkwall entgehen will. Weit

entfernt an Backbord achteraus erhellt sich die Nacht, Scheinwerferkegel

huschen über das Wasser und suchen den Flüchtling in östlicher Richtung.

Abgeblendet in tiefstem Dunkel jagt der inzwischen unbehelligt nach

Norden.

Die letzte Stunde hat harte Arbeit von den Kesseln und in den Bunkern

gefordert. Alles, was an Deck entbehrlich ist, das dienstfreie

Maschinenpersonal, das sich von der letzten Wache kaum umgezogen hat,

ist sofort, als der Verfolger auftauchte, wieder an die Arbeit gegangen.

Jetzt muß aus dem Schiff herausgeholt werden, was Kessel und Maschine

hergeben wollen, oder alles ist verloren, und es bleibt nur noch die

Versenkung des Schiffes übrig. Ein gefüllter Kohleneimer nach dem andern

kommt aus den Bunkern in den Heizraum, derbe Fäuste fassen sie, und

durch die offenen Feuertüren sausen die Kohlen in mächtigem Schwunge auf

die rotweiße Glut, die sich höher und höher türmt. Die Maschine vermag

die Ueberfülle des Dampfes nicht zu verarbeiten. Längst ist der Zeiger

des Dampfdruckmessers über den roten Polizeistrich hinausgewandert, jede

Sekunde kann einer der auf diesen Ueberdruck nicht gebauten Kessel in

die Luft fliegen. Zischend strömt der überschüssige Dampf aus den

Sicherheitsventilen. Unentwegt wird weiter gearbeitet. Immer noch steht

der Zeiger des Maschinentelegraphen auf äußerster Kraft, und der Befehl

von der Brücke lautet, das letzte aus der Maschine herauszuholen. Die

schweren Eisenteile wirbeln mit einer Geschwindigkeit, wie sie das gute

Schiff sicher noch nicht gekannt hat, seit es die Bauwerft verließ.

Dann, nach einer Stunde, kommt die erlösende Nachricht, daß der

Verfolger abgeschüttelt ist und der Befehl, mit den Umdrehungen

herunterzugehen. Mit der größten Spannung sieht alles an Bord dem

heranbrechenden Morgen entgegen. Hoffentlich hat der Engländer nicht

andere Schiffe alarmiert.

Im Osten dämmert der Tag. An Steuerbord steigen dunkle Felsen aus der

See hoch, weiß brandet der Gischt an starren Granitwänden. Eine Stunde

später ist der Tag da. In hellem Sonnenglanze, weithin sichtbar liegt

die See. Die gute Sichtigkeit ist zwar eine große Gefahr für das ganze

Unternehmen, weil feindliche Kreuzer das deutsche Schiff nur zu leicht

entdecken können, andererseits aber liegt an Steuerbord das neutrale

Land, dessen Hoheitsgebiet leicht erreichbar ist, wenn eine verdächtige

Rauchwolke auftaucht. Freilich ist es besser, wenn kein Feind in Sicht

kommt; hat der Weltkrieg doch schon zur Genüge bewiesen, welch

merkwürdige Begriffe von neutralen Grenzen England hat.

Nichts ist zu sehen, einsam steuert der Dampfer seinen Kurs weiter.

Gegen Mittag kommt die norwegische Küste aus Sicht. An Backbord voraus

tauchen die Masten und weißen Flächen eines großen Seglers auf, der

anscheinend von Kirkwall einem norwegischen Hafen zustrebt. Die Kurse

der Schiffe kreuzen einander. Beim Näherkommen setzt die Bark die

blaugelbe Flagge Schwedens. Wie lange mögen die Engländer wohl den armen

Teufel widerrechtlich festgehalten haben! In schlanker Fahrt, leicht

überliegend zieht das schöne Schiff unter der Last seiner schneeweißen

Segel vorbei, um nach einer Stunde unter der Kimm unterzutauchen.

Eintönig in gleichmäßigem Takt stampft die Maschine, in gleichen

Umdrehungen mahlt die Schraube durch die See. Meile um Meile wird

zurückgelegt, immer weiter ruckt der Zeiger aus dem Patentlog, immer

näher kommt die gefährlichste Zone.

Ein Schuß! ... Ein scharfer Knall zerreißt das gleichmäßige Rauschen der

See. Mit einem Satz stürzen Kapitän und Wachoffizier nach der Nock der

Brücke, von wo der Schall herüberdringt. Scharf, doppelt angestrengt

spähen die Augen über die einsame See ... Da! ... ein grauer Turm ...

niedrig, kaum über das leichtbewegte Wasser herausragend der

Schiffskörper ... noch ist keine Zeit zu weiterer Überlegung, als es

drüben, kaum fünf Seemeilen ab, aufblitzt. Heulend fegt die Granate

dicht am Bug vorbei ... Flucht ist unmöglich. .. Es heißt dem bitteren

Befehle folgen ...

Blockade-Brecher · 第 7 / 29 题