Ui .. ui .. ui .. uiiiii .. Wie grelles Jauchzen klingt es über dem
Wasser auf. Ein schlanker, schwarzer Schatten schiebt sich aus der
Nebelwand heraus, einzelne Kommandoworte, das Rasseln eines
Maschinentelegraphen, Stampfen der Maschinen: ein Torpedoboot. In
langsamer Fahrt strebt es der Ausfahrt zu, hinaus, auf Vorposten. Einen
Augenblick kaum ist es zu sehen, dann taucht es im Nebel unter, und nur
das durchdringende Gellen der Sirene verrät, wohin es sich wendet. Kaum
ist das Torpedoboot verschwunden, als stärkeres Rauschen des Wassers das
Nahen eines größeren Fahrzeuges kündet. In wuchtender Masse kommt es
heran. Schornstein, Masten und Schiffswand zeigen gleichförmige graue
Farbe, auf Vor- und Achterdeck stehen kleinere Geschütze. Ein
Handelsdampfer, der offenbar Kriegszwecken dient. Ein Sperrbrecher, wie
auch der Name: »Sp. 173« verrät. Als Sicherung gegen Minengefahr läuft
er in minenverdächtigen Seegebieten seinem Schiffsverbande voraus. Ein
gefahrvolles Handwerk, bei dessen Ausübung jede Sekunde das Ende bringen
kann. Hat England doch zu tausenden Minen in der Nordsee ausgestreut.
Mangelhaftes Material läßt sie sich bald losreißen. Unentschärft, wie es
wohl englische Absicht ist, treiben sie dann in der Strömung, Feinden,
Neutralen und eigenen Schiffen gleich gefährlich. Unsichtbar lauert der
Tod, nur wenige Meter unter der Oberfläche. Dann fährt der Sperrbrecher
voraus, bereit sich zu opfern. Wer denkt daran! Vergnügtes Lachen tönt
zu der kleinen Pinasse herunter, die eben noch im letzten Augenblick dem
grauen Riesen ausbiegen kann: »Ji sünd woll mall, us hier vor den Bug to
loopen. Ji willt us woll den Kollisionsrum indrücken!«
Dem Bootsführer, der eben den Mund zu einem kräftigen Fluche öffnet,
schneidet jäh die ungeheuerliche Zumutung, dem Koloß mit seiner
Nußschale den Kollisionsraum eindrücken zu wollen, den Faden ab. Ein
beifälliges Grinsen, ein wohlwollendes Nicken. Er hat hart Ruder gelegt,
um nicht doch noch zu Schaden zu kommen.
Acht Glas. Von allen, im Hafen liegenden Schiffen klingen die kurz
aufeinanderfolgenden vier scharfen Doppelschläge. Der Nebel gerät
allmählich in Bewegung. Einzelne Fetzen lösen sich ab, dünner und dünner
wird der Schleier, bis er sich ganz verzieht. Fahl spiegelt sich die im
Osten hochkommende Sonne auf dem dunklen Wasser, das unter Oelflecken
schwach opalisiert.
Polternd rollt ein Güterzug heran. Ein schriller Pfiff, dann hält er
querab von einem Dampfer, der dort festgemacht hat. Schwarz wächst der
Schiffskörper aus der Kaimauer heraus, schwarz ist der Schornstein, der
sich mitschiffs aus den Aufbauten erhebt. Weder von Heck noch Masten
flattert Tuch, das Nationalität oder Reederei anzeigt. Ein richtiger
gewöhnlicher Trampdampfer von über 3000 Tonnen, wie sie zu hunderten die
Meere durchfurchen. Reine Frachtenträger, die wohl unheimliche Mengen
von Lasten in ihrem Inneren aufzunehmen vermögen, die ihrer Besatzung
aber nur die notdürftige Bequemlichkeit gewähren.
An den Luks rattern die Winden, Ladebäume schwenken nach Land zu. Berge
von Kisten türmen sich bereits auf der Kaimauer, und immer neue noch
werden aus dem eben eingetroffenen Zuge entladen. Hunderte fleißiger
Hände regen sich. Mit großer Behutsamkeit gleiten die schweren Frachten,
deren Aeußeres schon verrät, daß sie wertvolles Gut bergen und für
längeren Seetransport gebaut sind, aus den Wagen. Der Angelpunkt der
Arbeit, die da vor sich geht, scheinen drei Männer zu sein, die, mit
einem dicken Bündel Papiere in der Hand, aufmerksam jedem Griffe, der
getan wird, folgen: Zwei Feuerwerker der Marine und ein Zivilist. Durch
die Art seines Auftretens und die von ihm erteilten Befehle läßt sich
allerdings unschwer erraten, daß auch er Seemann ist. Tatsächlich ist er
der zweite Offizier des Dampfers »Marie«, der querab vor ihm liegt. Er
ist für Ladung und sachgemäßes Stauen verantwortlich. Alle Augenblicke,
fast ohne Unterbrechung hallt seine Stimme zum Schiff hinauf, wo die
Leute an den Ladeluks stehen. »Zum Deubel! Wie oft soll ich euch denn
sagen, daß ihr vorsichtiger heißen und fieren sollt! Ihr ladet doch
keine Kartoffelsäcke. Wollt ihr denn durchaus, daß euch der ganze
Zinnober um die Ohren fliegt?« Beschwichtigend wendet sich der alte
Oberfeuerwerker ihm zu: »Lassen Sie man, Steuermann! Die Kisten können
schon einen gehörigen Ruck vertragen. Wir schicken doch nicht zum
erstenmal Munition ins Ausland.«
Die Arbeit geht weiter. Eine Segeltuchbahn liegt auf der Kaimauer. Eine
Kiste nach der andern wird auf die Schlinge gelegt, bis das Gewicht
erreicht ist. Dann senkt sich die am Ladebaum entlangführende Stahlleine
herab und faßt die Schlinge. Ein Hochheben der Hand; die Winde holt die
Leine steif, ein leichtes Rucken. Ratternd rollt sie dem Stahlläufer um
die Trommel, die Last schwebt Sekunden später hoch und verschwindet,
vorsichtig geführt, im Schiffsbauch.
Mehr und mehr lichtet sich der Raum auf der Kaimauer. Granaten, Zünder,
Maschinengewehre, Gewehre, Patronen, Lafettenräder, in Zinkkisten
verpackte Bekleidungsstücke, Lebensmittel, Dauerproviant verschiedenster
Art, kurz alles, was ein Expeditionskorps bedarf, wird übergenommen. Und
noch ist der Zug nicht entladen. Während so von Land aus eine Kiste nach
der andern in das Schiff gefiert wird, schiebt sich von der Wasserseite
ein ungeheueres Gebilde heran. Ein schwimmender Kran von Abmessungen,
wie sie nur die modernste Technik herzustellen vermag. Ueber eisernem
Unterbau erhebt sich turmartig ein stählernes Gitterwerk. Ein
wagerechter Arm aus dem gleichen Material wächst in rechtem Winkel aus
ihm heraus. Vorsichtig, mit dicken Rohr- und Korkfedern vor dem
vierkantigen, breitschäumenden Bug legt er sich an den Dampfer heran.
Von geschickter Hand geworfen, fliegen Leinen herüber, schwere Trossen
werden nachgeholt, und Minuten darauf liegt das Ungetüm ruhig an dem
Dampfer, dessen Rumpf es weit überragt. Mühelos, spielend heben sich vom
Unterbau gewichtige Rohre. Wie leichte Hölzer handhabt der Kran die
Lasten der schweren Geschütze. Und spielend fast, so genau und
geräuschlos hält der stählerne Arm genau über den Luks. Wie vorher die
Granaten, so verschwinden jetzt die Kanonen, eine nach der andern, tief
im untersten Laderaum. Wie gewaltig das Gewicht ist, das der Kran hier
einlädt, zeigt sofort das Tiefereintauchen des Schiffs. Viel braucht es
nicht mehr, um die Tiefladelinie zu erreichen. Von der roten
Schiffsbodenfarbe ist nichts mehr zu sehen, längst auch ist die Schraube
unter der Oberfläche verschwunden.
Im Wohnraum des Kapitäns sitzen zwei Männer in eifriger Unterhaltung.
Der eine trägt die Uniform der Schutztruppe, der andere, wie der
Offizier, der an Land die Ladung beaufsichtigt, Zivil. Eine schlanke,
kräftige Gestalt mit hellblondem Haar und blauen Augen, mit energischem,
tiefgebräuntem Gesicht: Kapitän Sörensen, der Führer der »Marie«.
Aufmerksam folgt er den Ausführungen des Offiziers, ein leichtes Nicken
ab und zu nur verrät, daß er die vorgebrachten Ansichten völlig teilt.
Er scheint kein Freund vieler Worte. Eben als er sich zu einer
Erwiderung anschickt, öffnet sich die Tür, und ein Korvettenkapitän
tritt ein:
»Na, mein lieber Sörensen, da wäre der Kriegsrat ja beisammen. Das
letzte Geschütz ist soeben übergenommen, wie mir der Ladeoffizier sagt,
ist er in höchstens zwei Stunden fertig. Den Teil des Unternehmens
hätten wir ja nun geschafft!«
Hier fällt der Schutztruppler ein: »Es wäre ja glänzend, wenn der
Durchbruch gelänge. Was werden unsere Leute nur für Augen machen, wenn
Sie mit Ihrer kostbaren Ladung drüben ankommen!« ... Der Seeoffizier
läßt ihn nicht aussprechen:
»Ach was, wenn! Unser Sörensen wird’s schon schaffen. Glück gehört ja
allerdings ein ganzer Berg dazu! Na, was meinen Sie?«
Sörensen hat sich bisher mit keinem Wort an der Unterhaltung beteiligt.
Jetzt lacht er:
»Wir werden’s schon machen. Wenn ich nur erst die englischen Sperrlinien
nördlich von Schottland hinter mir habe, im Atlantik fassen sie mich so
leicht nicht mehr. Und lieber versäufe ich das Schiff, bevor ich den
Engländern die Ladung in die Hände fallen lasse.«
Der Schutztruppenoffizier unterbricht ihn erregt:
»Um Gottes willen, das wollen wir doch nicht hoffen! Die Möglichkeit der
Verteidigung unserer letzten Kolonie hängt von dem Gelingen Ihrer Fahrt
ab. Die ganze Welt staunt ja schon, daß Oberst von Lettow-Vorbeck sich
bei der ungeheuren Uebermacht, die von allen Seiten gegen ihn andrängt,
und den unbeschränkten Mitteln, die dem Gegner zur Verfügung stehen,
noch hält. Wenn Sie aber erst da sind, Herr Kapitän, dann ist er aus dem
Aergsten heraus.«
Der Korvettenkapitän, der eine Zeitlang stumm dagesessen und auf der
Karte den einzuschlagenden Weg verfolgt hat, wendet sich jetzt den
beiden anderen wieder zu:
»Die Jahreszeit ist ja jetzt so günstig wie möglich. Wir stehen dicht
vor dem Neumond, die Nächte sind lang und dunkel; vor allem da oben sind
die Tage noch kürzer als hier. Vielleicht kommt Ihnen Nebel noch zu
Hilfe oder schlechtes Wetter, bei dem die englischen Patrouillenschiffe
nicht gern zur See fahren! Aber wir wollen keine Worte weiter verlieren.
Je eher Sie in See gehen, desto besser. Wir wissen schon, warum wir für
diese Aufgabe gerade Sie ausgesucht haben.«
Fast verlegen wehrt Sörensen ab: »Da wollen wir lieber kein Aufhebens
von machen. Unter den deutschen Seeleuten sind hunderte, die es ebenso
machen würden wie ich und« ... Der Erste Offizier ist eingetreten:
»Herr Kapitän! Die Ladung ist über.«
Sörensen erhebt sich. »Die Herren entschuldigen mich wohl einige
Minuten. Ich will dann gleich seeklar machen lassen.«
Querab von der Tür steht an der Reeling ein älterer Seemann mit grauem
Haar und Bart. Unschlüssig, ob er den herankommenden Führer des Schiffes
ansprechen solle, blickt er Kapitän Sörensen entgegen. Der überhebt ihn
aber sofort der Sorge:
»Na Eilers, wollen Sie denn nun wirklich mit? Haben Sie sich denn auch
überlegt, daß Sie alter Mann nun in den Krieg gehen? Lassen Sie das doch
lieber die Jungen besorgen. Sind genug da, die gern mit Ihnen tauschen
würden!«
Der Angesprochene schüttelt verneinend den Kopf:
»Ach, Käpten! Ich bin ja so froh, daß Sie mich mitnehmen!«
»Glauben Sie denn wirklich, daß Sie Ihren Jungen drüben wiedersehen
werden?«
Der Alte, der zuerst etwas erschreckt dreinblickte, beruhigt sich. »Ich
weiß doch bestimmt, daß ich ihn zu sehen kriege. Ich hab’ ja man bloß
den Einzigen, und der Junge ist sicher mit dem Leben davongekommen. So
’ne richtige Wasserratte ist er und zäh wie man einer. Wenn die
Engländer ihn auf der »Königsberg« nicht totgeschossen haben, finde ich
ihn sicher!«
»Wie lang dient er denn? Ist er schon Obermatrose?« Der Alte lacht: »So
wiet is he noch nich! Er war ja eben Siebzehn, als er eintrat!«
»Na, denn fahren Sie in Gottes Namen nur mit. Sie sind ja ein
seebefahrener Mann, und den können wir hier an Bord immer gebrauchen!«
Eilers will danken, fast unwirsch aber wehrt ihm der Kapitän. »Ach
lassen Sie man den Snak, ist doch selbstverständlich. Nu machen Sie nur,
daß Sie ins Logis kommen!«
Seit Stunden schon brennen die Feuer unter den Kesseln. Dichte
Rauchwolken quellen aus dem Schornstein. Das Oberdeck ist aufgeklart,
die Leinen sind klar zum Loswerfen. Zwei Schlepper liegen längsseit, um
die »Marie« sicher hinauszubringen. Der Schutztruppenoffizier und der
Korvettenkapitän sind inzwischen aus dem Wohnraum an Deck getreten.
Kurze Worte werden noch gewechselt, dann geleitet sie Sörensen über die
Stelling an Land. Ein fester Händedruck, ein »glückliche Fahrt«, dann
ist es so weit. Harte Fäuste fassen zu und fahren die Stelling ab. Alles
ist klar.
»Maschine Achtung!« »Vorleinen los!« »Los die Achterleinen.« »Langsam
voraus!«
Die Schleppleinen straffen sich, Schrauben peitschen das Wasser, breit
und breiter wird der Zwischenraum zwischen Land und Schiff. Langsam
gleitet die »Marie« der Ausfahrt zu.