Hermann Ecke steht am Fenster und blickt auf die Straße hinab. Klingen
nicht Schlittenglocken durch die Winterstille? Ein Wagen saust daher.
Wohin? Zu Nachbar Dohn.
Kam da nicht ein Bote? Er taumelte vor Erregung und schwenkte ein Tuch in
der Hand. Nein, es ist ein Betrunkener, der ein weißes Bündel trägt.
Vielleicht kommt er von einer Hochzeit.
Ist es heute nicht, ist es morgen.
Überall ist er zu sehen, Hermann Ecke. Im Walde, im Felde, im Dorfe. Aber
er lächelt nicht mehr, er ist bleich, und groß und verwundert blicken seine
Augen. Er geht einher, als suche er etwas auf dem Boden.
Hermann Ecke geht zu den Knechten und Mägden in die Gesindestube, er will
sich unterhalten mit ihnen. Er spricht und sie antworten. Immer mehr
spricht er, immer weniger sprechen sie. Er sitzt und redet, redet. Alle
sehen ihn an. Er geht.
Es ist dunkel, ein dunkler feuchter Abend, ohne Mond, ohne Sterne, feucht,
schwarz, und nasser Schnee treibt über die Straße. Hermann Ecke geht ins
Dorf hinab und tritt in die Schenke.
Junges Volk ist da versammelt. Knechte und Mägde. Die Dirnen legen die
Köpfe gegen die Schultern der Burschen oder sie sitzen ihnen auf den Knien.
Ein Bursche in Hemdärmeln, den Hut im Nacken, spielt die Zither.
Guten Abend, ihr Leute, sagt Hermann Ecke.
Guten Abend.
Die Zither klingt und der Bursche singt. Er singt von einem Stier und einer
scheckigen Kuh und daß eine Dirne dabeistand und sie lachte dazu.
So singt er, und die Mägde lachen, und die Burschen fassen sie um den Leib.
Da ist ein kleiner Bursche, ein Schneider, der den Mund weit aufreißt. Er
behauptet keine Knochen zu haben. Er hat keine Knochen, prügeln kann man
ihn, er spürt keinen Schmerz. Zwei packen ihn an den Händen und Füßen,
schwingen ihn hin und her und schleudern ihn gegen die Türe, daß sie
kracht. Er steht auf. Nichts hat er gespürt, er hat keine Knochen.
Die Knechte lachen, daß es dröhnt, und die Mägde kreischen.
Hermann Ecke lächelt. Er bezahlt und geht. Gottes Friede sei mit euch ihr
guten Leute, spricht er.
Einige kichern und einer sagt: Amen!
Wenn sie alt geworden sind, so werden sie wissen, was es bedeutet, wenn
einer sagt: Gottes Friede sei mit euch, ihr guten Leute.
Hermann Ecke wandert durch die holperigen dunklen Gassen des Dorfes. Wo ein
helles Fenster ist, dahin schleicht er. Wie ein Dieb schleicht er um die
Bauernhöfe und er blickt verstohlen in die erleuchteten Fenster. Eine
Bäuerin knetet Teig und rollt ihn mit einem Holze aus, ein Bauer steht am
Bette und entkleidet sich langsam. Eine junge Mutter badet ihr Kind, es
strampelt, daß das Wasser gegen die Scheiben spritzt. Hin und her schleicht
der Dieb und an dem hellen Fenster bleibt erstehen. Da sitzt ein Knabe und
lernt. Er bewegt die Lippen und Hermann Ecke hört, daß er lernt. Dann
versteht er des Knaben Worte. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth
und alle Lande -- heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande sind
seiner Ehre voll. Heilig, heilig -- Mutter! ruft er plötzlich laut, es
steht wer am Fenster!
Der Dieb verschwindet in die dunkelste Gasse.
An einem Zaune wispert es. Der Dieb steht hinter einem Holzstoß und hört,
was die beiden dort wispern. Es ist dunkel, aber er sieht ihre Gesichter
und ihre Hände. Der Bursche nestelt am Mieder des Mädchens, es schimmert
aus dem Mieder. Da knackt ein Ästchen.
Hm, sagt der Bursche und läßt die Hände sinken und geht näher.
Der Dieb springt in den Wald hinein. Atemlos.
Hermann Ecke.
Hermann Ecke irrt hin und her. Er kniet im dunkeln Wald und spricht.
Ich knie hier. Ich knie hier ganz allein im Walde.
Die Tränen laufen ihm über die Wangen.