Hermann Ecke.
Hermann Ecke, mein Bruder, härme dich nicht!
Hermann Ecke keucht und er gräbt die Nägel in seine Brust. Er schreit:
Ewige Seligkeit allen Menschen und mir eine ruhige Stunde!
Willst du nicht Gift nehmen -- Gift --?
Hermann Ecke, mein guter Bruder, verzweifle nicht!
Ein Vogel zwitschert vor Hermann Eckes Fenster und Hermann Ecke lächelt. Er
denkt an alte Dinge. Der Vogel fliegt fort, nichts ist mehr zu hören.
Eva war ein solcher Vogel, denkt Hermann Ecke. Wenn ein Vogel vor deinem
Fenster singt, so kannst du zuhören und dich freuen und dem kleinen Vogel
danken. Du kannst ihn nicht halten, mit Worten und Bitten und feinem Kuchen
nicht -- er fliegt fort und singt vor einem andern Fenster.
Hermann Ecke kann kein Glück mehr finden, es ist vorbei.
Ihr Menschen, ihr Menschen, ich frage euch, was wißt ihr? Ihr habt Weib und
Kind und könnt es küssen. Ich habe nichts als leere Zimmer. Auch habt ihr
euer Glück nicht mit Eva gelebt! Was wißt ihr also?
Nichts wißt ihr!
Hermann Ecke, mein guter, guter Bruder . . .
Daß er nicht immer so verzagt und traurig blieb, das weißt du. Und wie er
starb, weißt du auch.
Er starb den seligen Tod.
Hermann Ecke.
34
Als der Schnee zu fallen begann, kam zu mir ein unglücklicher Mensch und
weinte vor mir.
Es war die ausgelassene Isabella mit den brennendroten Haaren und den
treuherzigen Augen.
Sie weinte, knetete das Taschentuch und weinte es naß.
»Ich habe im Scherz gesagt, er hat mich aus Verzweiflung geheiratet, es ist
kein Scherz mehr. O, bin ich unglücklich! Ich habe einen Verrückten zum
Manne. Er redet des Nachts im Schlafe, zankt sich mit einer Frau, nennt sie
Lügnerin und weint und sagt Liebste, Schönste! Nein, Harry ist verloren,
ich sehe es ein. Ich bin ein Surrogat, sonst nichts. Denke dir, ich bin ein
Surrogat!«
Sie weinte, weinte.
»Harry ist verloren. Er ist schon seit Jahren verrückt. Wenn er lacht, so
ist er betrunken, er trinkt zwanzig Gläschen Kognak an einem Tage! Er kann
nicht mehr Geige spielen, sie würden ihn auslachen. Er war aber ein
Phänomen! Seine Kompositionen sind nichts wert. Nur manchmal spielt er gut,
da spielt er am Abend und ich sitze und höre ihm zu. Er blickt mich an. Ich
spiele nicht für dich, sagen seine Augen. Und einmal da sprach er es auch
aus -- er wollte nicht, aber er sagte es --«
Sie weinte, weinte. Ich unterbrach sie nicht. »Ach, ein paar Wochen, da war
es wunder -- wunderbar schön! Er sagte, daß ich ihn gerettet habe. Aber nun
-- er ist tagelang fort, mit dem Automobil. Denke dir, er, der so nervös
ist, daß er über keinen Steg gehen kann, jagt durch Nacht und Schnee.
Wohin? Ich weiß es nicht. Dann kommt er zurück, dann lächelt er vor sich
hin -- seine Augen glänzen. Das, das kann ich nicht mit ansehen, dieses
Lächeln, diesen Glanz -- o!«
Sie weinte, weinte.
»Er ist solch ein guter Mensch, solch ein seelenguter Kerl -- so mußte er
werden. Ich habe ihn gesehen, vor Jahren, er spielte, ach, das war Jugend,
leichter Sinn, Glänzen, Strahlen -- und jetzt -- --«