»Lassen wir uns die Stimmung nicht verderben,« sagte der Kleine, »weil wir
doch die glücklichsten Menschen der Welt sind. Du hast ein gutes Herz, du
bist auch glücklich, ja, denn sonst würdest du nicht so lächeln. Ich kenne
Lachen und Lächeln der Menschen genau, ich war da, wo man selten lacht,
verstehst du. Du bist so glücklich, daß du Scherze treiben mußt. Sieh,
Bruder, ich sehe deine Hände an. Du bist kein Bahnwärter, nein --«
Haha!
»Nein. Hat ein Bahnwärter eine Brieftasche? Wo hast du das schon gesehen?
Ein Bahnwärter spricht auch ganz anders. Ich bin Reisender und kenne die
Bahnwärter also besser als du. Wer sollte auch so ein Narr sein, daß er
zweitausend Mark bezahlt, wenn man ihm seinen Hund zurückbringt? Wir sind
doch nicht in Amerika! Ich weiß wohl, daß du aus dem Schlosse da drunten
bist, vielleicht der Herr selbst --?«
Ich lachte.
»Schlaukopf, Schlaukopf! Soll ich jedem sagen, weshalb ich glücklich bin?
Nun, dir kann ich es sagen, das mit dem Hunde war freilich Lüge. Aber ich
will dir die Wahrheit sagen. Ich habe heute einen Brief von meiner Frau
erhalten. Sie ist im Bad. Ein Kind hat sie geboren, einen Knaben!«
»Aha! Aha! Ja, das sitzt schon tiefer, das Glück! Gratulation,
Gratulation!«
»Danke, danke!«
Ich mußte mich abwenden. Plötzlich hatte ich Tränen in den Augen. Wie dumm
das war!
Der Kleine blinzelte. Er schüttelte eigentümlich den Kopf. »Was ist mit
dir?« sagte er. »Du bist so sonderbar -- so sonderbar bist du -- ei, ei
--?«
»Es ist nichts,« rief ich und lachte und warf den Kopf zurück in den
Nacken.
»Desto besser. Es schien mir so -- auch dein Lächeln ist so eigentümlich.
Lebe wohl! Noch eines, eine Aufrichtigkeit ist die andere wert, Freund!
Sieh mich nur an, mein Gesicht, meine geschorenen Haare. Wenn du nicht
blind bist, so weißt du, aus welchem Krankenhaus ich komme. Vier Jahre! Es
war ein schlechter und leichtsinniger Streich. Vorbei, vorbei -- lebe
wohl.«
Wir schüttelten uns die Hände.
Der Kleine stieg mit raschen Schritten ins Tal hinunter. Er wandte sich
dazwischen um und jauchzte und schwang den Hut.
Und ich schwang den Hut und jauchzte Antwort.
Bald sah ich ihn nicht mehr, er tauchte in die Dämmerung unter.
Aber ich hörte noch lange Zeit den jauchzenden Gruß und ich antwortete, bis
ich nichts mehr vernahm.
Ein herrlicher Tag!
33
Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Viele Mühe hat
mir dieser Brief gemacht. Nun, ich schreibe selten Briefe. Aber dieser
Brief durfte nichts von Traurigkeit enthalten, es hat seinen Grund, er
durfte auch nichts von Fröhlichkeit enthalten, es hat seinen Grund. So
schrieb ich von Pazzo. Daß Pazzo sich verlaufen gehabt hätte, sechs Wochen
strolchte er umher, aber jetzt wäre er hier. Aber er sei krank und
verstört. Zuweilen knurre er sogar, wenn man ihn streichle, mürrisch sei er
wie ein rechter Kranker. Er habe Falten zwischen den Augen bekommen, ein
wirkliches griesgrämiges Gesicht. Aber ich hoffe, daß es nun bald eine
Wendung zum guten nehme mit Pazzo. Und nun viele Grüße, viele, viele Grüße
an euch, ihr lieben Freunde.
Ja, bei Gott, was sollte ich auch anderes schreiben? Der Brief ist
geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Gerne hätte ich es behalten.
Ich sah es mir gut an, bevor ich es einpackte. Ingeborg hatte Karl, hatte
Gespräche und Lachen, ich hatte -- nun, Ingeborg brauchte es. Gut.
Ich behielt nun nur noch ein kleines Väschen aus grünem Glase von Ingeborg
zurück. Alles andere war eingeschlossen worden in Ingeborgs Gemächer. Diese
Gemächer waren verschlossen für immer und die Schlüssel lagen in einem
Schranke alter Kleider.
Ein neues Leben mußte begonnen werden!
Aber das grüne Väschen hatte ich zurückbehalten. Es stand auf dem Flügel
und ich sah es an, so oft ich vorüberging. Es hatte Form und Farbe einer
unreifen Zitrone, goldne Reifchen am Rande. Es war körnig wie rauhes Eis.
Die Tage gingen.
Ich dachte, daß vielleicht bald wieder ein Brief von Ingeborg käme. Ich
habe deinen Brief und das Medaillon erhalten, so würde Ingeborg wohl
schreiben. Ich saß in meinem Zimmer und blätterte in den Mappen, vielleicht
kam der Brief, oder ich ging in den Wald und wenn ich zurückkehrte, lag der
Brief da. Man konnte es nicht wissen.
Die Tage gingen. Trübe Tage. Der Wind heulte und warf schmutzige Blätter
gegen die Scheiben, daß sie kleben blieben. Alles welke Laub kam aus den
Wäldern auf der Wiese vor dem Fenster zusammen und führte Tänze auf. Es war
eine hohe, wirbelnde Säule, die tanzte, sie tanzte in den Wald hinein. Die
Bäume standen kahl und man sah plötzlich den Turm der Dorfkirche zwischen
den Ästen. Die Herbstzeitlosen waren verwelkt und verfault, es gab keine
Blumen mehr.
Eine große schwarze Krähe wiegte sich auf dem obersten Zweig einer Buche,
der blaue Rauch kleiner Feuer stieg aus dem Walde.
Schwere Wolken schleppten sich über die Berge, sie blieben in den Wipfeln
hängen und zuweilen regnete es Tag und Nacht in Strömen, so daß man
glaubte, das Schloß würde fortschwimmen.
Oft trat die alte Maria ins Zimmer. Ich sah auf ihre Hände. Sie hielten ein
Tablett, einen Teller für Pazzo, einen Schlüsselbund.
Nur Geduld, Geduld. Ingeborg hat viel zu tun. Sie schrieb es ja. Mein Tag
ist ausgefüllt mit Gesangstudien. Ich habe einen sehr talentvollen Lehrer,
den Komponisten Holger Hunt, er ist ein Bekannter von Karl. Gegenwärtig
komponiert er eine Oper, Merlin heißt sie. Er ist sehr streng und ich muß
viel arbeiten.
Einmal aber würde sie schon Zeit finden.
Ich verbrachte meine Tage in der Bibliothek. Ich hatte viel zu lernen, es
gab der Wunder unzählige in den Büchern.
Was ist mit Pazzo?
»Pazzo was ist mit dir?«
Pazzo liegt auf der Decke vor dem Kamin und öffnet die Augen. Er ist krank
und ein starrer, gläserner Ausdruck liegt in seinem Blick. Er frißt fast
nichts und ist schrecklich mager geworden. Und nun ist er so schwach, daß
er kaum mit den Ohren zucken und den Schwanz bewegen kann.
Wenn ich ihn berührte, so sträubten sich die Haare auf seinem Rücken und er
knurrte mürrisch. Niemand durfte in seine Nähe kommen und er fraß nur aus
meiner Hand. Kam eine Dienerin, um Holz in den Kamin zu legen, so blies er
zornig durch die Nüstern und zeigte die Zähne.
Der Zustand des Tieres machte mir große Sorge. Aber wiederum zerstreute
mich die Pflege des Hundes und ich pflegte ihn, wie eine Mutter ihr Kind
pflegt.
»Es wird schon gehen, nur Mut, Pazzo!« sagte ich und kauerte auf dem Boden
vor ihm. »Nur Mut, mein Liebling!«
Aber es ging nicht besser, nichts wollte helfen, und in einer stürmischen
Nacht erhob sich Pazzo plötzlich und schlug laut an. Es war ein heiseres
Kläffen, wild und hungerig.
Ich saß am Schreibtisch und las. Ich las in der Bibel, die Geschichte der
herrlichen Esther, der Königin. Neben mir stand der Leuchter und mein
Schatten fiel groß und phantastisch an die Wand.
Vielleicht hatte der Schatten Pazzo erschreckt, oder das Klappern der
Zweige vor dem Fenster.
Und ich beruhigte Pazzo, indem ich freundlich auf ihn einsprach.
Aber Pazzo bellte abermals, scharf und feindselig, und dieser Laut war so
fremdartig und entsetzlich, daß es mir kalt über den Rücken rieselte.
»Ruhe, Pazzo!« rief ich.
Pazzo stand mager auf hohen, dünnen Beinen und seine Haare waren gesträubt.
Seine Augen funkelten grün und gelb, wie die Augen von Katzen, denen man in
dunkelen Gassen begegnet. Geifer hing aus seinem Munde und tropfte auf den
Boden.
Das war . . . . .
Sobald ich mich bewegte, zog er die Nase in die Höhe, so daß der Oberkiefer
blinkte. Er fauchte wie eine Katze.
Nun ist Pazzo toll geworden! dachte ich und der Schmerz wollte mich
überwältigen. Es kam so plötzlich! Ich hatte Mühe mich zurückzuhalten und
mich nicht vor dem Hunde niederzuwerfen und ihn zu umschlingen.
Da kam Pazzo gesenkten Hauptes, die Augen stechend wie Brillanten, auf mich
zu. Es mußte sein.
Ich nahm das Buch vom Schreibtisch und schleuderte es ihm mit aller Gewalt
an den Kopf. Pazzo sprang zurück und kläffte, daß es hallte.
Dann tat ich es. Ich nahm den Revolver aus dem Schubfache.
»Komm Pazzo, mein Liebling!« sagte ich und zielte auf Pazzos Stirne. Die
Tränen trübten meinen Blick.
Ich schoß, Pazzo sprang zur Seite, wankte und fiel zusammen. Er bekam noch
eine Kugel durchs Ohr. Er zuckte, spreizte die Beine und bog den Kopf
zurück. Er war tot, seine Augen starrten gläsern auf die Quaste eines
Sessels, die baumelte. --
Das waren die Augen, die Ingeborg zuletzt gesehen hatten . . .
Eine Stimme im Hause schrie und kreischte. Ein Laufen in den Gängen. Dann
kamen einige Mägde ins Zimmer gestürzt, dürftig gekleidet, ohne
anzuklopfen. Sie starrten mich wie versteinert an.
»Tragt ihn hinaus,« sagte ich, »verscharrt ihn.«
Sie nahmen Pazzos Körper und schleppten ihn aus dem Zimmer. Sein Kopf hing
nach unten und er starrte mich an, bis er in der Türe verschwand. --
Er war ein solch schönes und treues Tier, so klug, liebenswürdig, höflich.
Er hatte solch klare, vergnügte Augen, sein Fell war so weiß und weich. Und
die Sprünge, die er machen konnte! Er schwebte in der Luft, flog, und er
konnte sausen, daß seine Ohren wie weiße Fähnlein flatterten. Er hatte ein
paar schwarze Kleckse an der linken Flanke -- als habe jemand ein Tintenfaß
nach ihm geworfen, so sagte Ingeborg. Er war so dankbar, bei einem Worte,
da leuchteten seine Augen, und bei zwei Worten, da tanzte er, und bei drei
Worten, da legte er sich einem zu Füßen und schlug mit dem Schwanze. -- --
--
Nun war ich allein. Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Das Leben war nicht leicht zu ertragen.
Ich schüttelte den Kopf und lächelte: Welch ein Winter! Ich mußte viel an
Hermann Ecke denken, den Herrn auf Entenweiher, den Eva verließ.
Vielleicht hat Hermann Ecke auch einen Hund gehabt, der toll wurde? Nun
kannte ich Hermann Ecke genau. Ja, ich sah ihn vor mir.
So, so, ja so sieht er aus! -- Wenn du einem begegnest, fahl sein Gesicht,
die Augenbrauen hochgezogen, groß und verwundert seine Augen und ohne
Blick, ein wundes Lächeln auf den Lippen: Das ist er!
Da ist seine Geschichte. Ich schrieb sie, weil mich der Kummer
niederdrückte.
Ein Mann wandert durch sein Haus und sinnt. Das ist Hermann Ecke. Was sinnt
er doch? Es ist kalt in seinem Hause, er kann die Hände durch das Feuer
strecken, ohne daß es wärmt. Es ist still. Die Nächte tragen Schrecken und
Finsternis um das Haus gleich einem schwarzen Sarge, dem der Wind jammernd
folgt.
Es ist Nacht, Hermann Ecke trägt eine Kerze in der Hand und wandert. Hin
und her wandert er und sucht. Was sucht er doch?
Eva ist nicht hier, nein.
Eine Mücke summt im Zimmer. Hermann Ecke lächelt. Eine Mücke, sagt er und
sieht der kleinen Mücke nach. Er kommt an einem Spiegel vorüber und
schließt die Augen, er will sein Gesicht nicht sehen.
Er trägt ein Licht in der Hand, es flackert und Laute kommen aus der
Flamme. Er erschrickt und wendet sich um, ein Schatten duckt sich hinter
den Schreibtisch. Er geht weiter, aber er fühlt, wie sich der Schatten aus
dem Verstecke reckt. Er sieht ihn wachsen, über die Wand, die Decke und
eine dunkle lange Hand greift nach seinen Haaren, wie ein verkohlter Arm
baumelt es über ihm.
Da schreit er.
Was ist Herr?
Nichts, danke.