»Was sagst du dazu, Ingeborg?«
Ingeborg nickt, sie lächelt und ihre Wimpern zittern und werden feucht.
»Erzähle Axel! Ersinne etwas!«
Die Stunde ist golden, die Sonne segnet die Welt. Ein Lächeln liegt auf
allen Dingen, selbst auf den Spitzen der Gräser. Die Wälder nahe und ferne
sind wie hohe Wogen flüssigen Goldes. Ein goldener Himmel, und ein goldener
Funkenregen, der zur Erde sinkt. Im Westen liegen schmale Wolken gleich
großen glühenden Scheitern, darauf verbrennt die Sonne und ihr Feuer lodert
über den Himmel. Goldene Blätter zittern im goldenen Himmel, man sieht die
Zweige nicht, an denen sie hängen. Wie eine Grotte mit goldenen Säulen,
gefüllt mit funkelndem Geschmeide ist der Wald drüben anzusehen. Dort gehen
Pferde und ein Knecht, golden sind die Pferde, golden der Knecht. Ein
goldener Wind weht und goldener Tau tropft von den Bäumen.
Ich sehe auf Ingeborg, deren Antlitz und Hände die Sonne durchleuchtet. Von
der Farbe des alten Goldes ist das Haar und ein feines Gespinst von Feuer
zittert darüber. Sie hat die Lider geschlossen, aber sie erscheinen so
dünn, daß man die Augen darunter zu sehen vermeint. Ein müdes glückliches
Lächeln schwebt auf ihrem schmalen Gesichte, wie es nur die Genesenden und
die Wöchnerinnen haben und die Liebenden am Morgen einer trauten Nacht.
Pazzo liegt zu ihren Füßen und sie hat die Füße auf seine atmenden Flanken
gestellt.
Und ich blicke auf Ingeborg und beginne mit leiser Stimme:
»Diesmal erzähle ich dir von einer schönen Königin, weil ich gerade an eine
schöne Königin denke. Es ist die Königin, die sie »goldenes Herz« nannten.
Silvia hieß sie. Sie war Nicolo Dandoldis Weib, jung, Nicolo alt. Nicolo
hieß der Einäugige mit dem siegreichen Schwert, im Volke der Schlaflose.
Später der Wortbrüchige. Du wirst gleich hören weshalb. Er war sehr
grausam, wie alle Könige in den Legenden und man sagte, wenn er soviele
Ellen tief in die Hölle käme, als er Menschen getötet habe, würde er vom
Lichte nicht mehr sehen, als eine Nadelspitze ausmacht.
Natürlich kommt auch ein Page darin vor, du wirst es gleich hören,
Ingeborg. Der Page hieß »Auge«, denn schöne Augen hatte er, das wußten alle
Frauen.
Schön sind deine Augen, sagte Silvia, als sie ihn zum erstenmal sah. Wie im
Traume sprach sie. Goldenes Herz liebte Auge, und Auge liebte goldenes
Herz.
Sie trafen sich im Garten der Frauen und saßen die Nächte hindurch unter
den Büschen, im verschwiegenen Schatten, den der Palast über den Garten
warf. Da saßen sie und plauderten, und ich wußte alles was sie einander
sagten. Auch Ingeborg wußte es und sie lächelte. Wieviele Nächte saßen sie
da! Aber der Priester umschlich sie und in einer Nacht, die herrlich und
duftend war wie keine, da geschah es. Zur Zeit der ersten Kirschenblüte
hatten sie sich zuerst gesehen, als die Kirschen sich röteten, war es schon
geschehen um sie.
Sie sollten sterben.
Der König lud allen Adel ein, wie zu einem Feste, und sie saßen gekleidet
in den Glanz eines vielhundertjährigen Reichtums in den Galerien. Von
weitem mochten sie wohl erscheinen wie Körbe voller Blumen, die die Gärtner
zum Verkaufe ausstellten.
Silvia und der Page wurden hereingeführt, da erbleichten alle und ihre
Gesichter wurden so weiß wie die Kerzen, die die Mönche trugen. Als die
beiden niederknieten und die Henker hinter sie traten, da wurde es so
still, daß jeder sein eigenes Herz klopfen hörte.
Der König sah aus wie eine Reliquie aus gelbem Wachse, wie sie in den
Kirchen zu sehen sind. Silvia sah so schön und rührend aus, daß im Herzen
des Königs ein Kampf zwischen Liebe und Rachedurst entstand.
Und er rief: »Der Königin steht eine Bitte frei! Doch das Leben des Buhlen
bleibt in meiner Hand«.
Es war stille und die süße Mädchenstimme der Königin sprach: »Ich bitte,
daß man den Sklaven, der des Nachts so traurig am Lido singt, in seine
Heimat sendet«.
Der König lachte heiser.
»Der Königin steht eine Bitte frei«, rief er abermals und seine Stimme
keuchte.
Da bat goldenes Herz, daß man sie vor dem Geliebten töte. Sie wollte nicht
hören, wie sein Haupt fiel.
Aber der Geliebte widersprach. Sie solle den Himmel länger sehen als er,
sagte er. Lange Zeit stritten sie hin und her, jeder wollte zuerst sterben.
Die Frauen in der Galerie weinten. Und abermals machte sich Silvia bereit
zu sterben.
Da erhob sich der König und beugte sich über die Galerie und keuchte und
rief: »Der Königin steht noch eine Bitte frei!« Und er bohrte seine Blicke
in Silvias Augen.
Aber Silvia sprach nicht die Bitte aus, die er erwartete.
»Ich bitte meine Schuld bekennen zu dürfen« sagt sie.
Der König fiel in den Sessel zurück und nickte.
Es war ein eigentümliches Sündenbekenntnis, Ingeborg, du wirst es hören.
Silvia begann und sagte, daß sie jung wäre und die Muttergottes bäte, ihr
zu vergeben, daß sie erst siebzehn Jahre alt wäre.
»Lieber hätte ich siebzig Jahre alt sein wollen, als ich Königin würde.
Aber möge mir die Muttergottes gnädig sein, daß ich jauchzte, so jung zu
sein, als ich den Geliebten erblickte. Denn bei den Wunden des Erlösers,
wäre ich alt gewesen, aus Gram darüber wäre ich in derselben Nacht
gestorben.«
Und sie erzählte, wie sie den Geliebten zum erstenmal sah.
»Er stand im Saale der gewebten Wände, wo so viele Herren und Frauen
lautlos tafeln und lachen, daß man glaubt zwischen Gespenstern zu gehen und
einem bange wird. Da sah ich ihn und er verneigte sich vor mir, und ich
erschrak. Weiß nicht weshalb.
Schöne Augen hast du! sagte ich zu ihm. Bei Gott ich wußte nicht, was ich
tat. Erst später fiel mir ein, was ich gesagt hatte.
Ziemt es sich für eine Königin, stehen zu bleiben und solche Worte zu
sprechen? Gewiß nicht. Ich tat es.
Ich konnte nicht von der Stelle gehen, zitterte und lachte. Ziemt es sich
für eine Königin zu lachen wie ein Kind? Aber ich tat es.
Ich traf ihn wieder an der silbernen Treppe, er legte Kissen in die Barke
des Königs. Er war sehr blaß.
Weshalb bist du so blaß? fragte ich.
Und er erwiderte: Ich bin so blaß, weil ich ein Mädchen liebe und es ihr
nimmermehr sagen kann.
Ich erschrak nicht -- Haha -- nein, denn ich wußte wohl, wer das Mädchen
war.
Würdest du das Mädchen küssen, wenn du könntest?
Das würde ich bei Gott tun.
So küsse mich.
Er küßte mich. Freunde, es war am Tage, es war angesichts des Palastes, die
Möven haben es gesehen, die Fische im Meer und Gottes tausend strahlende
Augen, nur euch hat Gott die Augen versiegelt.«
Und ich erzählte, daß goldenes Herz fortwährend von dem Geliebten und ihrer
Liebe gesprochen habe und nicht müde geworden sei, die Schönheit des
Geliebten, seine Augen, seine Lippen, seine Hände, seine Stimme zu preisen
und die Süßigkeit ihrer Liebe zu besingen. Ja, so sprach sie, daß die
Mönche und Nonnen sich abwendeten.
»O, ihr Frauen dort oben!« rief sie. »Seht mich Gefallene! Aber ich sage
euch, nimmermehr möchte ich mit euch tauschen. Gerne würde ich sterben für
jedes seiner Worte und für jede Wimper seiner Lider. Wie glücklich wäre
wohl jede von euch, könnte sie diese Worte sprechen! Haha! Ihr würdet keine
Reue empfinden, hätte er einmal nur seinen Arm um euern Nacken gelegt, die
tiefste Hölle würdet ihr lieber ertragen, als daß ihr einen seiner Küsse
entbehrtet. Ich weiß es, ja, ja, ja!«
Also sprach Silvia und sie konnte nicht aufhören von dem Geliebten zu
sprechen und den Herrlichkeiten ihrer Liebe.
Sie sprach nicht, nein, sie jauchzte. Sie lachte und weinte während sie
sprach und ihre Wangen rötete das Glück.
Auge aber weinte vor Seligkeit hinter der Kapuze, die sie ihm über den Kopf
gezogen hatten, und er weinte so sehr, daß die Steine zu seinen Füßen
dunkel wurden, trotzdem die Sonne brannte.
Die Gäste zitterten. Der König krümmte sich unter Silvias Worten und
erstarrte, immer mehr.
Tiefe graue Furchen entstanden in seinen Wangen und an den Schläfen.
Dann machte sich Silvia wieder bereit zu sterben. Sie war so schön und ihr
Antlitz so heiter, so strahlend, als würde sie dem Geliebten vermählt und
ginge es nicht in den Tod.
Die Henker lauerten des Winkes, aber da hob der König wiederum die Hand.
»Halt! halt!« rief er keuchend und sann nach. Und er wandte sich zu den
Gästen. »Seht! Seht! Seht doch wie lieblich sie ist! Wie schön sie ist! Wer
sah je ein solch schönes Weib?«
Und er beugte sich weit über die Brüstung und flüsterte: »Noch eine Bitte
steht dir frei, herrlichste Silvia, jede Bitte, welche es auch sei -- bei
meiner Ehre!«
Die Gäste jubelten.
Was denkst du nun, daß Silvia bat? Ja, was gab es auch anderes zu bitten,
wie?
Aber als sie die Lippen zu diesem Wunsche öffnete, überfiel den König
plötzlich der alte Grimm.
»Tötet sie, tötet sie!« keuchte er und bewegte die Arme, als schleudere er
Steine auf sie.
Silvias Haupt sprang über das Schwert.
Und als sie Auges Haupt abschlagen wollten, da fanden sie, daß er schon tot
war.
»Er ist schon tot, Herr!« schrie der Henker. »Die Furcht hat ihn getötet.«