Nein, es war nicht Irrsinn, nein -- -- --

Ich sprach von mir. Ich erzählte der empfindungslosen Seele von unserem

Sommer, von unserer Liebe, unseren Nächten, stundenlang. Ingeborg wurde

ruhiger. Dann geschah etwas -- es war das Schrecklichste -- --

Ingeborg blickte mich mit sprühenden Blicken an.

Sie flüsterte. »Karl -- Karl!« flüsterte sie.

Sie sprach von Angst und Liebe. Und ich beruhigte sie.

»Karl liebt dich ja. Bin ich nicht bei dir, Karl?«

Aber sie war voller Angst. Sie sprach und fieberte. Sie könne mir nie

folgen, ich solle es doch nicht verlangen! Da sei ja auch Axel, und auch

Axel liebe sie.

»Ach, gehe nicht, gehe nicht. Karl!«

»Karl wird immer bei dir bleiben, Ingeborg!«

Ingeborg weinte und lachte.

Ja, ja, aber Axel wird sie nicht fortlassen. Er wird sie in sein Zimmer

sperren.

Nein, Axel habe es mir gesagt, er würde sie fortlassen, ganz gewiß. Wohin

sie auch wolle. Er würde sie keineswegs in sein Zimmer sperren.

»Du bist schön, Karl! Ich liebe, liebe dich! Verrate es Axel nicht!«

Sie umschlang mich und mein Herz blieb mit einem Ruck stehen bei dieser

Umarmung.

Ein violetter Blitz erhellte das Zimmer, zuckte unaufhörlich, aber es

schien als wolle er nicht mehr erlöschen. Und Ingeborg küßte mich, während

der Blitz um sie leuchtete, sie küßte mich fieberhaft rasch und es kam mir

vor als küsse sie mich hundertmal. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide und hell

wie Brillanten waren ihre Augen. Plötzlich wurde es schwarze Nacht, der

Donner knatterte, als springe ein diamantener Blick eine klingende

Stahltreppe hinab, so klang er. Im Walde brach ein Baum entzwei und eine

tiefe unheimliche Stille folgte dem Gesplitter. Dann rauschte es, als

schütte man Schäffer von Wasser vom Dach auf die Straße.

»Ich verrate es Axel nicht, liebste Ingeborg. Nein, nein, kein Wort sage

ich ihm.«

»O, o!«

»Du wirst immer bei mir sein, Ingeborg! Hörst du es! Hahaha, welch ein

schönes Leben werden wir zwei haben. Sieh, so wird es sein, gib acht, ich

werde dir die Hände und Wangen küssen, ich werde dich auf die Arme nehmen

und in die Höhe heben -- ich werde --«

Und ich sprach und sprach -- wie schön sie es mit Karl haben solle.

Ingeborg lauschte auf mich. Sie atmete gleichmäßig und ihre Augen

glitzerten nicht mehr.

»Schlafe nun, mein Mädchen, schlafe nun. Gute Nacht! süße Ingeborg, schlafe

nun -- der Regen rauscht -- hörst du?«

»Schlafe, schlafe« -- -- --

Der Tag graute. Die Lampe sah rot aus, blaues Licht sickerte durch die

Scheiben.

Ingeborg lag still und atmete leise.

Sie schlief.

Ingeborg schlief.

Ach, käme doch die Sonne heute!

Stunden verrannen und die Sonne ging auf.

»Sonne, Sonne!« rief ich leise und küßte den ersten Strahl. Ich öffnete das

Fenster. Der Wind hat nachgelassen, wie gut das war. Die Luft war herrlich,

naßgewürzt. Diese Luft würde Ingeborg vollends heilen. Vereinzelte Tropfen

fielen aus dem Himmel. Sie glitzerten in der Sonne. Es regnete Honig. Die

Straße war zerwühlt und Bäche stürzten den Berg hinunter. Die Wiese vor dem

Hause war mit Schlamm und Sand überschwemmt.

O! die kleine Birke lag zerfetzt auf dem Rasen und die Bank, die ich mit

Ingeborg zimmerte, war verschwunden, nur die Pfähle standen noch und ein

Splitter des Sitzes hing an einem herab.

Weiter unten lag der Wipfel eines Apfelbaumes auf der Straße, wie in einem

Bache lag er da. Ein Bauernknabe kletterte auf ihm herum.

Da begann Ingeborg wieder zu flüstern und zu sprechen und ich beruhigte sie

wie in der Nacht. Das Fieber war nicht mehr so heftig, aber es nahm meine

ganze Kraft in Anspruch.

So verging der Tag und die nächste Nacht, die voll wilder Schreie und

Hilferufe war, als würden Leute drinnen im Walde erschlagen, und voller

Stöhnen, als habe man Menschen an die Bäume genagelt.

Am andern Morgen fühlte ich mich aufgehoben und ich erkannte Karl. Sie

hatten die Türe erbrochen.

»Ingeborg schläft,« sagte er, »es geht besser!« Er stützte mich und führte

mich hinaus. Und ich hatte das Gefühl, als sei ich ein Greis, schneeweiße

Haare, zitternde Füße, ein gekrümmter Rücken.

Es war ein Winken in mir, ein Leuchten, eine Drohung, eine drohende Faust

wuchs aus meiner Seele, ich sah sie -- aber ich lächelte --

Ich fühlte nicht mehr, was mit mir geschah.

20

Jemand rüttelte meinen Arm und ich hatte das Gefühl, als sei ich ein Baum,

der geschüttelt werde.

Ich schlug die Augen auf, so gut es ging, aber sie fielen mir sofort wieder

zu.

Eine tiefe Stimme sprach, ich hörte meinen Namen und etwas von Ingeborg. Es

war mir aber alles einerlei, nur Ruhe wollte ich haben, und ich sank wieder

in eine wohltuende Finsternis und Erstarrung zurück. Man schüttelte mich

nach langer Zeit wieder am Arm und diesmal hörte ich Karls Stimme. Karl

sagte, daß es gut stünde mit Ingeborg. Es sei Zeit aufzuwachen. Ich öffnete

die Augen und sah einen rothaarigen lachenden Kopf dicht vor mir. Es war

Karl. Ich hatte wiederum vergessen, daß Karl eben zu mir sprach. Da schlief

ich schon wieder. Wasser plätscherte und etwas Kaltes und Nasses fuhr über

mein Gesicht. Ich duckte mich zusammen, aber das Nasse verfolgte mich, und

ich schlief und dachte, daß das keine Neuigkeit sei, daß es gut stünde mit

Ingeborg. Die Sperlinge pfiffen es am Dache. Doch war irgend ein Schrecken

in mir, als ob etwas Furchtbares geschehen wäre. Dieser Schrecken weckte

mich plötzlich auf.

»Wie geht es Ingeborg?« fragte ich.

Es ginge vorzüglich. Sie schlafe ruhig.

Weshalb erschrak ich doch? dachte ich. Etwas Furchtbares muß geschehen

sein, aber wenn es gut mit Ingeborg geht, was sollte dann noch Furchtbares

möglich sein?

»Du hast drei Tage geschlafen, Axel,« sagte Karl und lächelte gütig. Sein

Lächeln war so schön und fein, daß es mir wie eine Liebkosung erschien.

Ich erhob mich mühsam. Ich war sehr müde und mein Kopf war wie mit Blei

ausgegossen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Aber Ingeborg war ja gerettet!

Ich saß auf dem Bettrande und lächelte. Ich vermochte das Glück nicht zu

fassen.

Und Karl zog mir die Strümpfe an, der Dichter Karl Bluthaupt half mir in

die Strümpfe! -- -- --

Freudenfeuer auf den Bergen! Tanz, Spiel und Gesang! Gold in die Hütten der

Armen!

Zwei Tage und zwei Nächte brennt lichterloh ein Wald auf der Höhe, mein

Wald. Die Feuerwehren aller Dörfer sind ausgerückt mit vielem Getute und

Gerumpel. Laßt ihn brennen! Laßt ihn brennen! Lichterloh flammt der Wald

durch die Nacht. Weithin muß man es sehen.

21

Ingeborg sitzt auf der Veranda, ein Tuch um die Schultern geschlungen. Sie

ist bleich und man glaubt, das Blut in den Adern der Schläfen und der Hand

laufen zu sehen. Mit staunenden großen Augen blickt sie in die Bäume, die

in der Sonne eingenickt sind, auf die Wiese, die duftet und leicht schwankt

im Schlafe, hinab ins Tal. Dort stehen kleine Pferde und Wagen und kleine

Wesen sind beschäftigt, Heu auf die Wagen zu schichten. Zuweilen blitzt

etwas auf, ein Beschläge, eine Gabel, eine Sense, feine verwehte Rufe

dringen herauf.

Nach den Tagen voll ziehender Gewitter, folgten Wochen herrlicher Sonne,

jener Sonne, die flimmernd rot und gleichmäßig über der Erde liegt, wenn

der Sommer zu Ende geht.

Die Schwalben schossen schrillend in der Luft, bald schmal wie Fische, bald

wirbelnd wie kleine Turbinen. Bald schwebten sie alle auf eine Stelle

zusammen, bald verteilten sie sich blitzschnell nach allen Richtungen über

das ganze Tal. Sie schrien, sie konnten wie ein Pfeil in die Höhe schießen,

sie konnten wie ein Stein herunterfallen, um plötzlich die Flügel

auszubreiten und ruhig zu schweben wie ein Raubvogel.

Und Ingeborg hat Tränen in den Augen, sieht sie die Sonne, und Tränen in

den Augen, hört sie die Schwalben schreien.

»Ich bin ganz weich, wie ein Kind,« sagt sie und eine Träne fällt auf ihre

Hand. »Nie war mein Herz so voller Staunen und Dankbarkeit.«

Ich sitze bei ihr, plaudere oder schweige, je nachdem Ingeborg es wünscht.

Schönere und leisere Stunden habe ich nicht erlebt als die Tage von

Ingeborgs Genesung. Ich bin still vor Glück geworden und meine Brust ist

immer voll von Tränen, ohne daß ich weinen könnte.

Ich und Karl sind bemüht, Ingeborg tausend Gefälligkeiten zu erweisen in

einer Art, die wenig auffällt. Immerfort sind Ingeborgs Zimmer mit Blumen

geschmückt und auf Teppichen weißer Rosen wandelt sie. Karl bringt von

seinen Spaziergängen den ganzen Wald ins Haus, Sträuße von roten und

schwarzen Beeren, die den Saft und den Wohlgeruch des Sommers bergen.

Ja, Karl ließ sich sogar dazu herbei, Ingeborg Stellen aus seinen Büchern

vorzulesen, die sie besonders liebte. Seine ruhige Stimme, sein abgeklärtes

Wesen wirken wohltuend auf Ingeborg, sie scheint kräftiger zu sein in Karls

Nähe. Und wenn Karl lacht, so macht sie Miene herauszulachen und ihre

Wangen bekommen Farbe.

»Hast du es gehört, Axel, heute sagte Herr Karl liebe Frau Ingeborg zu mir

-- haha! Er hat es noch nie gesagt.«

Ich räume die Mappen aus und bringe die herrlichsten Bilder zu Ingeborg,

Bilder von denen man träumt, sieht man sie einmal, und lege sie vor ihr

auf, wie ein Museum ist es. Oder ich spiele Klavier, alle Stücke die

Ingeborg liebt, und durch die geöffneten Fenster dringt es wie eine warme

liebkosende Welle, die sie badet wie die Sonne.

Müde ist Ingeborg vom Sehen. Sie schließt die Augen und legt den Kopf ins

Kissen zurück und sagt »Erzähle Axel.«

»Wie war die Legende von dem erfrorenen Weinstock? Und die von den

Liebenden auf dem Meere? Erzähle Axel, ersinne etwas.«

Ich blicke Ingeborg an und hundert Geschichten fallen mir ein. Und ich

erzähle. Ich erzähle ihr die Geschichte von dem Priester mit dem silbernen

Herzen, ich erzähle ihr die Geschichte von Karin, der um die halbe Erde

wanderte um zu seinem Weibe zu kommen. Ich erzähle ihr die Geschichte von

Hermann Ecke, dem Gutsherrn auf Entenweiher, den Eva verlassen hatte. Sie

lebten glücklich, Eva und er, aber Eva ging von ihm zu einem andern. Warum?

Niemand weiß es. Wird sie immer bei dem andern bleiben? Nein, sie wird wohl

zurückkommen zu Hermann Ecke.

Und er wartet, Hermann Ecke, daß sie wiederkäme. Einen Garten legt er ihr

an, eine Terrasse baut er ihr. Jahre vergehen. Wo ist Eva? Sie kommt nicht

wieder. Aber er wartet und die Jahre vergehen. Lange Jahre war er traurig

und niedergeschlagen, aber seht ihn jetzt, straff und aufgerichtet geht er

einher mit leuchtenden Augen. Es fragt der Freund: Glaubst du denn, daß Eva

wiederkommt? -- Hahaha, antwortete Hermann Ecke. Sonst nichts. Hermann

Eckes Haare werden weiß. Es fragt der Freund: Was wirst du sagen, wenn Eva

wiederkommt?

Königin, werde ich sagen, erwidert Hermann Ecke, dein Thron steht bereit.

Laß uns von den kommenden Tagen reden.

Traurig lächelt der Freund, Hermann Ecke hat den Verstand verloren.

Eine Lampe brennt in Evas Zimmer, Sträuße prangen fortwährend in den Vasen.

Hermann Ecke steht jeden Abend auf dem Turm und blickt die Straße entlang,

ob kein Wagen kommt. Nein, es kommt kein Wagen.

Der Freund sieht Hermann Ecke an und denkt: Bald stirbst du jetzt. Dein

Herz ist schwach. Er sinnt.

Ja, Eva hat eine Schwester, die muß kommen, um ihm von Eva zu erzählen und

ihm zu sagen, daß sie bald käme, Eva. Die Schwester kommt und spricht mit

dem Freunde. Eva ist tot, arm und verlassen ist sie gestorben. Sagen sie

ihm das nicht, Beste, spricht der Freund, sagen sie ihm, daß sie in Glanz

und Glück lebe und viel gefeiert werde. Bald käme sie zu ihm.

Ja!

Da tritt er ein, Hermann Ecke. Und er richtet die Augen auf die Schwester

-- er rückt die Brille zurecht -- siehst du es --? seine Augen füllt ein

überirdischer Glanz. Er breitet die Hände aus -- siehst du es? --

Evas Schwester! flüstert der Freund.

Hört es Hermann Ecke? Nein.

Er spricht: Königin, dein Thron steht bereit, laß uns von den kommenden

Tagen reden!

Ingeborg · 第 19 / 57 题