Ingeborg konnte nicht von mir gehen! -- -- --

Die Menschen wissen nichts. Dumme und anmaßende Wesen sind die Menschen.

Sie behaupten, daß es keine Wunder gibt. Es kann Wunder geben. Sie

behaupten, es gibt keinen Gott. Und es kann doch einen Gott geben.

Der Mensch ist mehr als ein Staat von Zellen. Es gibt Stunden, die dem

Menschen die Augen eines Sehers und die Zunge eines Propheten geben.

Stunden, in denen er an Dinge glauben muß, über die er lachte und über die

alle vernünftigen Leute lachen.

In solchen Stunden glaubt er, daß Lazarus wieder zu den Lebenden

zurückgerufen wurde, obgleich er schon tot war --

Was glaube ich heute? Ich weiß es nicht. Es liegt viel alltägliches

Empfinden über jener Stunde, da ich an alle Wunder und an Gott glaubte, da

ich mit Gott rang, ja, da ich mit Gott rang.

Ich besiegte ihn nicht, nein, wenn er nicht gewollt hätte, so hätte ich

umsonst ringen können, aber vielleicht achtete er meinen Willen?

Ingeborgs kräftige Natur siegte. Man kann so sagen. Ich glaube es auch, ja,

aber ich weiß, daß ich einst etwas ganz anderes glaubte.

Bin ich irrsinnig gewesen? Vielleicht. Vielleicht war all dieser Irrsinn

gar nicht notwendig? Vielleicht wäre Ingeborg ganz allein genesen? Ich weiß

es nicht. Es gab aber Stunden, da ich wußte, daß es kein Irrsinn war, nein,

nimmermehr! Da ich wußte, daß Ingeborg nicht ganz allein genesen wäre.

Alles verwirrt sich in mir. Aber ich glaube, daß der Mensch nur in einer

Stunde, nur einer einzigen Minute seines Lebens vielleicht, mehr ist als

ein Mensch, viele, viele, ja die meisten Menschen erleben sie nie, diese

einzige Minute. Und dann ist er wieder gewöhnlich und selbst über seine

göttliche Minute urteilt er gewöhnlich.

Wäre Ingeborg tot gewesen, ich hätte sie wieder erweckt, ich hätte ihr Herz

wieder in Bewegung gebracht, mit meinem Gedanken, mit meinem Glauben hätte

ich sie wie mit Strahlen durchglüht, bis das Herz wieder geklopft hätte.

Ich hätte nicht nachgelassen, nein, ich hätte gekämpft bis zum Tode oder

bis zum Wahnsinn. Das weiß ich noch. Es war dies meine Stunde!

Ingeborg war nicht tot, aber der Arzt hatte sie aufgegeben. Sie lag lang

ausgestreckt, die Augen geschlossen, ohne Kraft. Ihr Körper zitterte leicht

im Fieber, vom Kopfe bis zu den Zehen lief das Zittern, herauf, hinunter.

Ich saß bei ihr und hielt ihre Hände in den meinigen und dachte nichts als

dies: Du darfst nicht von mir gehen! Der Gedanke erfüllte mich mit einer

nie gekannten Macht, mein Gehirn war starr, meine Sehnen gespannt, wie Erz

war mein ganzer Körper. Ingeborg verfärbte sich, das Fieber wechselte, der

Frost schüttelte sie. Ich legte mich zu ihr, neben sie legte ich mich und

wärmte sie mit meinem Leibe -- ich dachte -- immer das gleiche -- --

Nein, ich kann es nicht wieder denken. Das ist dies, was man nicht ein

zweites Mal denken kann -- --

Ich habe gebetet, ich schäme mich nicht es zu sagen. Ich habe nicht zum

Gott der Juden oder Christen gebetet, ich habe zu Gott gebetet, dem

Einzigen. Der Schweiß stand auf meiner Stirne, er lief mir über das

Gesicht. Schrecken, Angst -- -- --

Es sind geheime Kräfte in der ganzen Natur verborgen, die zog ich an mich,

ich lenkte sie durch meine Brust, ich leitete sie in Ingeborgs Körper, den

der Tod anfiel, sie, die Kräfte des Lebens, des Bewegens, des Wachsens.

Ich weckte Ingeborgs Seele, die schon entflohen war, ich rief sie zurück,

ich ruhte nicht. Ich gab nicht nach. Ich betete und machte den starken

Gedanken noch stärker, immer wieder stärker. Meine Seele und die Ingeborgs

waren ein feines geheimnisvolles Gewebe geworden, es konnte zerreißen, ja,

aber es konnte sich nicht lösen. Wir beide oder keines.

Ingeborg phantasierte, ihre Seele schwankte bis zum Grunde, hin und her

wälzte sie sich. Ich sah Gott ins Auge, ich bat ihn, ich drohte ihm!

Ingeborg stieß hastige Worte hervor, eine fremde Sprache schien es mir. Es

vergingen Stunden. Dann endlich vernahm ich ein Wort.

»Mutterchen,« flüsterte Ingeborg.

Und ich legte meine Lippen an ihr Ohr und rief: »Mutterchen ist bei dir! Du

bist meine kleine süße Ingeborg!«

Ich umschlang Ingeborg und küßte ihre Wange, die so heiß war wie ein

glühender Stein. Ich liebkoste sie, streichelte sie, wiegte sie hin und

her.

»Mutterchen ist ja da!« Ich flüsterte und rief ihr alle kindlichen

Kosenamen ins Ohr. So weich machte ich meine Stimme.

Ich beruhigte sie mit vielen Worten, wie eine Mutter ihr Kind beruhigt, und

ich sagte ihr hundertmal, daß Mutterchen bei ihr sei.

Ich hatte Ingeborgs Seele gefaßt, ich ließ sie nicht mehr los. Ich lauschte

verzweifelt, ich machte mein Ohr ganz scharf, spitzig, denn es war schwer

aus den wirren Worten herauszuhören, was diesen fiebernden Kopf

beschäftigte. Hin und her ging es. Wie ein Irrlicht in der Nacht irrte

Ingeborgs Gedanke, dahin, dorthin, und es war übermenschlich schwer, ihm zu

folgen und ihn für einige Sekunden festzuhalten. Die Schule, Graf Flüggens

Schloß, der Wald, wirre Kindheitserlebnisse, Axel, Karl, der Park, die

Statue in der Allee, Tiere, Pazzo.

So vergingen lange Stunden. Und wie ein Mensch einem Tollgewordenen durch

Gassen, Felder, Hecken, Feuer und Wasser nachrennt und ihn zu haschen

sucht, so folgte mein Gedanke dem irrenden Gedanken Ingeborgs.

Ich hörte wohl, daß der Regen gegen die Scheiben trommelte, daß der Wald

brauste und der Donner rollte. Aber all das war in weiter Ferne.

Es gelang mir, Ingeborg beim Sonnenschein und den Blumen und den Vögeln

festzuhalten. Ich ahmte das Rauschen der Bäume, das Pfeifen der Amseln, das

Zirpen der Grillen nach, und das Lachen von Kindern, Frauen und Knechten.

Ingeborg wurde ruhiger. Ihr Blick haftete an meinen Augen und ich mußte die

Augen scharf und stechend machen, um den glitzernden zitternden Blick

Ingeborgs zu bannen. Ich sprach, lachte, rief und preßte Ingeborg an mich.

Man sah es ja, daß ich Ingeborg festhalten konnte! Sie gehörte nun schon

mir und ich ließ sie nicht mehr los. Meine Kräfte wuchsen, die Hoffnung

ließ sie wachsen.

Ich wußte nicht, wie diese Nacht verging. Zuweilen polterte es, als stürze

der Himmel zusammen, bläuliches Licht flog über die Wände, im Walde

knatterte es. Es prasselte gegen Scheiben, als regne es Zähne, der Sturm

setzte sich auf das Dach des Hauses, hopste wie ein Reiter darauf herum und

johlte, er peitschte das Haus, daß es klatschte. Glas klirrte. Der Regen

schwieg, der Wind schob das Haus vor sich her, hinein in den Wald, über den

schwarzen kochenden brodelnden Wald flog der schreckenbleiche Mond,

verfolgt und gebissen von langgestreckten Wolkenhunden. Wieder rauschte es,

an den Scheiben floß das Wasser herunter.

Fieber, Schüttelfrost. Ich wärmte sie. Ich küßte sie. Ich sprach, ich

lachte, schrie -- -- -- Nein, ich solle nicht versucht haben, das

Undenkbare wieder zurückzurufen. Es martert mich. Von allem, was ich früher

und später erlebte, ist nichts entsetzlicher, nichts martert meine Gedanken

so als die Erinnerung daran.

War es Irrsinn, was ich tat? Ich weiß es nicht.

Ingeborg · 第 18 / 57 题