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Es ist schön an diesen Sommer zu denken, ihn immer wieder zu durchwandern,
durch seine Sonne zu gehen, seine Sonne, nicht die eines anderen Sommers.
Ich habe ja seine Sonne im Gedächtnis, sie brennt noch auf meinen Händen
und glüht noch um mein Gesicht.
Es ist schön diesen kühlen weißen Korridor zu durchwandern, die Türen zu
öffnen, zuzuschlagen, zu Freund Bluthaupt hinaufzusteigen und eine
Zigarette bei ihm zu rauchen, ja, es ist eine Lust, in diesen Wald dieses
Sommers zu gehen, Ingeborg an der Seite, eingehüllt in Ingeborgs Liebe, die
so warm ist, so warm.
All das ist schön. Es ist schön, in den verwilderten Park hineinzulaufen,
zu rufen, zu singen.
Nun gehört dieser Park Anton Kreidmeier, einem Knechte.
Ich habe nichts vergessen, nein. Manches ist verschmolzen wie ein
Schmuckstück, das man ins Feuer warf, aber vieles steht ganz klar vor mir,
scharf, einzeln, für alle Zeiten ist es in meinem Kopfe. Ich bin reich,
zuweilen schmerzt mich mein Reichtum, aber nur zuweilen.
Ich habe einen schmalen Riß in der Hand, er rührt von Ingeborgs Busennadel
her, all die Jahre ist er nicht vergangen. Oft sehe ich diesen Riß an, ganz
zärtlich betrachte ich ihn, ja, ich habe ihn schon gestreichelt. Ach, ich
weiß, ich habe einem Manne auf einem Schiffe eine Geschichte über diesen
Riß erzählt -- er sah schlecht -- er vermochte ihn kaum zu entdecken --
einem mir gänzlich unbekannten Manne, eine rührende Geschichte von einem
Hunde, der diesen Riß verursachte, nur um über diesen Riß sprechen zu
können, da ich gerade an ihn denken mußte. So bin ich, muß ich an etwas
denken, so komme ich nicht los davon, bis ich es hundertmal gedacht habe,
ich muß fortgehen, hinauslaufen, immer wieder von vorne anfangen und an das
bestimmte denken. Das ist mir geblieben, es ist recht gut zu vergleichen
mit dem vernarbten Riß in der Hand.
Ich betrachte diesen Riß, ich fühle ein Paar Lippen darauf, die das Blut
aufsaugen, ich sehe sie, diese gespitzten Lippen, diese bittenden
lächelnden Augen, die mich von der Seite her anblicken, um Verzeihung
bitten für etwas, was nicht der Rede wert ist, ich fühle ein paar Haare,
die mein Handgelenk streifen. Ich spüre den Geruch dieser Haare. Worte höre
ich. Ich höre das Wort mein. Diese Stimme die es sagt, ist weich und
zärtlich, sie spricht noch ein kurzes I nach dem Ei, mei--in spricht sie.
Ich könnte diesen kleinen Riß küssen und ihm danken, wäre er nicht auf
meiner Hand. Ich tue es nicht. Wer hätte je gedacht, daß dieser
unscheinbare Riß, das unscheinbarste Ereignis in einer Stunde, in der sonst
noch viel geschah, mir so viel werden könnte, aus einer Zeit, da es viele
Stunden gab, viele, viele Stunden, da ich die Stunden nicht zählte? Er ist
mir nun alles, ja, ich muß sagen, jetzt in dieser Minute ist er mir alles,
mein ganzes Besitztum, mein Liebling, mein Glück! Ich sehe ihn ja wiederum
wochenlang nicht. Denke nicht an ihn, habe viele viele andere Dinge, die
mich reich machen, in Entzücken versetzen, aber jetzt, ja jetzt ist er mir
alles! --
Die Nachtigall hat uns verlassen, die Lerche brütet zum zweitenmal, die
Kirschen sind rot. Viele Bäume sind schon geleert. Grüne Äpfel und Birnen,
mit Flaum bedeckt, sieht man an den Bäumen. Die Erde fiebert. Sie ist
Mutter, milliardenfach Mutter, hat viel zu tun und wird nicht müde, mit
heißen Wangen schafft sie.
Die Sonne funkelt, der Himmel ist blau wie Stahl, stille weiße Wolken sind
über ihn verstreut wie weiße Segel über ein Meer.
Was dachte ich? wie war ich?
Ich sehe mich herumgehen. Ich trug einen weißen Anzug, meine Hände und mein
Gesicht waren braun von der Sonne. Ich ging mit weiter vorgereckter Brust.
Ich ging leicht dahin, der Boden wippte unter meinen Füßen, ich war nie
müde, ich hatte immer das Gefühl zu schweben. Leicht geriet ich ins Tanzen.
Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, da passierte es mir oft. Rotes
Viereck, blaues Viereck, meine Füße kaprizierten sich auf das rote Viereck.
Rotes Viereck rechts, rotes Viereck links, -- da tanzte ich schon. Oft
schlich ich, ich ging leise, ganz leise. Weshalb aber ging ich doch nur
leise?
Ich ging tief hinein in den Wald, wo er dunkel wurde und seltsame glänzende
Pilze wuchsen und schillernde Fliegen, dort fing ich an zu singen, ich sang
so laut ich konnte, unsinniges Zeug sang ich. Oder ich sang Ingeborgs
Namen, ich sang so laut ich konnte und lauschte auf den Widerhall. Ich ging
durch den Wald, alle Blätter hätte ich küssen mögen, jedes einzeln, vorn
und auf der Rückseite. Viele küßte ich auch. Denn es konnte sein, daß eine
plötzliche Welle von Glück über mich stürzte, dann mußte ich wohl oder übel
die Blätter küssen.
Ich ging um den See herum, der im Parke lag, ich erinnerte mich plötzlich
eines Wortes, eines süßen Wortes, das zwei Lippen mir aufs Ohr küßten.
Die Welle des Glückes stürzte über mich, ich zog die Ringe vom Finger und
warf sie in den See, ich zog die Nadel aus meiner Binde und warf sie in den
See.
Niemand sah es.
Immerzu sang es in mir.
Wir wollen uns schmücken, mein Mädchen, denn unser Glück ist gekommen! Laß
uns Kränze von Rosen auf dem Haupte tragen, da es Sommer ist, gib mir deine
Hände, du Liebe, sieh, wir wollen die Arme schwingen und tanzen, da die
Wiesen grün sind!
So sang es in mir.
Einmal da stand ich am Fenster und die Sonne ging unter. So schön ging sie
unter, das Tal leuchtete, alles hielt der sinkenden Sonne sein Geschenk
entgegen, die Gräser funkelnde Rubine, die Wälder goldene Schleier, der
Fluß Feuer, ein Winken war es, ein heiteres Abschiednehmen, und die Sonne
lächelte und sank. Da kam es über mich, da ich die Freude sah und die
Dankbarkeit des Tales und das Lächeln der Sonne, da ich so glücklich war,
so reich, ich lächelte, aber es kam über mich, und ich mußte weinen, ich
lächelte und weinte zu gleicher Zeit.
Wie ich weinte, faßte mich eine Hand und ein Paar Augen blickten mich an.
»Du weinst, Axel?«
Ich lachte, die Tränen spritzten über mein Gesicht, weil ich beim Lachen
den Kopf schüttelte, ich zog Ingeborg an mich und sie blieb regungslos bei
mir, nur ihre Lippen bewegten sich unmerklich, sie küßte immerzu mein Herz.
* * * * *
Der glückliche Mensch! Ich kann dir wohl sagen, wie er aussieht, wie er
außen und innen aussieht!
Schön macht das Glück, weise und gut.
Wie ein junger Gott wandelt er, der Glückliche, er geht nicht, er wandelt.
Rosen auf dem Haupte, Rosen auf den Wangen, Rosen in seinem Kopfe, was er
berührt, das lebt, was er anblickt, das leuchtet. Feuer ist seine Stimme.
Er steht auf seiner Höhe und blickt auf die Dinge und versteht sie, von
oben blickt er auf alles und versteht, denn alle Dinge kommen aus Glück und
Unglück hervor. Er versteht die großen Herzen und die kleinen, die
glühenden und die vereisten, er versteht das Lied des Vogels und eines
Dichters Vers.
Wisse, daß er Freude um sich streut, es gibt viele Bettler auf dem Wege des
Lebens, und die meisten erkennt nur das Auge des Glücklichen. Er sucht. Er
hat einen Feind, den er grimmig haßte, viele Jahre, einen der ihn bitter
verriet, er ist glücklich, schreibt an ihn, laß es gut sein, schreibt er an
ihn, es ist vergessen, neue Tage sind gekommen. Mit Tränen in den Augen
schreibt er es, sein Herz strömt über. Er wandert zu dem Trotzigen, pocht
an seiner Türe, pocht und pocht, bis er öffnet. Verzeihe, verzeihe, sagt
er, ich, ich war ja schuld --
Schon manch einen habe ich gekannt, der Geld und Gut und Ehre verschenkte,
weil er glücklich war, ja der selbst sein Glück verschenkte, da er
glücklich war, und arm davontanzte in einem Hemde.
Wisse, so macht das Glück, daß sich einer ans Kreuz schlagen läßt und
seinen Mördern nicht flucht, ja, es kann geschehen, daß einer lügt und den
Menschen Paradiese erdichtet, weil er glücklich ist.
Eine Lawine von Glück rollt er durch Jahrtausende.
So ist das Glück: Sprichst du davon, so mußt du sprechen, tausend und
tausend Tage und Nächte und du findest kein Ende, immerzu mußt du sprechen,
immerzu --
Zwei glückliche Menschen wohnen da oben im Bergwalde.
Ich sehe ein kleines Lichtchen brennen in einem dunkelen Zimmer. Ein
kleines Lichtchen, ich sehe ein Lächeln, ein Gesicht, das in goldenen
Haaren schwimmt.