Ingeborg sah mich verblüfft an. »Ja?« sagte sie, kindlich verlegen. Und sie
fuhr fort: »Hören Sie,« fragte ich dann, »wenn Sie nun durch die Straße
gehen und sehen viele Gesichter?« Darauf sagte er, dann sehe ich viele
Schuld, gewiß. Woher er das habe? Ich habe früher viel mein Gesicht
studiert, sagte er, jedes Laster und jede Schuld prägte sich darinnen ab.
Er wurde finster, während er dies sagte. Er ist unheimlich! Ich wollte noch
mehr wissen. Wenn sie nun im Gesichte Ihres Bruders einen Mord läsen?
fragte ich. So würde ich es ihm sagen und mich in acht nehmen. Wovor? Daß
ich nicht auch einen Mord begehe. Ich fragte weiter. Wenn er aber Ihre
Geliebte ermordet hätte? Was würden Sie tun?
»Ich würde ihn erschlagen, antwortete er, dabei lächelte er, aber ich
erschrak über sein Lächeln, er log nicht.«
»Du forschest ihn aus?«
»Ja, ich forsche, Axel!«
Dann sah sie ihn mit der zierlichen kleinen Magd plaudern. Sie sah ihn
mitten unter den Knechten stehen, er duzte sie alle. Sie schüttelte den
Kopf.
»Er hat hundert Gesichter,« sagte sie, »ich gebe es auf ihn zu erforschen.«
Seitdem nannte sie ihn den Mann mit den hundert Gesichtern.
Und sie erzählte es mir immer, wenn sie ein neues Gesicht an ihm entdeckte.
Sehr spät erst entdeckte sie sein wirkliches Gesicht, so wie ich es sehe,
wenn ich die Augen schließe und an ihn denke. --
Ich erinnere mich eines Abends, da er so wunderbar über die Menschen
sprach, über Sehnsucht und Glücksverlangen, über Hoffnung, über Glück, über
Verirrung, über ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit, ihre
Verzweiflung. Wie ein Künstler in die Saiten greift und Akkorde und
Melodien flicht, so flocht er Akkord an Akkord und wir hörten ein Lied über
des Menschen Herz, das so wunderbar ist, so wunderbar schön, so wunderbar
mild, so wunderbar wild, so wunderbar, so wunderbar . . . . . . .
Ich glaube, daß Ingeborg an diesem Abend sein wirkliches Gesicht entdeckte,
ich glaube es, denn sie sprach die ganze Nacht nichts darüber, sie blickte
mich nur an und ihre Wangen lächelten. Sie zog meine Hand an die Lippen,
sie küßte sie nicht, sie drückte sie nur an den Mund. Sie sann.