Ob die Tage schöner sind als die Nächte, ob die Nächte schöner sind als die
Tage, wer vermöchte das zu sagen?
Niemand!
Einigemal in der Woche kommt Graf Flüggen angefahren. Er breitet die Arme
aus, sieht er Ingeborg, er winkt mit dem Taschentuch, rollt der Wagen in
den Wald zurück.
»Du hast mir alles genommen, Axel!« sagt er zu mir, er zürnt mir im
Geheimen. Er geht gebückter, er wird nun plötzlich wirklich alt.
Der Sinn schwindelt mir, denke ich an mein Glück.
Wiederum schrieb ich an Freund Bluthaupt. Komme, komme, schrieb ich. Ich
bin glücklich, alles jauchzt in mir. Komme, ich bin verändert, verzaubert
und verhext, komme, du wirst deine größte Überraschung erleben -- -- --
Eines Nachmittags kam Harry Usedom mit einem zerbrochenen Wagen vor mein
Haus.
Ich saß auf der Treppe, ließ mich von der Sonne braten, ich wartete auch
auf Ingeborg, die im Walde war.
»Ich habe ein kleines Unglück gehabt!« sagte Harry Usedom.
Die Deichsel des Wagens war zerbrochen. Der Wagen umgestürzt.
»Haben Sie sich verletzt?« fragte ich ihn. Er war über und über mit Staub
bedeckt.
»Nein,« sagte er und lächelte. »Ich fiel nur auf die Straße. Es ging gut
ab.«
Ich bat ihn einzutreten, bis die Knechte den Schaden ausgebessert hätten.
Wir saßen in meinem Zimmer und plauderten.
»Sie haben herrliche Gegenstände hier,« sagte er und betrachtete alles mit
kindlicher Freude. Er sah immer noch bleich aus, aber er ging aufrecht und
sprach frei und heiter. Sein Blick fiel auf die Türe, wo die Worte standen:
Du gehst Ingeborg? er zuckte zusammen, starrte die Worte an, wurde rot.
Dann sammelte er sich wieder und sprach über die Gegenstände, die in meinem
Zimmer standen.
Er sprach über jeden einzeln, ließ sich seine Geschichte erzählen,
lächelte, hörte aufmerksam zu, aber seine Gedanken wanderten. Der Wagen war
ausgebessert.
Harry Usedom ging nicht.
Er sprach weiter über Vasen und Schalen, dazwischen ging er an den Flügel
und schlug einige Akkorde an. Er sprach, lachte leise und dazwischen
horchte er. Ob ich eine Geige habe? Ich brachte sie ihm und er griff hastig
danach und spielte. Er ging langsam hin und her, während er spielte. Er riß
in den Saiten, er sang. Seine Augen leuchteten, sie wurden trüb, sein
Gesicht spielte mit. Ich verstand wohl was er spielte.
Mitten in seinem Spiele trat Ingeborg ins Zimmer.
Ihr Gesicht glühte, ihre Augen schimmerten licht und blau. Pazzo kam mit
ihr herein. Er bellte und knurrte und wollte auf Usedom losfahren.
Usedom hörte augenblicklich auf zu spielen. Er legte die Geige auf einen
Stuhl. Dann nahm er sie vom Stuhle und legte sie auf den Flügel. Seine Hand
zitterte, so daß die Geige klapperte, während er sie auf den Flügel legte.
»Du hier?« sagte Ingeborg und streckte ihm die Hand hin.
»Wie geht es?«
»Danke!« sagte er und es zuckte um seinen Mund. »Ich habe einen kleinen
Unfall gehabt mit dem Wagen. Die Deichsel ist gebrochen. Ich verhielt mich
etwas hier, wir plauderten -- ich bin noch bestaubt -- verzeihe -- dann
spielte ich ein wenig Geige -- es war so traulich hier, ich bin immer
allein --« Er stockte, verneigte sich leicht. Er blickte Pazzo an, mit
gütigen Augen blickte er ihn an. Er streichelte ihn.
»Bleibe doch, Harry. Spiele weiter.«
»Danke,« sagte er, »du bist so gütig, so gütig Ingeborg. Ich danke dir von
ganzem Herzen -- ich will spielen, wenn du es wünschest -- sehr gerne --«
Er griff nach der Geige, nahm sie aber nicht.
»Nein,« fuhr er fort und schüttelte den Kopf, »ich kann nicht spielen, ich
kann jetzt nicht spielen -- ich erlebe so viel, was ist das für ein
Augenblick! Du bist gut -- alles stürzt über mich.« Er schloß die Augen,
seine Wimpern wurden feucht.
»Harry!« sagte Ingeborg gütig zu ihm und berührte seinen Arm.
Da nahm er ihre Hand von seinem Arme, und er stürzte in die Knie.
»-- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick. Ingeborg --«
Ingeborgs Augen füllten sich mit Tränen, sie lächelte.
»-- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick, Ingeborg --«
Schluchzen erstickte seine Stimme.
Er stand auf und lächelte, das Gesicht naß von Weinen.
»Verzeihung!« sagte er, er lächelte wie ein glücklicher Knabe und ging. --
-- --
Es war Nacht.
»Horch!« sagte Ingeborg.
Unsere Blicke begegneten sich. Im Walde sang eine Geige. Die Geige jubelte
und klang. Es war ganz still und die Geige klang so deutlich zu uns herein,
als sänge sie dicht unter dem Fenster. Nie in meinem Leben hörte ich solch
ein wunderbares Lied. Das weinende Glück war es.
Ingeborg saß regungslos und blickte mit großen Augen vor sich hin. Dann
begann sie zu weinen, sie weinte unaufhörlich in ihre Hände, und das Weinen
erschütterte ihren ganzen Körper. Ihre Schultern zuckten.
Das Lied der Geige entfernte sich, es erstarb in der großen Stille.
»Verzeihe, daß ich weinte,« sagte Ingeborg.
Verzeihe, daß ich weinte, sagte sie!
In drei Nächten erklang die Geige im stillen Walde.
Dann hörten wir sie nicht mehr. Einige Tage darauf kam aus dem fernen Süden
eine Karte, sie war an uns beide adressiert. Dank! stand darauf. Sonst
nichts.
15
Eines Tags traf Karl Bluthaupt, der Dichter, ein. Das heißt, er kam mitten
in der Nacht, hatte alle Züge versäumt, mit vielem Hallo und Lärm weckte er
uns aus dem Schlafe.
Nun lebte er oben in den Giebelzimmern des Schlosses und arbeitete Tag und
Nacht. Zuweilen kam er zu uns herunter, er lachte, strahlte, berauscht von
seinem Werke, dann und wann sah ich ihn im Hofe stehen und mit einer
zierlichen hübschen Magd eine Unterhaltung führen. Dieses Gespräch war
weithin hörbar und der Wald gab Echo, lachte er. Wiederum konnte er uns
begegnen, eine Falte in der Stirne, zerstreut, er grübelte über seinem
Werke.
Er war groß, um einiges größer noch als ich, breitschulterig, knochig, er
nahm große Schritte beim Gehen. Seine Haare waren dunkelrot, wie Kupfer,
wirr, er hatte eine Habichtsnase, dunkelblaue Augen und einen immer
offenen, immer lächelnden Mund. Er sah aus wie ein Sänger vergangener
Zeiten, der am Tage hinter dem Pfluge einherschreitet und des Abends in der
Halle vor den Frauen singt. Sein Wesen war schwer zu erkennen, viele
Widersprüche waren in seinem Wesen, er war sehr stolz und doch schüchtern,
seine Forderungen waren hart, grausam und doch war er weichherzig, er
konnte wie ein Kind sein, tanzen, lachen, es gab Stunden, da war er düster,
ernst, es zuckte in seinen Augen, seine Züge fielen ein, er redete
sonderbare tiefe Worte, der Geist kam über ihn, er sprach mit sich selbst,
mit einem Unsichtbaren. Dann ging er in sein Zimmer und arbeitete. Er
konnte von der Arbeit kommen, müde, glücklich bis zur Ergriffenheit, dann
sprach er mit feuchter weicher Stimme.
Er war geistig und körperlich mutig bis zur Verwegenheit, immer gut, immer
edel, er verlangte nichts von den Menschen, nie, nein. Und gab ihnen
immerzu, alles!
Ich liebte ihn. Stundenlang könnte ich von ihm sprechen, wenn einer es
anhören möchte.
Ja, er kam mitten in der Nacht, durchnäßt bis auf die Haut, es regnete
diese ganze Nacht.
»Hallo!« rief es.
Ich schnellte in die Höhe, das Blut schoß mir in den Kopf, das war er, dort
stand er. Drei Jahre hindurch hatte ich auf ihn gewartet. Ich erkannte
seine Gestalt wieder, ich hatte sie ja nicht vergessen gehabt, aber ich
erkannte sie wieder. Ich erkannte seine Hand wieder, den Druck seiner Hand
erkannte ich wieder. Sie war schmal und knochig, wie ein Skelett fast,
Freund Bluthaupts Hand.
»Dir geht es ja gut, verdammt gut!«
Ich erkannte seine Stimme wieder. Wie ich sie liebte, diese kräftige, etwas
bäuerische Stimme!
Natürlich ging es auch ihm gut. Immer ging es ihm gut, er konnte am
Verhungern sein, er konnte mitten in der Verzweiflung leben; es geht mir
gut.
Ich ging rasch zu Ingeborg. »Karl ist da,« sagte ich zu ihr, lachte und
ging sofort wieder hinaus.
Ich ging rasch den Korridor zurück, der Regen trommelte gegen die Scheiben,
es war ein wohliges Gefühl, ich fühlte alle Tropfen auf meinem Leibe.
Dann kam Ingeborg. In ganz unglaublich kurzer Zeit hatte sie sich
angekleidet. Sie trug ihr schönstes Kleid, es war ganz weiß und schmiegte
sich um ihren Körper, sie hatte die Schuhe aus Wieselpelz an, die ich für
sie ersonnen hatte, eine Rose trug sie an der Brust und eine in der Hand.
Die gab sie Bluthaupt. Ihre Augen waren feucht, sie sprach nichts.
Haha, ja, er war überrascht, ich muß es sagen. Er wurde rot und dann blaß,
da sah er sehr schön aus.
Ingeborg bot ihm die Rose, wie ein Kind einem Landesherrn eine Rose
überreicht, sie neigte den Kopf dabei zurück, ganz gebogen stand sie da.
Er nahm die Rose, gab ihr die Hand, stotterte etwas.
Er habe keine Ahnung gehabt -- nicht die leiseste Ahnung -- er bitte um
Entschuldigung, aber alle Züge seien früher abgefahren, als man annehmen
konnte.
Ich amüsierte mich sehr in dieser Nacht, ich war so glücklich, daß ich mich
herzlich amüsieren konnte. Ingeborg blickte Bluthaupt an, seinen Mund,
seine Stirne, seine Hände, sie lauschte, wenn er die Lippen öffnete. Er
sprach solch einfache Worte.
Sie hatte noch keinen Dichter gesehen und gehört. Sie dachte, die Dichter
trügen Rosen in den Haaren und sprächen in Versen. Ich stelle mir die
Dichter vor wie etwas Wehendes, etwas Goldenes, so sagte sie einmal.
Wir hatten Bluthaupts Bücher gelesen, zusammen, Kopf an Kopf. Ingeborg
sagte: er kennt mich und deutete auf ihr Herz. Wie er die Menschen doch
kennt! -- Bald wird er kommen, Ingeborg. -- Ja, was sage ich zu ihm?
Und nun saß er vor ihr, sie konnte ihn nicht verstehen, sie konnte durch
keines seiner Worte, keine seiner Mienen eindringen in ihn, sie grübelte,
sie war enttäuscht.
»O,« sagte sie mir am andern Tage, mit besonders rundem Mäulchen sagte sie
dieses O. »O!« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, was kümmern mich diese armen
Droschkenpferde, von denen er so viel sprach? Ich bin nun froh keine
Droschkenpferde mehr zu sehen! Dann fährt er mit dem Finger in die Luft
hinein und lacht. Diese elenden Droschkenpferde! Haha, das ist der Dichter
Karl Bluthaupt!«
»Und sieh, Axel, darauf wußte er mir nicht zu antworten, als ich ihn
fragte, wie die Frauen seien. Ich wollte nun gerade seine Ansicht wissen.
-- Er wich aus. Das kann niemand wissen. Man kennt sie nicht, man kennt nur
Beispiele. Ich traf ein armes Mädchen, sie ging mit mir. Am Morgen verließ
sie mich und eine Stunde später war sie wieder da, sie hatte mir eine
Kravatte angefertigt. So sind sie. Und wieder, eine Frau kann heute zu
einem Mann sagen, du bist ein Heiliger, du kannst Wunder tun, am andern
Tage, du bist ein kleiner erbärmlicher Mensch. Sie sind rührend, wenn sie
lieben, interessant, wenn sie hassen. Man kann wirklich nichts bestimmtes
über sie sagen.«
Einige Tage später kam sie zu mir, nahm mich am Arm und sagte: »Du Axel,
nun habe ich es gesehen!«
»Was hast du gesehen?«
»Daß er ein Dichter ist. In seinen Augen sah ich ein Licht, einen Glanz.
Woran er wohl dachte? Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Ich glaube
es ist das Bewußtsein der Unsterblichkeit, dieses Licht?«
Einige Tage später, da sagte sie: »Komme, Axel, komme. Es ist etwas ganz
Merkwürdiges geschehen. -- Höre, es ist sonderbar. Der Knecht, den sie den
Mönch nennen, ging an uns vorüber. Bluthaupt betrachtete ihn so sonderbar.
Ich lachte. Er trägt Sommer und Winter diesen dicken Mantel und diesen
großen Hut, sagte ich. Das ist es nicht, antwortete er, dieser Mensch ist
ein Verbrecher. Der Mönch! hörst du, Axel? Ja, er hat ein Verbrechen
begangen, einen Mord, aber es ist schon lange Jahre her. Woher er das
wisse? Er hat das Gesicht des Opfers in dem seinen, er hat zwei Gesichter,
ich sehe es, er dachte immer daran. Woher weiß er nur, daß der Mönch ein
Verbrechen beging?«