Ingeborg, Ingeborg, wie soll ich doch dein Herz nennen? -- --

Ingeborg wohnt in den weißen Zimmern des Schlosses, die gegen Sonnenaufgang

gehen. Ich höre sie singen, hell und rein ist ihre Stimme und kräftig, die

Wände klingen, und der Wald hallt wie von geschwungenen Glocken, wenn sie

drinnen im Walde singt.

Ich sehe auf meine Türe. Da steht: Gehst du, Ingeborg? Und außen an der

Türe da steht: Willkommen Ingeborg!

Ich schlafe ein, fünf Minuten schlummere ich, ich erwache, ein großer Brief

mit fünf roten Siegeln ist angekommen, oder ein Paket mit Blumen und

einigen hübschen Kieselsteinen.

Briefe schwirren hin und her, obschon wir fast stündlich beisammen sind.

Aber immer gibt es noch etwas zu sagen, man hat es vergessen, man kann es

nicht aussprechen. Es kommt ein Buch mit einer angestrichenen Stelle, oder

auch nur ein weißes Blatt Papier, ganz leer, nichts steht darauf, aber

näher zugesehen findet man eine kleine matte Stelle.

Ingeborg geht in den Wald, um Blumen zu pflücken, ich sage: eigentlich habe

ich nichts zu tun, Ingeborg, ich gehe mit.

Ich gehe um den kleinen See herum, der mitten im Parke liegt. Da kommt

Ingeborg daher.

Wohin gehst du, Axel?

Ich gehe um den See herum!

Ich habe ganz den gleichen Weg!

Ich lese aber dieses Buch.

Ich lese ganz das gleiche Buch!

Ich erwache des Morgens, ein Mund küßt mich, Ingeborg steht vor mir

zerzaust und naß vom Tau, Blumen in der Hand.

Wo warst du?

Ich schlief im Walde, o herrlich war es. Ich habe oben im Bach gebadet!

Viele Nächte schläft Ingeborg im Walde, oft bekomme ich sie Tag und Nacht

nicht zu sehen. Ich sitze und tue nichts, ich warte auf sie. Mein Herz

klingt und singt. Mein Sinn wird dunkel -- ich fühle, daß sie nun kommt. Da

kommt sie aus dem Walde. Pazzo begleitet sie. Er ist von mir zu ihr

übergegangen.

Danderadei -- danderadei -- singt sie und schwingt den Strauß in der Hand.

Es klingt wie Fanfaren.

Meine Hände beben, meine Füße zittern, ich gehe ihr entgegen, mit feuchten

Augen gehe ich ihr entgegen und ich gehe langsam, weil meine Knie zittern.

Außerdem würde ich ja springen, sausen. O, du Herrliche! denke ich, ich

flüstere es.

»Ich fand etwas im Walde!« ruft Ingeborg. »Sieben Zettelchen. Du hast sie

geschrieben, Axel! Erst fand ich eines. Ich lese: Ingeborg. Axels Hand,

denke ich. Ich suche und finde ihrer sieben. Vergilbt sind sie, aber doch

kann ich sie noch lesen. Wann schriebst du sie?«

»Ich schrieb sie einige Tage, nachdem du auf der Höhe mit mir gesprochen

hattest, Ingeborg! Ich schrieb viele, viele und streute sie in den Wind.«

»Axel, Axel!«

Ich lasse die Pfeife in das Gras fallen, um unauffällig niederknien zu

können vor ihr.

Oft fassen wir uns an den Händen und laufen über die Wiese -- durch den

Wald und schreien und lachen. Huriho! Hurihohoho!

Groß und weit ist meine Seele geworden. Ein ganzer Weltenraum ist meine

Seele nun, voll wiegenden Lichtes. Meine Seele zieht ihre Kreise immer

weiter. Ich entdecke mich. Ich staune, staune über mich selbst, bin

verwundert über mich selbst. Ich sitze und sehe in mich hinein, blühendes

Chaos, wiegende Wunder, Licht und Purpur und sanfte Musik. Ich breite die

Arme aus und sehe in den Himmel hinein, nie sah ich tiefer in die

Unendlichkeit des Blaus.

Ich breite die Arme aus . . . Da du so schön bist, du großer Gott, wie

gütig mußt du sein!

Ich höre mein Blut klingen, es ist rot, funkelt, hat Feuer angezündet, es

lacht durch meinen Kopf, es klingt gegen meine Hirnschale, Licht fährt aus

meinen Augen.

Ich fühle wie mein Herz das Blut in die Adern schleudert, es rauscht, eine

sprudelnde Quelle von Blut bin ich.

Ich fühle das Leben um mich her. Das Leben in einem Halme, einem Blatte,

die Säfte pochen, der Halm erschauert, eine Blume schwankt, zuckt vor

Wollust zusammen, sie gibt sich hin.

Ingeborg hat den Finger an mein Herz gelegt, da begann es zu schlagen, und

nun schlägt es, schlägt es!

Es sind erstickte Schreie der Wonne in mir, mein Blut schreit und ich zucke

zusammen -- ja -- -- --

Es gab Stunden, da flocht Gott unsere Seelen zusammen zu einem Wesen. Ein

Lächeln entdeckte uns alles was in des andern Brust vorging, wir fühlten

es, die Worte brauchten wir nicht. Ich empfand Ingeborgs Stimme als meine

Stimme, und Ingeborgs Atemzug war mein Atemzug. Dann brach in meinem Kopfe

ein zweites Auge auf, ein schärferes, und dieses Auge blickte hinein in

eine zweite Welt, deren Ahnung mich erschütterte.

Wir saßen im dunkeln Zimmer und sahen zu, wie sich eine Blume öffnete. Es

war eine weiße Lilie. Sie schälte sich aus ihren Häuten, sie sprengte

langsam die Knospe, die Blätter sanken herab, müde befriedigt, voller

Lächeln, voller Weinen und Hoffen.

Es dauerte Stunden, bis die Lilie sich entfaltet hatte. Wir erlebten sie.

Es war als steige Gott mit dem Dufte aus dem Kelche, als jubele es ringsum,

als habe diese kleine Blume eine Erschütterung, eine Veränderung der Welt

hervorgerufen. Die Welt hatte einen Schritt vorwärts gemacht und wir

fühlten ihn. Keine Blume konnte aufgehen, kein Vogel aus dem Ei schlüpfen,

ohne daß alles was lebte, es fühlte, es miterlebte.

Oft eilt ein leises Lachen durch mein Blut, in Stunden, da ich traurig bin,

ich weiß wohl woher es kommt, dieses leise Lachen.

Zuweilen erzählte Ingeborg.

»Hoho!« lachte sie, »das war noch schön!« Dann lachte sie noch eine Weile

für sich und dann begann sie. Sie erzählte immer vom Walde. ». . . . . da

stand eine alte, alte Tanne, an der das Moos nur so herunterhing wie graue

Bärte. Ich sah sie oft lange an. Einmal nun, da klopfte ich an die Tanne --

warum? -- das weiß ich nicht mehr. Was meinst du? die alte Tanne sprach!

Gott, Axel, ich habe, habe es gehört. Sie sprach mit einer tiefen, tiefen

Stimme, wie ein Faß: Willst du Zapfen haben? Dann schüttelte sie sich und

es kamen viele, viele Zapfen herunter.« Tausend solcher Geschichten

erzählte sie.

». . . Da schickten sie mich in die Stadt, weil ich etwas lernen sollte.

Ich träumte immer vom Walde. Einmal da träumte ich von einer großen

Lichtung, die von Erdbeeren ganz übersät war. Ja, nie habe ich soviele

Erdbeeren gesehen. Ich bückte mich, sie fielen herunter, alle, alle, alle,

es sah rot im Grase aus, es klebte . . . In der Stadt hielt ich es ein Jahr

aus. Dann kam ich zurück. Höre Axel, wie erschrak ich! Der Wald kannte mich

nicht mehr. Er zürnte mir, o, wie sah er mich an! Ich weinte. Dann kam ich

auf eine famose Idee. Sie schmückten mich in dieser Zeit so. Ich nahm die

Kette aus den Haaren, zog mein ältestes Kleid an, zog die Schuhe und

Strümpfe aus, brachte mein Haar in Unordnung, und nun lief ich in den Wald

hinein und schrie wie toll. Solltest du gesehen haben, Axel, Axel, hoho!

Ja, er kannte mich wieder . . .«

»Einmal wieder, da kam ein Mann durch den Wald, ich habe vergessen, wie er

aussah, er lächelte und hatte helle Augen. Ich ging mit ihm ein gutes Stück

Weges. Er küßte mich auf die Stirne. Ich dachte, ich sei mit Jesus Christus

gegangen, und später als ich erfuhr, daß Jesus Christus vor langer Zeit

gelebt hatte, trauerte ich. Aber einige Jahre darauf glaubte ich doch

wieder, daß mir Jesus Christus begegnet sei und es wurde so licht in meiner

Seele --«

»Und jetzt?«

»Frage nicht, Guter!« Sie brach in Weinen aus und bettete den Kopf an meine

Brust.

Nach einer Weile, da sie sich ausgeweint hatte, flüsterte sie: »Du bist der

Mann im Walde gewesen, du! Ich erkannte dich wieder, als ich dich zuerst

sah. Gehe hin, rede, hilf ihnen, den armen Menschen!«

14

Ich erzähle von meinem Glücke, es ist schön, für mich ist es schön. Nun,

seid gütig, laßt mich fortfahren. Ich könnte ja immerzu -- tausend Nächte

. . .

Wüßtet ihr, wie schön es ist an diese Dinge zu denken! Es lacht in mir, es

jubelt in mir, zuweilen laufe ich im Kreise herum, ich weine vor Freude.

Oft ist die Freude der Erinnerung größer als der Schmerz, daß all das

vergangen ist, und das ist es, weshalb ich erzähle. --

Dies sind die Tage der hohen Feste. Ihr Glanz ist noch um mich und verklärt

mir einsame Stunden.

Alles wird Religion, Religion wird alles.

Die Worte ändern den Sinn, die alltäglichsten Worte sind zu Rätseln

geworden.

Wir speisen zu Mittag und sprechen alltägliche Worte.

»Das Brot, Lieber!«

»Ja, das Brot, danke. Liebste.«

Was für Worte sind das? Es sind alltägliche Worte, ja, aber es sind

verkappte, rätselhafte Worte. Sie heißen: ich liebe dich, Lieber. Sie

heißen: ich liebe dich, Liebste.

Aber wiederum, was sind das für Worte? Es sind verkappte, rätselhafte

Worte. Sie heißen: Welt, Leben, Tod. Sie heißen: Gott, Ewigkeit, Erlösung.

Aber wiederum, was sind das für Worte? Verkappte, tiefe, tiefe Worte. Sie

heißen, wer nennt sie?

»Du nimmst Wein, Liebste?«

»Ja, danke.«

»Roten, weißen?«

»Ja, roten, weißen?«

Du nimmst Gift? Ja, ich nehme Gift. Du nimmst ein Glas Tod? Ja, ich nehme

ein Glas Tod.

Alle Worte ändern den Sinn.

Wir gehen durch den Wald. Ein Wunder ist der Wald, ein Wunder rauscht durch

den Wald. Wir gehen durch die Felder, die Wiesen, ein Wunder sind die

Ähren, ein Wunder die kleinste Blume. Alles wird zum Wunder.

»Wir wollen sehen wie die Sonne untergeht, Axel.«

Die Sonne sinkt hinter die Berge.

»O, o!« Ingeborg preßt die Hände auf die Brust, ihre Augen schimmern.

Es durchschauert mich.

»Axel, der Mond kommt herauf!«

»O, o! Sieh ein kleiner Stern begleitet ihn! Ein großer goldner Stern

funkelt dort über den Tannen!« Sie hat Tränen der Verzückung in den Augen.

Ingeborg · 第 9 / 57 题