Sie zuckte zusammen. »Ja, wer hat ihm denn den Brief geschrieben?«

Unsere Blicke begegneten sich.

Ingeborg erblaßte. -- »O,« rief sie aus und schlug die Hände vor das

Gesicht, »welch ehrlose Menschen es doch gibt, pfui, pfui!«

»Sein Unglück hat ihm den Verstand verwirrt,« sagte ich. »Er wäre gewiß nie

einer solchen Schlechtigkeit fähig gewesen. Denke daran, wie tief du ihn

getroffen hast.«

»O, wie schlecht, wie schlecht!«

»Die Verzweiflung macht sinnlos, Ingeborg. Schlecht ist er erst geworden.«

Ingeborg sah mich an und ihre Augen strahlten. »Du, du, du bist gut, Axel!

Er ist dein Rivale und doch verteidigst du ihn. Du bist gerecht. -- Ja,

Axel denke nicht, daß ich dich nicht liebe, weil ich nicht gleich ja sagte.

Ich wollte deine Geliebte sein, deine wilde Geliebte, die aus dem Walde

kommt. So schön war es. --«

»Du kannst es ja bleiben, trotzdem.«

»Du sollst mich immer als deine Geliebte betrachten, Axel. Als nichts

anderes!«

»Ja, Ingeborg.«

13

Sommer! Unser Sommer. Wir wohnen hoch oben über dem Tale, wie Vögel in

ihrem Horste. Wir fühlen uns stolz und frei, etwas vom Stolze und dem

königlichen Gefühle der Adler ist in uns gekommen. Tief unten das kleine

Tal, Berge, Berge, Wälder, Wälder, soweit wir blicken können. Viele Stunden

weit reicht unser Blick, bis zu den fernen hellblauen Höhenzügen, die den

weiten Himmel tragen. All das was wir sehen ist für uns zu einem Gesichte

geworden, in dem wir lesen, lächeln kann das Gesicht, schmunzeln, es kann

hilflos aussehen, es kann vor Zorn und verhaltener Wut beben, todtraurig

kann es sein, gleichgültig. Es kann ein Zittern der Rührung über dieses

Gesicht rieseln, wenn die feurigen Boten der Sonne am Morgen über den

Himmel schweben, das Gesicht kann voller Sehnsucht der scheidenden Sonne

nachblicken, verzweifeln, wenn die Sonne gesunken ist, sterben.

Der Mond kommt und kitzelt es, es lächelt, es kichert.

Wie schwebte der Mond in diesem Sommer empor! So frei und stolz und

königlich still. Erstaunt sah er zuweilen aus, zuweilen lächelnd wie ein

Verschwender, glänzend, als käme er aus dem Bade. Es ging ihm gut. Er

blendete wie ein Spiegel aus Silber, in den die Sonne fällt. Alle Sterne

waren am Platze, funkelten, er lächelte überlegen.

Die Lerche sang und trillerte in diesen weißen Nächten.

Die Sonne schüttete brennenden Wein auf die Erde, jeden Tag. Es regnete

Sonne, in hellen dampfenden Bächen floß sie die vielen Wege und Pfade ins

Tal hinab. Ein Dampf von Sonne lag über den Wäldern, ein roter Dampf, in

dem lauter kleine Sonnen zitterten. Man mußte die Augen scharf machen und

das Licht mit der Hand abblenden, wollte man durch diesen Sonnennebel

hindurchspähen. Dann sah man tief unter den schlummernden Wäldern etwas

Blitzendes, eine Schlange aus Quecksilber, das war der Fluß. Etwas blitzte,

es zappelte, regte sich, das waren Leute, die auf den Feldern arbeiteten.

Es summte, brummte. »Horch!« sagte Ingeborg. Ja, ich hörte es, es war als

ob irgendwo in großer Entfernung eine Dreschmaschine surre. Das war der

Sommer.

Der Frühling klingt, der Sommer surrt, der Herbst klagt und murmelt, der

Winter schweigt.

Die Wälder schliefen, sie lächelten im heißen Schlafe, heitere Träume

hatten sie, der Boden war heiß, als würde Brot auf ihm gebacken. Traten wir

plötzlich auf eine Lichtung, so stand das Licht vor uns wie eine Mauer, wir

prallten zurück. Die Luft zitterte und farbige Feuerchen tanzten über den

Gräsern.

Die Erdbeeren wurden rot, das Korn golden und die Menschen braun. Der

Schweiß stand auf ihren Stirnen, in den schweißigen Augen kochte die Sonne.

Langsam stiegen die Bauern die Bergstraße herauf und sie blieben oft stehen

und fuhren sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Die Bergstraße war

schneeweiß, mit hohem Staube bedeckt, und es ging sich auf ihr wie auf

Samt. Die Spuren vieler nackter Sohlen hatten sich in ihr abgeprägt, ganz

deutlich wie in Mehl.

Das Haus funkelte golden hinter den Kastanien hervor, in seinen Fenstern

brannten helle Feuer. Die Wiese stand hoch und unaufhörlich wimmelte sie

von Faltern in allen Farben. Ging man durch sie hindurch, so flatterten sie

ringsum in die Höhe und es war als verfolgten sie einen. Prächtige

Trauermäntel saßen häufig auf der heißen Treppe und sonnten sich.

Im Hause war es heiß und die blendendweißen Korridore mit den vielen Türen

waren die einzig kühlen Orte des Hauses. In den Zimmern war es meistens

dunkel, da die Läden geschlossen werden mußten. Steckte man einen Finger

durch den Fensterladen, so konnte man fühlen, wie die Sonne ihn röstete.

Am schönsten war es im Parke. Der Park war verwildert, alt, einem Urwalde

nicht unähnlich mit den dicken bemoosten Bäumen, die von allerlei

Schlinggewächsen umsponnen waren. An vielen Stellen vermochte die Sonne

nicht durchzudringen, sie stach mit scharfen Nadeln durch das Laub, aber

sie hatte nicht die Macht, diese Dunkelheit zu zerstören. Hier war es kühl

und feucht, moderig. Alle Wege des Parkes waren verwachsen und man mußte

sich mit den Ellbogen Bahn schaffen. Es gab nur einen langen Hauptweg, der

zum Schlosse führte. Wie ein Bach floß die Sonne im Zickzack in seiner

Mitte. Hier befand sich ein Brunnen, ein rundes Becken, in dem eine dicke

kurze Säule Wassers sprudelte. Diesen singenden murmelnden Brunnen, über

dem immer Kühle schwebte, liebte Ingeborg ganz besonders. Sie konnte

stundenlang auf seinem Rande sitzen und die Hände in das kühle grüne Wasser

tauchen und das goldene Netz betrachten, das auf dem Grunde des Beckens

zitterte. Es entstand durch die Brechung des Lichtes mit den kleinen

Wellen, die ohne Aufhören zum Rande des Beckens eilten, und schien nach

Ingeborgs Händen zu haschen.

Da saß sie und träumte, dann wandte sie sich plötzlich nach mir um und

lächelte fein und voll unsäglicher Liebe. Ihr Lächeln glänzte zuerst in den

Augen, dann glitt es über die Lippen. Die Lippen öffneten sich und ihre

Zähne lächelten, ihre Wangen überzog ein besonders gütiges, beinahe

kindliches Lächeln.

Dann sprach Ingeborg mit verträumter, weicher Stimme: »Höre wie der Brunnen

rauscht!«

Sie deutete mit der Hand die Allee hinunter. Etwas Weißes schimmerte dort

im Sonnenlichte, die Treppe, die ins Haus führte. Und sie sprach: »Dort

wohnen wir!« Wie im Traume sagte sie es.

Und ich ging näher, legte die Hand auf ihre Schulter, so leicht es ging und

sagte: »Ich liebe dich, Ingeborg.« So leise es ging.

Ingeborg erwiderte nichts darauf, sie lächelte zu mir empor, nahm meine

Hand und legte sie an ihre Brust.

Fühlst du? fragte ihr Lächeln.

Und mein Lächeln antwortete ihr, daß ich es wohl fühlte.

Hörst du, was mein Herz sagt? fragte ihr Lächeln.

Und mein Lächeln antwortete ihr, daß ich wohl hörte, was ihr gütiges,

herrliches Herz sagte.

Ingeborg · 第 8 / 57 题