Hundert Jahre vergehen, tausend Jahre vergehen. Hahaha, wir haben Zeit! --«

Ingeborg lächelt.

»Du sprichst, daß mir das Herz stehen bleibt,« sagt sie.

Ich neige mich vor, daß ihr Haar meine Wange liebkost, ich schließe die

Augen dabei.

»Wir haben Zeit!« flüstert Ingeborg und lacht leise.

»Ja!«

»Es ist schön, im Dunkeln zu sitzen und die Sterne wandeln draußen vorbei.«

»Ja, es ist unsagbar schön.«

11

Was dachten sich wohl Knechte und Mägde, die im Hause hin- und hergingen?

Sie blickten mich an und dachten, daß sich mein Verstand verwirrt habe. Sie

begriffen nicht, weshalb die Treppe mit Blumen bestreut war, als ob eine

Hochzeit wäre, sie begriffen nicht, daß im Zimmer des Herrn ein Teppich aus

Kornblumen gebreitet war, heute, morgen aus Mohn, und an einem andern Tage

aus Birkenlaub.

Dieses Haus war weiß Gott ein verzaubertes Haus! Oft öffnete ich die Türen

aller Zimmer und ging durch alle Zimmer hindurch. Hin und her, mit einem

von Freude und Freiheit geschwellten Herzen.

Die Blumen der Tapeten schienen lebendig geworden zu sein und zu duften,

die Bildnisse der alten Herrschaften mit komischen Hüten und Frisuren

lächelten. Liselotte, geborene Weikersbach, blinzelte mir zu. Ich stellte

mich vor sie und lächelte. Ja, sagte ich, konnte dir leider die Treue nicht

halten, Liselotte, so ist die Liebe!

Eine ganz sonderbare Luft webte durch dieses verzauberte Haus.

Diese Luft barg Ausrufe, Flüstern, Blicke, das Schimmern von Zähnen, das

Knistern eines schnellen Schrittes. Viele Geheimnisse waren in dieser Luft

verborgen, leises Lachen, verliebte Worte, Lider, die sich bewegen, Arme,

die einen Nacken umschlingen, das Rot eines Mundes, das Blitzen eines

Ringes. Man dachte an nichts, plötzlich hörte man seinen Namen, die Luft

rief ihn, plötzlich sah man einen Mund, der ein Licht ausbläst, man

erblickte sich selbst, wie man gerade in einem Spiegel seine glücklichen

Augen studiert. Die Luft spiegelte das.

Den ganzen Tag ging die Sonne in diesem Hause spazieren, sie stieg durch

die Fenster ein, durch die Schlüssellöcher der Türen. Dann kam die

Dämmerung und eine kurze Zeit war alles still und tot. Doch sobald der Mond

und die Sterne heraufkamen, wurde es wieder lebendig in diesem Hause.

Fünkchen sprangen über die Tische und Sessel, es knisterte und etwas

kletterte an der Tapete herunter, etwas Silberiges spielte mit einer

Quaste, und die Quaste begann zu baumeln.

Im Dorfe drunten schlug die Uhr. Eins, zwei, drei -- zehn. Im Dorf drunten

schlug die Uhr. Eins, zwei -- elf.

Ein Hauch wehte durch das Haus. Es knisterte, eine Treppe knarrte, ein

Schreiten, ein Flackern und Schweben -- Ingeborg war da!

Es raunte in meinem Zimmer, es wisperte, flüsterte und lachte. Ganz als ob

ein kleiner Springbrunnen sänge und kichere. Gewiß waren die Herrschaften

mit den sonderbaren Kleidern und Frisuren aus den Rahmen gestiegen und

gaben sich Stelldichein in meinem Zimmer.

In vielen, vielen Nächten kam Ingeborg zu mir. Mein Herz klopfte in den

langen Stunden des Wartens. Mit einem Jauchzen empfing sie mein Herz. Ja,

wie begrüßten wir uns doch? Als seien wir lange Jahre getrennt gewesen und

hätte die Sehnsucht unsere Liebe geglüht und gestählt und vertausendfacht.

Ein Ineinandertauchen der Blicke, gestammelte Worte, ein Kuß auf die

Fingerspitzen, das war unsere Begrüßung. Gar oft sagten wir gar nichts, wir

gaben uns die Hände und lächelten uns an, lange Zeit.

Ingeborg kam aus dem Walde zu mir, in stiller Nacht, ich durfte ihr nicht

entgegengehen, ich durfte sie nicht begleiten.

Nein, nein, ich bin deine wilde Geliebte, wohne im Walde, komme und gehe --

verstehst du?

Sie sagte es nicht, wenn sie kam. Ich durfte es nicht wissen. Zuweilen

sagte sie: heute komme ich nicht, aber es war kaum Mitternacht, da war sie

bei mir.

»Ich hätte nicht schlafen können, Axel!«

»Dank, Dank, süße Ingeborg! Ich saß hier und dachte an den letzten Blick

heute Abend. Er hat mein Herz glühend gemacht. Ingeborg, hüte dich! Ich

werde dich in meinen Armen erdrücken.«

»Ja, ja!« Sie läßt den Kopf in den Nacken fallen und schließt die Augen.

Ihre Zähne lächeln.

»Das werde ich alles Ernstes tun, hüte dich, Ingeborg! Ich liebe dich, du

weißt es. Du kannst mit mir tun, was du willst, Ingeborg. Das ist keine

Redensart, nein, es ist Ernst, du kannst mich blenden lassen, ich klage

nicht, nein, ich lächle. Du kannst mich in den Boden hineintreten, alles

was du willst, kannst du. Aber hüte dich, meine Liebe ist gefährlich! Mein

Herz ist rot, blutig rot und wild!«

»O, Axel, wie gut muß Gott sein, daß er uns ein solches Glück schenkt!«

Ich erwidere: »Er liebt alle Liebenden, mußt du wissen. Seht, sagt er zu

seinen Engeln, sie lieben einander! Und die Engel sagen: gelobt seist du,

du Vater der Liebe, du bist ein guter Gott, ja!«

Die Nacht vergeht, die Nacht vergeht.

Heute verging die Nacht schneller als gestern, morgen wird sie schneller

vergehen als heute, übermorgen schneller als morgen.

Wir plaudern. Wir schweigen. Wir lauschen auf das Lied des Vogels, der im

stillen Parke von seinem Glücke singt. Die Nacht vergeht.

»Horche doch, was der Vogel singt, Axel! Hörst du alles? Nun sang er deinen

Namen --«

Ingeborg sieht mich an -- »bleibe so«, sagte sie, »bleibe so -- schließe

die Augen -- lächle ein wenig, so! Überirdisch siehst du aus! Bleibe so,

rühre dich nicht!« Sie gleitet in die Knie und flüstert:

»Bleibe so, ich will dich ansehen« -- Sie streicht mit dem Finger über

meine Hand, ganz leise.

»Ich liebe deine Hand, Axel -- ich liebe jedes Härchen deiner Hand, jeden

Nagel, bleibe so, bleibe so -- ich will deine Hand liebkosen --«.

Ich sitze mit geschlossenen Augen. Meine Hand wird leicht in die Höhe

gehoben, Ingeborgs Lippen berühren sie -- es durchschauert mich. Es ist ein

erstickter Schrei der Wonne in meiner Kehle --

Die Nacht vergeht, der Morgen dampft. Ein helles Kleid verschwindet im

Dampfe des Morgens. Ich nehme mein Gewehr und wandere in den Wald hinein.

Tief im Walde fallen zwei Schüsse.

Was hat der Herr geschossen?

Nichts, nichts.

Ich treffe nichts, schlechte Augen, sodann zittere ich auch etwas, von der

kleinen Pfeife rührt es her. -- -- --

Ich begegnete ganz zufällig Graf Flüggen im Walde, als ich mein Gewehr

spazieren trug. Wie ein Zwerg kam er daher mit langen schlenkernden Armen.

Er ging immer, als suche er etwas auf dem Boden.

»Hören Sie doch nur, was für ein sonderbares Geschöpf diese Ingeborg da

ist!« sagte Graf Flüggen und seine Äuglein blinkerten. »Tag und Nacht läuft

sie im Walde herum. Ja, hihi, auch in der Nacht.

Schon jeden Sommer trieb sie es, aber Heuer treibt sie es doch toll.

Schläft im Walde, das Mädchen, schläft im Walde.«

Ich lachte.

Graf Flüggen lachte ebenfalls. Er hustete, so lachte er.

»Aber -- aber natürlich« -- er schlug die Hände an die Schenkel -- »sie ist

im Walde geboren.« --

»Im Walde fand ich sie. Ganz wie in einem Märchen saß sie da, blond, ein

Zöpfchen wie ein Schwänzchen, sang, sang, daß man es meilenweit hörte. Wie

heißt du? Ich heiße Ingeborg Giselher. Wer ist dein Vater? Er haut Bäume um

für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark. Sie sprach so klug und

munter, daß mir das Herz aufging. Bist du vielleicht der Waldgott, sagte

sie. Ja. Nun, dann kenne ich dich. Ich habe dich vor drei Tagen gesehen,

mit einem Buschen auf dem Kopf und einem großen Prügel in der Hand. -- Hi

hi hi -- -- du singst, Ingeborg? Ja, ich werde eine Sängerin, die Mutter

hat es gesagt. Dann zeigte sie mir auch einen hohlen Baum, in dem gerade

zweitausend Zwerge zu Mittag aßen. Seine Tochter ist krank, sagte sie.

Wessen Tochter? Nun, die vom König Waps. Sie liegt da. Wo? Nun in der

Spinnenwebe. Sie hat Husten . . . . Ja, was ist uns Ingeborg geworden,

meiner Gattin und mir? Hihi -- eine Freude für unsere alten Tage, eine

Lust, ein Vergnügen -- --.« Er kicherte, nickte, Tränen liefen über seine

Wangen.

Immerzu sprach der alte Mann von Ingeborg. Er war etwas schwatzhaft

geworden in den letzten Jahren. Aber ich hörte zu, meinetwegen.

»Ja, ja, schläft im Walde, fast jede Nacht. Nun, sie soll ihre Freude gerne

haben, unsere Ingeborg.«

Da stieß mich der Teufel ins Genick und ich sagte:

»Vielleicht hat sie einen Geliebten, den sie besucht? Wie?«

Graf Flüggen pfiff durch die Zähne und blinzelte.

»Welch ein Einfall! Nein, nein, eine falsche Vermutung -- er ist ja sehr

begabt und hübsch, aber es fehlt ihm -- ja, er ist kein Mann -- er ist

leidend, sehr krank, glaube ich. Nun, denken Sie, schon mit zwölf Jahren

schleppten sie ihn von Stadt zu Stadt. Nein nein, welch ein Einfall von

Ihnen!«

Graf Flüggen lachte.

Auch ich lachte.

»Besuchen Sie mich doch! Keine Zeit? Ich glaube auch unsere Ingeborg wird

sich freuen. Sie sagte neulich, weshalb sieht man Fürst Axel so selten?«

Ich würde wohl bald wieder vorsprechen.

»Viele Grüße an Fräulein Ingeborg.«

»Danke, danke. Das wird sie freuen, ja gewiß. Sie hat mir einmal etwas von

Ihren Augen gesagt, kann es Ihnen nicht sagen, junger Freund -- hihi --

Früher stellte sie sich unter Ihnen so etwas wie einen Ritter Blaubart vor,

ganz sicherlich, wie in den Märchen -- dann bekam sie Sie zu Gesicht,

vorigen Herbst. Papa, sagte sie, nun und dann sagte sie eben das von Ihren

Augen. -- Adieu, junger Freund. Weidmannsheil!«

12

Rote Tage! Blaue Nächte! Schön ist das Leben! Die Tage sind ein Rausch, die

Nächte ein Märchen. Die Tage sind Singen und Lachen, die Nächte sind Küsse,

die Tränen des Glückes aus zuckenden Wimpern trinken. Die Tage sind eine

große rote Sonne, die Nächte ein blaues Lichtchen Mondenglanz in einem Auge

ohne Grund.

An einem Sonntage kam ein Mann zu mir, der aus Haaren, Harz und Honig war.

Ich stand am Fenster und sah ihn die Bergstraße heraufkommen. Ein dicker

Stock ging neben dem Manne her. Dieser Stock machte noch größere Schritte

als der Mann und war immer um einiges voraus. Der Mann stand still und

stieß den Stock in den Boden.

»Ist der Herr zu Hause?« rief er über die Wiese.

Ja, der Herr sei zu Hause.

Sofort begann der Mann wieder auszuschreiten, er steuerte auf die Türe zu,

und Mann und Stock verschwanden im Hause.

Es pochte laut, und ein bärtiger haselnußbrauner Kopf mit leuchtenden

wasserblauen Augen erschien in der Türe.

»Guten Tag auch,« sagte der Mann und trat ein, den Stock in der Hand.

Er sei ein Holzfäller, komme aus dem Walde und heiße Fürchtegott Giselher.

»Willkommen!« sagte ich und streckte dem Besuche die Hand hin.

»Keine Übereilung, Herr!« sagte der Mann, der aus dem Walde kam. Er zog

sich einen Stuhl näher zur Türe, ließ sich gemächlich nieder, den Hut auf

dem Schoße und den dicken Stock über den Knien. Er blickte durch mein

Zimmer, das ein Museum auserlesener Gegenstände war, und lächelte

geringschätzig.

Er hatte einen Kopf wie ein Apostel, sein Gesicht verschwand nahezu in dem

Kranze rußiger, zackiger Haare, zu dem sich Haupt- und Barthaare

vereinigten. Die Brauen, die Federn ähnlich waren, hingen halb über seine

wasserblauen, treuherzigen Augen. Der Mann hatte große Hände, Äxte waren

sie gleichsam, sie waren voller Risse und Sprünge, die Nägel abgeschabt und

braun.

»Ja, ich komme aus dem Walde«, sagte der Bärtige und blickte mich an. »Ein

weiter Weg hieher, ein weiter Weg. Aber es ist schön durch Gottes Natur zu

wandeln, allezeit ist es schön, etwa nicht?«

Es sei schön, durch Gottes Natur zu wandeln, da habe er recht.

Der Mann zog ein großes blaues Schnupftuch aus der Tasche und schnäuzte

sich geräuschvoll.

»Das Getreide steht gut, die Kartoffeln sehen gut aus. Ein wenig Regen

noch. Nun, der Herr über Mensch und Vieh wird es wohl einrichten.«

Er wickelte das Schnupftuch zusammen, wiegte den Kopf hin und her und

lächelte.

Also er sei Ingeborgs Vater. Ingeborg kenne ich doch, wie?

»Gewiß, gewiß!«

»Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott

gefällt. Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame

erzogen -- das ist alles schön und recht. Sie hat einen klaren Kopf,

Ingeborg, das hat der Herr Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein

Vater? hat der Herr Graf sie gefragt. Er haut Bäume um für die Schiffe und

meine Mutter ist aus Dänemark, hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in

Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht gefallen -- alles schön und recht, es

fressen viele Mäuler aus meiner Schüssel. Ein Mensch muß auch etwas wissen

in unserer Zeit. Das haben wir nicht im Walde. Alles schön und recht. Ich

habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war ja viel besser für sie und

Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie ja auch oft sehen,

ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte, was mit der

Streu sei, -- ich hatte Holz zu fahren -- ja, es gab immer dann und wann

einen Grund ins Schloß zu kommen, ja, ja, ja, gut.«

»Alles schön und gut«, sagte Fürchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf

den breiten Schultern hin und her.

»Alles schön und gut, ja ja.« Fürchtegott Giselher räusperte sich und nahm

den dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab.

Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die

Lippen, daß der Schnurrbart flatterte.

»Alles schön und gut, aber zuweilen denke ich, daß es vielleicht besser für

Ingeborg gewesen wäre, wenn sie nicht ins Schloß gekommen wäre. Lieber arm

bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden -- nun nun, hm,

verstanden?«

»In den Wald, mein Herr, da kommt die Sünde nicht. Hören Sie, Herr, im

Walde -- ha -- dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich.

Schweigen, dunkel, grün und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner

Hütte und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Städten und Schlössern,

nur im Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der

Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bäumen.

Herr, wie saust der Wald! Ich höre es. Fünfzig Jahre lebe ich im Walde und

nun höre ich, wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte

gehen mir durch den Kopf, Worte wie sie in den Büchern stehen. Ich sitze

auf der Bank und klopfe mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit

der Pfeife, ich will die Worte aussprechen -- -- fort sind sie. Hahaha! Ich

bin nur in der Dorfschule gewesen, nur in der Dorfschule -- Herr, wo ist

der Feiertag so schön wie im Walde? Ich habe ein frisches Hemd an und meine

besten Kleider, ich sitze vor der Hütte und horche auf das Rauschen der

Bäume. Ah! Hört ihr es? Es säuselt. Die Wipfel verneigen sich. -- -- Das

ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich höre es. Ich stehe

auf, nehme den Hut ab und sage -- -- Herr?! -- Ich höre ihn, höre seine

Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bäumen -- zu den --

-- -- ich spreche zu ihnen --«

Der Mann aus dem Walde saß steif und mit ausgestreckter Hand und

strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bäumen spräche.

»Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das

ist? Licht! Es werde Licht! Ich höre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche.

Ich höre sie ganz deutlich. -- -- Ich lausche -- -- fort sind sie. Das ist

der Wald.«

Und Fürchtegott Giselher sprach noch lange über den Wald, er sagte, daß am

Sonntag alte Männer und Frauen zu ihm kämen und er ihnen die heilige

Schrift auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift

auszulegen? Von Gott und vom Walde! Dann rückte er auf dem Stuhle zurecht

und sagte: »Ich bin von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch

Zeit umzukehren. Bei den Büchern und nackten Frauen an den Wänden ist

Sünde, im Walde ist Gott. Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund!«

Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock.

»Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl!« Er schüttelte den

Kopf, daß seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: »Die

reichen Leute sind für die Hölle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine

Tochter wurde reich, nun, ich ließ sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf

daß sie auch gottlos werde! Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da

kann sie nicht gottlos werden, nein!«

Hier nahm ich das Wort. Das sei sie doch wohl nicht geworden?

»Nicht!?« Fürchtegott Giselher lachte grimmig.

»Nicht, du Sohn der Sünde? -- -- Ja, Gott hat seine Posten überall

ausgestellt. Ich habe einen Brief bekommen von einem Unbekannten --«

»Gewiß,« sagte ich, »Ingeborg ist meine Braut.«

»Hahaha! Mein Freund, auch Maren war meine Braut! Braut, was sagst du,

hahaha. Freund, sage ich dir, jung und schön war Maren, aus dem fernen

Dänenlande, sprach so sonderbar, sang wie ein Vogel. Oft kam der Teufel zu

mir und wollte mich verlocken. Niemand sieht es, sagte er, sieh wie es die

anderen treiben! Aber -- ha, acht Jahre haben wir gewartet! -- Braut, das

ist etwas ganz anderes!«

Vater Giselher lachte, rückte auf dem Stuhle hin und her und legte beide

Hände an den dicken Stock.

Ja, deshalb sei er gekommen, Gott freue sich über jedes wiedergefundene

Schäflein. Er wolle wissen -- er wolle wissen --

Ich lächelte. »Wir werden uns wohl verständigen können«, sagte ich.

Ich beruhigte ihn, so gut ich konnte. Ich wolle mit Ingeborg sprechen.

Alles was er wünsche solle geschehen.

Vater Giselher nickte mit dem Kopfe.

»Ich sehe mit dir läßt sich reden, mein Sohn, gut!« Er stellte den Stock in

die Ecke.

»Ein schöner Tag!« sagte er, tief aufatmend. »Kostbare Dinge in diesem

Zimmer da!«

Nun könne er mir wohl die Hand geben? »Nun schon!« Vater Giselher drückte

mir die Hand.

Wir verlebten einen schönen Nachmittag und Abend zusammen, Vater Giselher

und ich. Vater Giselher wollte nicht bleiben, aber ich verstand es ihm

zuzureden. So blieb er bis zum Abend und schließlich bis Mitternacht.

Ich liebte ihn. Wäre er nicht Ingeborgs Vater gewesen, so hätte ich allein

schon diese Eiche aus dem Walde lieb gewonnen, aber so war er noch dazu

Ingeborgs Vater. Und Ingeborgs Vater hätte ich unter allen Umständen

geliebt, er hätte ein zwölffacher Raubmörder sein können, ja sogar ein

Taschendieb.

Wir plauderten, aßen und tranken. Vater Giselher lehnte jeden Wein zuerst

mit einer schroffen Handbewegung ab, aber als ich ihm sagte, daß sogar

Jesus Christus nichts gegen das Weintrinken gehabt habe -- habe er nicht

auf der Hochzeit zu Kana Wasser in feinsten Wein verwandelt? -- ließ er

sich bewegen. Er trank den stärksten Wein wie Wasser und ich hatte meine

Freude an ihm.

Er sprach, sprach von Ingeborg und wie sehr er sie liebe, mit feuchten

Augen sprach er. Er sprach von der Welt und wie schlecht sie geworden sei.

Er spie voller Verachtung auf den Boden.

»Nun, du mußt wissen, daß ich ein Blatt lese, der Weinstock und die Reben

heißt es, der Pfarrer von Heiligenbrunn schickt es mir immer zu, da steht

es drinnen, wie schlecht und gottlos die Welt geworden ist. Eieiei -- eiei!

-- Sollte man es für möglich halten? Ein unglaublich verrückter Mann hat

behauptet, daß Gott gestorben ist! Gott ist gestorben -- wie -- aber dieser

Narr lebt noch! Er hat es gesehen, daß Gott gestorben ist, er hat ihm die

Augen zugedrückt, natürlich! hahaha! Und dabei steht doch schon in der

Bibel: ewig, ewig, ewig ist der Herr Zebaoth! Dada! --«

Zum Beispiel sei wiederum so ein falscher eitler Schriftgelehrter und

Pharisäer aufgestanden und habe behauptet, jenes Wunder auf der Hochzeit

von Kana sei erfunden. Haha! Aber ein Mensch, der Tote auferwecken könne,

könne doch auch Wasser in Wein verwandeln? Jedes Kind begreife das!

Wie klug diese Pharisäer doch seien! »Der Herr aber ist allmächtig, er kann

meinen Stock in ein Huhn, uns zwei in Gerstenkörner verwandeln, und das

Huhn frißt die Gerstenkörner auf. Niemand wird glauben, daß der Stock uns

gefressen hat, und doch ist es so. Ja, bei ihm ist kein Ding unmöglich!«

Vater Giselher sprach und sprach, aß und trank. Immer wieder sprach er vom

Walde und daß Worte durch seinen Kopf klängen, sodaß er sie fast greifen

und festhalten könne. Allmählich nannte er eine Menge von Namen, die mir

natürlich fremd waren, er fragte dies und jenes, fragte mich auch, ob ich

glaube, daß Peter von der Gaschmühle das Mehl gestohlen habe, oder nicht.

Nein, ich glaube es nicht.

Auch Vater Giselher glaubte es nicht. Nein, nie und nimmermehr, denn er

hätte doch Peters Vater gekannt, den ein Baum erschlagen habe in jener

Sturmnacht vom 3. November 1867. Ob ich je wieder einen solchen Sturm

erlebt hätte?

»Haha! Was für ein Wetter, eiei!«

Vater Giselher ahmte das Brüllen des Sturmes nach, das Krachen der Bäume,

das Pfeifen der Zweige, das Schwanken der Tannen. Die Zweige der Bäume

stellte er durch die ausgespreizten Finger dar, er ließ sie auf und

abschwanken und stieß einige Gläser dabei um.

»Was aber nun das Sonderbare ist, dieser Peter hat das Mehl doch gestohlen,

Tatsache! Er hat es selbst eingestanden, zwei Monate hat er bekommen!«

Plötzlich hob Vater Giselher den Finger in die Höhe. Der Wald sauste.

Ein Lächeln verklärte sein bärtiges braunes Gesicht und er bewegte die

Lippen und klopfte mit der Pfeife den Takt auf dem Tische.

»Jaja, es leben viele Wunder im Walde«, sagte er dann vor sich hin.

»Niemand weiß, weshalb die Eiche knorrig sein muß und die Tanne schlank,

weshalb das Rotkehlchen eine rote Kehle hat, niemand weiß das. Warum sind

die Leute im Walde gottesfürchtig und gottlos die in den Städten? Antwort?

haha!«

Um Mitternacht brach Vater Giselher auf. Ich bot ihm den Wagen an, ich

wollte ihn selbst nach Hause fahren.

Nein nein!

»Wenn mir Gott Füße gemacht hat, weshalb soll ich denn fahren? Das ist

wider den Sinn. -- Nun also, wie es ausgemacht ist: vor Gott und dem

Gesetze.«

»Ich werde mit Ingeborg sprechen.«

Vater Giselher ging mit großen Schritten den Berg hinunter und schwang den

Stock, daß Funken aus der Straße fuhren. Dann begann er mit lauter Stimme

einen Choral anzustimmen. Der Wald hallte. -- -- --

Am andern Tage traf ich mit Ingeborg im Walde zusammen und ich sprach mit

ihr. Mein Herz zitterte, wollte sie doch ja sagen!

Ingeborg senkte den Kopf und blickte auf den Weg.

Daran habe sie nicht gedacht, nein.

Ingeborg · 第 7 / 57 题